Gefühle, Liebe, Sein-Kolumne

Die Zärtlichkeit der Seelen

Sex ohne Seele ist Missbrauch. Sex ist für mich kein Ziel an sich. Sex ist für mich immer nur die Begleiterscheinung einer seelischen Berührung, die aber erstmal gegeben sein muss. Wir machen Sex ohne seelische Nähe und sind hinterher frustriert. Ich möchte diese seelische Berührung. Und ich mache im Kleinen die Erfahrung, dass dann ganz automatisch die angemessene körperliche Berührung geschieht, von selbst, ohne das zu beabsichtigen. Ich möchte diese absichtslose körperliche Berührung und Sexualität erleben. Danach sehne ich mich schon viele Jahre. Es gibt eine Frau in meinem Leben, da passieren manchmal diese spontanen Umarmungen, wenn uns unsere Seelen nahegekommen sind. Da kann ich manchmal wirklich spüren: jetzt sind wir uns nahe, wirklich nahe. Da stimmt die körperliche Nähe mit der seelischen Nähe überein.

Paar_SEIN_web

Und ich kann es spüren, wenn ich diese Frau lüstern berühre und nur saufen will. Ich mache das manchmal, unbeabsichtigt, aber nicht absichtslos im heiligen Sinne, sondern aus dem kranken Muster heraus, das noch in mir sitzt. Das fühlt sich dann hinterher schlecht an, getrennt von ihr. Weil ich sie in dem Moment, in diesem kurzen Augenblick, missbraucht habe, zu einem Stück Fleisch degradiert, das man begrabschen kann.

Ich möchte in diese heilige Absichtslosigkeit kommen, jenseits meines kleinen Egos, in das Nicht-Wollen, in die Führung durch Gott, wo die Berührung der Seelen geschehen kann. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die das können. Diese Frau ist eine von ihnen. Sie ist oft sehr nah an sich dran. Sie kann sich spontan öffnen, das habe ich erfahren. Aber sie bleibt auch gnadenlos zu, wenn ich nicht rein bin. Ich kann bei ihr lernen, rein zu werden. Das ist nicht immer schön. Es tut auch weh, den Entzug zu spüren, den Entzug von meiner sexuellen Droge.

Es gibt nichts Schöneres als rein zu sein. Sexuell und beziehungsmäßig rein zu sein heißt, den anderen nicht mehr als Objekt zu gebrauchen, sondern ihn oder sie als vollständig souveränes Subjekt, Lebewesen, fühlendes Wesen zu ehren und zu achten.

Standard
Gefühle, Liebe, Sein-Kolumne

Beziehungssucht

Was bedeutet es, von Beziehungen abhängig zu sein? Es bedeutet, eine Beziehung zu brauchen, um sich ganz zu fühlen. Es kann ein bestimmter Mensch sein, mit dem ich auf jeden Fall eine Beziehung haben will, egal wie. Oder die Menschen können austauschbar sein, wenn ich auf jeden Fall eine Beziehung haben will, egal mit wem. In beiden Fällen sehe ich den Menschen nicht, wie er wirklich ist, und kann nicht wirklich bei ihm sein. Und gleichzeitig kann ich nicht bei mir bleiben und mich nicht mit mir ganz fühlen.

Moon_web

Die Wahrheit ist, wir sind immer allein. Niemand kann meinen Weg für mich gehen, niemand kann die Verantwortung für mich übernehmen. Und das ist das Schwierige. In letzter Konsequenz kann ich nur mir selbst vertrauen und muss selbst herausfinden, was für mich richtig ist, was mein Weg ist. Wir Menschen brauchen Menschen, und doch kann ich nicht bedürftig und saugend durch die Welt laufen und mich an anderen Menschen nähren. Das ist das Kindschema, die Opferhaltung.

Wo kann ich mich nähren? Männer genesen mit Männern und Frauen genesen mit Frauen. Wenn ich als Kind nicht genug Liebe von meinem Eltern bekommen habe, dann fehlt mir etwas. Das muss nachgenährt werden. Es ist gut, das in nicht-sexuellen Freundschaften zu machen, aber nicht in Partnerschaften. Zugleich muss ich den Schmerz spüren, der durch diesen Mangel entsteht. Es ist wichtig, dem Schmerz nicht auszuweichen, denn sonst kommt die gleiche Situation immer wieder. Sonst fange ich an, die Nahrung bei meinem Partner zu suchen, und das ist nicht der Sinn einer Partnerschaft. Es ist wichtig, durch diesen Schmerz hindurch zu mir selbst zu kommen. Ich bin alleine für mich verantwortlich und es gibt keinen Grund, traurig zu sein. Ich selbst bin ein riesiger Kontinent, den es zu entdecken gilt. Indem ich mich wahrnehme und mit mir bin, entdecke ich mich selbst und kann beginnen, mich zu lieben. Ich kann lernen, mir selbst Gutes zu tun und mich zu nähren. Ich kann selbst meinem inneren Kind Vater oder Mutter sein. Ich kann die Schönheit und Vielfalt des Lebens entdecken. So kann ich dankbar werden.

Standard
Gefühle, Sein-Kolumne

Angst vor mir selbst

Heutemorgen war ich etwas verzweifelt, weil ich Sehnsucht nach meiner Traumfrau hatte. Wir hatten uns letzte Woche gesehen und es war sehr schön. Aber es ist auch eine problematische Beziehung und wir sind nicht zusammen. Morgen ist nun Feiertag und ich dachte schon seit Tagen, ich würde gerne mit ihr diesen Tag verbringen. Ich programmierte mich schon seit Tagen auf diese fixe Idee. Es baute sich aber auch Traurigkeit und Frustration auf und meine Gelassenheit verabschiedete sich. Es tat mir weh und ich bekam Angst, sie anzurufen, und Angst vor Verlust und Ablehnung.

Venus_web

Heutemorgen nun betete ich intensiv zu meiner Höheren Macht und gab meine Machtlosigkeit diesbezüglich zu.

Vorher fühlte ich mich leer und hatte schon den Horror davor, den Feiertag alleine zu verbringen. Auch andere Menschen waren nicht anziehend, sattdessen beurteilte ich sie und stellte mich über sie. Alles war leer und nur diese Frau konnte die Leere füllen. Alles andere ödete mich an, sogar ich selbst ödete mich an. Ich mich am meisten.

Circa eine viertel Stunde nach dem Gebet saß ich am Frühstückstisch und nahm mich selbst plötzlich wahr, wie ich inspiriert und voller Freude mit mir selbst war. Ich hatte Bilder und Ideen von den Sachen, die ich gerne machen würde. Ich erforschte mich und fühlte mich erfüllt, mit all den Möglichkeiten, die mir mein Leben bot und die mich interessierten. Ich hatte keine Gefühle der Leere und Einsamkeit mehr. Ich hatte die Frau vergessen und war bei mir. Ich bin, der ich bin. Dieses Ich zu entdecken – mich zu entdecken – ist allemal genug. Und ich erkannte, es war nur die Angst vor mir selbst, die mich in dieses ganze Kopfkino trieb.

Mann_weg

Indem ich diese Angst zulasse und sie annehme, kann der Teil in mir in mein Bewusstsein treten, den ich verdrängt habe.

In der Beziehung zu mir selbst werde ich unabhängig vom Außen. Das bedeutet nicht, dass ich dann nur noch in mir selbst verweile, sondern dass das Außen von einem Mangel zu einer Bereicherung wird, die ich in Freiheit und Schönheit zu meiner inneren Fülle hinzufügen kann.

Standard
Authentizität, Gefühle, Sein-Kolumne, Selbst

Falsche Gefühle

Neulich hatte ich Wut auf einen Freund. Ich war zutiefst verletzt und gekränkt. Er hatte mehrfach meine Anrufe unterbrochen, weil ihm etwas dazwischen kam, und mir gesagt, er würde später zurückrufen. Das hat er nicht getan. Ich habe vergeblich gewartet. Da dies mehrfach hintereinander passierte, war ich irgendwann richtig sauer. Ich sah schon das Ende unserer Freundschaft und legte mir im Geiste meine Abrechnung mit ihm zurecht. Ich hatte die schlimmsten Namen für ihn und eine lange Liste von Vergehen, denen er sich schuldig gemacht hatte.

Schmollen_web

Ich verhielt mich jedoch passiv und agierte nicht. Ich schaute mir diese Gefühle von Schmerz, Trauer und Wut an und verfolgte sie an ihren Ursprung zurück, so gut ich konnte. Indem ich sie aushielt und nicht versuchte, sie zu ändern, z.B. indem ich anrufe und die Sache kläre, konnte ich immer tiefer in diese Gefühle hineingehen und sie kennen lernen. Ich kam immer mehr darauf, dass dies meine Gefühle waren. Mein Freund war zwar der Auslöser, aber nicht die Ursache. Es gab wirklich Momente, da konnte ich mich erinnern, wie ich diesen Schmerz schon als Kind gefühlt habe. Ich konnte den alten Schmerz fühlen.

Zum Glück musste ich nicht ausagieren und konnte statt dessen diese Gefühle bei mir behalten. Ich wartete und hielt die Gefühle aus, auch wenn es manchmal echt schwer war und die Sache auf der Kippe stand.

Eines Tages rief mein Freund dann an, grüßte mich herzlich und wir plauderten ganz normal. Ich freute mich sehr über seinen Anruf und ließ die Gefühle der Gekränkheit und Verletztheit bei Seite. Alles war wieder gut und die Wut war wie weggeblasen. Für ihn war garnichts Schlimmes passiert und er war immer noch mein Freund. Und für mich – ich hatte viel über mich gelernt, über meine Phantasien des verletzten Kindes in mir und meinen Wahnsinn, der mir einflüstern wollte, ich hätte keinen Freund mehr. Geheilt wurde die alte Wunde obendrein – dadurch, dass ich den alten Schmerz und die unterdrückte Wut gefühlt habe.

rainbow_web

Standard
Gefühle, Selbst

Was ist Innen?

Innere Fülle

 

In meinem Weg der Philosophie und Spiritualität habe ich irgendwann herausgefunden, dass der Weg nach innen geht. Viele unserer Unternehmungen, um Glück und Zufriedenheit zu erfahren, setzen im Außen an. Wir arbeiten uns von außen nach innen vor.

Zunächst hatte ich eine sehr einfache Unterscheidung: außen ist alles das, was außerhalb meines Körpers ist. Innen: Das bin ich. Aber wer ist dieses Ich?

Jahrelang litt ich unter Rückenschmerzen. Der herkömmliche Weg ist es, von außen etwas mit dem Körper zu machen, um die Rückenschmerzen zu beseitigen, zum Beispiel Massage und Fango, dann Salben oder Medikamente. Dies ist jedoch ein mechanischer Ansatz, der von außen auf meinen Körper einwirken soll. Die nächstbessere Idee ist es natürlich, Sport und Bewegung zu praktizieren, um den Rücken zu stärken und zu entspannen. Es gibt hier viele Methoden, wie z.B. Yoga, Qigong usw.

Ich musste jedoch erkennen, dass auch diese Methoden mir äußerlich sind.

Woher kam dieser Schmerz? Woher kam diese Verspannung? Egal was ich versuchte, die Schmerzen gingen nicht weg. Vielfach verspannte ich mich bei sportlichen Übungen noch mehr. Alle diese Übungen und Methoden praktizierte ich von außen nach innen. Ich versuchte, über mehr oder weniger mechanische Methoden, mein inneres Befinden zu verändern.

Irgendwann begann ich, mich auf den Weg nach innen zu machen. Ich überlegte mir, dass es meine Gedanken sein würden, die meine Verspannungen auslösen. Es zeigte sich jedoch, dass ich mit dieser Hypothese nicht weiterkam. Ich machte mir positive Gedanken, die Rückenschmerzen blieben. Weder der Körper noch die Gedanken gehören zu meinem Inneren. Also versuchte ich es mit Spiritualität, zum Beispiel Meditation. Es gab gewisse Achtungserfolge, d.h. zeitweilige Verbesserungen, aber der Durchbruch lieb aus. Ich musste erkennen, dass auch die Spiritualität nicht Teil meines Inneren ist. Immer war ich zugleich auf der Suche nach diesem Ich. Bin ich dieser Körper? Bin ich ein denkendes Wesen? Bin ich ein spirituelles Wesen? Wer bin ich?

Irgendwann entdeckte ich dann die heiße Spur. Ich bin ein fühlendes Wesen! Nur wenn ich ich bin, kann ich entspannt sein. Nur wenn ich bei mir bin und meinem Selbstgefühl folge, kann ich entspannt sein. Die echte Spiritualität besteht darin, ich selbst zu sein. Dies bedeutet: mit Haut und Haaren. Aber hier sind natürlich nicht die physischen Haare und die physische Haut gemeint, sondern dieses innere Gefühl, das ich für mich selbst habe. Es bedeutet aber auch, dass es hier nicht um mein spirituelles ewiges und ideales Selbst geht im Sinne des göttlichen Selbst, wo ich vollkommen und frei von allem Leid bin. Nein, es geht um meine bedingte, relative Existenz als Mensch. Es geht um den Ort, wo ich jetzt bin, und um die Zeit, wo ich jetzt bin. Es geht erst einmal darum, zu sein. Es geht darum, mich in meiner Wahrheit und Soheit zu erkennen, mit Glück und Leid, mit Freude und Schmerz, mit meinen ganzen Gefühlen, insbesondere auch den so genannten negativen Gefühlen, nämlich Schmerz, Angst und Wut.

Es gibt so viele Theorien und Philosophien und Spekulationen darüber, was Gefühle sind. Ich kann mich keiner dieser Philosophien anschließen. Ich beziehe mich auf keine dieser Philosophien. (1) Für mich sind die Gefühle nicht durch die Gedanken erzeugt. Es gibt natürlich Gefühle, die durch das Denken erzeugt werden, aber dies sind Pseudogefühle. Es gibt für mich auch keine gravierende Unterscheidung zwischen Gefühlen und Emotionen. Diese beiden Begriffe bedeuten für mich das gleiche. Ich unterscheide jedoch in echte und Pseudogefühle beziehungsweise neutraler: in primäre und sekundäre Gefühle.

Die primären Gefühle sind die echten und originären Gefühle. Die sekundären Gefühle sind vermittelte Gefühle.

Je mehr ich auf dem Weg zu meiner eigenen Wahrheit vorankam und zu einem fühlenden Wesen wurde, das einfach nur seine momentane Situation hier und jetzt ehrlich zugibt, umso entspannter wurde ich, d.h. umso weniger Rückenschmerzen hatte ich.

Für mich ist es nun eine innere Entspannung, ein In-mich-Hineinlehnen in mein Leben, auch ein Loslassen manchmal, aber auch Festhalten zum richtigen Zeitpunkt, ein Mitfließen und Mitschwingen mit dem Rhythmus meines Lebens. Es bedeutet, mich ernst zu nehmen, mich zu fühlen, mich selbst zu achten. Und es bedeutet insbesondere, vor mir selbst und vor anderen ehrlich zuzugeben, wie es mir gerade geht, ohne etwas daran manipulieren zu wollen. Es bedeutet, die Leugnungssysteme zu durchbrechen, denn immer, wenn ich mich nicht zeige und nicht ehrlich als der erscheine, der ich bin, gehe ich in eine künstliche Haltung und diese verspannt mich. Vieles von der Verspannung ist die Angst und die Scham, mich zu zeigen. Das macht meinen Körper hart und steif.

Ich habe nun jahrelang keinen Sport gemacht, keine Gymnastik, kein Yoga, kein Schwimmen und nichts dergleichen. Trotzdem habe ich so gut wie keine Rückenschmerzen. Im Vergleich zu früher ist es eine riesige Verbesserung. Ich fühle mich entspannt und wohl, obwohl ich den ganzen Tag am Computer sitze. Wobei ich natürlich nicht perfekt bin. Manchmal gehe ich über den Punkt hinaus, wo es mir noch gut tut. Dann verliere ich den Kontakt zu mir selbst und bezahle dies mit Verspannungen im Rücken. Aber auf diese Art und Weise finde ich immer mehr über mich heraus, wie ich bin und wer ich wirklich bin, was mir gut tut und was meine Bedürfnisse sind.

Ich bin heute der Überzeugung, dass ich umso gesünder bin, je mehr ich in meiner Wahrheit bin. Zu Ende gedacht würde dies bedeuten: Wenn ich der bin, der ich bin, bin ich unsterblich.

 

Fußnote (1):

Eine große Nähe fühle ich jedoch zu folgenden Ansätzen: Dan Casriel, Anne Wilson Schaef, 12-Schritte-Programme, Walter Lechler, Co-Dependency Anonymous, Robert Subby, Janet Woititz, Daniel Stacey Barron und Alice Miller.

Bild ©: Tomasz-Alen Kopera, www.alenkopera.com

Standard
Gefühle

Angenommene Angst

alone06

Vor einigen Tagen hatte ich eine interessante Begegnung mit meinen Gefühlen. Ich kenne Zeiten, wo ich mich sehr, sehr einsam fühlte und sehr im Minderwert war. Meistens ist das nicht mehr so, doch an diesem Tag kamen diese Gefühle der Einsamkeit, der Angst und der Leere wieder in mir hoch. Ich saß in meinem Zimmer am Schreibtisch und es ging mir zunehmend schlechter. Ich fühlte mich beschissen und konnte gar nicht genau sagen, was los ist, nur, dass ich das von früher kannte. Ich wollte dieses Gefühl nicht haben. Mein Verstand überlegte fieberhaft, was ich tun könnte. Mein Verstand sagte, ich sei ein schwacher unfähiger Mensch, weil ich jetzt dieses Gefühl habe, und es müsse doch eine vernünftige Handlung geben, um weiterhin konstruktiv und positiv zu sein. Da fiel mir das Regal ein, das ich schon seit einiger Zeit aufbauen wollte und dachte mir, das muss ich jetzt tun. Aber die Verzweiflung ließ mich nicht los und Lust dazu hatte ich auch nicht. Ich habe es auch nicht getan. Stattdessen schaltete sich meine Intelligenz ein und ich betrachtete mich von oben, denn ich weiß, dass es darum geht, nicht vor den Gefühlen wegzulaufen oder sie zu verdrängen, sondern sie anzunehmen und zu fühlen. Ich blieb also sitzen und ließ mein Gefühl zu. Ich ging in diese Einsamkeit, den Schmerz und in die Angst. Und was dann passierte, erstaunte mich zutiefst. Meine Wahrnehmung wurde ganz hell und genau. Nachdem ich wenige Minuten dieser Angst Raum gegeben hatte, fühlte ich plötzlich ganz viele verschiedene Gefühle, die sich abwechselten oder parallel auftauchten und wieder verschwanden. Dann wurde ich ganz ruhig und zufrieden. Ich fühlte mich selbst und das war ganz gut. Die Angst verschwand und ein Gefühl des Friedens stellte sich ein. Es war, als ob die Angst selbst zufrieden geworden war, weil sie sich gesehen fühlte. Sie wollte einfach nur wahrgenommen werden. Nur wenn ich in meinem üblichen Muster direkt in die Ablehnung der Angst gehe, wird sie so bedrohlich. Und in der Tat konnte ich die Erfahrung machen, dass angenommene Angst sich so schön wie ein Orgasmus anfühlen kann.

Nachtrag:

Das Erlebnis ist nun schon ein paar Wochen her. Es ist immer noch bedeutsam für mich und es hat sich seitdem etwas geändert: Ich habe viel mehr Liebe für mich und keine Angst mehr vorm Alleinsein.

Liebe dich selbst

Standard
12 Schritte-Programm, Gefühle

Gelassenheit

»Wir taten alles, um die Illusion zu bewahren, dass wir die Kontrolle über unser Leben hätten. Auf diese Weise hinderten wir uns selbst daran, jene Gelassenheit zu erlangen, die wir erhalten, wenn wir dem Willen einer Höheren Macht gegenüber kapitulieren.«[1]

Dieses Zitat aus einem Buch des Zwölf-Schritte-Programms zeigt, wie hier die Gelassenheit erreicht wird. ›Loslassen und Gott überlassen‹ ist eine bekannte Devise. Wir übergeben unseren Willen der Fürsorge einer Höheren Macht und glauben daran, dass diese Höhere Macht liebevoll und barmherzig ist. Und wir glauben daran, dass dieser göttliche Wille das Beste für uns ist. Unsere eigenen menschlichen Ratschlüsse können diese Weisheit niemals erreichen.

Neulich sprach ich mit einer Person, die der buddhistischen Tradition zugeneigt ist. Sie erklärte mir, dass das Ziel des Buddhismus darin besteht, die Erscheinungen im Geist, d.h. die Gedanken und Gefühle, wie Wellen auf der Oberfläche zu betrachten, die keine wirkliche Bedeutung haben. Sie kommen und gehen und haben nichts mit mir zu tun. Wenn ich das verstanden habe, entsteht große Gelassenheit, weil ich mich nicht mehr mit den Gedanken und Gefühlen identifiziere.

Dies sind zwei radikal unterschiedliche Zugangswege. Der moderne pluralistische Ansatz würde nun sagen: das muss jeder für sich selbst wissen und alles ist gleich gut. Es lassen sich hier indes deutliche Unterschiede bemerken: der Weg mit Gott baut darauf, dass es eine höhere Macht gibt, die mein Leben führt. Der buddhistische Weg funktioniert komplett ohne Gott und baut auf die Eigenleistung des Menschen. Während der Weg Gottes bedeutet, meine Kontrolle als Illusion zu betrachten und aufzugeben, impliziert der buddhistische Weg, dass es meiner Kontrolle unterliegt, was mit mir geschieht. Diese Kontrolle wird dadurch erreicht, dass ich mich von meinen Gedanken und Gefühlen abtrenne.

Im Weg mit Gott unterliegen sowohl meine Gedanken als auch meine Gefühle dem Willen Gottes und sind somit wesenhaft. Wenn ich mich dem Willen Gottes hingebe, fühle und erlebe ich die Dinge, die dem göttlichen Willen entsprechen. Meine Gedanken und insbesondere auch meine Gefühle gehören zu mir und haben eine wesenhafte Bedeutung.


[1] Nur für heute, Narcotics Anonymous World Services Inc., 2004, S. 341

Standard
Gefühle

Zur Priorität der Gefühle

Viele Menschen sagen, alles hängt von den Gedanken ab und die Gedanken erzeugen die Gefühle. Das sehe ich anders. Die Gefühle sind primär und die Gedanken werden von den Gefühlen gesteuert.

Vom Denken ausgelöste Gefühle gibt es, aber es sind keine echten Gefühle. Die echten Gefühle werden nicht vom Mind beeinflusst, im Gegenteil wird der Mind durch die Gefühle geprägt. Ich kann ein ablehnendes Gefühl gegen jemanden haben, dann werde ich an jeder Stelle des Gesprächs intellektuelle Einwände haben. Wenn ich die Person aber wertschätze oder gar liebe, werde ich fast alles, was die Person sagt, als erleuchtend, wahr und richtig erleben. Und mein Mind und Intellekt werden entsprechende einleuchtende und logische Argumente für diese Haltung finden. Das ist aber so maskiert, dass ich tatsächlich ,denke‘, dass dies die richtig guten Argumente dafür bzw. dagegen sind. Wir sind intellektuell selektiv, wir haben keine objektive Anschauung.

Die objektive Anschauung ist das Ziel der  Philosophie, aber sie ist kognitiv-intellektuell nicht erreichbar. Equal vision setzt ein völlig ruhiges und balanciertes Gemüt voraus. Deshalb die Schattenarbeit und die Meditation. Es ist eigentlich eine emotionale Ausgeglichenheit, frei von Anhaftung und Abstoßung. Die Haltung kommt in jedem Urteil, in jeder Wertung zum Ausdruck. Antipathie oder Sympathie sind die treibenden Kräfte. Diese kommen nicht aus den intellektuellen Erkenntnissen und Überzeugungen, sondern aus der „Chemie“, der emotionalen Resonanz. Diese arbeitet instantan und schneller als das Denken. Auch gehirnphysiologisch ist das so. Bis der Neokortex reagiert, ist im Limbischen System schon alles gelaufen. Deshalb diese seltsamen Ergebnisse beim Libet-Experiment*. Die Schlussfolgerung ist nicht, dass wir Maschinen sind, deren Freiheit nur eine Illusion ist – die Freiheit wird als Freiheit des Denkens und Wollens verstanden. Das ist der Bereich, der im Neokortex verarbeitet wird.

Die Schlussfolgerung ist, dass wir fühlende Wesen sind, die ihre Entscheidungen instantan und zeitlich vor dem Bewusstsein treffen. Der Intellekt dient dann nur noch zur Umsetzung und Bewehrung der Entscheidung. Es ist eine gewisse Kränkung für das Bewusstsein, den Intellekt, die mentale Willenskonstruktion (Macht, Kontrolle), für das falsche Ego, denn die Gefühle können so erstmal nicht kontrolliert werden. Wir können nicht fühlen, was wir wollen. Deshalb versuchen viel spirituellen Wege, die Gefühle zu eliminieren.

Aber das geht so nicht.

Man sollte die Gefühle zu seinen Freunden machen und sie als Botschafter seiner Seele ernst nehmen. Die Gefühle zeigen die Wahrheit. Man kann alles fühlen. Oder man kann es denken. Beides geht. Aber das Denken ist das Empfangen, und die Gefühle sind die, die bestimmen. Wenn wir das Denken zum Bestimmen nehmen, spalten wir uns von uns selbst und von der Außenwelt ab. Die Einsamkeit des denkenden Menschen. Die Verbindungen gehen verloren. Die Bindungen, die Beziehungen, die Gefühle. Es bleibt nur Kontrolle und Herrschaft. Aber das wollen die meisten Menschen ja eben auch.

Die Gefühle können wir verfälschen, verdrängen oder manipulieren, indem wir an den Gedanken ansetzen. Das ist in einem schmalen Bereich auch vertretbar, in Notsituationen auch. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass Authentizität nur erreicht wird, wenn wir das echte Gefühl fühlen.

Die Freiheit des Individuums wird durch die Priorität der Gefühle nicht eingeschränkt, denn meine Gefühle gehören mir und zeigen mir den Weg zu mir selbst.

*********************************************************************************************************************

 

* Das Libet-Experiment kurz erklärt:

Der Proband sollte spontan oder geplant die rechte Hand bewegen. Der Zeitpunkt des Bereitschaftspotentials im motorischen Kortex kann einwandfrei gemessen werden. Mithilfe einer Uhr sollten die Probanden den Zeitpunkt der Entscheidung, die Hand zu bewegen, definieren. Der Proband konnte also subjektiv bestimmen, wann er die Hand bewegt und den Zeitpunkt mithilfe der Uhr angeben. Bei den Messungen zeigte sich, dass der Bewegungsimpuls bereits mehr als eine halbe Sekunde vor der bewussten Entscheidung erfolgte.

Benjamin Libet schlussfolgerte daraus, dass der Mensch keinen freien Willen hat und sah die Verantwortlichkeit des Menschen in Frage gestellt. Das Libet-Experiment löste im reduktionistischen Lager der Biologie und Physiologie viele Folgespekulationen aus, die dem Bewusstsein, dem freien Willen und dem Geist die Existenz absprachen.

Auffällig finde ich, dass sie das Limbische System nicht gemessen haben. Gemäß der Hypothese, dass die Gefühle die Priorität sind, erfolgt der Handlungsimpuls im Limbischen System oder in der Amygdala, also in den Gefühle verarbeitenden Gehirnregionen. Der Neokortex, als Bereich des bewussten Denkens, der Logik und der Strategie wird zeitlich danach aktiviert.

Aus der transzendentalen Sicht ist es ohnehin so, dass das Gehirn nur das bildgebende Organ ist und nur bedingt die spirituellen Impulse des spirituellen Lebewesens materiell abbildet und im materiell manifestierten Körpersystem weiterverarbeitet, damit unser materieller Anteil in der Wechselwirkung mit dem materiellen Umfeld funktioniert. Materiell bedeutet hier: kausale Abhängigkeiten innerhalb von Raum und Zeit. Zum Beispiel brauche ich mit meinem materiellen Körper immer einen Ort, wo ich mich befinde. Dieser Ort darf nicht von jemandem anders besetzt sein. Ich habe also bestimmte Abhängigkeiten oder Bedingtheiten, die kalkulatorisches und strategisches Verhalten erfordern. Das Denken dient im Wesentlichen dazu, diese materiellen Bedingtheiten zu meistern.

Spirituell bin ich nicht bedingt oder abhängig von Raumzeitgegebenheiten. Die Quantentheorie entdeckt mittlerweile die Wirkung der Information auf die Materie, wobei die Information selbst keine räumliche oder zeitliche Begrenzung hat, sehr wohl aber auf die Energie wirkt. Die Energie wiederum wirkt auf die Materie. Vgl. hierzu Carl Friedrich von Weizsäckers Proklamation der Qubits, der nicht-materiellen Informationsquanten, sowie Prof. Dr. Thomas Görnitz und Dr. Brigitte Görnitz in Tattva Viveka 49-50 zur Quanteninformationstheorie.

Zum Libet-Experiment siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Libet-Experiment

Standard
Authentizität, Gefühle, Selbst

Die reine Freude

Wer meinen letzten Blog über die Reise ins Gefühl gelesen hat, weiß, dass ich nicht versuche, dem Schmerz auszuweichen. Mein Ansatz besteht darin, jedes Gefühl zu fühlen und ihm auf den Grund zu gehen. Es geht nicht darum, sich gut zu fühlen, sondern darum, zu fühlen.

In letzter Zeit bin ich meinem Schmerz, meiner Trauer und meiner Scham auf den Grund gegangen. Das war schmerzhaft, traurig und beschämend. Aber ich ging da durch.

Gestern durfte ich erleben, was das an Heilung ermöglicht.

Ich war auf einem Kirtan-Abend. Kirtan bedeutet, spirituelle Lieder gemeinsam zu singen und dazu zu tanzen. Das war die reine Freude.

Aber das Besondere war: Ich fühlte diese Freude, sie war rein und klar, und sie hatte einen festen Grund. Ich konnte richtig fühlen, wie diese Freude auf festem Grund aufsetzt, wo nichts mehr darunter war. Sie war keine Fassade. Darunter war kein Schmerz, keine Scham, keine Angst, kein Eiter, kein schwankender Grund, kein Matsch, kein schmieriger Glibber. Es war ein einfacher, fester Grund, und da war nichts außer Freude. Das war ein wunderschönes, sicheres Gefühl. Es gab mir Vertrauen und Gewissheit. Ich fühlte mich meiner selbst gewiss. Ich konnte diese Freude unvermischt und klar fühlen, ohne dieses vage Gefühl von Unsicherheit oder Beklemmung, das da ist, wenn die Freude aufgesetzt oder manipuliert ist. Wir kriegen das meist nicht bewusst mit, wenn wir die Freude herbei manipulieren, weil wir diese fixe Idee haben, dass wir uns immer gut fühlen müssen. Aber irgendwie fühlen wir dann doch, da stimmt was nicht. Es ist dann eine mit Schmerz, Trauer, Angst, Scham oder Wut vermischte Freude.

Die Arbeit mit meinen Gefühlen des Schmerzes, der Trauer, der Angst, der Wut und der Scham hat dazu geführt, dass diese Abgründe bereinigt sind. Es ist wie das Ausschaben einer eiternden Wunde, die gereinigt und desinfiziert wird und dann erst heilen kann. Dann erst kann der Schmerz abklingen und die Not wird gelindert. Wenn es dann heilt, bildet sich ein fester Grund. Dieser feste Grund bin ich. Das ist mein inneres Selbst, auf dem die reine Freude dann aufsetzen kann und sich entfalten kann. Dann fühle ich Sicherheit, Geborgenheit und mich selbst.

Die Freude hatte auch im kausalen Sinn einen Grund, weil in der Situation, im gemeinsamen Singen und Tanzen zu schöner Musik, da war die Freude auch begründet. Genauso wie zu anderen Zeiten der Schmerz begründet ist. Diese Gefühle manifestieren sich gemäß der Wirklichkeit, in der ich mich befinde, gemäß dem, was gerade passiert. Sie sind die Sprache, die mich mit der Wirklichkeit verbindet. Es war ein schöner Abend mit wunderbaren, lieben Menschen um mich herum. Wir lachten uns an und feierten. Es war so schön, diese Freude so rein und direkt zu erfahren, zu fühlen. Diese echten Gefühle sind keine Gefühle, dich ich mir mache. Sie sind entsprechend der jeweiligen Situation. Der Abend war ein Grund der Freude. Und zu anderen Zeiten hat man vielleicht einen Grund zu trauern. Dann ist eben Trauer angesagt. Diese Gefühle kommen und gehen. Es ist so schön, diese echten Gefühle fühlen zu können. Ich glaube, es ist deshalb so schön, weil ich dann echt bin. Dann bin ich ich.

Und mir ist klar, diese Freude konnte ich nur fühlen, weil ich zuvor meinen Schmerz gefühlt hatte. Es war eine Freude ohne etwas darunter, ohne Dreck unterm Teppich, ohne verheimlichte, geleugnete Gefühle darunter.

So lerne und verstehe ich zunehmend, dass es die Gefühle sind, die mich in die Genesung führen. Sie führen mich zu mir, und das ist das spirituelle Erwachen. Aufwachen bedeutet „zu sich kommen“. Und das ist so konkret zu verstehen, wie nur irgend möglich: Ich komme zu mir.

Dabei ist es egal, ob das, was ich da fühle, „gut“ oder „schlecht“ ist. Es geht nicht darum, sich gut zu fühlen. Es geht darum, zu fühlen.

Anmerkung:
Der Abend war ein Konzert der Kirtaniyas (www.kirtaniyas.com), eine junge, aufstrebende Kirtan-Band, und fand am 14.01.2012 im Yoga-Zentrum „Lernen in Bewegung e.V.“ in Berlin statt.
Organisiert wurde er von der brillanten und liebenswürdigen Alexandra von Joyfulevents 🙂

Standard
Gefühle

Eine Reise in das Gefühl

Ich sitze in einem Gruppenraum mit dreizehn anderen Menschen auf dem Boden und gehe unter Führung der beiden Coach-Frauen in eine Meditation. Thema ist die Vision meiner Partnerschaft mit einer Frau, meine Liebesbeziehung. Meine Augen sind geschlossen, zunächst führt die Meditation in die körperliche Entspannung um sodann das Bild der Frau in der Vorstellung wachzurufen. Ich soll mir vorstellen, wie wir uns treffen, wie sie aussieht, riecht, was sie sagt, wie sie lacht. Wir kommen uns näher. Wir blicken uns in die Augen … Die geführte Meditation geht weiter, doch ich steige aus. Der Schmerz ist zu groß. Ich weine. Ich gehe in den Schmerz. Ich kann mir keine glückliche Beziehung vorstellen, weil meine große Liebe so unglücklich ist. Ich höre Worte der Meditationsleiterin. „Stellt Euch vor, Ihr seid beide alt und sitzt zusammen auf Eurem Lieblingssofa und schaut auf Euer Leben zurück. Feiert das gemeinsame Lebenswerk…“ Ich kann nicht. Es überwältigt mich, die Tränen, der Schmerz.
 

Dann werden wir aus der Meditation herausgeführt. Wir sollen nun ein Bild malen – von unserer Vision. Jemand gibt mir Wachsmalstifte und ein großes Malblatt. Ich sitze davor. Die anderen fangen an zu malen, eifrig, das Geräusch der malenden Stifte erfüllt den Raum. Ich weine und weine und weine. Der Schmerz ist so stark – und so schön. Ich bin ganz tief an meinem Gefühl. Es wird wieder schlimm. Ich kann nichts malen. Ich habe keine Vision. Nur Schmerz. Das Blatt ist leer. Ich denke: ich soll, will ein Bild malen. Ich sitze und kauere meinen Kopf in meinen Arm. Die Tränen. Es dauert ewig, dann versuche ich das Blatt zu nehmen. Es liegt vor mir. Ich warte. Nein, es geht nicht. Nach einer Weile habe ich mich einigermaßen beruhigt. Ich schaue mich um. Alle eifrig am Malen, vertieft. Ich berühre das Blatt mit meinen Fingern. Die Tränen brechen wieder aus. Der Schmerz ist wieder da. Ich kann nicht malen. Nach 20 Minuten werden die Stifte eingesammelt. Alle setzen sich in einen Kreis. Wir sollen unsere Bilder zeigen. Ich warte. Drei Leute teilen: gemeinsames Haus, gerne am Meer, Kinder, Sonnenschein, Freunde. Ich will nicht als letzter dran kommen und dann allen den Tag verderben. Es ist der Abschluss des zweitägigen Workshops, der Höhepunkt. Also ergreife ich das Wort und zeige mein leeres Blatt. Ich zeige mich, mit meinem Schmerz und meiner fehlenden Vision. Es ist so traurig. Ich erkläre nicht viel, nur dass es der Schmerz über meine unglückliche Liebe ist. Einen Moment gibt es, da möchte ich laut rausweinen, das Gefühl ist da und ergreift die anderen. Sie spüren es auch. Doch ich nehme mich zurück. Mache es kurz. Die nächste Person kommt dran. Die anderen teilen. Der Workshop geht zu Ende. Zwei Frauen geben mir Rückmeldung: das sei sehr mutig gewesen.
Sie fuhren noch mit mir in der U-Bahn Richtung nach Hause. Wir reden noch darüber und zum Abschied drücken sie mich ganz herzlich. Wir waren in Kontakt, in echter Verbindung, tief, ehrlich, gefühlt. Es war für mich ein sehr intensiver Prozess auch nach dem Workshop, ich habe viel geweint und Schmerz gefühlt. Ich war noch den ganzen Sonntagabend und den Montagvormittag „entrückt“, ganz tief im Gefühl. Erst am Montagnachmittag war ich wieder im Alltagsbewusstsein und konnte ins Büro gehen. Da ging es mir dann sehr gut, ich war energetisch und kreativ.
Ich glaube, in diesem Tiefenprozess wurde viel geheilt. Heute, am Freitag, spüre ich so viele Gefühle: Freude, ausgelassene Lust, aber auch Widerwillen, wenn mir etwas nicht gefällt.

 

Am Donnerstagmorgen hatte ich noch eine emotionale Tiefenerfahrung. Ich war in einer Aqua-Wellness-Behandlung im Liquidrom, Berlin, mit einer Körpertherapeutin. Das ging auch nochmal tief. An dem Wochenende waren am ersten Tag die Eltern das Thema. Ich hatte viele Anklagen gegen meine Mutter, die mich emotional nicht richtig behandelt hat. Ich sah aber in diesem zweiten Prozess, dass viel von dem Schmerz mit meiner Oma zu tun hat, die uns tagsüber betreut hat, weil meine Mutter immer im Laden war. Und jetzt fühle ich weniger Wut und mehr Liebe für meine Mutter.
Ich hatte auch einen Kontakt mit meiner höheren Macht (Göttin) und spürte eine Riesenangst, dass ich verloren bin, wenn ich mich ihr hingebe. Weil ich ja nicht weiß, wie diese Beziehung ist. Gleichzeitig spürte ich, dass es die primäre Beziehung ist, es war so eine Art Sehnen und eine Anrufung, die ganz aus meinem Gefühl kam, spontan und total emotional. Und ich erkannte, dass mir diese Beziehung zu Göttin-Gott meine ganzen Schatten zeigen kann und in der Hinbewegung zu Göttin-Gott diese Schatten verarbeitet werden. Das war auf dieser tiefen-emotionalen Ebene ganz klar. Und ich konnte diese Angst deutlich spüren. Wenn Menschen Gott ablehnen, dann ist das keine moralische Schwäche oder Bosheit, sondern die nackte Angst. Diese Angst ist natürlich die Angst vor dem real erfahrenen Verlassenwordensein in der Kindheit.
Die Frau begleitete mich sehr liebevoll und wir waren ca. 1,5 Std. im Wasser und immer in körperlicher Berührung. Es war so eine Art Floaten, die meiste Zeit lag ich auf dem Rücken, auf Schwimmhilfen, und sie bewegte mich. Manchmal rollte sie mich wie ein Baby ein. Meine Augen waren geschlossen, das (Salz-) Wasser hatte 36°, unter Wasser wurde schöne indische Musik eingespielt. Als es dann darum ging, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und aus dieser Geborgenheit herauszugehen, spürte ich auch nochmal ganz viel Schmerz. Mir wurde klar, dass ich in der frühen Kindheit ausgesetzt wurde, bevor ich selbst dazu bereit war. Da war also die Unterbrechung. Ich hatte großen Schmerz und auch etwas Angst, die Stange am Beckenrand zu ergreifen und mich da alleine festzuhalten. Es dauerte lange, ich musste nochmal viel weinen. Ich wartete auf das Gefühl, jetzt alleine sein zu wollen. Ich überließ meinem Körper die Führung. Es dauerte lange, bis meine Hände wirklich die Stange festhielten und noch viel länger, bis meine Beine mitspielten. Mein Erwachsenen-Ich beobachtete das alles innerlich und ich wusste kognitiv, dass ich ja nicht ewig in dieser schützenden Geborgenheit mit der anderen Person bleiben konnte. Aber ich ließ den emotionalen Prozess zu und nahm mir alle Zeit, die ich brauchte, und so kam es zu einem von mir gefühlten Abschluss der Ablösungsbewegung. Die Therapeutin war bis zum Schluss bei mir und in Berührung. In der Nachbesprechung sprach sie selbst davon, dass dieser Übergang die heikelste Situation ist.

Meine Interpretation: Wenn in der Kindheit diese Trennung zu früh erfolgt, zerstört das die innere Ganzheit, weil es eigentlich eine Bewegung zu mir hin ist, die freiwillig erfolgen muss, dann wenn ich bereit dazu bin, also den Mut und das Selbstvertrauen dazu habe. Wenn dieser Übergang klappt, ist alles gut. Es ist eigentlich auch ganz einfach. Die Eltern müssen einfach lange genug da bleiben, bis das Kind sich von selbst ablöst. Wenn das einmal gut gegangen ist, ist es das nächste Mal schon ganz leicht und geht schnell. Wenn es aber schief gegangen ist, bleibt da erstmal ein Bruch, und den zu heilen ist in etwa so schwer wie ein zerbrochenes Glas zu flicken. Es wird immer eine Sollbruchstelle haben und auch nicht mehr schön aussehen. Es ist nicht mehr ganz. Gleichwohl glaube ich, dass bei mir eine Ganzwerdung möglich ist, ich bin ja schließlich kein Glas!

Was auch noch sehr bemerkenswert, aber am Anfang gar nicht schön war: der emotionale Kontakt zu der mich behandelnden Person. Am Anfang war ich noch verspannt und fühlte mich sehr getrennt. Ich fand, dass mich der Kontakt nicht befriedigte. Sie berührte mich zwar und hielt mich im Wasser, aber ich konnte sie nicht berühren. Ich hatte auch Gedanken, dass ich eher eine sexuelle Befriedigung bräuchte. Dabei hatte ich aber auch viele schmerzhafte Gefühle des Verlassenseins und der Einsamkeit. Ich weinte wieder und ließ die Gefühle zu, so gut ich konnte. Erst in der zweiten Hälfte der Zeit entstand dann echte Nähe, die aber rein sensuell und nicht sexuell war. Das Vertrauen und die gewachsene Intimität gaben es jetzt her, dass wir uns gegenseitig berührten, indem sie mich hielt und ich meinen Arm um sie legte oder meinen Kopf anlehnte. Das fühlte sich echt an, in Kontakt. Es geht um innere, seelische, emotionale Nähe, um gefühlte Verbindung. Die sexuellen Wunschgedanken waren verschwunden. Sie waren tatsächlich süchtige Motive, um den Schmerz der Getrenntheit zuzudecken, also um nichts zu fühlen. Auch hier ist wieder etwas geheilt, indem ich die echten aufrichtigen Gefühle des Schmerzes zugelassen habe.
Ich hatte dann heute im Email-Kontakt mit einer attraktiven Freundin keine übergriffigen sexuellen Phantasien. Stattdessen konnte ich sie in ihrer Ganzheit und persönlichen Eigenständigkeit respektieren und fühlen. Es gab kein lüsternes Verlangen.

Ich finde es total schön, diese Gefühle durchleben zu können und darin zu heilen, meinen kleinen Ronald in den Arm zu nehmen und mir selbst ein Vater zu werden. Ich glaube fest daran, dass diese alten Gefühle nur einmal gefühlt werden wollen und wenn das ganz und gründlich geschehen ist, lassen sie uns für immer in Frieden und wir sind wieder heil.

Standard