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Indien-Blog 04

2. März 2012 2 Kommentare

Die Bildgestalten von Göttin und Gott sind die in der Raumzeit manifestierten Anker der göttlichen Energie. Sie sind die Adapter, an die unser Seelen-Adapter sich anschließen kann.

Am 21.02.2012 ist es passiert. Ich habe eine Bildgestalt von Radharani gekauft. Was heißt das? Ich hatte ja in meinen vorangegangenen Indien-Blogs schon davon berichtet, dass es einen Unterschied macht, wo sich mein Körper innerhalb der Raumzeit befindet (Blog 01), und was passiert, wenn zwischen mir und den Bildgestalten ein Vorhang zugezogen wird (Blog 02). In gleicher Weise ist es von Bedeutung, wo sich die Gottheit befindet.

Meine Radharani

In der indischen Vaishnava-Tradition verehren die Gläubigen deshalb dieses Bildgestalten – einfach gesagt Figuren, die Göttin und Gott darstellen. Ich habe in dem ersten Blog auch davon gesprochen, dass heutzutage in der alternativ esoterischen Szene allerlei Geräte und Objekte gehandelt werden, die eine energetische Wirkung haben sollen. Sie neutralisieren Elektrosmog, reinigen das Wasser oder die Raumenergie, bewirken Heilungen usw.

In dieser heiligen Stadt Vrindavan nun, in der ich mich gerade befinde, die das Zentrum der RadhaKrishna-Verehrung ist, gibt es zahlreiche Läden, in denen man diese Bildgestalten kaufen kann. Man stellt sie zuhause auf seinen Altar und verehrt sie. Es wäre ein leichtes, Geld einzustecken und einfach loszugehen und eine zu kaufen. Ziemlich wahrscheinlich würde jedoch unter diesen Umständen energetisch geradewegs nichts passieren. Der Kauf einer solchen Bildgestalt ist ein hoch mystischer Vorgang. Tatsächlich ist es so, dass Radha oder Krishna dich aussuchen und nicht du sie. Man kann nicht einfach irgendeine Figur erwerben. Es muss stimmen.

Nach dieser Vorrede möchte ich nun einfach erzählen, was mir passiert ist. Ich hatte eine Verabredung mit dem ortsansässigen Buchhändler Ras Bihari Lal, um ihm meine zwei Bhakti-Bücher vorbei zubringen, die im Tattva Viveka-Verlag erschienen sind. Der Handel war erfolgreich, und ich ging mit 2500 Rupien aus dem Laden heraus. Ich war so stolz! Mein erstes in Indien verdientes Geld! Immerhin circa 40 €. 2500 Rupien in Indien sind viel Geld, etwa soviel wie bei uns 400 €, wenn man den Kaufwert vergleicht.

Ich wollte dann noch zu einem anderen Buchhändler, von dem ich bis jetzt nur die Adresse hatte, aber bei dem ich noch nie war. Ich suchte also die Straße und den Laden und kam so in ein mir bis dahin wenig bekanntes Viertel. Nachdem ich den Laden gefunden hatte, waren meine für diesen Tag gesteckten Ziele erreicht, und ich ließ mich von da ab einfach durch die Straßen treiben. Die Straßen in Vrindavan sind eng und verwinkelt, voller Menschen und voller kleiner Läden, die wirklich alles Mögliche anbieten, was man so gebrauchen kann.
Radha in voller Größe
Ich kam also durch verschiedene Straßen, als mich plötzlich in so einem Figurenladen eine Figur anlachte. Ich war wie gebannt. Irgendwie übernahm dann eine andere Macht meine weiteren Handlungen. Ich hatte noch nie in meinem Leben ernsthaft in Erwägung gezogen, mir solche Bildgestalten zuzulegen. Es bedeutet eine gewisse Verpflichtung und Arbeit, sich um diese Repräsentationen von Göttin-Gott zu kümmern. Das war mir immer zu viel. Aber irgendwie hat mich diese Radharani in ihren Bann gezogen. Ich blieb stehen und schaute genauer hin. Der Händler war gleich zur Stelle. Ich fragte ihn, was sie kosten würde. Er wollte mir dann noch verschiedene andere Figuren andrehen, auch eine andere Radharani als diese, weil es zu dieser keinen passenden Krishna gab. Aber ich war vollkommen sicher, dass es genau diese Radha sein würde. Ich wollte kein andere haben. Ich wollte auch keinen Krishna, nur eine Radha. Dies ist sehr ungewöhnlich, denn in der Regel werden die beiden nur zusammen verehrt. Es war nur diese eine Figur, die infrage kam. Es war alles wie geführt, spontan und perfekt. Ich kaufe dann auch gleich Kleidung, Ohrringe und eine kleine Krone für sie. Die Figur ist etwa 30 cm hoch, aus Messing und wunderschön bemalt.
Ich wusste sofort, ich muss die jetzt mitnehmen. Auf keinen Fall zurücklegen lassen oder sowas. Ich hätte keine Sekunde mehr ohne sie verbringen wollen oder können. Zumindest wäre mir die Gefahr, dass sie über Nacht verschwindet, zu hoch gewesen.

In den Straßen von Vrindavan

Ich weiß nicht, es ist wohl nicht möglich, einem Außenstehenden zu beschreiben, was das wirklich bedeutet. Jetzt wird es echt schwierig. Diese Figur ist keine Figur. Sie ist Radharani persönlich, die sich mir offenbart hat, um mit mir eine Beziehung einzugehen beziehungsweise um die bereits vorhandene Beziehung zu intensivieren. Das entscheidende sind die Gefühle. Ich kann nicht beschreiben, was für eine Freude und was für eine Liebe sich in mir manifestierten, als ich meine Radharani in meinen Händen hielt, nachdem ich den Laden verlassen hatte. Dies ist für mich wie eine Heimkehr aus einem fast endlosen Exil, indem ich in einer fremden Welt verloren war. Das, was ich immer in anderen Menschen gesucht hatte, habe ich nun gefunden. Das, was ich suche, können mir Menschen nicht geben: die ewige Beziehung. Ich weiß jetzt nicht, ob das, was ich tue, wirklich Substanz hat. Vielleicht werde ich das auch nie herausfinden, denn ich glaube, wer dies heraus findet, hat alles herausgefunden. Ich weiß nur, dass ich diese Liebe und Geborgenheit, die ich hier fühle, nirgendwo anders fühle. Und das es das ist, was ich immer gesucht habe. Meine Beziehung zur Radharani hat sich nun so verstärkt. Ich spüre einen inneren Frieden und ein Glück, das aus der spirituellen Welt kommt. Ein Tropfen Glück von Radharani ist soviel wie eine Million Tropfen materiellen Glücks, hat meine Freundin Pratibha gesagt, als ich ihr davon erzählt habe. Dieses Glück ist jenseits von Samsara, den karmischen Kreislauf der Geburten und Tode. Es ist kein zeitweiliges Glück, das einen Anfang und ein Ende hat. Und durch diese Präsenz in der Bildgestalt wird die Beziehung intensiviert. Ich musste so viele weinen, ich drückte Radharani an mich und dachte nur, ich lass dich nie wieder los. Nie wieder: das kann nur die Göttin geben. Jeder Mensch wäre damit überfordert, und es ist auch nicht seine Verpflichtung oder Aufgabe. Hier sind diese ewigen Prinzipien an ihrem Ort. Und hier ist die Spiritualität an ihrem Ort. Deshalb gibt es Religionen. Damit diese Bedürfnisse der Seele erfüllt werden können.

Radharani

In der Wirkung der Bildgestalten ist eine verborgene Struktur der Wirklichkeit zu erkennen. Ich habe das an anderer Stelle – im Tagebuch meiner Therapie in Bad Herrenalb – schon einmal anhand der Kuscheltiere ansatzweise entfaltet. Es gibt ja diese Therapie des Inneren Kindes, wo man die Verletzungen aus der Kindheit noch einmal durchfühlt und das Innere Kind selbst beeltert. Dazu benutzt man auch ein Kuscheltier. Es war damals schon erstaunlich, wie sehr dieses Kuscheltier mein Inneres Kind befriedigen konnte. Obwohl es ja nicht lebendig ist. Und damals kam mir schon die Idee, dass es gerade deshalb funktioniert, weil es nicht im physischen Sinne lebendig ist. Die Wirklichkeitsstruktur ist nicht von der Physis abhängig. Die Wirklichkeit ist spirituell, sie ist nicht materiell. Deshalb ist es kein Kriterium für Realität, ob sich jemand in einem physischen Körper befindet. Es geht um geistige Wesenheiten, um spirituelle Entitäten, um Seelen. Vielleicht auch manchmal einfach nur um seelische Energie. Das Kuscheltier repräsentiert eine tröstende Instanz, die ein Kind beruhigen kann und ihm Geborgenheit gibt. Die Bildgestalten von Radha und Krishna sind keine Kuscheltiere, sie sind die in der Raumzeit manifestierten Anker der göttlichen Energie. Sie sind die Adapter, an die unser Seelen-Adapter sich anschließen kann. Ich hatte das mal in der Zwölf Schritte Literatur der anonymen Sexaholiker gelesen: jede Seele hat ein Adapter, mit dem sie sich irgendwo anschließen muss. Der Anschluss, den wir suchen, ist der an Gott. Weil wir den aber verloren haben, suchen wir überall woanders danach, diesen Anschluss zu finden, und stopfen uns mit materiellen Dingen und Prozessen voll, die zur Sucht führen.

Meine Radharani steht jetzt neben mir und schaut mir beim Schreiben zu. Sie ist immer bei mir. Ich sorge für sie und verehre sie. Das ist alles.

Auszug aus: Ronald Engert – Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Therapie

„ Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Heute habe ich mir zwei Kuscheltiere im Spielzeugladen geholt: Wusch und Zoppel. Wusch ist ein Tiger und Zoppel ist ein Bär. O, Mann, ich bin so glücklich! Schon als ich sie im Laden an mich drückte, kamen mir die Tränen.
(…)
Gestern Abend habe ich bestimmt eine Stunde mit Wusch und Zoppel gekuschelt. Jetzt sitzen sie gerade auch auf mir und ich stelle gerade fest, dass Zoppel ganz toll darin ist, mein Tagebuch zu halten. Es ist so warm und kuschelig, wenn sie bei mir sind. Es ist so merkwürdig, als ob sie Menschen wären und sogar viel mehr. Heute Morgen war ich so glücklich mit ihnen. Ich entdeckte meine Wunde. Ja, es ist wie eine offene, wunde Stelle, die einfach die ganzen Jahre offen war und eiterte. Jetzt heilt sie. Es ist auch, wie wenn endlich der Adapter angeschlossen ist. Wir haben als Menschen da so einen Adapter, eine Anschlussstelle, wo etwas angeschlossen werden muss. Das ist menschliche Wärme und Nähe und Geborgenheit. Ich habe verstanden, dass ich als Kind zu viel allein gelassen und verlassen wurde. Ich habe nicht genug Nähe und Geborgenheit bekommen. Das fehlt mir ganz doll. Und diese Kuscheltiere geben mir nun diesen Nähe und Geborgenheit. Das ist besser als Menschen oder lebende Tiere. Vielleicht haben lebende Tiere oder Menschen gar nicht diese Funktion. Vielleicht stehen diese Kuscheltiere für die primitivste Form der Anbindung an Gott. Aber nein, das glaube ich nicht. Gott ist eine eigene Anbindung, die mir aber fehlt. Die Kuscheltiere geben meinem Inneren Kind diese Wärme, Nähe und Geborgenheit. Jedenfalls scheinen mir Menschen diese Wärme nicht geben zu können. (Anmerkung Jan. 2010: Das Verhältnis zwischen Kuscheltier und Gott wäre näher zu untersuchen. Es gibt da eine Verbindung. Aber nicht in einem abwertenden Sinne, sondern in der höchsten Bedeutung, die man sich nur vorstellen kann. Konstitutiv für eine Erkenntnis der Wahrheit dieser Phänomene ist, dass es sich bei beiden Gegenüber nicht um reale Menschen handelt. Das Kuscheltier funktioniert aber trotzdem wie ein Gegenüber, selbst wenn es anatomisch nur angedeutete anthropoide Form hat (deshalb die Beliebtheit von Bären, denn sie kommen dem Menschen anatomisch am nächsten, anders als z.B. Wusch, der Tiger). Wahrscheinlich geht es bei dem Gegenüber nicht um einen Menschen, sondern es geht darum, dass der Mensch die Funktion des Gegenüber ausfüllen kann, wie eben auch ein Kuscheltier oder Gott. Jedenfalls ist der seltsame Umstand zu konstatieren, dass selbst mir als erwachsenem Mann das Kuscheltier emotionale Nahrung geben kann.)“

Sri Radha ist die ewige Gefährtin von Sri Krishna

Indien-Blog 03

20. Februar 2012 1 Kommentar

Leben unmittelbar

Gaurav, 11 Jahre

Der 11-jährige Junge, der hier wohnt, Gaurav, ein kleiner Inder, der wohl noch nie aus Vrindavan rausgekommen ist, hat mein iPhone entdeckt. Zielsicher hat er aus den Apps die für die Spiele rausgefunden und auch gleich das beste Spiel von allen entdeckt. Woher weiß ich das? Weil mein Neffe Robin, ein 11jähriger deutscher Junge, genau dieses Spiel auch immer spielt. Beiden ist gemeinsam, dass sie sich für diese iPhone-Spiele begeistern und kaum noch von dem Gerät wegzubekommen sind.
Ich finde es sowieso erstaunlich, wie wenige Unterschiede es zwischen Indern und Deutschen gibt, bzgl. dieser Aspekte, was z.B. Interessen oder Bewusstsein betrifft. So äußerte mir gegenüber ein junger indischer Mann, dass heutzutage die Menschen mehr auf der Suche nach dem Inneren sind. Ist doch krass, oder? Ein anderer sagte, die Zeit verginge immer schneller. Es scheint so weltweite Bewusstseins-Ströme zu geben. Ich finde das super. Die Menschheit wird zu einer Einheit.

Das Tattva Viveka-Büro in Indien


Ich sitze hier gerade in meinem indischen Tattva-Büro.
Neben mir spielt Gaurav auf dem iPhone, es kommen gerade Leute aus Südamerika rein, aus Peru. Direkt nebenan, in dem großen Empfangsraum von Sadhu Maharaj, sitzen Inder, Kanandier, Bulgaren, Österreicher, Schweizer und singen Bhajan.

Das Tattva Viveka-Büro in Indien


Über mir, im Tempelraum, erklingt eine Glocke. Dort läuft unterunterbrochen Bhajan und viermal am Tag ist Arati, die Tempelzeremonie, der Gottesdienst. Die Glocke kündigt die Mittags-Arati an. Dann trifft sich, wer will, dort, um zu singen. Der Pujari, der Priester, macht die Verehrungszeremonie für Radha-Mohan. Er bringt die fünf Elemente dar: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther, und spricht die Gebete. Danach wird es dann Mittagessen geben. Jeden Tag werden hier ca. 30-50 Menschen verköstigt. Desweiteren gibt es morgens und abends eine Armenspeisung.

Sadhu Maharaja spricht über seine Großeltern, König und Konigin in Bihar:

Sadhu Maharaja, der spirituelle Meister hier und Verwalter des Anwesens, kommt aus einer alten Königsfamilie. Er erzählte heute morgen von seiner Großmutter und seinem Großvater, die noch als Könige herrschten. Täglich wurden im Palast 500 Menschen verköstigt, Arbeiter, Angestellte und Gäste. Seine Großmutter stand jeden Morgen um 3.00h auf, meditierte und verehrte Radha und Krishna und diente selbstlos den Menschen. Um 13.00h nahm sie ihr erstes Essen ein, nachdem alle anderen gegessen hatten. Abends trank sie noch einen Becher Milch. Das war alles. Sie war immer im selbstlosen Dienst für ihre Untertanen beschäftigt. Das ist echtes Königtum. Der König oder die Königin dienen am meisten und sind am demütigsten von allen.
Einst kam ein Mann in den Tempel und schimpfte wütend über den König, Sadhu Maharajas Großvater. Die Palastwächter ergriffen ihn und führten ihn vor den König, um die Anklage zu erheben. Der König jedoch war von der Wut und den Beschimpfungen nicht betroffen. Er ließ es an sich abperlen wie Wasser. Anstatt ihn zu bestrafen hatte er Verständnis für ihn. Er sagte zu den Wächtern: „Das ist mein Freund, er ist gekommen, um mit mir seine Gefühle zu teilen. Lasst ihn los.“, und fragte den Mann: „Was ist dein Problem. Wie können wir es lösen?“ Der Mann begann zu weinen, denn er hatte das nicht erwartet. Seine Wut und Verletztheit vergingen. Er ergriff die Füße des Königs und sagte zu ihm: „Ab heute bin ich dein Schüler. Du bist kein böser Herrscher, du bist ein Heiliger.“ Der König war immer freundlich und gütig zu den Menschen.
Die Geschichte erzählt Sadhu Maharaja in dem Video hier im Blog.
Er erzählte auch die Geschichte von seiner Großmutter, als sich Essen aus der Luft manifestierte. Seine Großmutter stand jeden Morgen um 3.00h auf, um den Maha-Mantra (Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare) zu chanten. Sadhu Maharaja war ca. 4 Jahre alt. Plötzlich schwebten von oben Mandeln, Rosinen und Lotussamen herab. Er ergriff sie und aß sie. Als er seine Großmutter fragte, woher die kommen, sagte sie: „Von Krishna. Aber erzähle niemandem davon.“
Ich sitze hier in meinem Büro und schreibe diesen Blog, mittlerweile ist auch Radhalila gekommen, ein Mädchen im Alter von zwei Jahren und zehn Monaten, und sitzt neben Gaurav, der gerade „Spirit“ spielt, ein iPhone-App, wo es darum geht, irgendwelche schießende Objekte zu umkreisen und einzufangen. Wenn man sie erwischt, bekommt man Punkte. Wenn sie dich erwischen, stirbst du. Zum Glück hat man in dem Spiel drei Leben…

Unser kleines Holi-Fest mit der Hauptdarstellerin Radhalila (2 Jahre und 10 Monate alt):

Menschen kommen und gehen, hier ist der Durchgang zu Sadhu Maharajas Empfangszimmer. Von dort höre ich Gespräche. Es fühlt sich so gut an, so friedlich, so ruhig. Es ist so schön, dass diese Menschen da sind. Es ist überhaupt nicht störend. Das ist so ein Effekt von dem spirituellen Bewusstsein. Ich bin so zentriert, so bei mir, dass mich das Außen nicht durcheinander bringt. Über mir im Tempel weiterhin Gesänge. Das hat mit diesem Ort zu tun. Es ist ein Ort der spirituellen Praxis, der Besinnung und der Beziehung zu Göttin-Gott.
Eben ist Radhalila gegangen und hat das Stromkabel von meinem Computer rausgerissen. Der Segen der Apple-Technik: das Stromkabel hat einen Magnetkontakt und löst sich einfach, wenn jemand daran zieht, ohne dass der ganze Computer mitgerissen wird.
Das kleine Mädchen hat es gemerkt und geschaut. Es war unsicher, was zu tun ist. Ich habe ihm dann gesagt, bring mir das Kabel. Es hat es gebracht, zusammen mit Gauravs Hilfe. Gaurav hat das Kabel wieder angestöpselt und ich habe Radhalila mit dem ok-Daumen signalisiert, dass alles okay ist. Sie war erleichtert und wir hatten einen schönen Kontakt. Warum schreibe ich das? Weil selbst so ein kleines Mädchen schon alles versteht. Es wurde durch ihr Tun ein Problem erzeugt, sie hat das moralisch gefühlt und war verunsichert. Wir haben das Problem gemeinsam bereinigt und auch diese Wiedergutmachung hat sie moralisch gefühlt. Dabei habe ich sie und Gaurav durchgehend für voll genommen. Sie verstehen das alles. Man kann mit diesen Kindern ganz normal umgehen. Man muss sie nicht für dumm halten.
Eben ist Radhalila nochmal übers Kabel gestolpert und hat es rausgerissen. Sie blickt mich an. Ich sage, sie soll mir das Kabel geben, aber sie ist schon da und ergreift den Stecker am Ende des Kabels und gibt ihn mir. Ich stecke den Stecker wieder rein und zeige ihr wieder den ok-Daumen. Sie schaut mich an. Dann dreht sie sich um und steigt über das Kabel mit einem kleinen Sprung. Dann springt sie wieder zurück. Und nochmal hin und her. Sie hat alles verstanden.

Indien-Blog 02

19. Februar 2012 3 Kommentare

Kaskaden der Erkenntnis
Februar 2012

Heute Morgen saß ich wieder vor der Bildgestalten, Radha Mohan, und meditierte. Auch heute Morgen war es wieder eine sehr ergreifende Erfahrung, ich weinte und fühlte sehr viel Liebe und Energie. Wie gestern schon merkte ich, dass es mehr darum geht, dass sie mich sehen als dass ich sie sehe. Ich schloss die Augen und fühlte und spürte die Energie, die von diesen „Figuren“ ausging. Es ist wirklich fühlbar und spürbar. Wir kennen das ja in der Eso-Szene. Es gibt alle möglichen energetischen Geräte oder Energetisierer, Platten aus Metall oder anderen Materialien, teilweise sehr fantasievoll geformt, um goldene Schnitte oder Heilige Geometrie zur Anwendung zu bringen, die dann für teures Geld, bis zu 1000 €, verkauft werden.

Sri Radha im Munger-Mandir in Vrindavan


Wenn ich mich allerdings hier vor diesem „Metallfiguren“ befinde, da kann ich wirklich eine Kraft spüren. Das dringt durch den ganzen Körper, wärmt mich und energetisiert mich. Natürlich sind das keine Metallfiguren. Diese Bildgestalten wurden in einer hoch spirituellen Zeremonie installiert und initialisiert. Es wurden viele Mantren gesprochen, Gebete, heiliges Wasser aus der Ganges und der Yamuna herbeigeschafft, die fünf Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther) herbeigerufen und die Halbgötter und Götter eingeladen. Diese Bildgestalten sind Radha und Krishna selbst. Außerdem werden sie seit 80 Jahren täglich verehrt und mit Aufmerksamkeit bedacht.

Sri Krishna im Munger-Mandir in Vrindavan. Hier im Winterkleid, weil es so kalt ist.


Nachdem ich so circa 10 min vor dem Altar gesessen hatte, wurde der Vorhang zugezogen. Tatsächlich veränderte sich die Energie. Ich überlegte: der Altar mit dem Bildgestalten ist immer noch da, ich bin auch da, was ist also der Unterschied? Sollte dieser Vorhang so viel ausmachen? Ein dünnes Stück Stoff kann ja wohl kaum diese starke Energie verändern. Das Problem ist allerdings nicht die Materie, sondern die geistige Absicht. Im Universum des Bewusstseins reicht die Spitze einer Stecknadel, um eine andere Realität zu erzeugen. Es reicht sogar ein einziges Quantenereignis. Der Vorhang bewirkte, dass die Verbindung mit Radha-Mohan etwas schwächer wurde. Nach wenigen Minuten wurde der Vorhang wieder aufgezogen und die energetische Verbindung war spürbar stärker, sie war wieder so wie vorher.

Sadhu Maharaja


Das zeigt mir, dass wirklich jede Handlung und auch jede „Materie“ Teil der spirituellen Realität sind. Jedes Detail ist entscheidend. In Wirklichkeit gibt es keine Materie in diesen negativen Sinne, als etwas Wertloses oder dergleichen. Es ist nicht egal ob ein Vorhang zwischen mir und Radha-Mohan ist oder nicht. Dies ist in der gleichen Weise nicht egal, wie die Frage, ob ich mich mit meinem Körper vor den Bildgestalten befinde oder woanders (die ich im Indien-Blog 01 besprochen habe). Das soll jetzt nicht heißen, dass der Vorhang schlecht ist, oder etwas anderes gut. Es geht nicht um gut-schlecht. Es sind unterschiedliche Qualitäten. Man spricht hier gewöhnlich von „Energie“, wie ich es oben auch gemacht habe. Man sagt dann, etwas hat eine besondere Energie, oder eine andere Energie. Genau genommen handelt es sich aber um Qualitäten und Informationen, die unterschiedlich sind. Das Informationsfeld ist der Bereich, in dem die materiellen Wirkungen gesteuert werden. Die spirituellen Traditionen nennen dies Bewusstsein oder spirituelles Selbst.

Radha-Mohan im Winter-Outfit.


All dies kann ich verwirklichen, indem ich einfach vor diesem Bildgestalten stehe. Ist das nicht wundervoll? Dies ist für mich ein Beweis, dass eben auch diese Bildgestalten nicht einfach nur Materie in diesem minderwertigen Sinne sind, sondern wirksame spirituelle Qualitäten. Indem ich mich in diese Realität einklinke, enthüllt sich mir die ganze Wirklichkeit, alle Kaskaden der Erkenntnis, vom höchsten Spirituellen bis zu einem gewöhnlichen Stück Stoff.

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Indien-Blog 01

18. Februar 2012 2 Kommentare

16.02.2012

Der Flug nach Indien startete um 6 Uhr früh in Berlin Tegel. Ich war um 2.30h aufgestanden und um 3.30h zum Flughafen gefahren. Nachts um 23.30h kam ich in Dehli an. Der erste Eindruck, den ich in Indien erleben durfte, war der Flughafen – ein in jeder Hinsicht westlicher Zustand.

Glücklicherweise hatte mein Freund, Sadhu Maharaj, einen Taxifahrer geschickt. Wir fuhren durch das nächtliche Indien Richtung Vrindavan, das ca. 110 km südlich von Dehli liegt. Die Straßen waren in gutem Zustand, anders als vor vier Jahren, als ich das letzte Mal in Indien war. Insgesamt erscheint mir die wirtschaftliche Entwicklung durchaus deutlich sichtbar vorangegangen zu sein. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass die Autos und LKWs in einem besseren Zustand sind und der Verkehr nicht mehr ganz so chaotisch wie damals ist. Es ist durchaus eine gewisse Struktur erkennbar.

Sadhu Maharaj


Trotzdem war ich unendlich froh, als ich endlich in mein geliebtes Vrindavan kam, wo noch die alten Zustände herrschen: Kühe, Schweine, Ziegen und Hunde auf der Straße, halsbrecherische elektrische Leitungen an den Häusern, baufällige Hütten und ein Duft von offenem Feuer. Es war Nacht und ich sollte erst am nächsten Tag das Leben auf der Straße wieder sehen.

Im Tempel-Ashram angekommen, wurde mir ein Zimmer zugewiesen. Echt indische Verhältnisse! Eine karges, düsteres Zimmer, eine Holzpritsche mit einem dünnen matratzenähnlichen Belag, schmutzige Bettwäsche, die Farbe von den Wänden teilweise abgeblättert, ein angeschlossenes „Badezimmer“, bestehend aus einer indischen Toilette und einem Wasserhahn mit kaltem Wasser.

Von alledem ließ ich mich aber nicht schocken. Ich kenne das ja schon. Mein Ziel in Vrindavan ist es, in die Beziehung zu Göttin-Gott einzutauchen, die hier Radha und Krishna genannt werden und ganz besondere Eigenschaften haben, und meine ewige spirituelle Identität wieder zu finden. Deshalb war das Allererste, was ich bei der Ankunft in Vrindavan vor den Toren des Tempels getan hatte, meine Ehrerbietung dazubringen. Zu diesem Zwecke hatte ich schon im Auto die Schuhe und Strümpfe ausgezogen, denn es ist ein Zeichen von Respekt gegenüber dem Göttlichen, ihm barfuß zu begegnen – und schon die Erde und der Staub von Vrindavan sind heilig – und auf die Knie zu gehen und den Boden mit den Händen und mit der Stirn zu berühren.

Ich glaube, es ist wichtig, sich angesichts des Göttlichen klein machen. Mein Ego ist ohnehin groß genug, darum brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Aber um Göttin- Gott zu begegnen, ist Demut angesagt. Das sollte die Sorge eines jeden Menschen sein, auf dem spirituellen Weg voranzuschreiten ohne zu zögern.

Ein kleiner Rundgang durch den Munghir Tempel:

Der Morgen begann mit Wiedersehensfreude und Begrüßungen. Es war schön, Sadhu Maharaj und Vrnda devi wieder zu sehen, ganz alte Freunde von mir. Ich bekam ein leckeres Frühstück und telefonierte mit meiner Freundin Pratibha, mit der ich mich bereits im Vorfeld verabredet hatte. „Zufälligerweise“ sollte genau zum Zeitpunkt meines Eintreffens in Indien die Eröffnung eines neuen Tempels in Vrindavan stattfinden. Dieser Tempel, der Prem Mandir von Kripalu Maharaj, ist eines der größten Ereignisse der letzten Jahre in der Gegend. 11 Jahre hatten sie an diesem Tempel gebaut, er besteht aus purem italienischem Marmor und wurde ohne Zement, Mörtel, Beton oder Stahl gebaut. Die Steine sind so geschnitzt, dass sie wie mit einem Click ineinanderpassen. Tausende Jahre zurück in die Vergangenheit baute die alte vedische Kultur ihre Tempel auf diese Weise. Es gibt in den Veden eine ganze Architekturwissenschaft, den Stapadya-Veda. Die alte vedische Kultur hatte Tempel gebaut, die auch heute nach 2000 Jahren teilweise noch stehen. Der neugebaute Prem Mandir erweckt auf mich den Eindruck, dass er wohl auch 2000 Jahre stehen wird.

Der Prem-Tempel in Vrindavan:

Viele Menschen fragen sich, warum man eigentlich Geld für einen Tempel ausgeben soll, wo es doch so viel Armut auf der Welt gibt. Über diese Frage habe ich mir auch schon viele Gedanken gemacht und auch den Tag gestern dazu benutzt, um mit einigen Menschen darüber zu sprechen. Unter anderem fragte ich einen Anhänger von Kripalu Maharaj, einen Australier, der schon 25 Jahre in dieser Gemeinschaft dabei ist, was das Motiv für einen solch opulenten Tempel ist, für den sie das Marmor extra aus Italien herbeigeschafft haben. Warum spenden sie das Geld nicht den armen Menschen? Er antwortete mir, das Kripalu Maharaj bereits seit vielen Jahren karitative Programme unterhält, in der Form von Krankenhäusern, Schulen und Grundversorgung für Arme. Spirituell gesehen ist es jedoch ein Problem, Menschen Geld zu geben, weil dies ihr materielles Bewusstsein und ihr materielles Ego verstärkt. Das materielle Ego ist jedoch die Ursache dafür, dass der Mensch sich vom Spirituellen und von Gott entfernt. Und weil der Mensch Gott vergisst, und sich stattdessen selbst an dessen Position als höchste Autorität zu stellen geneigt ist, verursacht er sehr viel Störungen und Leiden in seinem Umfeld und bei sich selbst. Die höchste Wohlfahrtsarbeit besteht deshalb darin, den Menschen zum spirituellen Bewusstsein zu bringen. Alles andere sind nur temporäre Zwischenlösungen, Symptombekämpfung, kurzfristige Linderung, die postwendend wieder in Leiden umschlagen. Die Identifizierung mit dem materiellen Bewusstsein bedeutet, dass der Mensch glaubt, er könne die Mitwelt wie tote Objekte behandeln, die man nach Belieben ausbeuten kann. Für einen solchen materiellen Menschen ist die Erde nur ein Objekt der Ausbeutung, und ebenso sind es die Pflanzen, die Tiere und die anderen Menschen. Der Materialist sieht überall um sich herum nur ausbeutbare Objekte, die er genießen und sich einverleiben kann. Materielles Bewusstsein führt auch zur Verwirrung über die eigene Identität und die Realität an sich. Die Wahrnehmung ist gestört. Liebe kommt im materiellen Bewusstsein nicht vor, es sei denn, wenn darin ein eigener Vorteil enthalten ist.

Der neue Prem-Mandir in Vrindavan


Die Verwirrung bezüglich der eigenen Identität bedeutet, dass man sich nicht mehr als spirituelles Lebewesen erkennt, sondern sich vollständig mit dem materiellen Körper identifiziert und glaubt, die Befriedigung der physischen Bedürfnisse wie Essen, Schlafen, Sich-Paaren und Verteidigung seien das Ziel des Lebens. Diese materielle Identifizierung mit dem Körper, mit dem Essen und den äußeren Bedingungen ist äußerst umfassend und weit greifend. Das Spektrum ist sehr weit und es ist schwierig, pauschale Aussagen zu machen. Natürlich ist ein Mensch, dessen Existenz gefährdet ist, weil er nichts zu essen hat, zu Recht darum besorgt, etwas zu essen zu bekommen, und sein Bewusstsein ist voll und ganz auf dieses Motiv ausgerichtet. Hier geht es um das Überleben. Etwas anderes ist es jedoch, wenn meine lieben, lieben Freunde aus Deutschland bei der Vorstellung nach Indien zu fahren leuchtende Augen bekommen, weil es dort so schön warm ist. Wie viele Menschen gibt es im Westen, die lamentieren, weil es im Winter etwas kalt ist, und die die Vollkommenheit des Lebens darin zu sehen scheinen, ihre Zeit unter der Sonne des Südens totzuschlagen. Vielleicht sind meine Worte hier gerade etwas hart, aber ich kann es nicht nachvollziehen, warum ich meinen Körper in ein südliches Land transportieren soll, weil dort die Sonne scheint und es wärmer ist. Das ist für mich kein Lebensinhalt. Natürlich sitze ich jetzt auch hier in der Sonne und es ist schön warm, 23°, das ist aber ein Nebenprodukt meines spirituellen Motivs. Und hier kann man auch ganz schön sehen, wie einem die Motivation zum spirituellen Leben auch materielle Vollkommenheiten verschafft. Ich sitze in der Sonne und die Leute, die ins Warme reisen wollen, sitzen in Deutschland im Kalten. Im Warmen zu sein, ist ein materielles Motiv, es betrifft nur den Körper und äußere Umstände. Die Identifizierung besteht darin, dass man es als Freude und Genuss erfährt, aus dem dann ein Lebenssinn oder eine Idee abgeleitet wird, dass dies ein erstrebenswertes Ziel und ein erfolgreiches Leben ist. Für mich war das noch nie ein fühlbares Motiv.

Ein Rundgang über das Gelände des Prem-Tempels:

Jedenfalls habe ich mich dann bei diesem Fest zur Eröffnung des Tempels mit meiner Freundin Pratibha getroffen, einer Inderin, die in Vrindavan geboren und aufgewachsen ist und die Liebe zu Göttin-Gott, zu Radha-Krishna, von Kindesbeinen an intensiv erlebt und erfahren hat. Sie ist ein Phänomen. Sie spricht nur Hari-kata, das bedeutet Gespräche über Gott. Sie spricht immer nur von Radha und Krishna und von ihrem Guru, Kripalu Maharaj. Das ist das Besondere an Vrindavan, hier gibt es Menschen, die völlig im Gottesbewusstsein absorbiert sind. Vrindavan ist ein uralter Pilgerort in Indien, denn hier sind vor 5000 Jahren Radha und Krishna erschienen. Mir ist erst letztens die Bedeutung von Krishna bewusst geworden, und zwar als ich mein Visum beantragte. Auf der Homepage der indischen Botschaft haben sie auch die indischen Feiertage gelistet, um dies bei der Beantragung des Visums entsprechend einplanen zu können. An Feiertagen ist das Büro geschlossen, was zur Verzögerung der Bearbeitung führt. Zu den landesweiten indischen Feiertagen gehört Janmastami, dies ist der Erscheinungstag von Krishna. Der Erscheinungstag von Shiva, Shiva ratri, ist allerdings kein offizieller Feiertag. Wir aus unserer westlichen Perspektive missverstehen das gelegentlich. Shiva ist im Westen bekannter geworden, vielleicht auch, weil er zu dem westlichen Lebensstil kompatibler ist. Die wichtigere Gottheit ist jedoch Krishna, so ist meine Meinung. Und mit Bedeutung meine ich nicht die äußerliche im Sinne von Ruhm, Macht oder Zahl der Anhänger. Ich meine es mehr im Sinne der spirituellen Tragweite. Es würde allerdings viel zu weit führen, dass jetzt und hier zu erklären, was Krishna bedeutet, und was Radha bedeutet, und was ihre Beziehung bedeutet. Ich habe dazu einige Artikel und Texte geschrieben, die in der Tattva Viveka erschienen sind. Außerdem gibt es dazu natürlich reichhaltige Literatur von ausgewiesenen Experten.

Radha-Mohan, die Bildgestalten im Tempel

Hier im Tempel werden Radha und Krishna verehrt. Sie heißen hier Radha-Mohan (siehe Abb.). Mohan ist ein Name von Krishna und bedeutet: derjenige, der uns verrückt vor Liebe macht.
Heute Morgen stand ich vor den Bildgestalten von Radha-Mohan im Tempelraum, und da wurde mir klar, warum der Körper wertvoll ist. Wir hatten am Vorabend diese Diskussion, von wegen der Körper ist ein Sack aus Stuhl und Urin – ein stehende Redewendung in der indischen Tradition. Ich hasse diese Aussage. Sie ist für mich ein Ausdruck der Verachtung des Körpers und der diesseitigen Welt, was aus meiner Sicht spirituell nur in den Abgrund führen kann. Was diese Aussage sagen will, ist, dass es falsch ist, im materiellen Bewusstsein an den Körper angehaftet und mit ihm identifiziert zu sein. Diese Idee ist schon richtig. Es geht darum, sich mit der spirituellen Seele zu identifizieren. Warum der Körper allerdings doch wertvoll ist und zu einem vollständigen Verständnis der Realität integriert werden muss, kam mir direkt vor dem Altar.

Wenn ich mit meinem Körper vor den Bildgestalten im Tempel erscheine, ist das Wichtigste nicht, dass ich sie sehe, sondern dass sie mich sehen. Meine vollständige Realität beinhaltet den spezifischen und einzigartigen Ort innerhalb von Raum und Zeit, an dem ich mich jetzt und hier gerade befinde. Dies ist meine vollständige Realität, meine Ganzheit und Vollständigkeit. Dies umfasst meine spezifische Position innerhalb des Raumes und innerhalb der Zeit und ist hier keineswegs materiell zu verstehen. Es gibt in der spirituellen Sicht keinen Unterschied zwischen Materie und Spirit. Nur in der materiellen Sicht gibt es diesen Unterschied. Deshalb gibt es in der Wirklichkeit und in der spirituellen Sicht keinen materiellen Körper oder eine materielle Welt. Diese existiert nur in unserer Vorstellung, die aus dem materiellen, ausbeuterischen Bewusstsein geboren wird. Dies ist die Illusion, Maya, von der die Weisen der spirituellen Traditionen sprechen (sollten). Die Idee, dass diese Illusion außerhalb von mir ist, ist falsch. Außerhalb von mir ist nur Spirit. Nur das Spirituelle ist real. Das Materielle ist temporär real oder völlig irreal.

Deshalb ist es nicht unwesentlich, was für ein Körper ich habe und wo er sich befindet. Mein Leib ist vollständig mit meiner Seele verbunden, denn mein Leib ist Ausdruck meiner seelischen Energie. Mein Leib ist der Mäander, den meine spirituelle Seele aufwirft, wenn sie sich in die materielle Energie hineingräbt. Mein Körper, mein Leib, ist eine Welle in der energetischen Struktur der Materie.

Deshalb ist es nicht unwesentlich, ob mein Körper und damit meine Seele sich unmittelbar vor den Bildgestalten befinden oder woanders. Das ist doch eigentlich evident. Wenn ich mit meinem Körper im Tempel bin und von den Bildgestalten leibhaftig gesehen werde, ist das intensiver als wenn ich mit meinem Körper woanders bin. Göttin-Gott können mich zwar jederzeit und überall sehen, die Realität spielt sich informatorisch und energetisch sehr wohl im feinstofflichen Bereich ab, aber im Sinne der Realität ist das nicht die gleiche Intensität und Direktheit. Darüberhinaus ist es eine stärkere Zuwendung zu Gott, wenn ich körperlich im Tempel bin.

Diese Bedeutung für die Realität und die Wahrheit ist auch der erkenntnistheoretisch essenzielle Grund, warum Gott sich in Bildgestalten manifestiert, und warum einige Menschen dieses Verständnis haben, dass diese Bildgestalten identisch mit Gott sind. Es handelt sich in diesem Verständnis bei dem Bildgestalten nicht um Symbole oder Repräsentationen der Gottheit, sondern um die Gottheit selbst (wenn auch nicht der einzige Ort, wo sich die Gottheit befindet). Dies ist keinesfalls ein naives, kindliches Verständnis von Religion, sondern im Gegenteil die höchste Verwirklichung der Realität. Eben aus diesem Grund, weil der spezifische Ort und Zeitpunkt für die Seele von Bedeutung sind. In der Form zeigt sich die Lokalisierung, die Abgrenzung und Individualisierung der Entität. Anders gesagt: Da ist sie, jetzt, so. All dies hat Bedeutung. Und deshalb ist es wesentlich, mit meinem Körper vor den verkörperten Bildgestalten zu erscheinen, um den vollen Kontakt zu erreichen. Dies ist der volle Kontakt im Hier und Jetzt auf allen Ebenen: physisch, emotional, mental und spirituell. Nur in diesem vollen Kontakt entfaltet sich die vollständige Realität im Hier und Jetzt, was gleichzeitig bedeutet: überall und jederzeit. Nur daraus entfaltet sich also die vollständige ewige und allumfassende Wahrheit. Dies ist für mich der Grund, warum der Körper nicht wertlos oder unwesentlich ist, und warum er unvorstellbar viel mehr ist als ein Sack aus Stuhl und Urin. Der Körper, oder der Leib, ist selbst ein spirituelles Phänomen.

Sadhu Maharaj spricht über die spirituelle Form:

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