Walter Benjamin

Jenseits der Grenzen

Auf den Spuren Walter Benjamins

Am 15. Juli 2021 war mein 60. Geburtstag und ich unternahm aus diesem Anlass eine besondere, spirituelle Wanderung über die Pyrenäen, über die grüne Grenze von Frankreich nach Spanien. Der Philosoph meines Herzens, Walter Benjamin, hat am gleichen Tag wie ich Geburtstag, und ich verbringe sehr gerne meinen Geburtstag mit ihm. Ein 60. Geburtstag ist etwas Einmaliges und ich wollte zu diesem Anlass etwas Besonderes machen. Ich entschloss mich deshalb zu dieser Wanderung, die ich auch unbedingt alleine machen wollte, um mich ganz in diesen Geist einzufühlen und einzudenken, den Benjamin repräsentiert. Es ist viel mehr als der Geist einer einzelnen Person. Es ist der Geist der Wahrheit und der Wirklichkeit.

Chemin Walter Benjamin
Der ›Chemin Walter Benjamin‹

Für Benjamin war es der Tag seines Todes, aber für mich sollte es ein Ritual des Lebens sein. Benjamin ging diese Route über die Berge 1940 auf der Flucht vor den Nazis, mit dem Ziel der Freiheit und des Überlebens. Er sollte indes, in Spanien angekommen, von der Franco-Polizei an die Gestapo ausgeliefert werden und nahm sich deshalb noch in der gleichen Nacht das Leben.

Es war deshalb für mich ein emotional besonders aufgeladener Tag: mein Geburtstag, Benjamins Geburtstag, sein existenzieller Marsch über die Berge auf der Flucht und sein Tod unmittelbar danach. Sein Gang über die sogenannte F-Route, auf der hunderte Menschen auf der Flucht vor den Nazis in die Freiheit gelangten, war der letzte Tag seines Lebens. Für mich sollte es der erste Tag meines neuen Lebens sein.

Es ist leicht nachzuvollziehen, dass man einen 60. Geburtstag als Ende bzw. Beginn eines Lebensabschnittes betrachten kann und dass man einen solchen Tag für die eigene persönliche spirituelle Entwicklung so gut wie möglich nutzen sollte. Das war mein Anliegen. Die Kraft dieses Tages wollte ich nicht durch freundlichen Small Talk oder einfaches Herumsitzen mit Essen und Trinken verpuffen lassen. Nein, ich wollte die emotionale Kraft dieses besonderen historischen Zeitpunkts für eine Initiation nutzen.

Initiationen haben es an sich, Grenzerfahrungen zu sein. Der Initiant geht in eine Erfahrung des Unbekannten, in der er eine tiefe existenzielle Angst zu überwinden und seinen Mut zu beweisen hat. Allgemein ist es eine Grenzerfahrung physischer Art durch Fasten, große Anstrengungen, Schlafentzug und ähnliches. Sie fordert den Initianten heraus, über seine Grenzen zu gehen. Sie bringt ihn dazu, neue geistige und emotionale Räume zu erschließen und über sich hinaus zu wachsen, um in einen neuen Abschnitt seines Lebens einzutreten. So gibt es Initiationsrituale für Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsensein, oder das Ritual der Heirat, wenn man sich von der Ursprungsfamilie löst, um eine neue Verbindung einzugehen.

In diesem Verständnis hatte ich mir meine spirituelle Wanderung ausgedacht, denn ich möchte einen neuen Lebensabschnitt beginnen, eine neue kreative Aufgabe in Angriff nehmen. Der Weg meines Herzens war jetzt 30 Jahre lang die Zeitschrift Tattva Viveka, aber ich möchte nun weitergehen, um noch genauer und stimmiger meiner inneren Aufgabe zu folgen. Es fällt mir immer noch schwer, mich damit zu zeigen. Ich bin da keineswegs von mir überzeugt. Aber ich fühle es tief in meinem Inneren, es ist ein großes Bedürfnis von mir, und in den seltenen Momenten, wo ich es wirklich fühlen, dazu stehen und mich damit zeigen kann, kommt eine tiefe Freude und eine starke Energie in mir auf. Ich möchte schreiben. Ich möchte philosophische Bücher schreiben. Ich möchte meine Gedanken zum Leben und zur Wirklichkeit mitteilen, die ich im Laufe meines Lebens durch meine eigenen Erfahrungen, meine philosophischen und wissenschaftlichen Studien sowie meine spirituellen Verwirklichungen entwickelt habe. Es ist an der Zeit. Optimistisch betrachtet habe ich noch 30 Jahre für diese Aufgabe. Vielleicht sind es aber auch nur noch 20 Jahre – in beiden Fällen vorausgesetzt, dass diese Jahre weitgehend von unvorhergesehenen Katastrophen verschont bleiben, was zumindest wahrscheinlich genug ist, um damit zu rechnen. Es ist also an der Zeit, diesen letzten Abschnitt meines Lebens zu beginnen und ein Zeichen für mein Herz zu setzen.

Wanderweg in den Pyrenäen
Das soll ein Weg sein.

So ging ich über diese Berge und es war eine Grenzerfahrung. Ich bin über meine physischen Grenzen hinausgewachsen, ich habe eine Grenze überschritten – die zwischen Frankreich und Spanien –, und ich habe den Tod Benjamins in ein Ritual des Lebens verwandelt. Der Weg hat eine Länge von 17,6 km und ca. 650 Höhenmeter, die zweimal zu überwinden waren, im Aufstieg und im Abstieg. Es war heiß, steil und teilweise gefährlich. Ich war alleine und ich fühlte mich in Walter Benjamin, Lisa Fittko und die vielen anderen Menschen ein, die im Zustand der existenziellen Bedrohung durch die menschenverachtenden Nazis, ohne Papiere, ohne Gepäck, mit nichts als ihrem nackten Leben über diesen alten Schleichweg flüchteten, den zuerst Schmuggler benutzten und dann General Lister, der auf der Seite der spanischen republikanischen Kräfte gegen die Franco-Diktatur kämpfte. Es ist ein energetisch aufgeladener Weg, voll mit Geschichte, voll mit menschlicher Hoffnung, voll mit menschlichem Leid, voll mit Freiheit. Der Abstieg war fast nicht zu erkennen, so schmal und überwachsen ist streckenweise der Pfad, steil abschüssig voller Schotter.

Dann, ab und zu, taucht plötzlich mitten im Nirgendwo eine Informationstafel zu Walter Benjamin auf, die sein Andenken gewürdigt. Es ist eine ausgewiesene Route. Menschen, die Benjamin schätzen, haben diese Route rekonstruiert und für die Wanderer markiert. Trotzdem ist der Pfad manchmal schwer zu finden. Bisweilen haben Menschen an kritischen Abzweigungen kleine Häufchen aus Steinen aufgetürmt. Die gelben rechteckigen Markierungen, die als Wanderzeichen dienen sollen, hören auf der spanischen Seite praktisch auf. Man kann nur vermuten, dass sie nun durch einen gelben Punkt ersetzt werden, der hier und da hingesprüht wurde. Das Geotracking der Historia-Viva-App, die den vollständigen ›Chemin Walter Benjamin‹ sehr genau verzeichnet, war über lange Strecken meine einzige Rettung, um nicht im Nirgendwo vom Weg abzukommen und mich heillos zu verlaufen. Bei dieser weiten Strecke mit vielen steilen Auf- und Abstiegen kann man sich große Umwege nicht erlauben. Ich jedenfalls war mit meinen 60 Jahren irgendwann am Limit. Auf dem anstrengendsten Abschnitt musste ich mich alle 10 Minuten ausruhen, dann alle 10 m, und fragte mich, wie ich das schaffen soll. Selbst fünf Minuten Pause reichten nicht mehr, um meinen Herzschlag und meinen Atem wieder zur Ruhe zu bringen.

Walter Benjamin Gedenktafel
verwitterte Infotafel zu Walter Benjamin. Passt irgendwie.

Nein, das ging zum Glück nicht lange so. Ich habe schnell gemerkt, dass ich auch einfach zu schnell gehe. Ich war zu zielorientiert und zu wenig im Jetzt. Benjamin sprach schon vom „Jetzt der Erkennbarkeit“, eine seiner wichtigsten Entdeckungen. Nur jetzt, in der Echtzeit, kann man die Wirklichkeit erkennen. Für mich nahm das eine existenzielle Deutlichkeit an, als ich meinen Schritt stark verlangsamte. Ich kam nicht mehr außer Atem, und ich nahm den Weg und die Umgebung von da an wirklich wahr. Plötzlich war ich im Jetzt, und ich war bei mir. Ich fühlte den Weg unter mir, mich in dieser Natur, in diesen hohen Bergen, den weiten Blick, der gleichwohl unbedingt immer auf die unmittelbare Nähe gerichtet sein musste, um nicht falsch aufzutreten und zu stürzen. Eine Synthese der Extreme – auch ein wichtiges Motiv Benjamins – in existenzieller Art. Und, das muss ich hier auch sagen, ich konnte an einem gewissen Punkt Benjamins Entschluss, sich das Leben zu nehmen, verstehen. Nach diesem Überweg, der wirklich alles von mir abverlangte, was ich an physischer Kraft aufzubieten hatte, an der Grenze abgewiesen und zurückgeschickt zu werden, kann ein Aufgeben als unausweichlich erscheinen lassen. Benjamin war herzkrank. Was für eine Strapaze muss es für ihn gewesen sein?

Pyrenäen
Angekommen auf dem Bergkamm mit Blick auf die spanische Seite. Das wusste ich noch nicht, was mich bei Abstieg erwartete.

Auch in dieser Hinsicht waren die Extreme gleichzeitig in Kraft. Es war sowohl der schönste Weg, den ich je in meinem Leben gegangen bin, als auch der anstrengendste. Irgendwann ging mein Körper einfach weiter. Ich hatte mich von meinen bisherigen Grenzen verabschiedet, war über meine Komfortzone, über meine bis dahin bekannte Reichweite hinausgegangen, und mein Inneres, meine Seele ruhte selig in sich selbst. Da war eine innere stille Freude, über die Grenze in Spanien angekommen zu sein, und eine grenzenlose Erschöpfung zugleich. Irgendwie fühlte ich, wie sich die Flüchtenden gefühlt haben mussten. Nicht nur Benjamin, sondern Hunderte andere, zum Beispiel Lion Feuchtwanger oder Franz Werfel. Jenseits aller Grenzen beginnt das Leben in Freiheit, jenseits politischer Grenzen, physischer Grenzen, geistiger Grenzen. Aber es ist auch ein Finden von sich selbst, ein Finden der eigenen guten Grenze, der eigenen Identität – das bin ich. Noch ein Satz von Benjamin: „Es ist vielleicht das größte Glück, ohne Schrecken seiner selbst inne werden zu können.“

Auch das ist für mich ein Motiv. Ich möchte meiner selbst inne werden. Ich möchte mich selbst fühlen, erkennen und liebhaben können. Ich ging alleine, um mit mir zu sein und mich nicht abzulenken durch die Anwesenheit eines anderen Menschen. Auch das war eine sehr tiefe und berührende Erfahrung. Es ist schön, mir selbst zu begegnen und das Alleinsein zu einem All-Einssein werden zu lassen. Ich bin. Ich bin eins. Ich bin ganz. Bedingungslos.

Natürlich braucht der Mensch Freunde. In der Nacht vor dem Aufstieg bekam ich plötzlich Angst, weil ich auf den letzten Drücker noch mal im Internet nach der Route recherchiert und zwei Wanderberichte gelesen hatte, die davor warnten, alleine zu gehen, weil die Strecke zu gefährlich sei. Schnell organisierte ich noch zwei Freunde von mir, eine gute Freundin in Berlin und einen Franzosen direkt vor Ort, der mir zwei Tage zuvor als Führer die Gegend gezeigt hatte. Ich gab ihnen die Koordinaten und alle notwendigen Informationen, falls mir etwas passieren sollte. Ich würde mich melden, sobald ich über die Berge sein sollte. Falls sie nichts von mir hören würden, bräuchte ich Hilfe.

Eine Mutprobe ist schon etwas Gutes, aber sie sollte vernünftig sein. Es war eine Mutprobe. Ich ging ins Unbekannte und in eine gewisse Gefahr. Benjamin sagt dazu: „Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ›wie es denn eigentlich gewesen ist‹. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“ (GS I, 695) Es ist gut, sich bisweilen in eine Gefahr zu begeben, um aufzuwachen. Das ist der Sinn einer Initiation.

Insgesamt war ich 12 Stunden unterwegs, von morgens 8:00 Uhr bis abends 20:00 Uhr. In Port Bou besuchte ich noch den Gedenkort und den Friedhof, sowie das Hotel, in dem Benjamin gestorben war. Ich hatte am Mahnmal zwei Benjamin-Fans kennengelernt, die an dem Tag auch die Route gegangen waren (sie hatten mich irgendwo auf dem Weg schnellen Schrittes überholt). Sie warteten dann mit mir zusammen auf den Zug zurück von Port Bou nach Banyuls-sur-mer, der leider ausfiel. Noch mal ein Gefühl, wie flüchtende Menschen es wohl erfahren, irgendwo in der Fremde an einem Bahnhof gestrandet zu sein, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Aber wir waren keine Flüchtenden ohne Papiere, ohne Geld und ohne Essen, bedroht von der Polizei. Wir bestellten uns einfach ein Taxi und fuhren über die Grenze zurück nach Frankreich. Niemand kontrollierte uns.

In Banyuls ging ich zum Abschluss essen. Ich hatte einen unfassbaren Durst. Mein Kopf glühte von der Hitze. Meine Füße trugen mich kaum noch.

Am Morgen hatte ich schon mein Vorhaben spontan auf Facebook teilt. Zahlreiche Freunde und Bekannte wünschte mir im Laufe des Tages Glück für die Wanderung und alles Gute zum Geburtstag. Es war ein reicher Geburtstag, sowohl innen als auch außen, sowohl für mich alleine als auch in Bezug auf Gemeinschaft. Es war eine Initiation, ein großartiges Ereignis mit vielen Grenzerfahrungen. Alles ist gut gegangen. Gott sei Dank. Es war ein Risiko. Als ich morgens losging, fragte ich mich dann doch, ob das eine gute Idee ist, und ich wusste nicht, was mich erwartet. Aber wie heißt es so schön: no risk, no fun. Es hat sich voll gelohnt, es zu tun.

Wie fühle ich mich jetzt? Irgendwie bei mir und selbstbewusster. Ich habe wieder ein Stück von mir erschlossen und ergründet. Ich bin zufrieden und ruhe in mir, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich selbst mein Leben mit Sinn erfüllen kann – und dass ich ohne Schrecken meiner selbst inne werden kann.

Walter Benjamin

Mehr Infos zu Walter Benjamin auf www.wbenjamin.de

Hier gibt es noch ein erstes Video: https://youtu.be/EQ-albKrtFQ

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Ein Gedanke zu “Jenseits der Grenzen

  1. TomO schreibt:

    DANKE für diese bereichernd tiefen Einblicke in dein persönliches Wachsen, das du in die erschreckenden und immer noch so bedeutsamen Schicksale mit dem Tode bedrohter Flüchtlinge bettest …!

    Gefällt mir

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