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Authentizität


Zwang: Es kann sein, dass ich zwanghaft etwas tun muss und tatsächlich „denke“, ich „will“ das tun. Zum Beispiel habe ich einen zwanghaften Perfektionismus und habe mir in den Kopf gesetzt, eine bestimmte Arbeit perfekt zu machen. Ich habe dann den Zwang, die Sache nochmal und nochmal durchzuarbeiten, um sie zu verbessern. Der Zwang kommt aus einer emotionalen Ebene. Die Handlung zwingt sich auf, sie manifestiert sich zwanghaft. Ich kann das wahrnehmen und bemerken, dass ich wie unter Zwang handeln muss. Das wäre der neurotische Zustand. Der Neurotiker leidet unter seinen Handlungen, wobei er sich dieses Leidens bewusst ist, aber keinen Weg findet, sein Verhalten zu ändern. Der Neurotiker hat die Wahrnehmung: „Ich muss das tun, gegen meinen Willen oder besseres Wissen.“
Wenn ich in einem Zwang handle und dabei denke, ich will das tun, dann ist das ein fortgeschritteneres Stadium der psychischen Fehlstellung. Wenn ich zwar das zwanghafte Verhalten habe, mir diese zwanghafte Verhaltensweise aber nicht erkennbar ist und ich tatsächlich denke, dass ich diese Handlung tun will, nennt man das in der Psychologie Persönlichkeitsstörung. Der kranke Mensch hat sich so mit dem Verhaltensfehler identifiziert, dass er glaubt, das sei sein freier Wille.
Die Gehirnforschung hat darauf hingewiesen, dass Handlungspotentiale im Gehirn früher ausgelöst werden als die Großhirnrinde, der Sitz des bewussten Willens, die bewusste Entscheidung trifft. Gleichwohl ist der Mensch der Meinung, er habe die Handlung aus freiem Willen ausgeführt, was eine Selbsttäuschung ist. Die Wissenschaft leitet aus diesem Umstand den Schluss ab, dass der Mensch keinen freien Willen hat und stattdessen determiniert ist. Tatsächlich jedoch werden die Handlungen des Menschen aus dem emotional-intuitiven Bereich gesteuert, wie fortgeschrittene Hirnforschungen bereits zeigen.
In diesem Bereich des Fühlens ist der Platz der Authentizität. Es ist das Fühlen, welches diese Entscheidungshoheit hat, nicht das Denken. Da wir im Westen uns jedoch extrem stark mit dem Denken identifizieren und da auch unseren freien Willen verorten, der dann auf Willkür, Freiheit oder im idealsten Falle auf Vernunft beruht, können wir den eigentlichen wahren Zusammenhang nicht sehen und sind demzufolge auch von unserer Authentizität abgeschnitten. Stattdessen bewegen wir uns in einem strategischen Selbst.
Als ich heute Morgen unter der Dusche stand, hatte ich nicht das Bedürfnis, laut zu singen. Ich hatte das die letzten Tage gemacht und dabei gespürt, dass es mir Energie gibt. Aber wenn ich es heute Morgen getan hätte, wäre es nur eine strategische Handlung gewesen, um mehr Energie zu bekommen. Tatsächlich fühlte ich, dass es heute nicht dran ist und so habe ich es gelassen. Dies ist nur ein kleines Beispiel. Authentizität reicht in der Folge weiter bis in eine konsequente Selbsterforschung.
Es entstehen Handlungsimpulse aus unserem inneren Wesenskern, diese manifestieren sich, wenn wir nicht strategisch-mental gesteuert sind. Das Denken schnappt sich diese Impulse und eignet sie sich an, indem es sich mit ihnen identifiziert. Dies geschieht innerhalb von Bruchteilen von Sekunden und es erweckt den Anschein: „Ich habe das gewollt.“ Das Ich-Zentrum ist eine Funktion, die immer darauf hinausläuft, aus dem, was vorhanden ist, eine Identität zu bilden. Es werden gleichsam Phänomene eingesammelt, angeeignet und als Ich deklariert. Es ist eine synthetisierende Kraft. Dieses Ich eignet sich die Handlung an und proklamiert sie als freien Willen.
Tatsächlich gibt es Freiheit und Wille, jedoch nicht als strategische. Sie gehören genuin ganz und gar dem Bereich des authentischen Selbst an.
Um zu diesem authentischen Selbst zu gelangen, ist es notwendig, sehr ehrlich mit sich und mit anderen zu sein. Zum Beispiel: Will ich jetzt beten? Oder will ich Wasser trinken?
Es geht erstmal um das Erkennen, was ist. Viele Leute sagen: „Ich bin authentisch, wenn ich ganz bin. In meiner Ganzheit bin ich authentisch.“ Aber das ist Ideologie. Wenn ich tatsächlich ganz bin, bin ich in dieser Ganzheit authentisch. Aber wenn ich gebrochen bin, bin ich in dieser Gebrochenheit authentisch. Die Energie zum Wachstum erwächst aus dieser Authentizität. Es ist egal, ob das gut oder schlecht in irgendeinem Glaubenssystem ist. Ein Glaubenssystem wäre zum Beispiel: „Ganzheit ist gut. Gebrochenheit ist schlecht.“ Meine Bewegung hin zum Ganzsein kommt durch das Erkennen, dass ich ein zerbrochener Mensch bin.
Hier ist die Authentizität keine strategische Haltung mehr, keine Kopfgeburt oder gewollte, zwanghafte Vorstellung. Hier ist das Ende von Bewertung und Gut-Schlecht-Urteilen. Hier ist das Erkennen, was ist und wer wir sind. In dieser ehrlichen Selbsterforschung und Selbstannahme ist die Energie enthalten, die Wachstum und Entwicklung ermöglicht. Jede Leugnung trennt uns von dieser Energie ab und macht uns tot.
Wir sind in unserem Grunde emotionale Wesen. Das Denken kann diesen Bereich nicht ergründen oder begreifen. Wir dürfen aber vertrauen, dass diese inneren Impulse uns nicht schaden oder in die Irre führen. Es ist nur so schwierig, diesen Impulsen zu folgen, weil es bedeutet, die Kontrolle aufzugeben. Wir können nicht immer zuverlässig wissen, was als nächstes passiert, was wir als nächstes tun bzw. wann wir es tun.
Richtiges Denken ist: Zunächst sind wir nur die Beobachter dieser Impulse, die aus unserer Tiefe aufsteigen und sich in einer Handlung manifestieren. Das Denken folgt diesen Manifestationen und ordnet sie im Verstehen. Das Denken sucht die Muster, Unterschiede, Identitäten und Ähnlichkeiten, um daraus Prognosen für die Zukunft zu erstellen. Logik ist das, was man aus Erfahrung erwartet. Das ist einfaches Denken. Philosophisches Denken im Unterschied dazu denkt sich selbst und erkennt die Muster im Denken. Dadurch wird es möglich, sich mittels Denken selbst vom Denken zu desidentifizieren.
Realer Lebensvollzug hingegen bedeutet, sich garnicht erst mit dem Denken zu identifizieren, sondern zu fühlen und der Energie zu folgen. Authentische Handlungen sind immer energetisch. Sie geben Energie. Sie stärken. Sie sind die Handlungen, die wir wirklich tun wollen. Sie sind die wirklich freien Handlungen, weil sie unserer aktualen und momentanen inneren Wahrheit entsprechen, wie immer die auch aussehen mag. Es gibt kein vorgegebenes Bild, keine Vorschrift, keine Regel. Alles ist vollständig individuell und original. Im Grunde ist es der göttliche Impuls oder der Lebensimpuls.
Authentizität bedeutet demzufolge, sich selbst zu erkennen und der zu sein, der ich bin. „Ich bin, der ich bin“, sagte die Stimme im Dornbusch zu Moses. Dies ist die radikale Selbstidentität. Diese ist jedoch keine monistische ununterschiedene Identität und auch keine geregelte, moralistische, sondern eine vielfältige, dialektische, zusammengesetzte Einheit. Diese Art der Einheit in der Verschiedenheit ist mit unserer weltliche Logik nicht zu denken, denn sie folgt nicht den materiellen Gesetzen von Raum und Zeit. Sie ist eine non-lokale und zeitlose Logik der Qualitäten, in der Einheit und Verschiedenheit gleichzeitig existieren.
Die Impulse manifestieren sich spontan aus unserem emotio-intuitiven Zentrum, aus unserem Herzen. Und das umso besser, je mehr wir die mentalen Panzerungen und Leugnungsstrategien abgebaut haben. Dieser Abbau ist die psycho-spirituelle Heilungs- und Genesungsarbeit, die notwendig ist, um unsere alten emotionalen Wunden zu heilen und den Fluss der emotionalen Energie wieder in Gang zu bringen. Diese Heilung muss emotional geschehen, um das Vertrauen in das Leben und die Liebe zu mir selbst wiederzufinden.
„Wir überprüften unser Leben und fanden heraus, wer wir wirklich sind. Wirklich demütig zu sein, bedeutet, uns zu akzeptieren und ehrlich zu versuchen, wir selbst zu sein. Wir sind weder vollkommen gut noch vollkommen schlecht. Wir sind Leute mit Stärken und Schwächen. Aber vor allen Dingen sind wir Menschen.“ (NA-Basictext, S. 45)
„Indem wir uns so annehmen, wie wir wirklich sind, erlangen wir die Freiheit, diejenigen zu werden, die wir sein möchten.“ (NA-Nur für heute, S. 284)

  1. Epikureer
    20. August 2010 um 00:42

    Nachtrag: …soeben Probeabo bestellt, von dem Magazin dessen Namen ich (noch) nicht aussprechen kann. Herrlich – das es so etwas gibt! Bin immer noch begeistert!

    Excellentes Reiz-Reaktion-Kaufimpuls-Marketing.

    So, jetzt aber ins Bett 😉

    Dennis (der Beginn einer wunderbaren Freundschaft)

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  2. Epikureer
    20. August 2010 um 00:39

    Nachtrag: …soeben Probeabo bestellt, von dem Magazin dessen Namen ich (noch) nicht aussprechen. Herrlich – das es so etwas gibt! Bin immer noch begeistert!

    Excellentes Reiz-Reaktion-Kaufimpuls-Marketing.

    So, jetzt aber ins Bett 😉

    Dennis (der Beginn einer wunderbaren Freundschaft)

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  3. Epikureer
    20. August 2010 um 00:17

    …also ich bin gerade erst seit ca. 20 min. auf dieser Webseite, aber was ich hier gelesen habe, löst einfach nur ein unglaubliches Gefühl bei mir aus! Wie ich hierher gekommen bin? Nun ich googelte „Ich-Werdung“ – und bin hiergelandet!

    Ja, ich schleppe den Begriff „Ich-Werdung“ schon längere Zeit mit mir herum, ohne den Begriff jemals richtig verstanden zu haben. Zudem schleppe ich auch schon länger die „schöne Philosophie“ mit mir herum (aus perösnlichen Interesse) UND dann auch noch etwas „Neurotisches“ (auch aus persönlichen Gründen) UND etwas „Hirnforschung“ (aus beruflichen Gründen) UND viel „Authentizität“ (das sagen andere über mich). Bisher war das alles „lose“. Und ist jetzt in nur 20 Min. ein Ganzes geworden. WOW!

    Wehrter Herr Engert´s ich weiß ja nicht, wie Sie zu Huldigungen stehen. Aber hier im Süden verneigt sich soeben jemand vor Ihnen. Die Präzision der Sprache, den Feingeist und vor allem für das Verknüpfen der unterschiedlichen Disziplinen in dieser Transparenz. Meinen aufrichtigen Respekt!

    Es ist schon spät, aber ich komme morgen wieder….und übermorgen….und…über-übermorgen…ach was, ich werde hier virtuell mit meiner Schrankwand einziehen.

    Danke für´s (mit)-teilen Ihrer Gedanken!

    Dennis

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    • 20. August 2010 um 07:31

      Hallo Dennis,
      danke für die „Huldigung“. Das rührt mich gerade zu Tränen. Schön, dass Sie auf der Suche sind und danke, dass Sie meine Texte zu schätzen wissen. Und danke für die Bestellung des Probeabos! 😉

      Gruß Ronald

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  4. 3. August 2010 um 20:45

    danke ron,

    Authentizität findet immer im hier und jetzt statt mit allem was ist…..

    hugs hanshans

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  1. 29. November 2010 um 21:47

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