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Angenommene Angst

alone06

Vor einigen Tagen hatte ich eine interessante Begegnung mit meinen Gefühlen. Ich kenne Zeiten, wo ich mich sehr, sehr einsam fühlte und sehr im Minderwert war. Meistens ist das nicht mehr so, doch an diesem Tag kamen diese Gefühle der Einsamkeit, der Angst und der Leere wieder in mir hoch. Ich saß in meinem Zimmer am Schreibtisch und es ging mir zunehmend schlechter. Ich fühlte mich beschissen und konnte gar nicht genau sagen, was los ist, nur, dass ich das von früher kannte. Ich wollte dieses Gefühl nicht haben. Mein Verstand überlegte fieberhaft, was ich tun könnte. Mein Verstand sagte, ich sei ein schwacher unfähiger Mensch, weil ich jetzt dieses Gefühl habe, und es müsse doch eine vernünftige Handlung geben, um weiterhin konstruktiv und positiv zu sein. Da fiel mir das Regal ein, das ich schon seit einiger Zeit aufbauen wollte und dachte mir, das muss ich jetzt tun. Aber die Verzweiflung ließ mich nicht los und Lust dazu hatte ich auch nicht. Ich habe es auch nicht getan. Stattdessen schaltete sich meine Intelligenz ein und ich betrachtete mich von oben, denn ich weiß, dass es darum geht, nicht vor den Gefühlen wegzulaufen oder sie zu verdrängen, sondern sie anzunehmen und zu fühlen. Ich blieb also sitzen und ließ mein Gefühl zu. Ich ging in diese Einsamkeit, den Schmerz und in die Angst. Und was dann passierte, erstaunte mich zutiefst. Meine Wahrnehmung wurde ganz hell und genau. Nachdem ich wenige Minuten dieser Angst Raum gegeben hatte, fühlte ich plötzlich ganz viele verschiedene Gefühle, die sich abwechselten oder parallel auftauchten und wieder verschwanden. Dann wurde ich ganz ruhig und zufrieden. Ich fühlte mich selbst und das war ganz gut. Die Angst verschwand und ein Gefühl des Friedens stellte sich ein. Es war, als ob die Angst selbst zufrieden geworden war, weil sie sich gesehen fühlte. Sie wollte einfach nur wahrgenommen werden. Nur wenn ich in meinem üblichen Muster direkt in die Ablehnung der Angst gehe, wird sie so bedrohlich. Und in der Tat konnte ich die Erfahrung machen, dass angenommene Angst sich so schön wie ein Orgasmus anfühlen kann.

Nachtrag:

Das Erlebnis ist nun schon ein paar Wochen her. Es ist immer noch bedeutsam für mich und es hat sich seitdem etwas geändert: Ich habe viel mehr Liebe für mich und keine Angst mehr vorm Alleinsein.

Liebe dich selbst

Kategorien:Gefühle Schlagwörter: , , , , ,
  1. 31. Januar 2015 um 22:41

    „Es war, als ob die Angst selbst zufrieden geworden war, weil sie sich gesehen fühlte. Sie wollte einfach nur wahrgenommen werden. Nur wenn ich in meinem üblichen Muster direkt in die Ablehnung der Angst gehe, wird sie so bedrohlich.“
    – Das erfordert viel Mut und Bewusstheit. Schön!

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  2. Sarah
    31. März 2014 um 22:31

    Wie gebe ich einem Gefühl Raum?
    Ich fühle mich sehr oft wie Herr Engert es geschildert hat und versuche in solchen Momenten etwas Gutes daran zu finden und vor mir selbst auszubreiten. Mir alles „besser zu reden“, weshalb ich keine Angst haben sollte. Nun glaube ich, das ist vielleicht verkehrt und ich sollte das Gefühl nicht auf diese Weise verdrängen oder wegreden, sondern es annehmen. Nur wie genau mache ich das? Brauche ich dafür wirklich erst ein Coaching oder gibt es eventuell einen Artikel von Ihnen dazu, der eine Art Methodik dafür beschreibt (oder das Annehmen einfach genauer ausführt) – möglichst in solch einer guten und prägnanten Schreibweise wie im obenstehenden Artikel?

    Viele Grüße,
    Sarah

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    • 11. April 2014 um 09:15

      Liebe Sarah,
      das geht bestimmt auch ohne Coaching. Es gibt noch viele Artikel in diesem Blog, die das Thema von verschiedenen Seiten angehen. Ruf mal die Kategorie „Gefühle“ auf. Da bekommst du schon mal einen guten Überblick.
      Gruß Ronald

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  3. 3. März 2014 um 15:29

    Die Welt ist groß. Genau die Eigenschaften die es einem hier in Deutschland schwer machen, können an anderem Ort sehr attraktiv wirken.

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  4. 27. Februar 2014 um 17:20

    Danke Ron, das hat mir gut gefallen, was sind wir denn ohne Gefühle? Dein Mit – Teilen macht anderen Menschen auch Mut und sie merken, es gibt noch andere Wege, als das Verdrängen.
    So können wir immer wieder voneinander lernen. Im Geiste der Quinte grüße ich aus Kärnten OM

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  5. Markus
    24. Februar 2014 um 09:54

    Hallo Ron, biste nu ne Gopi oder nich? Da warste gerade noch in Vrindavana bei Sadhu Maharaja stehen geblieben und ich war auf die Fortsetzung gespannt 🙂 Nu biste wieder zurück und bewältigst deine Ängste. Dein Erlebnis kann ich bestens nachvollziehen. Zu Beginn diesen Jahres hatte ich es in zwei Situationen mit heftiger Panik zu tun. Diese auszuhalten und sein zu lassen wandelte sich zu sehr schönen Erfahrungen. Dann las ich einen Satz von Schiller dazu:
    „Alles Neue, auch das Glück, erschreckt einen zunächst.“
    Lieben Gruß, Murli

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  6. 24. Februar 2014 um 07:02

    Hallo Ronald,
    Danke für den Text. Robert Betz sagt es oft in seinen Beiträgen:

    Was man wegschiebt, bleibt, was man annimmt und segnet kann in Frieden gehen.

    Das im Moment des Gefühls dann auch zu tun ist die Kunst, die du hier meisterhaft beschreibst.

    Danke für den Text, der mir das nächste mal helfen wird.
    Ich sage mir öfter: Meine Aufgabe ist es nicht mich unbedingt immer gut zu fühlen, meine Aufgabe ist es überhaupt was zu fühlen. Wenn ich fühle – egal was es ist – habe ich meine Lebensaufgabe erfüllt.

    Gruß aus OWL – Eduard Heinrich Alfons Jolmes

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    • 24. Februar 2014 um 14:20

      Hallo Eduard,

      genau, das ist auch mein Motto: Es geht nicht darum, sich gut zu fühlen, sondern darum, zu fühlen. Es geht nicht darum, gut zu sein, sondern darum zu sein.

      Lieben Gruß
      Ronald

      Gefällt 1 Person

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