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Woher kommt die Sprache?

Ein kleiner Ausschnitt aus meiner Masterarbeit, die ich gerade am Institut für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin schreibe. Thema: »Walter Benjamins Sprachtheorie und ihre Ursprünge in der Sprachmystik der Kabbala«

Der Baum der Sephirot, der urersten Ideen der Schöpfung

Kann es sein, dass die Sprache von Gott kommt bzw. einer höheren Inspiration zu verdanken ist? Wie fein und subtil die Sprachbildung ist, lässt sich an dem hebräischen Buchstaben Jod nachvollziehen. Wie bereits erwähnt, hat Jod als Schriftzeichen die maximal reduzierte Form. Das hebräische J ist einfach ein kleiner Haken. Es sieht aus wie ein Komma[1]. Nur ein Punkt oder ein Strich ist grafisch noch weiter auf das Minimum reduziert. Das J ist die Kombination aus Punkt und Strich: י. Adolph Jellinek schreibt dazu: „Das Jod grafisch betrachtet ist dem mathematischen Punkt gleich, aus dem sich die räumlichen Körper entwickeln, symbolisiert die Geistigkeit Gottes, dem nichts gleichkommt, sowie den reinen heiligen Geist.“ (Jellinek, 34)

Dieses auf ein Minimum reduzierte grafische Zeichen ist der Name für die höchste Realität, Gott: Jah, JHWH, Jehova. Mit dieser minimalistischen Form, die auf die höchste Idee angewendet wird, wird geradezu die Möglichkeit des Zeichens per se gezeigt. Es ist die Idee der „Zeichenbarkeit“. In der subtilen Markierung Gottes mithilfe eines winzigen Hakens ist das Wesen der Sprache als Sprachgeist idealtypisch symbolisiert. Auch im Mündlichen finden wir diesen Minimalismus in Gottes Namen: J. Man spreche dies ohne Vokal aus. Nur ein Konsonant ist noch ätherischer als das J, das ist H, der Hauchlaut, der im Hebräischen ›Leben‹ bedeutet. JHWH ist symbolisiert die Verbindung ( W ) von zwei Menschen (H) im Namen Gottes (J). Im Sohar wird dazu eindeutig gesagt: „Am Anfang nämlich brach aus ihm jene Ausbreitung hervor und brachte aus seinem Geheimnis einen verborgenen Punkt hervor, denn der ›Urgrund‹ En Sof brach durch seinen Äther und offenbarte dadurch diesen Urpunkt des Jod.“[2]

Woher kommt die Inspiration für die Sprache und Schrift? Es könnte sein, dass die ersten Urworte nicht elementare physische Gegenstände benannten, sondern die höchsten geistigen Inhalte, wie sie z.B. in den Sephirot niedergelegt sind. Jede Sephira ist eine ewige Idee. Von Ideen und ihren »ewige[n] Konstellationen« (I, 215) spricht Benjamin in der Erkenntniskritischen Vorrede. Gut möglich, dass Benjamin mit diesen Konstellationen das Bild vom Baum der Sephirot vor Augen hatte. »Die Ideen sind ein Vorgegebenes« (I, 210), sie obliegen somit nicht unserer menschlichen Spekulation, sie können gefunden, aber nicht erfunden werden.

Wenn die Ideen etwas Vorgegebenes sind, dann existierten sie schon vor der Schöpfung, genauso wie die Thora und Gott. Sie stehen in Konstellationen zueinander, wie Sonnen zueinander sich verhalten. »Jede Idee ist eine Sonne und verhält sich zu ihresgleichen wie eben Sonnen zueinander sich verhalten. Das tönende Verhältnis solcher Wesenheiten ist die Wahrheit. Deren benannte Vielheit ist zählbar.« (I, 218) Es ist in dieser Arbeit nicht der Platz, um die erkenntnistheoretischen Implikationen von Benjamins Ideenlehre zu eruieren. Wichtig ist hier die Vorgegebenheit der Ideen, die auf einen transhistorischen und transmateriellen, i.e. göttlichen Ursprung hindeuten. Sollte dies so sein, ist auch der göttliche Ursprung der Sprache gesichert.

Auch bedeutend in diesem Zitat ist Benjamins Aussage, dass die Ideen zählbar sind. Sefira heißt u.a. Zahl. Es ist gerade die Zählbarkeit, i.e. Gegebenheit der Ideen, die den kabbalistischen Blick ausmacht. Die Ideen sind zählbare Gegebenheiten und dadurch auch eindeutige, konkrete Entitäten und keine Abstraktionen. Sie ergeben eine feststehende Konstellation, wie ein Sonnensystem. Die Zählung darf nicht quantitativ verstanden werden, sondern muss qualitativ gesehen werden. Jedes Gezählte ist ein Ganzes. Jede Idee zählt, im inhaltlichen Sinne. Diese Ideen stehen wertfrei, ohne parasitäre Besetzung durch eine unausgesprochene ideologische Wertung im Raum. Ihre Bezeichnungen sind die heiligen Namen. Über sie finden wir zurück in die adamitische Namenssprache und die damit einhergehende Schau der Wirklichkeit, eine Sehergabe. Nicht nur die Namen Gottes in ihrer erweiterten Fassung als Namen aller Dinge und Ideen überhaupt, sondern die gesamte Wirklichkeit ist hier gemeint, die so lesbar wird. So erschließen sich für Benjamin die profanen Dinge analog zu den heiligen Dingen, jedoch nicht in der heiligen Inspiration sondern in der profanen Erleuchtung. Sein ganzes Weltbild und seine Methode sind durch und durch kabbalistisch.

Walter Benjamin, der größte Philosoph des 20. Jahrhunderts.
Gershom Scholem, der hervorragendste Kabbala-Experte der Neuzeit und bester Freund von Walter Benjamin.

Quellen:
Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Band 1, Frankfurt M. 1974
Adolph Jellinek: Auswahl kabbalistischer Mystik, Leizig 1853


[1] Wie im Übrigen unser lateinisches J auch, allerdings ist das hebräische J auffallend klein im Vergleich zu den anderen hebräischen Buchstaben.

[2] Gershom Sholem: Die Geheimnisse der Schöpfung. Ein Kapitel aus dem kabbalistischen Buche Sohar, Frankfurt am Main 1992, S. 68

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