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Der Hang ist positiv

image015Viele Menschen vertreten die Philosophie, dass Unabhängigkeit das Höchste ist. Demgemäß geht es um Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenständigkeit. Diese Werte oder Tugenden sind sicherlich nicht verkehrt. Jedoch sind sie nicht das Höchste!

Was ist die Natur der Seele? Was ist unsere wesensgemäße Stellung? Viele Menschen vergessen, dass es Gott gibt. Sie kalkulieren ihre Existenz unabhängig von Gott. Ich glaube jedoch, dass wir als Seele oder als Lebewesen immer Gott untergeordnet sind. Wir sind Subjekte. Warum kommt das Wort Subjekt von dem lateinischen »subjectum«, was »unterworfen« bedeutet? Dieses alte Wort trägt eine tiefe Wahrheit in sich. Die wesensgemäße Stellung der Seele ist die Hingabe. Das bedeutet, wir sind immer Gott unterworfen und abhängig von Gott. Die Natur der Seele ist es, abhängig zu sein. Das ist die höchste Wahrheit, und das stellt die Seele am vollkommensten zufrieden.

Die Abtrennung von Gott führt dazu, dass wir Abhängigkeit oder den Hang negativ bewerten müssen. Wir wollen nicht abhängig sein und wir stellen unsere Berechnungen ohne Gott an. Und deshalb konstruieren wir eine Philosophie, in der es negativ ist, von etwas abzuhängen. Jedoch braucht jeder von uns etwas, an das er sich halten kann. Da wird dies leugnen, können wir nicht verstehen, warum wir leiden.

Warum finden wir es so schlimm, an etwas zu hängen? Dieser Ausdruck weist uns schon in eine gute Richtung. Es ist ein Ausdruck der Wertschätzung und Zuneigung. Wir gebrauchen diese Redewendung gerne für Objekte, zu denen wir einen positiven emotionalen Bezug haben: „Ich hänge an dem Schaukelstuhl, den mir meine Oma vermacht hat.“ Aber es fällt uns schon schwer, zu sagen, dass wir an einer Person hängen. Hier schwingt schon etwas von Abhängigkeit mit, von Kontrollverlust.

Und das ist eben auch das hinter der Unabhängigkeitsphilosophie liegende Motiv: der Wunsch nach Kontrolle. Wegen diesem niederen Motiv zerstören wir die Wahrheit, leugnen unsere Position in der Ordnung der Dinge und gehen in die Irre.

Um wie vieles leichter wäre es, unsere immer und unter allen Umständen gegebene Abhängigkeit anzunehmen?

  1. Andreas
    1. Februar 2013 um 11:00

    Und noch etwas: Gedanken sind die Brösel, die vom Brot übrig geblieben sind, das ich gegessen habe.

    Gruss,

    Andreas

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  2. Andreas
    1. Februar 2013 um 10:50

    Lieber Ronald Engert,

    Also…es ist für mich immer eine Freude, Anregungen zum Nachdenken und Meditieren zu bekommen, vielen Dank!

    Ich habe manchmal den Verdacht, dass Sie Haltungen und Einstellungen vorstellen, um Reaktionen auszulösen von denen, die sich mit dem „wir“, den „Menschen“, „ich“, usw. im Text identifizieren … oder auch überhaupt nicht.

    So, meine ich, dass Sie schon wissen, was die Reaktionen sein könn(t)en und freuen sich dann, wenn sie kommen, ohne jedoch davon abhängig zu sein, ob sie kommen oder nicht, oder doch…vielleicht ein bisschen? Stimmt das?

    Zum Beispiel: „Wir“ (…die Leser von Tattva Viveka) wissen doch, dass „wir“ nicht vom Schaukelstuhl der Oma als Agglomerat von Atomen und Molekülen abhängig sind, sondern an dem, was von der Oma daran „hängt“, und auch nicht von den Atomen und den Molekülen der Oma, sondern von der Beziehung, die zwischen der Oma und „mir“ bestand und noch besteht.

    Wenn „ich“ mich für etwas engagiere, hat das Folgen, von denen „ich“ abhängig bin, ohne an meinen Vorstellungen zu sehr anzuhaften, ein bisschen aber schon, sonst wäre „ich“ doch „unmenschlich“, oder nicht?

    Das Wesentliche ist doch der Werdeprozess – nicht der Zustand, das Ziel – nicht das Ergebnis, das Entdecken der Wahrheit – nicht das Erreichen eines (unerreichbaren) Ideals.

    Die Frage ist immer wieder die gleiche: wer steht hinter dem Begriff „wir“, „die Menschen“ (ich selbst ein- oder ausgeschlossen?).

    An solchen Beispielen lässt sich wiederum eine ganze Philosophie aufrollen, z.B., was ist die Sprache der Seele, wie kann „ich“ das „ich“ einordnen das gleichzeitig Subjekt und Objekt sein kann, beides oder keines davon im Augenblick des Verschmelzens.

    Ich bin der Meinung, dass wir die Wahl haben, von was und wem wir abhängig sein wollen, und dass die „Wirklichkeit der Wahlfreiheit“, d.h. das Wissen um die Konsequenzen, von unserem Unterscheidungsvermögen „abhängt“.

    Das bedeutet u.a., dass wir Tattva Viveka nicht nur lesen, sondern den Inhalt dieser Zeitschrift auch leben sollten, wenn er unserer Seele entspricht, (d.h. die Sprache unserer Seele spricht, wozu ich wieder Viveka brauche…die bekannt Spirale).

    Und hier meine Schlussfolgerung:
    Die Freiheit ist ein Zustand, in dem „ich“ keine Wahl habe. Ich brauche sie nicht, um eine Illusion der Unabhängigkeit zu erzeugen, die ja wiederum Abhängigkeit bedeutet. Die Frage der Unabhängigkeit stellt sich „einfach“ nicht mehr, sie wird überflüssig, weil alles „im Fluss“ ist. Und wer hält alles im Fluss???

    Viele Grüsse,

    Andreas

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    • 1. Februar 2013 um 11:13

      Hallo Andreas,
      Genau, es geht nicht um Atome oder Materie, sondern um die Beziehung und damit zusammenhängenden Gefühle. Das ist die Neigung der Seele.
      Genau, Unabhängigkeit wäre unmenschlich.
      Genau, das Ideal kann nie erreicht werden. Es geht um das Werden.
      Genau, da lässt sich eine ganze Philosophie aufrollen.
      Genau, wir haben die Wahl, von was wir abhängen. Aber Abhängen ist der Fall. Und es »hängt ab« von unserem Unterscheidungsvermögen – schöne subtile Sprachweisheit.
      Tattva Viveka, die Unterscheidung von Wahrheit und Illusion, will gelebt werden. So ist es.
      Zu Deiner Schlussfolgerung: das ist die Dialektik von Freiheit und Hingabe. Freiheit ist dann gegeben, wenn ich sie nicht mehr einklagen muss, wenn sie also kein Thema mehr ist. Nur in der Freiheit kann ich mich Gott hingeben. Deshalb ist Gott nicht mythische Macht, die unterdrückt, sondern die ultimative Freiheit findet sich in der Anerkennung unserer wesensgemäßen Bestimmung als Diener/in von Göttin-Gott. Das ist der dialektische Fluss. Und wer hält alles in Fluss?

      Danke für deine Gedanken
      Ronald

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