Archiv

Archive for the ‘Indien-Blog 2013’ Category

Was tue ich, wenn ich befreit bin?

22. November 2013 3 Kommentare

IMG_3264Gestern wohnte ich einem Gespräch mit Sadhu Maharaj, unserem spirituellen Meister, bei, in dem er sagte, dass von 1000 Schülern vielleicht einer dabei ist, der diese innere Wahrheit aufnehmen kann und will, dass wir einen spirituellen Körper haben, mit dem wir im göttlichen Spiel teilnehmen.

Sobald wir nämlich materielle Wünsche haben, werden uns diese von diesem Motiv, den spirituellen Körper zu entdecken und zu kultivieren, wegtragen. Wir müssen erst alle unsere materiellen Wünsche erfüllt oder erledigt haben, bevor wir den spirituellen Wunsch und den dazu passenden Geschmack entwickeln, im spirituellen Zustand an der spirituellen Realität Gottes teilzuhaben.

Zudem bedarf es eine intellektuellen Großtat, nämlich dem kognitiven Verständnis, dass wir a) einen spirituellen Körper haben und b) mit diesem Körper auch noch ganz spezifische Handlungen ausführen, die darin bestehen, in einer weiblichen Form die Dienerin und Freundin der Göttin der Liebe zu sein und ihr und ihrem Geliebten zu helfen sich zu treffen.

Zahme Vögel singen von Freiheit. Die Wilden fliegen.

So gut wie alle Philosophien und Glaubenssysteme beschäftigen sich mit dem Problem des Leids und der Unfreiheit. Offensichtlich sind wir als Mensch und Menschheit in einem Zustand befangen, indem es uns an Glück, Freude, Erfolg, ewiger Existenz und ähnlichen Dingen mangelt. Die Philosophien und Religionen beschäftigen sich damit, den Menschen aus dem Leiden herauszuführen und ihm glücklich zu machen. Solange wir uns nicht aus dem Leiden befreit haben, sind wir gefangen. Das Ideal oder der vollkommene Zustand wird als ein Zustand der vollkommen Freiheit vorgestellt. Wir unterliegen keinerlei Begrenzungen mehr, sind in Frieden und Glückseligkeit angelangt. Der Gesang – also die Reden, Schriften, philosophischen Konzepte – besingt diese Freiheit.

Was tut man aber, wenn man befreit ist?

Die Frage, wie man befreit wird, muss geklärt werden. Dies ist schon ein sehr weiter Weg. Erst nach der Befreiung kann man sich darüber Gedanken machen, wie es nun weitergeht. Schon an diesem Punkt hat man seine materiellen Motive hinter sich gelassen. Allerdings ist der Weg der Befreiung nicht das gleiche wie der Weg der Freiheit. Befreiung bedeutet, dass man gefangen ist und aus dieser Gefangenschaft entkommen möchte. Man möchte sich befreien oder befreit werden. Nach der Befreiung beginnt die Freiheit. Wenn man auf dem Weg der Befreiung seine materiellen Motive hinter sich gelassen hat (diese Stufen zu erklären bedürfte einer längeren Ausführung, die ich aber überspringe), ist dies zunächst ein negativer Zustand. Ich will nicht mehr reich und berühmt werden. Ich will nicht mehr schön sein. Ich will nicht mehr Sex haben. Ich will nicht mehr in materieller Vollkommenheit leben usw. (Es ist nichts schlimm daran, Sex zu haben oder reich zu sein. Aber es ist nicht das höchste und letzte Motiv.)

Der Weg der Freiheit

Die Gesamtheit der materiellen Bedingtheit umfasst den zeitweiligen materiellen Körper, der den Begrenzungen von Raum und Zeit unterworfen ist. Dieser materielle Körper ist in einem erweiterten Verständnis aufzufassen. Er umfasst unsere physischen Körper, unseren materiellen Geist und unsere materielle Intelligenz sowie unser falsches Ego, mit dem wir uns mit diesen zeitweiligen und bedingten Umständen identifizieren und versuchen sie zu kontrollieren, um daraus Freude zu ziehen. Jenseits dieser Bedingtheiten gibt es kein Leiden und keine Illusion.

Der spirituelle Körper

Dieser erweiterte materielle Körper wird durch einen spirituellen Körper ersetzt. Wir nehmen eine spirituelle Identität an, die im Zusammenhang mit dem göttlichen Spiel steht. Diese spirituelle Identität existiert ewig und sie ist das, was ich wirklich bin. Ich habe diese ganzen Bedingtheiten hinter mir gelassen. Ich habe aufgehört zu kämpfen, weil der Kampf vorüber ist. Es gibt keine Gefangenschaft mehr. Das Thema der Befreiung ist erledigt. Ich bin befreit.

Ich bin immer noch ich. Vielmehr bin ich jetzt wirklich der, der ich bin. Ich bin immer noch ein fühlendes Wesen. Ich suche nicht mehr nach Liebe, ich liebe. Ich suche nicht mehr nach Glück, ich bin glücklich. Ich muss nichts mehr tun. Ich spiele. Ich habe liebevolle Beziehungen, die durch spirituelle Ekstase gekennzeichnet sind und kein Leiden hervorrufen – zumindest keines, dass die spirituelle Ekstase verhindert. Ich bin in meinem realen Geist, mit dem ich jetzt hier bin, in einer Meditation über diese Spiele.

IMG_3265Teilhabe am göttlichen Spiel

Ich fühle intensive Gefühle von Glück, Aufgeregtheit, Erstaunen, Begeisterung, Geborgenheit, Freude. Ich empfinde Wärme, Licht, Klang, Geruch und Geschmack. Ich sehe Gestalten um mich herum, die eine solche Liebe ausstrahlen, wie ich sie noch nie erlebt habe. Der spirituelle Körper der Göttin erstrahlt in einem unerklärlichen goldenen Licht und ist bedeckt mit Kunstwerken (Kleidung und Schmuck), wie ich sie noch nie gesehen habe. Es ist ein noch nie gesehener, überwältigender Anblick, der meinen Geist stutzig macht. Meine Augen können sich nicht mehr davon lösen. Ich schaue hin und fühle eine tiefe innere Ergriffenheit, ein grenzenloses Staunen, ein Gefühl, wie wenn ich eine Höhle voller Gold entdeckt hätte oder der beste Freund einer sehr berühmten und mächtigen Person wäre oder so etwas, etwas ganz Besonderes, Einzigartiges, noch nie Gesehenes. Eine unbeschreibliche Freude, ein Riesenglück. Das ist die Göttin.

Ich bin einfach dabei. Ich bin mit ihr vertraut. Was ist ihr größtes Sehnen? Was ist ihre größte Ekstase? Wem gehört ihr Herz? Sie trifft sich mit ihrem Geliebten, mit Gott. Wie sollte das aussehen? Oh je, der Weg zu diesem Verständnis ist unendlich weit. Vorgestern saß ich in einem Gespräch über die Eigenschaften von Göttin und Gott und ihre Spiele der romantischen Liebe und hörte Dinge, die ich noch nie gehört habe. Seit 25 Jahren gehe ich diesen Weg. Ich habe die Sanskrit-Schriften, die Veden, studiert. Ich kenne alle Yogasysteme. Ich habe die Bhagavad-gita zehnmal gelesen. Ich kenne seit Jahren die Schriften der süßen Spiele von Göttin und Gott. Doch vorgestern dachte ich: Was habe ich diese 25 Jahre gemacht? Doch das ist die Eigenschaft der spirituellen Welt. Es eröffnen sich immer wieder neue Welten. Es ist immer frisch. Es ist immer neu wie das erste Mal. Es ist unendlich. Es wiederholt sich nie. Ganz neue Welten taten sich auf und ich fühlte mich wie ein ABC-Schütze, der seinen ersten Schultag hat.

Wie kann man in eine solche vertraute Position zur Göttin gelangen? Wie kann es möglich sein, ihr so nah zu sein? Warum ist es für die Seele richtiger, der Göttin nahezu sein als Gott nahe zu sein? Ist das unsere naturgemäße, wesensgemäße Bestimmung? Die spirituellen und philosophischen Implikationen sind multidimensional und astronomisch. Und trotzdem ist das Endergebnis etwas total Einfaches. Wir machen nichts Besonderes, nichts Heldenhaftes oder Abstraktes. Göttin und Gott liegen im Bett und küssen sich. Ich habe ihnen das Bett bereitet. Oder: das Treffen zwischen ihnen steht erst noch bevor und jemand überbringt eine Botschaft, wo und wann das Treffen stattfinden wird.

Es geht darum, sich in diesem spirituellen Körper, mit dem man im göttlichen Spiel teilnimmt, zu fühlen. Dass dies die Wirklichkeit ist, wird man dann schon merken. Von außen an dem Honigglas zu lecken, wird nicht reichen, um den Geschmack des Honigs zu erfahren.

Srila Prabhodananda Sarasvati singt:

O Radha! Nachdem du in einer geheimen Waldlaube überglücklich die Nacht mit deinem ekstatischen Liebhaber genossen hast, bade ich dich und serviere dir honigsüße Delikatessen. Wann wirst du in Schlaf fallen, während ich mit meinen Händen deine Lotusfüße massiere?

O Radhe! After you blissfully spent the night enjoying pastimes with your rasika lover in a kunja I bathe you and serve you some honeysweet eatables. When will you then fall asleep while I massage your lotusfeet with my hands?

(Vers 17, Radha Rasa Sudhanidhi (die Schatzkammer von Radhas göttlicher Ekstase))

Bhaktiseite von Ronald Engert: www.gopi.de

Homepage von Sadhu Maharaja: www.sadhumaharaja.net

Diwali in Vrindavan

Am 3. November war Diwali, einer der höchsten Feiertage in Indien. Viele Familienangehörige der Königsfamilie, die diesen Tempel und das Anwesen betreibt, waren zusammengekommen um gemeinsam zu feiern: Sadhu Maharaja als Familienältester, seine Frau, drei seiner fünf Kinder und einige Enkelkinder, sowie viele weitere Verwandte und Freunde. Des weiteren sind hier viele einheimische Devotees und welche aus dem Westen, Deutsche, Schweizer, Italiener, Bulgaren und noch einige andere, wie zum Beispiel meine sehr guten Freunde Gopika aus Norwegen und ihr Mann Gopinath, der indischer Herkunft aber in Österreich aufgewachsen ist.

Der Festtag bot Festlichkeiten verschiedenster Art, viel Musik, eine große Tempelzeremonie, ein wunderbares Theaterstück und ein Festessen. Eines der Brauchtümer ist es, Lichter anzuzünden. Dieses Licht steht für die Seele, die man Gott hingibt. Man verbindet sich damit mit Gott und gelangt in Einklang mit der göttlichen Ordnung. Jeder ist dazu eingeladen eine oder auch viele Kerzen oder Ghee-Lampen aufzustellen. Überall im und außerhalb des Tempels und auf dem Gelände hatten wir so bei Eintritt der Dunkelheit ein kleines Lichtermeer erschaffen.

Sadhu Maharaja beschrieb es so: Wenn wir nur mit unserem materiellen Körper identifiziert sind, der unser Gefäß ist, ist das wie ein Topf aus Lehm. Wenn wir unsere Seelenbewusstsein verwirklicht haben, ist es wie ein Topf aus Eisen. Wenn wir unsere wahre spirituelle Form im göttlichen Spiel verwirklicht haben, ist es wie ein Topf aus Gold. Unser Körper oder unserer Form ist das Gefäß, mit dem wir Glück und Freude empfangen. Wenn wir ein goldenes Gefäß haben, können wir die höchsten Zustände des Glücks und der Freude empfangen.

Anbei ein kleiner Videofilm von dem Fest.

Kategorien:Indien-Blog 2013 Schlagwörter: , , ,

Die ewige Identität

7. November 2013 2 Kommentare

414838_472466966113259_905109900_oDie Bhakti, die Gottesliebe, greift langsam aber sicher. Ich fühle, wie sich die spirituelle Energie ansammelt, verdichtet, verstärkt. Ich fühle Radhika. Ich fühle ihre Liebe. Sadhu Maharaj überschüttet mich mit seiner spirituellen Liebe. Er will mir seine Barmherzigkeit geben. Es wartet ein neuer Schritt auf mich: die Begegnung mit meiner spirituellen Identität, konkret. 

Jeden Tag entwickelt sich meine Stimmung der Liebe, die Bhakti, weiter. Sie lädt sich auf durch die Umgebung und die Gemeinschaft, Vrindavan als heiliger Ort, die Gottgeweihten um mich herum, die vielen Tempel und die vielen Orte, an denen das göttliche Spiel permanent stattfindet. Das göttliche Spiel ist real, es findet hier und jetzt statt. Jedes Sandkorn, jedes Silizium-Atom, ist hier mit der göttlichen Schwingung informiert. Es ist nicht egal, wo man sich befindet, denn jeder Ort trägt seine spezifische Information, die aus den sich dort befindenden Lebewesen, ihrem Bewusstsein und ihren jeweiligen Taten resultiert.

Radha und KrishnaHier an diesem Ort, Vrindavan, wirkt Radha, die Göttin der Liebe. Wir stehen in Kontakt. Sie möchte mich auf der spirituellen Ebene treffen, in meiner spirituellen Identität. Diese Identität, mein siddha-deha, gilt es zu finden. Sie wird vom spirituellen Meister offenbart, indem er in seiner Meditation in das göttliche Spiel hineingeht und mich dort sucht. Ohne siddha-deha, ohne spirituellen Körper, kann man das göttliche Spiel nicht schauen. Und ohne diesen siddha-deha kann man auch die prema, die göttliche Liebe, nicht voll und ganz erfahren. Dazu brauchen wir das goldene Gefäß.

Wir lesen täglich zwei- bis dreimal aus dem Radha-Rasa-Sudhanidhi von Srila Prabhodananda Saraswati (Hit Harivamsa), einer Schrift ca. aus dem 17. Jahrhundert, und Sadhu Maharaja gibt dazu seine Verwirklichungen. Er erfährt die spirituelle Ebene in seinem Gefühl. Er spricht aus der Liebe und ich erkenne immer wieder von Neuem: Es ist die Liebe, aus der das Wissen entspringt. Wissen ohne Liebe ist trocken und maschinell. Es ist logisch-rational, nicht lebendig und dadurch unvollständig. Aber aus der spirituellen Emotion der Liebe offenbart sich das Wissen über die gesamte Existenz des Lebewesens. Und die primäre spirituelle Emotion der Liebe ist die Liebe zu Gott. Aus dieser Erfahrung der göttlichen Liebe entspringt die Liebe zu allen Lebewesen. Das Ego schmilzt.

Wissen ist nicht schlecht. Es ist sehr gut, philosophisch die Wahrheit zu suchen und im Denken stark zu sein, aber es ist nur die Unterstützung der Liebe, das Mittel, nicht der Zweck.

Radha Mohan

Radha Mohan, Altar-Bildgestalten im Munger Mandir in Vrindavan

Echtes Wissen resultiert aus gelebter Liebe. Es ist kein Buchwissen oder bloße Information. Es wird als lebendige, integrale Erfahrung von Mensch zu Mensch durch die Barmherzigkeit weitergegeben. Die Barmherzigkeit, die der Erleuchtete dem Anwärter gibt, besteht aus Liebe. Der Anwärter muss allerdings bereit sein, sich diesem Schauer der Barmherzigkeit auszusetzen. Es bedeutet, er wird nass. Wir scheuen uns vor dieser Nässe und rennen lieber weg. Oder wir nehmen einen Regenschirm. Nass werden bedeutet, dass man das falsche Ego aufgeben muss, es kann zum Fieber kommen, wenn man die spirituelle Reinheit nicht auf Anhieb verdauen kann. Die alte Identität verändert sich zu einer neuen. Aber was für einen besseren Weg sollte es geben, als den in meine ewige spirituelle Identität als Teilnehmer im göttlichen Spiel, als ewige Gefährtin von Srimati Radhika?

Bhakti-Homepage von Ronald Engert: www.gopi.de

Die pure Essenz der menschlichen Erfahrung

2. November 2013 1 Kommentar

1069864_10151628719974690_1981988308_nJa, es hat sich schon viel getan. Es ist wieder so, wie ich es eigentlich kenne. Es ist immer etwas los. Die Tage sind kurz und kurzweilig. Ich hatte ja in meinem ersten Blogeintrag geschrieben, dass ich mich fremd und uninspiriert fühle. Wie auch schon an anderer Stelle gesagt, finde ich es wichtiger herauszufinden, wo ich bin, anstatt wo ich sein soll. Emotional gemeint. Ich glaube, es war gut mir dies einzugestehen und ehrlich mit mir selbst zu sein. Es gab mir die notwendige Demut und Aufgeschlossenheit und Bereitschaft, um Gott zu bitten mir zu helfen. Mein Gott ist ja eine Göttin: Radha. Ich habe zu Radha gebetet, dass sie mir Inspiration gibt, dass Sie mir Ihre Barmherzigkeit gibt und mich in das spirituelle Bewusstsein eintreten lässt. Mein Wunsch wurde prompt erfüllt. Und zwar so schön, dass ich hier öffentlich nicht alles schreiben kann und darf. Die Liebe zu Radha und Krishna ist sehr sehr fein und sehr intim. Und weil es auch ganz viel mit mir selbst und meiner wahren Identität zu tun hat, ist es ratsam, die Dinge vorsichtig zu behandeln. Aber soviel sei gesagt: es geht um die wahre Identität.

Radha Kund

Radha Kund, der See, in dem Radha badet

Im Bhakti-Yoga gibt es eine spirituelle Wahrheit bezüglich unserer wahren Identität. In Bhakti-Yoga heißt es nämlich, dass wir in unserer wahren Identität einen spirituellen Körper haben, der geeignet ist, im göttlichen Spiel mitzuwirken. Dieser Körper und diese Identität, die damit zu tun hat, ist eine ganz persönliche Form, die sich als Manjari zeigt. Die Manjaris sind die jugendlichen Freundinnen von Radha. Jenseits aller Bedingtheiten und temporären Identifikationen, jenseits aller sterblichen Hüllen und Illusionen muss es eine Wahrheit geben. In der Tradition der Bhakti ist der spirituelle Meister in der Lage, dem Schüler seine ewige Form zu offenbaren. Diese Form nennt sich in Sanskrit „siddha-deha“, der ewige spirituelle Körper. Wenn man alle vergänglichen Welten hinter sich gelassen hat und in das spirituelle Reich Gottes eintritt, ist man dort nicht einfach nur ein Licht, das mit dem andern Licht verschmilzt, sondern man hat eine Gestalt, die dazu geeignet ist, Radha und Krishna Freude zu bereiten. Zum Beispiel gibt es Manjaris, die die Kleidung von Radharani vorbereiten, die das Bett machen, die Girlanden machen, die Essen darbringen, die Farbe auf die Füße von Radha und Krishna aufbringen oder deren Aufgabe es ist, die Liebe zwischen Radha und Krishna zu vergrößern, indem sie allerlei Arrangierungen treffen, um sie an einem geheimen Ort zusammenzubringen.

Man hört hier in Vrindavan viele von diesen Geschichten, von diesen Eigenschaften und Qualitäten der Gottheiten und allein dadurch, dass man sich damit beschäftigt, zuhört oder darüber spricht, kann man schon spirituelle Ekstase erleben.

Was verstehe ich unter spiritueller Ekstase? Es ist ein Ergriffensein, ein intensives Kribbeln im Brustraum, Tränen in den Augen, sehr intensive Glücks- und Liebesgefühle, eine tiefe seelische Rührung, die mir die Gewissheit gibt, dass dies das absolut Richtige ist, das Beste, was mir als Lebewesen und Seele passieren kann. Diese intensiven Gefühle stellen sich für mich nur in dieser Beziehung zu Radha und Krishna ein. Ich kann es nicht anders sagen. Ich finde das sonst nirgendwo. Es gibt in anderen spirituellen Traditionen andere Formen der spirituellen Ekstase oder der Erleuchtung. Jede ist anders. Jede ist eigen. Hier, in der Bhakti, ist es dieses tiefe emotionale Gerührtsein, dieses Weinen vor Glück und vor Liebe, was mich so fasziniert. Es ist mir schon wieder geschehen. Durch eine Barmherzigkeit des spirituellen Meisters. Es ist meistens ein Mensch, namentlich der spirituelle Meister, der uns die Barmherzigkeit gibt.

Sadhu Maharaja

Der spirituelle Meister des Ortes: Sri Sadhu Maharaja

„Die Barmherzigkeit geben“ ist in dieser Tradition ein stehender Ausdruck. Es bedeutet die Übertragung der Liebesgefühle auf den Aspiranten (die Übertragung der bhava und prema durch die kripa-shakti). Wir können uns diese spirituelle Ebene nicht selbst erarbeiten. Wir sind viel zu weit davon entfernt. Aber der spirituelle Meister oder ein anderer großer Gottgeweihte kann uns durch seine Barmherzigkeit auf diese Ebene hochziehen. Dieser Weg ist sehr einfach. Das Einzige, was es dazu braucht, ist Begierde. Die Begierde, diese Gefühle, diese bhavas, zu fühlen. Die großen Gottgeweihten sind immer bereit, das, was sie bekommen haben, weiterzugeben. Allein, es fehlt meistens bei den Anwärtern die Aufgeschlossenheit und Bereitschaft.

Aber so ein klein wenig von dieser Begierde habe ich schon. Sogar soviel, dass ich dem Guru ein Papier geklaut habe, dass er mir und zwei anderen Anwesenden zwar gezeigt hat, aber dann wiederhaben wollte. Ich habe es in einem unbemerkten Moment in meiner Hemdtasche verschwinden lassen. Auf diesem vertraulichen Papier ging es um die spirituelle Identität bestimmter mir namentlich bekannter Personen. Ich hatte allerdings dann ein so schlechtes Gewissen, dass ich später zu ihm hin bin und meine Tat gestanden habe. Er war mir nicht böse und sagte statt dessen, ich solle das Papier behalten und darüber meditieren. (…)

Das ist eben das Gute, wenn man in Vrindavan ist. Es geht überall und andauernd um dieses Thema: Wissen und Erfahrungen von Göttin und Gott. Jeder spricht andauernd darüber. Überall werden die Mantras rezitiert und die Gesänge angestimmt. Überall gibt es Tempelverehrungen, jeder beschäftigt sich im hingebungsvollen Dienst.

Auszug aus einem Vortrag von Jagandananda Prabhu:

(Jeden Tag um 16.30h ist eine Klasse von dem Sanskrit-Gelehrten Jagandananda. http://jagadanandadas.blogspot.in)

Nur in der siddha-svarupa (dem siddha-deha, der eigenen spirituelle Form) kann man die Spiele von Radha und Krishna sehen. Der Sadhana kultiviert die Bhava (die Liebesgefühle). Die Form wächst aus der Bhava. Das eigentliche Meditationsobjekt ist Bhava. Die Form offenbart sich dann. Wenn der spirituelle Meister dir deinen siddha-deha offenbart, ist das der Same für die Bhava.

Jagadananda Prabhu

Jagadananda Prabhu

Im sadhaka-deha braucht man auch die Rationalität, die tattvas, die philosophische Seite, um stabil zu bleiben. Die emotionale Ebene reicht im siddha-deha aus, aber nicht im sadhaka-deha (im materiellen Körper). Wir nutzen unsere rationale Kraft, um den rasa (den Geschmack, die Stimmung) zu unterstützen. Die rationale Seite ist der Diener der emotionalen Seite. Wenn man die rationale Seite zu stark macht, fällt man in shanta-rasa (eine neutrale Stimmung gegenüber dem göttlichen Spiel).

Was ist die pure Essenz der menschlichen Erfahrung? Was ist die Spitze der menschlichen Erfahrung? Wenn wir über Glück sprechen. Wenn wir alle Hindernisse und Unreinheiten rausnehmen. Wo finden wir Zufriedenheit? Was treibt uns voran? Was führt uns zur höchsten Wahrheit?

Erschaffen, Erhalten und Zerstören sind nur sekundäre Qualitäten Gottes. Das sind die aishvariya-Eigenschaften (die majestätischen Eigenschaften Gottes). Die höheren Rasas sind die Wichtigeren (madhurya-rasa, Freundschaft und Liebe)

Beispiel: Ein offizieller Regierungsvertreter möchte einen Termin beim Premierminister. Er wird gebeten, eine halbe Stunde zu warten. Nach einer dreiviertel Stunde fragt er, wie lange es noch dauert. Es stellt sich heraus, dass der Minister mit seiner kleinen Enkelin spielte. Seine Enkelin war ihm wichtiger als seine Anhaftung an die Macht seiner hohen Stellung.

Was ist an der Wurzel der Psyche? Wenn wir das befriedigen könnten, dann wären Korruption und fanatische Bereicherung an Geld und Macht, der endlose Durst nach Macht und Reichtum zu überwinden. Wir sprechen über die höchste Form der Göttlichkeit. Das ist eine intellektuelle Herausforderung.

Krishna-lila

Beim Schulfest gab es eine Aufführung des Krishna-lilas.

Noch ein paar Nachträge:

Bei allen spirituellen Höhenflügen gibt es doch auch irdische Vergnügungen. Gestern Abend lecker Pizza essen gewesen:

Hat echt gut geschmeckt!

Hat echt gut geschmeckt! Es gab außerdem Lasagne, Sabji, Salat, Ingwertee und als Nachtisch Applecrumble

Das Schulfest der Sandipani Muni-Schule fand heute statt. Sie feierten die Rückkehr der Yamuna nach Vrindavan. Die Yamuna ist der Fluss der hier vorbeifließt. Einer der drei heiligen Flüssen in Indien. Sie floss seit 25 Jahren einen anderen Weg und was hier in Vrindavan vorbeifloss, war nur das Abwasser aus Delhi. Aber jetzt ist der Original-Fluss wieder zurückgekehrt.

Ron mit den süßen Kindern der Sandipani Muni Schule

Ronald mit den süßen Kindern der Sandipani Muni Schule

Und hier noch ein paar Bilder von der Schule:

IMG_3028

IMG_3037

IMG_3041

IMG_3045

IMG_3059

IMG_3066

Ankunft in Indien

31. Oktober 2013 3 Kommentare

Jetzt bin ich wieder mal in Indien. Vorgestern nach einer langen Reise in Vrindavan angekommen. Obwohl ich die Nacht nicht geschlafen hatte, war ich doch auch den Rest des Tages frisch und ging erst so um 20:30 Uhr Ortszeit zu Bett (16:00h in Deutschland), um dann 12 Stunden zu schlafen. Damit war eigentlich die Anpassung an die Zeitumstellung von 4,5 Stunden weitesgehend erledigt.

Das moderne Indien

Dehli Metro, hochmodern, teure Fahrkarten, kaum Fahrgäste

Indien20132

Das moderne Indien

Indien hat sich wieder verändert. Es ist noch moderner geworden. Es ist das erste Mal, dass ich auf der ganzen Strecke von Delhi nach Vrindavan, die ich mit einem Taxi zurücklegte, keinen einzigen Ochsenkarren sah. Früher war es immer so, dass selbst auf der so genannten „Autobahn“ immer mal wieder schwer beladene Ochsenkarren anzutreffen waren, gerne auch gegen die Fahrtrichtung. Sie bringen langsam Ordnung in die Angelegenheiten. Und das hat natürlich auch damit zu tun, dass immer mehr Regeln aufgestellt werden und angepasstes Verhalten gefordert wird. Man kann hier in Indien an manchen Stellen beobachten, wie der Übergang vom vormodernen oder sogar vorkollektivem Zeitalter zum organisierten kollektiv strukturierten modernen Zeitalter vor sich geht. Der Übergang von der Anarchie zur regelbasierten Gesellschaft wird hier deutlich durch ein Bedürfnis nach Regeln, um der völligen Anarchie und des Durcheinanders Herr zu werden. Anders als bei uns, wo das fortschrittlichste Bewusstsein sich mittlerweile über jegliche regelorientierte Organisationsform der Gesellschaft hinwegsetzt, um zu einer individuellen Autonomie und einer Souveränität des Subjekts im vollen Umfange auf der realisierten individuellen Stufe zu gelangen. Wir lehnen in Deutschland gerne die Regeln in jeder Hinsicht ab – was auch im relativen Kontext richtig ist –, sind uns aber der Umstände nicht bewusst, die damals zur Einführung der Regeln führten.

Blick auf die Hauptstraße Mathura Road.

Blick auf die Hauptstraße Mathura Road. 

Ochsenkarren

Erst in dem Dorf Vrindavan sah ich den ersten Ochsenkarren. Der gehört der Sandipani Muni-Schule, die ein von Westlern organisiertes Wohltätigkeitsprojekt für mittellose Kinder ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt sitze ich gerade hier in meinem Zimmer und stelle mir die Frage, ob es eine gute Idee war, nach Indien zu fahren. Mein spirituelles Bewusstsein ist mehr oder weniger nicht existent, ich fühle mich fremd und manches an den Umständen gefällt mir nicht, zum Beispiel der Lautsprecher in der Nachbarschaft, der unablässig monotone Gesänge in Hindi oder Sanskrit ausstrahlt, die noch nicht mal mit einer Musik begleitet sind. Wobei dies vielleicht noch ein Segen ist. Wir haben in drei Tagen Diwali, zusammen mit Holi eines der beiden wichtigsten Fest in Indien. Das ist so wie bei uns in Deutschland Weihnachten oder Neujahr. Ich habe gerade gelesen, dass viele Geschäfte und Unternehmen in Indien ihr Geschäftsjahr mit Diwali beginnen, weil es in diesem Fest auch um Wohlstand und Gesundheit und gutes Gelingen geht. Zigtausende sind unterwegs, um zu ihrer Familie nachhause zu fahren oder zu einem heiligen Ort zu pilgern – wie zum Beispiel Vrindavan. Ich halte mich deshalb im Moment noch damit zurück, mich nach draußen in den Trubel zugegeben. Ich bleibe hier im Ashram, einer geschützten idyllischen Umgebung.

Radha Mohan Tempel in Vrindavan

Radha Mohan Tempel in Vrindavan

Zu meinem mehr oder weniger nicht vorhandenen spirituellen Bewusstsein ist zu sagen, dass dies eine typische Erfahrung ist. Mir scheint die Gesamtwahrnehmung meiner psycho-spirituellen Disposition immer ein Produkt aus Umfeld und Innenleben zu sein. Also es reicht nicht, mein Bewusstsein alleine zu betrachten, sondern ich muss auch berücksichtigen, in welchem Umfeld ich mich gerade befinde. Das Umfeld Vrindavan ist ein sehr spirituelles. Es ist also gut möglich, dass mein Bewusstsein immer noch ziemlich spirituell ist, vielleicht sogar gerade im Moment noch spiritueller als in Deutschland, aber vor dem Hintergrund des Umfelds einfach wesentlich dunkler wirkt. Das ist wie mit Licht und Dunkelheit. Wenn du im grellen Sonnenlicht eine Taschenlampe anzündest, denkst du die hat ja gar keine Lichtkraft. In der Finsternis leistet sie dennoch sehr gute Dienste. Oder wie wenn man nachts das Licht einschaltet und geblendet ist. Es sind relative Wahrnehmungsquotienten, die uns etwas als viel oder wenig, hell oder dunkel, spirituell oder nicht spirituell bewerten lassen. Bisher war es in Indien immer so, dass ich mir innerhalb des Ashrams oder der spirituellen Community eher unspirituell vorkam, aber dann, sobald ich nach draußen in die materielle Welt kam, erst merkte, wie hoch mein Bewusstsein ist. Ich erinnere mich noch gut an die Rückkehr von meiner letzten Reise von Indien, im Frühjahr 2012. Der Nachmittag in Paris, ein Zwischenstopp auf dem Rückflug, verlief noch glatt. Es war unauffällig und „normal“. Ich machte etwas Sightseeing und ging Kaffee trinken usw., alles war schön. Als ich dann jedoch in Berlin ankam und erst am nächsten Morgen so richtig realisierte, wo ich jetzt gelandet bin, sah ich plötzlich die ganze Szenerie komplett von außen. Ich fragte mich, was diese Menschen hier tun. Sie verschwenden ihre Zeit mit unwesentlichen Dingen, mit Arrangierungen für ihren Körper und ihre materielle Befriedigung. Sie orientieren sich in zeitweiligen, sehr kurzlebigen Zielen, die ihr wahres Selbstinteresse als ewige, spirituelle Seele überhaupt nicht befriedigen können. Ich nahm das als eine große Unwissenheit wahr, sprichwörtlich das, was die indische Spiritualität als Maya, Illusion, bezeichnet. Nun gut, jetzt sitze ich hier und es fehlt mir etwas an Inspiration. Aber ich habe den Wunsch, mich dieser spirituellen Kraft auszusetzen. Wir werden sehen, was noch passiert.