Gelassenheit

»Wir taten alles, um die Illusion zu bewahren, dass wir die Kontrolle über unser Leben hätten. Auf diese Weise hinderten wir uns selbst daran, jene Gelassenheit zu erlangen, die wir erhalten, wenn wir dem Willen einer Höheren Macht gegenüber kapitulieren.«[1]

Dieses Zitat aus einem Buch des Zwölf-Schritte-Programms zeigt, wie hier die Gelassenheit erreicht wird. ›Loslassen und Gott überlassen‹ ist eine bekannte Devise. Wir übergeben unseren Willen der Fürsorge einer Höheren Macht und glauben daran, dass diese Höhere Macht liebevoll und barmherzig ist. Und wir glauben daran, dass dieser göttliche Wille das Beste für uns ist. Unsere eigenen menschlichen Ratschlüsse können diese Weisheit niemals erreichen.

Neulich sprach ich mit einer Person, die der buddhistischen Tradition zugeneigt ist. Sie erklärte mir, dass das Ziel des Buddhismus darin besteht, die Erscheinungen im Geist, d.h. die Gedanken und Gefühle, wie Wellen auf der Oberfläche zu betrachten, die keine wirkliche Bedeutung haben. Sie kommen und gehen und haben nichts mit mir zu tun. Wenn ich das verstanden habe, entsteht große Gelassenheit, weil ich mich nicht mehr mit den Gedanken und Gefühlen identifiziere.

Dies sind zwei radikal unterschiedliche Zugangswege. Der moderne pluralistische Ansatz würde nun sagen: das muss jeder für sich selbst wissen und alles ist gleich gut. Es lassen sich hier indes deutliche Unterschiede bemerken: der Weg mit Gott baut darauf, dass es eine höhere Macht gibt, die mein Leben führt. Der buddhistische Weg funktioniert komplett ohne Gott und baut auf die Eigenleistung des Menschen. Während der Weg Gottes bedeutet, meine Kontrolle als Illusion zu betrachten und aufzugeben, impliziert der buddhistische Weg, dass es meiner Kontrolle unterliegt, was mit mir geschieht. Diese Kontrolle wird dadurch erreicht, dass ich mich von meinen Gedanken und Gefühlen abtrenne.

Im Weg mit Gott unterliegen sowohl meine Gedanken als auch meine Gefühle dem Willen Gottes und sind somit wesenhaft. Wenn ich mich dem Willen Gottes hingebe, fühle und erlebe ich die Dinge, die dem göttlichen Willen entsprechen. Meine Gedanken und insbesondere auch meine Gefühle gehören zu mir und haben eine wesenhafte Bedeutung.


[1] Nur für heute, Narcotics Anonymous World Services Inc., 2004, S. 341

  1. 1. August 2013 um 14:55

    ich denke auch, loslassen heißt negative Gefühle und Gedanken nicht dauerhaft zuzulassen und sich auf die Hilfe der höheren Macht verlassen. Es ist nicht leicht auf etwas zu vertrauen, was man mit dem Verstand nicht greifen kann. Aber hier ist es gefragt loszulassen und sich bewusst werden, dass die höhere Macht hilft. Das sage ich auch meinen Schützlingen immer.

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  2. 22. November 2012 um 21:21

    Lieber Ronald
    Danke für diesen wunderschönen, anregenden Artikel. Persönlich gehe ich den Weg des Jnana-Yoga und des Bhakti-Yoga, wie es in der Gita oder ähnlich bei D. Hawkins gelehrt wird.
    In diesem Artikel, wie auch in Deinem letzten fällt mir auf, dass Verstand und Gefühle vorkommen, nicht jedoch die Emotionen. Von Emotionen (Bsp. Angst) dominierte Menschen haben jedoch spirituell gesehen analoge Hürden zu nehmen, wie vom Verstand dominierte. Verstand und Emotionen zusammen bilden das Ego und dieses gilt es in der spirtuellen Arbeit zu höheren Bewusstseinszuständen aufzulösen. Dann entsteht „Platz“ für die reinen Gefühle wie echte Liebe, tiefe Freude und Mitgefühl.
    Herzliche Grüsse
    Urs

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  3. Andreas
    22. November 2012 um 11:50

    Vielen Dank für die Anregung. In beiden spirituellen Traditionen bilden der Mensch und das Göttliche eine Einheit. Wenn ich Gott vertraue, habe ich auch Vertrauen in mich selbst. Dann stimmen meine „menschlichen Ratschlüsse“ mit der „göttlichen Weisheit“ überein.

    Der Weg dahin (zum „wissenden Vertrauen“ im Gegensatz zum „blinden Vertrauen“) geschieht über Erfahrung, wobei sich Viveka entwickelt…oder auch nicht. Das hängt von unserer Einstellung ab, die wiederum unsere Sichtweisen beeinflusst, die ihrerseits neue Erfahrungen schafft oder die gleichen wiederholt.

    Dabei enststehen Gedanken und Gefühle, von denen ich mich weder abtrenne, noch mich mit ihnen identifiziere. Ich lerne einfach, ihnen den richtigen Platz zuzuweisen. Ich lerne, sie als Hilfsmittel im täglichen Leben zu benützen, um Kohärenz und Konsistenz zu erzeugen zwischen meiner inneren und meiner äusseren Schau, zwischen meinen Gedanken, Worten und Handlungen, auf dem Weg ohne Ende.

    Ich würde demnach auch nicht sagen: „es irrt der Mensch solang er lebt“, sondern eher: „wir gelangen von einer Wahrheit zur nächsten“. Diese relativen, situationsbezogenen „Wahrheiten“ sind Ausdrucksformen der absoluten WAHRHEIT. Und: „wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen“. Wann? Jetzt und auf immerdar.

    Soweit meine „Gedanken“. Sie entsprechen dem „mittleren Weg“.

    Bonjour und viele Grüsse aus Bordeaux,

    Andreas

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    • 20. Dezember 2012 um 11:25

      Lieber Andreas,
      sorry für die späte Reaktion von mir. Hatte den Kommentar übersehen bzw. war schon länger nicht mehr im Admin-Bereich.
      Super Kommentar, spricht mir voll aus dem Herzen. Es ist paradox, aber wohl die Wahrheit: Wenn wir uns Gott hingeben, kommen wir zu uns selbst.
      Herzlichst
      Ronald

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