Falsche Gefühle

Neulich hatte ich Wut auf einen Freund. Ich war zutiefst verletzt und gekränkt. Er hatte mehrfach meine Anrufe unterbrochen, weil ihm etwas dazwischen kam, und mir gesagt, er würde später zurückrufen. Das hat er nicht getan. Ich habe vergeblich gewartet. Da dies mehrfach hintereinander passierte, war ich irgendwann richtig sauer. Ich sah schon das Ende unserer Freundschaft und legte mir im Geiste meine Abrechnung mit ihm zurecht. Ich hatte die schlimmsten Namen für ihn und eine lange Liste von Vergehen, denen er sich schuldig gemacht hatte.

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Ich verhielt mich jedoch passiv und agierte nicht. Ich schaute mir diese Gefühle von Schmerz, Trauer und Wut an und verfolgte sie an ihren Ursprung zurück, so gut ich konnte. Indem ich sie aushielt und nicht versuchte, sie zu ändern, z.B. indem ich anrufe und die Sache kläre, konnte ich immer tiefer in diese Gefühle hineingehen und sie kennen lernen. Ich kam immer mehr darauf, dass dies meine Gefühle waren. Mein Freund war zwar der Auslöser, aber nicht die Ursache. Es gab wirklich Momente, da konnte ich mich erinnern, wie ich diesen Schmerz schon als Kind gefühlt habe. Ich konnte den alten Schmerz fühlen.

Zum Glück musste ich nicht ausagieren und konnte statt dessen diese Gefühle bei mir behalten. Ich wartete und hielt die Gefühle aus, auch wenn es manchmal echt schwer war und die Sache auf der Kippe stand.

Eines Tages rief mein Freund dann an, grüßte mich herzlich und wir plauderten ganz normal. Ich freute mich sehr über seinen Anruf und ließ die Gefühle der Gekränkheit und Verletztheit bei Seite. Alles war wieder gut und die Wut war wie weggeblasen. Für ihn war garnichts Schlimmes passiert und er war immer noch mein Freund. Und für mich – ich hatte viel über mich gelernt, über meine Phantasien des verletzten Kindes in mir und meinen Wahnsinn, der mir einflüstern wollte, ich hätte keinen Freund mehr. Geheilt wurde die alte Wunde obendrein – dadurch, dass ich den alten Schmerz und die unterdrückte Wut gefühlt habe.

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  1. Anita
    10. Mai 2016 um 16:46

    Lieber Ronald, ja, gut gemacht auf der einen Seite. Die Wut des inneren Kindes nicht an anderen Menschen auszulassen und damit die Beziehung zu zerstören. Auf der anderen Seite finde ich das Verhalten deines Freundes dennoch sehr unachtsam. Fragst du dich nicht, ob er auf Dauer tatsächlich ein guter Freund oder eher ein Bekannter für dich ist?
    Ich würde mich das fragen…guten Freunden kann man solche Dinge auch sagen und sie antworten: „Ja, stimmt, du hast Recht, das war nicht so nett. Tut mir leid.“ Menschen, denen man das nicht sagen kann oder die abwehrend reagieren ordne ich eher im Bekanntenkreis ein. Ich mag, wenn wir einander die Wunden zeigen und damit echter Kontakt entsteht.
    Wie siehst du das?
    Alles Liebe Anita

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    • 18. Juli 2016 um 23:46

      Liebe Anita,
      ja du hast Recht. Er hat es später wieder getan und immer wieder. Schließlich habe ihm in der A… getreten und mich beschwert. Das hat er eingesehen. Aber es passierte wieder. Irgendwann ist das Fass übergelaufen und ich habe ihm die Freundschaft gekündigt. Er hat dann noch einige Male angerufen, aber immer nur leere Versprechungen gemacht. Seltsam. Enttäuschend.

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  2. Claire
    25. April 2015 um 13:11

    Ich finde den Artikel gut, er spricht mich gerade zur Zeit persönlich sehr an. Allerdings frage ich mich, wie lange es gedauert hat, das Aushalten, in mich gehen und erkennen und heilen?

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    • 11. Mai 2015 um 12:20

      Liebe Claire, das dauert meiner Erfahrung nach gar nicht so lange. Je ehrlicher man sich den Gefühlen stellt, um so schneller kann die Heilung geschehen. Du bist immer an der Spitze Deiner Heilung. So erscheint jedes Fühlen direkt wie eine Heilung, auch wenn es danach noch weiter geht. Subjektiv dauert der Schmerz nur ein paar Minuten…

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  3. 7. April 2015 um 06:53

    Genau so läuft das im Leben. Danke….Ich teile Ihre Beiträge in Facebook.

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  4. 2. April 2015 um 10:10

    glückwunsch (:

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  5. Angelika Dörre
    1. April 2015 um 20:31

    Ich kann das voll nachvollziehen.

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