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Sehen und Denken

Wissenschaftler sind wie Menschen, die durch ein Fenster schauen. Wenn ein Vogel vorbei fliegt und am linken Rand des Fensters erscheint, sagen die Wissenschaftler, der Vogel hat eben angefangen zu existieren. Dann analysieren sie den Vogel, seine Form, seine Flugeigenschaften, seine Farbe und Beschaffenheit. Wenn er dann einige Momente später am rechten Rand des Fensters wieder verschwindet, sagen die Wissenschafter, nun hat er aufgehört zu existieren.
So beschreiben sie die Welt. Sie sagen, da ist eine DNS, die existiert plötzlich und nun beschreiben wir sie. Irgendwo verlieren sie dann die ganzheitliche Bewegung und Wirkung der DNS wieder aus dem Blick und sagen, hier endet die DNS.
Sie gehen einfach nach dem Augenschein, nach der phänomenologischen Situation. Hier tritt etwas in Erscheinung, da endet etwas. Sie können nur das wahrnehmen, was sie messen und wiegen können. Das, was sie begreifen können. Be-Greifen kommt von Greifen, von Grapschen. Und so sind viele Wissenschaftler eigentlich Grapscher. Sie wollen die Objekte, die Außenwelt begrapschen und unter Kontrolle bringen. Diese Wissenschaft ist in diesem Sinne leider tatsächlich Herrschaftswissen. Sie geht hervor aus der Grundhaltung der Kontrolle über die Phänomene.
Dies ist die haptische Wahrhnehmung, das Anfassen, Festhalten, Fixieren, auch das Einverleiben. Sie geht in diesem Sinne aus einem frühen egoistischen Motiv hervor.
Höhere, spätere Formen der Wahrnehmung sind das Hören und das Sehen. Das Sehen wird wohl als die höchste Form des Weltbezugs zu verstehen sein. Das Sehen ist rein wertfrei und kontrollfrei. Dem Sehen geht es nur um Sehen-was-ist.
Das Hören darf wohl als zweithöchste Form der Wahrnehmung gelten, denn das Hören ist wertend im Sinne von Sich-Unterordnen, wie noch die Wortformen Gehorchen und Auf-jemanden-Hören zeigen. Hören kann indirekt wertfrei sein, indem man alles hört und allem folgt.
Sehen ist die totale Offenheit und direkte Wahrnehmung, ohne an den Objekten Veränderungen vorzunehmen, z.B. ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken oder die Wellenfunktion zusammenbrechen zu lassen. Sehen ist nicht-statisch. Sehen ist nicht-eingreifend. Sehen ist nicht-feststellend. Sehen ist nicht Messen und Wiegen. Sehen ist die Dialektik im Prozess. Sehen ist das Nicht-Entscheiden. Aus dem Sehen können Gedanken hervorgehen, wie aus allen Wahrnehmungen. Aber diese Gedanken sind völlig original, nicht konzeptuell. Das Sehen selbst entzieht sich der zweiwertigen Logik bzw. dem dualistischen Denken. Es ist in den herkömmlichen Begriffen fast nicht ausdrückbar, denn die Begriffe, die dazu notwendig sind, sind oft schon seit Jahrtausenden verloren gegangen. Begriffe gehen aus Be-Greifen hervor.
Die Sprache selbst ist in ihrem Ursprung seherisch, in ihrer Quelle hörerisch. Erst als materialisiertes Sediment, als Ablagerung ist sie begrifflich.
Zum Denken: Die Priorität des Sehens als Weltbezug beweist sich durch den Sachverhalt, dass die aus ihm hervorgehenden Gedanken genuin originäre Gedanken sind. Sie beruhen nicht auf Gehörtem oder Wiedergedachtem, und nicht auf Vor-Gestelltem oder Fest-Gestelltem, also Be-Griffenem. Das Greifen ist das Festhalten, Feststellen. Unsere begriffliche Sprache geht aus Fest-Gestelltem hervor, sie gehört in die Welt der Statik, des Toten. Leben ist Fluss und Bewegung. Es lässt sich nicht fest-stellen, es ist fortwährend neu und einzigartig, ewig individuell und original, unreduzierbar. Original bedeutet Ur-Sprung und noch mehr. Das Wort »Ursprung« weist auf diese Dialektik von Statik und Fluss hin. Der Sprung ist ein Beginn und zugleich eine Bewegung. Der Ur-Sprung ist der erste Sprung überhaupt. Er ist das Herauskommen aus der Statik und der Beginn der Bewegung.
Das Fließende, das Leben ist nach zwei Seiten vom Stehenden eingefasst. Auf der einen Seite ist es Gott, auf der anderen Seite der Tod. So haben Gott und Tod eine gewisse Ähnlichkeit, bilden aber zugleich These und Antithese. Das Leben ist das Dritte, die Synthese. Gott und Tod sind außerhalb der Zeit. Das Leben ist in der Zeit. Hieraus wäre zu verstehen die Faszination des »ewigen Lebens« als Widerspruch in sich und damit Verheißung auf eine höhere dialektische Synthese.

Kategorien:Philosophie Schlagwörter: , , ,
  1. 29. April 2010 um 16:50

    Haben wir überhaupt eine Sprache die die Wirklichkeit und unsere Wahrnehmung auszudrücken vermag? Was ist Wirklichkeit oder Realität?

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