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Alice Miller über Freud, Jung und Adler

Zur Zeit lese ich Alice Miller. Ihr Standpunkt ist ziemlich radikal, und ich möchte jetzt hier mal ein Zitat bringen. Es ist ein radikales und extremes Zitat, das nicht die ganze Bandbreite dieser Autorin wiedergibt, aber einiges an Provokationen bietet.

„Von Freud, Jung, Adler und ihren zahlreichen Nachfolgern wurden auch Psychotherapeuten zur Unterdrückung der Wahrheit ermutigt. Diese Lehrer mussten ihre Kindheit verdrängen, wie wir alle, aber sie gaben sich nicht wie Nietzsche mit intellektuellen Spielen zufrieden, auch nicht mit der Verwirrung von Lesern und ihrer Selbstverwirklichung.
Sie taten mehr, sie gründeten Schulen, in denen sie künftige Therapeuten verwirrten. In diesen Schulen und Institutionen boten sie ihren Schülern ihre Theorien an, als wären diese medizinisch-wissenschaftliche Entdeckungen. Auf diese Weise verkauften die Meister ihr Versagungsprodukt – die abstrusesten Theorien, die ihnen geholfen hatten, die Wahrheit zu verleugnen –, als ob es ein Erfolgsprodukt wäre, als ob die Theorien die Wahrheit enthielten.“

Alice Miller: Abbruch der Schweigemauer, Hoffmann und Campe 1990, S. 39

  1. Christian
    16. August 2011 um 11:57

    Alice Miller schrieb in einer Antwort auf einen Leserbrief:

    „Ich widme mich hier eher der Frage, was dazu führt, dass Konstruktionen aus purer Verleugnung der Tatsachen (der Realität der Kindesmisshandlungen) die ganze Gesellschaft, alle Medien und alle Universitäten durchziehen. Es ist meines Erachtens die Angst des einst geschlagenen, misshandelten Kindes im Erwachsenen, die die Wahrheit fürchtet und sie mit stupiden Theorien zu ersetzen versucht.“

    alice-miller.com/leserpost_de.php?lang=de&nid=2643&grp=0609

    Aus meiner Erfahrung kann ich das alles nur bestätigen. Hätte mir rechtzeitig ein Mensch (Therapeut) ermöglicht meine eigene Geschichte zu verstehen, dann hätte ich mir viele Irrwege und sinnlose Therapien ersparen können. Es ist wie Frau Miller so oft beschrieben hat: Allein schon das Wort Kindheit macht vielen Psychothertapeuten Angst oder löst Aggressionen aus. Nicht bei allen ist das so, aber bei sehr vielen und die sind einfach beliebter weil sie dem Patienten zunächst Schmerz ersparen und weil sie für die Gesellschaft bequemer sind mit ihren Theorien.

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  2. Andreas Freund
    4. Juni 2011 um 11:44

    Re: Zitat Alice Miller.
    Wenn man sich in der gegenwärtigen Welt der „Schulen“ umschaut, ist die Situation nicht viel anders als zu der Zeit von Freud & Co. Nehmen wir als Beispiel unser Erziehungssystem, ohne uns selbst auszuschliessen.
    Was tun? Man kann sich ent-rüsten, „s’indigner“ auf Französisch, was bedeutet „devenir indigne“, auf deutsch: „unwürdig werden“. Der nächste Schritt ist, sich innerlich zu rüsten, sich sozusagen seiner Würde wieder bewusst zu werden, um sich der Situation zu stellen, sie zu erkennen und richtig zu handeln.
    Dann werden immer weniger Personen zu solchen „Schulen“ gehen, die Verwirrung stiften, und es wird zu einer Entwirrung kommen. Die Hörer der Vorlesungen werden nicht mehr hörig werden, sagen wir, weniger hörig…
    Irren ist menschlich, niemand ist ausgenommen. Andere zu verwirren, indem ich meinen Teil der Wahrheit, oder was ich momentan für „die“ Wahrheit halte, als allgemeingültig „verkaufe“, ist ein un- oder halbbewusster Irrtum, den ich nicht vermeiden kann, solange ich fragmentiert denke. Das tut auch Alice Miller.
    Bewusst Irrtümer verkaufen gehört zu den Spielen der Gesellschaft, mit denen sie sich letztlich selbst verkauft. Ich denke dabei z.B. an die Konsumaspekte. Die Psychologie und ihre „Produkte“ macht keine Ausnahme. Diese Spiele kann ich erkennen und transzendieren lernen, wenn ich innere Massstäbe entwickle und die Welt von einer höheren, spirituellen Warte betrachte. Ich bin davon überzeugt, dass heutzutage immer mehr Menschen das einsehen.
    Freud & Co haben grosse Arbeit geleistet, die ich respektiere. Es ist an mir zu unterscheiden, was ich davon übernehmen mag und was nicht.
    Sagt Alice Miller auch etwas darüber?
    Andreas Freund, Bordeaux.

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    • 6. Juni 2011 um 10:00

      Lieber Andreas Freund,
      ja, sie sagt darüber viel. Sie war ja lange Zeit Freudianerin, hat dann bestimmte Aspekte seiner Lehre kritisch hinterfragt und führt das auch sehr detailliert aus. Gleichwohl betont sie auch, dass sie das Werk Freuds würdigt und ihn als genialen Psychologen schätzt. Für seine Zeit hat er Großes geleistet. Aber jetzt sind wir 100 Jahre später und die Einsichten in die psychologischen Vorgänge im Menschen haben sich weiterentwickelt.
      Sie war lange Mitglied der Sigmund Freud-Gesellschaft und ist dann ausgetreten, weil die Kollegen ihren Ansatz nicht akzeptieren konnten. In ihren Büchern wird das alles sehr gut erklärt. Und, für mich, überzeugend.
      Wie gesagt, das Zitat ist nur ein Ausschnitt, der zudem sehr einseitig und provokativ ist.

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