Neues, Philosophie, Politik

Fakten und Meinungen im Widerstreit

Der Streit um die Fakten ist eine falsche Auseinandersetzung. Fakten bzw. Tatsachenwahrheiten werden in der Politik immer als Meinungen instrumentalisiert. In Wirklichkeit geht es um die dahinterliegenden Interessen. Wir müssen uns also die jeweilige Ideologie anschauen, anstatt uns um die Fakten zu streiten. Der Artikel bezieht sich auf Hannah Arendts Aufsatz »Wahrheit und Politik«. Arendt arbeitet den Unterschied von Fakten und Meinungen heraus und macht in ihrem Aufsatz deutlich, dass wir uns in einen bodenlosen Abgrund begeben, wenn wir die Tatsachenwahrheiten aufgeben. Der Mensch braucht die Wirklichkeit, um eine stabile Orientierung in der Welt zu finden.

Hannah Arendts Aufsatz »Wahrheit und Politik«

Arendt vergleicht in ihrem Aufsatz Wahrheit und Politik und macht deutlich, dass Wahrheit etwas anderes ist als Macht. Der Bereich der Politik dreht sich um die Macht. Die Wahrheit erweist sich aber in der öffentlichen Welt allzu oft als ohnmächtig. Das Gegenteil der Wahrheit ist die Lüge, und so ist die Lüge so gut wie immer konstitutiv für die Ziele, die die Macht erstrebt. Allein, wir fühlen, dass dies nicht befriedigend ist. Hannah Arendt formuliert es so: »Ist schließlich nicht Wahrheit ohne Macht ebenso verächtlich wie Macht, die nur durch Lügen sich behaupten kann?« (Arendt, 44, alle Zitate aus dem Buch, Quelle am Ende)

Bereits Platon wusste, dass die Wahrheit nicht immer beliebt ist. Am Ende seines Höhlengleichnisses schreibt er, dass derjenige, der versucht, die Menschen aus der Fessel der Illusion zu befreien, gefährlich lebt. Sie würden ihn, »wenn sie seiner habhaft werden und ihn töten könnten, auch wirklich töten« (47). So erging es Sokrates, und so erging es Jesus. Auch Thomas Hobbes wusste in seinem Hauptwerk ›Der Leviathan‹ zu berichten, dass »Menschen Wahrheit nur willkommen heißen, wenn sie niemandes Vorteil oder Gefallen beeinträchtigt« (47). Heute kann man dazu sagen: Wir akzeptieren jedes Argument, das zu unserer Meinung passt.

Hannah Arendt unterscheidet in Anlehnung an Leibniz zwischen Vernunftwahrheit und Tatsachenwahrheit. Vernunftwahrheit betrifft Dinge, die zur Mathematik, Philosophie und Wissenschaft gehören. Tatsachenwahrheiten sind indes die heute sog. Fakten, die Dinge, die tatsächlich passiert sind. Ein einleuchtendes Beispiel: ›Belgien ist 1914 in Deutschland einmarschiert.‹ Dies ist definitiv falsch, denn es verhält sich genau umgekehrt: Deutschland ist 1914 in Belgien einmarschiert. Woher wissen wir das? Durch Augenzeugen, durch Kriegsberichte und -protokolle, durch Belege.

»Die Chancen der Tatsachenwahrheit, dem Angriff politischer Macht zu widerstehen, sind offenbar sehr schlecht bestellt. Tatsachen stehen immer in Gefahr, nicht nur auf Zeit, sondern möglicherweise für immer aus der Welt zu verschwinden. (…) Sind sie erst einmal verloren, so wird keine Anstrengung des Verstandes oder der Vernunft sie wieder zurückbringen können.« (49)

Eine Vernunftwahrheit lässt sich durch vernünftige Überlegung wieder rekonstruieren. Eine Tatsachenwahrheit betrifft aber empirische Gegebenheiten, die, wenn sie einmal dem Wissen verloren sind, nicht mehr rekonstruiert werden können. Dieses Schicksal des Verlusts droht den unterdrückten oder verleugneten Tatsachenwahrheiten, ist aber einer Vernunftwahrheit, wie zum Beispiel der euklidischen Mathematik oder Einsteins Relativitätstheorie, weit weniger gefährlich.

Der einleuchtende Unterschied zwischen Wahrheit und Politik ist der zwischen zwei verschiedenen Lebensweisen: der Lebensweise des Philosophen einerseits und der Lebensweise des Staatsbürgers andererseits. Der Philosoph lebt allein und geht seinen Überlegungen allein nach. Der Staatsbürger ist Teil einer Gemeinschaft und tritt dort für seine Interessen ein. Der Bereich der weltlichen Angelegenheiten, die den Staatsbürger betreffen, ist zeitweilig und verändert sich fortwährend, wohingegen die Wahrheit des Philosophen ewig und unveränderlich ist. Der Philosoph Aristoteles unterschied die Meinung, doxa, deutlich von der Erkenntnis, episteme, und setzte die Meinung als Gegensatz der Wahrheit mit bloßer Illusion gleich. Hier zeichnet sich ein Konflikt zwischen der Wahrheit und der Politik ab. »Die eigentlich politische Schärfe des Konflikts liegt in dieser Entwertung der Meinung, sofern nicht Wahrheit, wohl aber Meinung zu den unerlässlichen Voraussetzungen aller politischen Macht gehört.« (51) In der Politik werden Meinungen diskutiert und umstritten. Man braucht Gleichgesinnte, die die gleiche Meinung haben und die eigene Machtposition unterstützen. Es geht um Parteilichkeit, weshalb sich in der Politik immer verschiedene Parteien bilden. Wir haben immer partikulare Interessen verschiedener Gruppen und Interessensgemeinschaften, die ausgehandelt werden müssen. Es geht um Finanzen, Ressourcen, Räume und Zeiten, die nicht unbegrenzt vorhanden sind. Wir befinden uns mit der Politik und der Macht im Bereich der materiellen Wirklichkeit, die durch Raum und Zeit bedingt ist. Die Herabsetzung der Meinung durch die Wahrheit ist ein Affront gegen die Politik. Die Wahrheit ist nicht verhandelbar, sie gehört keiner Partei und bildet keine partikularen Interessen ab. Deshalb schließen sich die Wahrheit und Politik gegenseitig aus. Arendt kommt zu dem harten Urteil:

»Das aber heißt, dass innerhalb des Bereichs menschlicher Angelegenheiten jeder Anspruch auf absolute Wahrheit, die von den Meinungen der Menschen unabhängig zu sein vorgibt, die Axt an die Wurzeln aller Politik und der Legitimität aller Staatsformen legt.« (51)

Die absolute Wahrheit ist somit auf fundamentale Weise gefährlich für die Politik. Für Platon war es der Unterschied zwischen Dialektik und Rhetorik. Ein Diskurs über die Wahrheit funktioniert anders als Überredungskünste, mit denen der Redner die Meinungen der Menge beeinflusst und schließlich die vielen überzeugt.

Das, was uns von der Wirklichkeit und unserem Denken über sie gewiss ist, hat im Laufe der Jahrhunderte immer weiter abgenommen. Die ursprüngliche Gewissheit entsprang aus einem einheitlichen und für alle gültigen Weltbild, das in unseren Breitengraden durch das Christentum bereitgestellt wurde. Die erste allgemeine Verunsicherung setzt jedoch schon mit den Glaubenskriegen im 17. Jahrhundert ein (vor allem mit dem Dreißigjährigen Krieg von 1618–48), als nämlich der Protestantismus dem Katholizismus seine Deutungshoheit streitig machte. Gab es vorher nur ein einziges Weltbild, das die Menschen in einer absoluten Gewissheit hielt, entstand durch den alternativen Entwurf Martin Luthers eine Relativität der Standpunkte. Dies kann als eine der Ursachen für den Siegeszug der Wissenschaften betrachtet werden. Waren die beiden alternativen Glaubenssysteme Anlass für eine Verunsicherung, so bot die neu entdeckte Methode der Wissenschaft als ein dritter Weg die Hoffnung auf eine neue Gewissheit. Doch dies ist nun schon lange her, und es hat sich gezeigt, dass auch die Wissenschaft mit ihrer empirischen Methode und ihrer Logik nicht in der Lage ist, Tatsachenwahrheiten gegen die Macht der Meinung zu immunisieren. Die Wissenschaft hat sich dies selbst erklärt: Die Erkenntnisse des Poststrukturalismus und Konstruktivismus zeigen, dass empirische Daten mitnichten zwingend objektiv sind. Es gibt immer einen subjektiven Faktor, der sich die Welt erklärt. Der Poststrukturalismus nennt das »Narrativ«, die Erzählung über die Wirklichkeit, und weist darauf hin, dass die Beschreibungen der Wirklichkeit sehr subjektiv und relativ sind. Und auch die Vertreter der Fake News machen sich diese Erkenntnis mittlerweile zunutze, nicht nur, indem sie erklären, dass »alternative Fakten« genauso wahr sind wie »offizielle Fakten«, sondern auch, indem sie ihre Gegner selbst des Narrativs bezichtigen und ihre Position damit relativieren. Eine nicht relative Position wäre indessen nur durch Tatsachenwahrheiten zu schaffen.

Da wir mittlerweile erkannt haben, dass auch die Vernunft fehlbar ist, ist es notwendig, dass wir über unsere Erkenntnisse und Meinungen diskutieren, um sie gegen den Irrtum abzusichern. Dies kann jedoch dazu führen, dass Wahrheiten in Meinungen transformiert werden, wenn nämlich viele Menschen die gleiche Position vertreten und die Überzeugungskraft zunimmt, je mehr Menschen es sind. In der Politik spielt dies eine Rolle, nicht jedoch in der Welt des Philosophen, für den es diese Rücksicht auf die Meinung anderer nicht gibt. In der Philosophie reicht auch schon eine Person, die eine bestimmte Position vertritt, um diese Position in der philosophischen Untersuchung ernst zu nehmen. Es spielt keine Rolle, wie viele Menschen diese Position vertreten. Der Philosoph ist jedoch heute weniger einflussreich als vielleicht noch zu Platons Zeiten. Heute geht es nicht mehr um die Wahrheit, sondern um die Meinung. Die Philosophie ist in den Hintergrund getreten. Dies trifft auch auf die Religion zu. So könnte man sagen, dass jegliche Absolutheitsansprüche, seien es die der Philosophie oder seien es die der Religion, in der Politik keine Rolle mehr spielen. Man könnte das sagen, aber es stimmt nicht, weil der Mensch ohne ein Wahrheitsfundament nicht leben kann. So hat sich der Streit um die Wahrheit von der Vernunftwahrheit auf die Tatsachenwahrheit verlagert. Sind wir einerseits in religiösen und philosophischen Fragen sehr tolerant, so werden doch »Tatsachenwahrheiten, welche den Vorteilen oder Ambitionen einer der unzähligen Interessensgruppen entgegenstehen, mit solchem Eifer und so großer Wirksamkeit bekämpft« (55). Werden unliebsame Tatsachen diskutiert, so nur deshalb, weil dies vom Recht zur freien Meinungsäußerung gefordert wird, was allerdings im Umkehrschluss bedeutet, dass die Tatsache zu einer Meinung umgewandelt wird.

»Unbequeme geschichtliche Tatbestände, wie dass die Hitlerherrschaft von einer Mehrheit des deutschen Volkes unterstützt wurde (…), werden behandelt, als seien sie keine Tatsachen, sondern Dinge, über die man dieser oder jener Meinung sein könne.« (55)

Da diese Fragen unmittelbar politische Bedeutung haben, geht es nicht nur um Stimmungen oder natürliche Spannungen innerhalb einer als gemeinsam erfahrenen Realität.

»Was hier auf dem Spiel steht, ist die faktische Wirklichkeit selbst, dies ist in der Tat ein politisches Problem allererster Ordnung.« (55)

Das schrieb Hannah Arendt 1967, und ihre damalige Aktualität ist wie eine Hellsicht in Bezug auf unsere heutige Gegenwart – umso erschreckender, denn wir sind heute, 50 Jahre später, auf dem Weg zu diesem erkenntnistheoretischen Abgrund schon einen Schritt weiter.

Die Verwirrung bezüglich Fakten und Meinungen ist heute voll ausgeprägt. Wenn Journalisten und Politiker in einem Video-Interview darüber diskutieren, ob sie glauben, dass das [R1] Coronavirus in einem chinesischen Labor erzeugt wurde oder nicht, zeigt sich der intellektuelle Verfall. Man könnte sagen, dass man das nicht weiß, oder man könnte Belege dafür oder dagegen anführen, aber es ist keine Frage des Glaubens. Dies zeigt symptomatisch, dass die Unterscheidung zwischen Meinungen und Wahrheit keine Rolle mehr spielt. Arendt diagnostiziert:

»Wenn Vernunftwahrheiten sich in das Feld der Meinungen und des Meinungsstreits begeben, werden auch sie zu bloßen Meinungen. (…) Der Philosoph, der in die Öffentlichkeit eingreifen will, ist kein Philosoph mehr, sondern ein Politiker; will nicht mehr nur Wahrheit, sondern Macht.« (57)

So schnell werden also Wahrheiten zu Meinungen. Falls jemand philosophische Ambitionen hat, sollte er sich angesichts dieses Umstandes sehr in Acht nehmen. Mit der Wahrheit in der Politik einwirken zu wollen, führt zum Verlust der Wahrheit. Dies sagt Arendt allerdings zunächst nur über die Vernunftwahrheiten. Die Frage, ob das Virus im Labor geschaffen wurde, wäre eine Tatsachenwahrheit. Tatsachenwahrheiten betreffen eben genau die menschlichen Dinge, die sich in Raum und Zeit abspielen. Hier bedarf es der Zeugenschaft durch andere Menschen. Insofern sind dann laut Arendt Tatsachenwahrheiten sogar politischer Natur und stehen mit den Meinungen auf gleicher Ebene. Meinungen sind legitim. Sie hängen von unterschiedlichen Interessen und Leidenschaften ab und können voneinander abweichen. Problematisch wird es jedoch, wenn sie die Integrität der Tatbestände, auf die sie sich beziehen, nicht mehr respektieren.

»Meinungsfreiheit ist eine Farce, wenn die Information über die Tatsachen nicht garantiert ist.« (58)

Wir brauchen die Tatsachen, um die Spekulationen in Schranken zu halten. So werden heute von den »alternativen Medien« Tatsachen einfach behauptet, zwar mit dem Nimbus des Belegs, aber diese geben die Wahrheit nicht her, die sie zu liefern vorgeben. Wenn ein Dr. Schiffmann behauptet, die Regierung wolle die Menschen durch Impfungen vergiften, oder wenn ein Gates-Kritiker Bill Gates als Massenmörder bezeichnet, so gibt es dafür keine Belege und oft werden sie auch gar nicht bemüht. Wenn doch, dann in einer merkwürdig subjektiven Auslegung, wenn etwa Schiffmann seine o. g. Meinung durch den Gesetzestext des Infektionsschutzgesetzes belegt, den er im Video einblendet. Man stelle sich vor, dass jemand wie Donald Trump ein Machtmonopol hätte, wie er es jüngst gegenüber Twitter durchzusetzen versuchte. Er sprach von Redefreiheit und Meinungsfreiheit. Twitter setzt dem einen Faktencheck entgegen. Trump stellte die Tatsachenwahrheit an sich infrage. Seine Behauptung, dass Briefwahlen generell Betrug seien, entspricht nicht den Tatsachen. Er möchte das aber behaupten dürfen und es anderen verbieten, diese Behauptung zu korrigieren. Man sieht hier den Meister der Auflösung der Wirklichkeit in voller Aktion. Auch wenn es fraglich ist, ob es reine Tatsachen überhaupt gibt, die von Meinung und Interpretation unabhängig sind, darf trotzdem nicht der Schluss gezogen werden, dass das Tatsachenmaterial nicht mehr existiert.

»Jede Wahrheit erhebt den Anspruch zwingender Gültigkeit« (59), sie ist deshalb in der Politik nicht gern gesehen. Was sind Wahrheiten? Hannah Arendt gibt einige einleuchtende Beispiele:

»Aussagen mit absolutem Wahrheitsanspruch können sehr verschiedener Art sein. Eine mathematische Wahrheit: die Winkel eines Dreiecks sind zwei rechten Winkeln gleich, eine wissenschaftliche Wahrheit: die Erde bewegt sich um die Sonne, eine philosophische Wahrheit: es ist besser Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun, und eine Tatsachenwahrheit: im August 1914 fielen deutsche Truppen in Belgien ein.« (59)

Wie auch immer diese Wahrheiten erkannt wurden, sie haben eines gemeinsam: Sie können nicht diskutiert werden. Es geht nicht darum, an sie zu glauben oder von ihnen überzeugt zu sein. Sie sind einfach, wie sie sind. Wahrheit wird dadurch – wie Hannah Arendt es nennt – despotisch. Sie wird weder von Tyrannen noch von konstitutionellen Regierungsformen gern gesehen. »Tatsachen stehen außerhalb aller Übereinkunft und aller freiwilligen Zustimmung.« (61) Man kann ihnen höchstens mit einer glatten Lüge beikommen. Anders mit Meinungen: Man kann sich mit ihnen auseinandersetzen, sie verwerfen oder Kompromisse schließen. Da es aber in der Politik um unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse geht, muss es einen Raum des Denkens und der Diskussion geben, in dem die Meinungen gehört und idealerweise respektiert werden können. Um zu einer sauberen Diskussionskultur zu kommen, ist es deshalb unabdingbar, innerhalb der politischen Diskussion klar zwischen Tatsachenwahrheiten und Meinungen zu unterscheiden. Es gibt dazu ein Analogon in der Wissenschaft. Wissenschaft unterscheidet zwischen These und Argument. Die These kann als Entsprechung zur Meinung verstanden werden, das Argument als Analogon zur Tatsachenwahrheit. Eine saubere wissenschaftliche Arbeit besteht darin, zunächst eine These/Hypothese zu formulieren und diese als solche kenntlich zu machen, um sie sodann durch Argumente zu belegen. Es ist in der Wissenschaft nicht zulässig, die These als das Argument zu verwenden. Dies tun jedoch viele Menschen im populistischen Diskurs. Die These mag zum Beispiel sein: Das Virus wurde im Labor erzeugt, oder: Corona ist eine harmlose Grippe, oder: Corona ist eine Lüge. Ebenso ist es eine These, zu sagen: Corona ist eine gefährliche Krankheit. Jede dieser Aussagen ist zunächst eine These, die in sich noch keinerlei Beweis enthält. Erst durch das Zusammentragen von Fakten, d. h. Tatsachen, können diese Thesen bewiesen werden. Fakten sind dadurch gekennzeichnet, dass sie für jeden oder zumindest für jeden Fachmenschen in einem bestimmten Wissenschaftsgebiet reproduzierbar sind. Natürlich gibt es hier auch widerstreitende Positionen. Man findet viele Fakten, die die These unterstützen, und ebenso findet man viele Fakten, die die These widerlegen. Dies ist der übliche Vorgang in den Wissenschaften, wo Hypothesen so lange kontrovers diskutiert werden, bis eine Argumentation gewinnt. Gerade bei sehr aktuellen und neuartigen Fragestellungen werden für alle Thesen Pros und Contras zu finden sein. Es bedarf deshalb einer besonnenen und nüchternen Haltung, damit nicht sofort ein Meinungsstreit ausbricht, der schnell in unversöhnliche emotionale Zerwürfnisse führt. Wegen dieser emotionalen Zerwürfnisse werden Kriege geführt und Menschen getötet.

Der Streit der Argumente geht um wissenschaftliche Fakten. Deshalb müssen diese Fakten wissenschaftlichen Kriterien standhalten. Gerade in populistischen Diskussionen werden vielfach Fakten ins Feld geführt, die einfachsten wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten. Meinungen werden als Fakten verkleidet. Oder es werden sehr abseitige und seltene Argumente von einzelnen Wissenschaftlern als allgemeingültig dargestellt. Man kann sehr oft beobachten, dass die Fakten anhand der eigenen Meinung ausgesucht werden und andere Fakten, die die Gegenthese unterstützen, ausgeblendet werden. Die Frage bleibt also im Raum: Inwiefern ist ein Faktum wirklich ein Faktum und keine Meinung?

In der politischen Diskussion verhält es sich zwar ähnlich, aber nicht identisch wie in der Wissenschaft, da in der Politik Meinungen ein wesentlich stärkeres Gewicht haben. Eine saubere Arbeit innerhalb der Politik besteht für Hannah Arendt vor allen Dingen darin, dass ich »eine bestimmte Sache von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachte« (61). Es handelt sich darum, sich die verschiedenen Standpunkte zu vergegenwärtigen, allerdings ohne diese blind zu akzeptieren. »Es handelt sich hier weder um Einfühlung noch darum, mithilfe der Vorstellungskraft irgendeine Majorität zu ermitteln und sich ihr dann anzuschließen.« (ebd.) Es geht also gerade nicht darum, vom Gefühl her innerlich zu prüfen, ob ich mit diesem Standpunkt einverstanden bin, und auch nicht darum, ob ich mir das vorstellen kann. Es geht vielmehr um eine Objektivierung meiner Meinung durch eine geistige Leistung, die darin besteht, dass ich verschiedene Standpunkte einnehme (»von verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachte«, s. oben). Dies ist eine zweifellos sehr hohe Leistung, die nicht selbstverständlich ist. Viele Menschen kommen nur mit einem Standpunkt klar. Multiple Standpunkte sind für sie nicht handhabbar. Es ist ein Missverständnis in der politischen Diskussion, dass es darum ginge, nur den eigenen Standpunkt so fest wie möglich zu vertreten und durch Fakten oder Gleichgesinnte zu verteidigen. In der Inka-Tradition gibt es einen spirituellen Entwicklungsweg, der über acht Einweihungsstufen verläuft. Der Adept, der in die vierte Stufe eintritt, muss die Fähigkeit erlernen, mit zwei heterogenen Standpunkten gleichzeitig zu denken. Dies ist eine Entwicklungsstufe, die nicht viele Menschen meistern können. Hannah Arendt formuliert es so:

»Vielmehr gilt es, mithilfe der Einbildungskraft, aber ohne die eigene Identität aufzugeben, einen Standort in der Welt einzunehmen, der nicht der meinige ist, und mir nun von diesem Standort aus eine eigene Meinung zu bilden. Je mehr solcher Standorte ich in meinen eigenen Überlegungen in Rechnung stellen kann und je besser ich mir vorstellen kann, was ich denken und fühlen würde, wenn ich an der Stelle derer wäre, die dort stehen, desto besser ausgebildet ist dieses Vermögen der Einsicht – dass die Griechen phronesis, die Lateiner prudentia und das Deutsch des 18. Jahrhunderts den Gemeinsinn nannten –, desto qualifizierter wird schließlich das Ergebnis meiner Überlegungen, meiner Meinung sein.« (61f.)

Richtige Politik funktioniert also dadurch, dass ich in der Lage bin, verschiedene Standpunkte einzunehmen und diese gegeneinander abzuwägen. Eine schöne Übersetzung des Wortes ›phronesis‹ ist ›sittliches Vermögen‹. Die phronesis wird bei Aristoteles in der Nikomachischen Ethik diskutiert. Sie berührt die Frage, ob ich mich im politischen Diskurs gesittet verhalte oder nicht. Das Sittliche betrifft durchaus den Gemeinsinn, handelt es sich doch um die Frage, wie man mit anderen Menschen umgeht. Gerade diese Idee des Sittlichen ist heutzutage sehr diskreditiert. Man kann heute nicht nur einen Verlust der Sitte, sondern auch der Scham und des Anstands beobachten. Es ist das Geschäft der Demagogen und Eiferer, die Wahrheit zu instrumentalisieren und für die eigenen Zwecke schamlos zu verbiegen. So wird allenthalben betont, dass es ihnen um nichts als die Wahrheit ginge, und sie wird als Kampfbegriff gebraucht. Aber die Fakten werden zurechtgebogen oder selektiv verwendet, weil es ihnen letztendlich nur um die eigene Meinung geht, d. h. um eine ideologische Programmatik, die Macht und bestimmte Interessen durchsetzen soll. Es bleibt also die kritische Frage: Wie kann Wahrheit in der Politik bestehen, wenn es in der Politik um die Macht geht? Hannah Arendt weist darauf hin, dass der vollständige Verzicht auf die Wahrheit auch im politischen Raum ins Bodenlose führt und die gemeinsame Realität auflöst. Wir brauchen die Wahrheit unbedingt, denn sonst verlieren wir uns in der uferlosesten Beliebigkeit. Das gegenwärtige Problem der alternativen Fakten und der Fake News, die von verschiedenen ideologischen Seiten als Kampfmittel im Propagandakrieg genutzt werden, ist nicht nur ärgerlich, weil es viele unnötige Diskussionen verursacht, es ist vor allem gefährlich, weil es unsere kollektive Vereinbarung über die Realität erodiert.

Wir brauchen also vor allen Dingen die Fähigkeit, »an der Stelle jedes anderen zu denken« (62). Hannah Arendt verweist an dieser Stelle auf Immanuel Kant, der in seiner ›Kritik der Urteilskraft‹ vom »uninteressierten Wohlgefallen« sprach. Dies bedeutet »die Befreiung aus der Verstrickung in Privat- und Gruppeninteressen« (ebd.). Auch Sigmund Freud hatte dieses Prinzip in seiner psychoanalytischen Arbeit als zentrale Methodik benannt: die »gleichschwebende Aufmerksamkeit«. Dies ist eine sehr hohe Kunst. Es bedeutet, von meinem eigenen Ego abzurücken, und zwar sowohl von dem Ich der 1. Person Singular als auch von dem Wir der 1. Person Plural. Sowohl Privat- als auch Gruppeninteressen sind nachgerade kontraproduktiv, um eine dem Gemeinsinn angemessene Beurteilung eines Sachverhaltes anstellen zu können. Ein uninteressiertes Wohlgefallen bedeutet, dass man keine Absicht verfolgt und eine grundsätzlich positive Grundhaltung einnimmt. Dieses uninteressierte, wohlwollende und absichtslose Verhalten steht im Gegensatz zu den hoch emotionalen Diskussionen, die oft in ideologischen Meinungsstreits stattfinden. Ich selbst bin oft hoch emotional, wenn es um politische Kontroversen geht. Ich muss mir deshalb selbst die Frage stellen, inwiefern ich ideologisch motiviert bin, d. h. inwiefern ich eine bestimmte vorgefasste Meinung oder gar ein Vorurteil habe, das meinem Egointeresse entspringt. Geht es mir wirklich um den Gemeinsinn? Ich glaube, je mehr es mir gelänge, eine absichtslose Haltung an den Tag zu legen, desto nüchterner könnte ich die Thesen und Argumente respektive die Meinungen und Tatsachen zur Kenntnis nehmen.

Hannah Arendt lässt nicht unerwähnt, das dieser Mangel an Einbildungs- und Urteilskraft selbst bei hochdifferenzierter Intelligenz zu finden ist (vgl. S. 62). Dies ist in der Tat ein erstaunliches Phänomen. Man sollte denken, dass ein intelligenter und gebildeter Mensch diese Fähigkeit besitzen sollte. Es sind indes zwei unterschiedliche Bereiche des Bewusstseins. Intelligenz und Bildung vollziehen sich meist ausschließlich im kognitiven Bereich. Bei Aristoteles ist dies episteme, der Ursprung des heutigen Wortes Epistemologie, d. h. Erkenntnistheorie. Die Fähigkeit des Sich-Hineinversetzens in andere Standpunkte ist aber ein sittliches Vermögen, phronesis, das in den Bereich der Ethik fällt und das Gefühl und den inneren moralischen Wert einer Person zur Grundlage hat. Hier rächt sich dass die Aufklärung das kognitive Vermögen des Denkens betont. Wir brauchen emotionale Kompetenz und einen gesunden Selbstwert im eigenen Inneren, um auf angemessene Weise politische oder gesellschaftliche Interessen zu diskutieren.

Hannah Arendt bringt es auf den Punkt: Auch wenn dieses Vermögen bei vielen Menschen fehlt, »ändert [das] aber nichts daran, dass die eigentliche Qualität einer Meinung wie auch eines Urteils durchaus von dem Grad der ›erweiterten Denkungsart‹, der Unabhängigkeit von Interessen, abhängt« (62). Anders formuliert: Wir brauchen eine große Billigkeit des Urteils, es muss recht und billig sein und wir billigen die Meinung des anderen. Billigkeit im alten Sinne ist eben dieses interesselose Wohlgefallen. Dass dieses Wort ›billig‹ heute einen Bedeutungswandel hin zu wertlos durchgemacht hat, weist auf den Verfall unserer sittlichen Werte hin. Eigentlich bedeutet es gerecht und objektiv.

Meinungen sind anders als Wahrheiten nicht feststehend und haben keine axiomatische Gewissheit. Sie bedürfen einer Begründung. Meinungen müssen diskutiert werden, d. h. sie sind diskursiv. Man schaut sich die verschiedenen Standpunkte an, »bis sich schließlich aus einer Fülle von solchen parteigebundenen Teilansichten eine relativ unparteiische Gesamtansicht heraus destilliert hat« (63). Meinungen und Standpunkte sind also immer parteilich. Es sind Teilansichten, die auf partikularen Interessen beruhen. Im demokratischen Prozess kommt man schließlich zu einer Gesamtsicht, die einigermaßen unparteiisch sein soll. Dies ist zumindest die Idealvorstellung. Es ist nachgerade der Sinn des politischen Diskurses, diese Meinungen zu diskutieren. Der heutige Verfall besteht darin, dass das Verständnis unklar geworden ist, was Meinungen und was Fakten sind. Es war wohl Trump, der mit dem Kampfbegriff ›Fake News‹ die Fakten zu bloßen Meinungen umfunktioniert hat. In der aktuellen Widerstandsbewegung, zum Beispiel querdenken-711.de, ist dies der Hauptangriffspunkt gegen die ›Elite‹ und die ›Lügenpresse‹.

Welche Rolle spielen die Tatsachenwahrheiten, d. h. Fakten, für die Meinungen? Die Tatsachenwahrheiten geben der Meinung ihren Gegenstand vor und halten sie in Grenzen, damit sie nicht ins Fantastische ausufern. Arendt spricht bezüglich der Tatsachenwahrheiten von einer »eigentümlichen Undurchsichtigkeit« (ebd.). Man kann nicht schlüssig sagen, warum es so ist, wie es ist. »Jedes Ereignis, jedes Geschehnis, jedes Faktum könnte auch anders sein, und dieser Kontingenz sind keine Grenzen gesetzt.« (ebd.) Tatsachenwahrheiten, also Fakten, sind eher zufälliger Natur. Das unterscheidet sie von Vernunftwahrheiten, die »zwingende Evidenz besitzen« (ebd.). Die Tatsachenwahrheiten umfassen die menschlichen Angelegenheiten, die Vernunftwahrheiten die ewigen Dinge. Deshalb hat es die Philosophie lange abgelehnt, sich mit diesen menschlichen Dingen, dem »trostlosen Ungefähr« (Kant) zu beschäftigen. Ein weiterer Grund für die relative Instabilität von Tatsachenwahrheiten besteht darin, dass sie nur in der Vergangenheit rückblickend als gegeben gelten können. Politisches Handeln, das auf die Zukunft gerichtet ist, hat mit Tatsachen nichts zu tun, da es in der Zukunft eben diese Tatsachen noch nicht gibt. Wie der Name schon sagt: Tatsachen sind Sachen, die getan sind. Handlungen indes können so oder so ausfallen. Jede Tat wird eine Tatsache erzeugen. Diese erkennen wir aber erst im Nachhinein. Da Tatsachen mithin genauso wenig evident sind wie Meinungen, ist es möglich, »Tatsachenwahrheiten dadurch zu diskreditieren, dass man behauptet, sie seien eben auch Ansichtssache« (65). Dies findet man sehr oft in der Politik und insbesondere in den Diskussionen um die Corona-Maßnahmen. Der Streit darüber, ob diese Viruserkrankung gefährlich oder harmlos ist, oder ob etwa ein Mundschutz die Ansteckungsgefahr verringern kann oder nicht, wird zwar über Fakten ausgetragen, d. h. man führt zahlreiche Messdaten, wissenschaftliche Untersuchungen oder die Aussagen von populistischen Kommentatoren ins Feld. Man gibt sich also den Schein einer Faktizität. Aber die Selektion und die Bewertung der Fakten stützt nur die eigene Meinung und die Fakten werden sogar allzu oft behandelt, als seien sie Meinungen, wenn sie nicht sowieso verbogen werden. Ein schlagendes Beispiel ist die aufflammende Diskussion um die Anzahl der Teilnehmer an der ›Tag der Freiheit‹-Demonstration am 01.08.2020 in Berlin. Polizei und offizielle Stellen sprechen von 20.000 Teilnehmer*innen, die Veranstalter*innen von 1,3 Millionen. Es ist geradezu absurd, wie weit hier die Zahlen auseinanderliegen, und es wird offensichtlich, dass es hier gar nicht mehr um das Faktum, sondern um die Meinung im Sinne der politischen Überzeugung geht. Meistens jedoch handelt es sich bei den umstrittenen Fakten um feinere Unterschiede, dann tritt die dahinterliegende Komponente nicht so deutlich zutage.

»Sobald also eine Tatsachenwahrheit den Meinungen und Interessen im politischen Bereich entgegensteht, ist sie mindestens so gefährdet wie irgendeine Vernunftwahrheit.« (ebd.)

Deshalb ist es meines Erachtens müßig, im politischen Bereich über Tatsachen zu streiten. Es geht um die Meinungen und die Interessen. Der ganze Schlagabtausch von Fakten und alternativen Fakten ist Nebelwischerei. Wir werden unseren Gegner niemals durch unsere Fakten und Argumente überzeugen können, genauso wenig wie sie uns. Viel wichtiger ist es deshalb, die hinter den Argumenten liegenden Grundthesen bzw. die hinter den Fakten liegenden Meinungen herauszuarbeiten und zu offenbaren. Wir müssen herausfinden, welche Grundtheoreme eine Person oder eine Gruppe ihren Argumentationen zugrunde legt. Dann wissen wir auch, um was es geht. Das ganze Hin und Her der Argumente und Fakten wird also bei sehr stark überzeugten Protagonisten zu keiner Veränderung ihrer Meinung führen. Allerdings können Argumente und Fakten bei Menschen wirken, die sich ihre Meinung noch nicht gebildet haben, da in einem realen und vernünftigen Diskurs die Tatsachenwahrheiten die Entscheidungsgrundlage sind. Außerdem sollten wir in einer gesellschaftlichen Diskussionen so lange wie möglich diese Haltung der Offenheit beibehalten, in der wir keine dezidierte Meinung vertreten, um wirklich den Tatsachenwahrheiten und den Argumenten ausreichend Raum geben zu können, damit sie ihre Wirkung entfalten können.

Neben diesen Grundüberzeugungen, die hinter den Fakten stehen, gibt es noch eine andere Kategorie, die unserer Ebene der faktischen Argumente vorangeht und sie bestimmt: das Vertrauen. Wenn wir die Frage der Fakten stellen, müssen wir oft zugeben, dass wir es nicht so genau wissen. Sei es, dass die Faktenlage wissenschaftlich sehr anspruchsvoll ist, zum Beispiel in der Frage, wie ein Virus biologisch und epidemiologisch funktioniert, oder sei es, dass die Beweiskraft der Tatbestände strittig ist, weil zum Beispiel Zeugen oder Dokumente nicht vertrauenswürdig sind. Für den Fall, dass wir es nicht genau wissen, bleibt uns letztendlich nur das Vertrauen in Autoritäten, denen wir glauben, dass ihre Aussagen wahr sind. Um also herauszufinden, durch was eine bestimmte Partei motiviert ist, macht es Sinn, sich anzuschauen, wem diese Menschen vertrauen bzw. misstrauen. Bei den Corona-Maßnahmen-Gegner*innen finden wir ein großes Misstrauen in die Regierung und die Leitmedien, was dazu führt, dass allen Informationen, die von der Regierung und den an ihr orientierten Medien kommen, nicht vertraut wird. Man beruft sich auf alternative Medien, die eine Blanko-Vertrauensvorgabe bekommen, einfach weil sie die Opposition sind. Misstraut man den sog. Mainstream-Medien in einem fundamentalen Maße und glaubt überhaupt nichts, was von ihnen kommt, so vertraut man umgekehrt den alternativen Medien vollumfänglich und glaubt alles, was sie sagen. Auch hier wird deutlich, dass sich das Urteilsvermögen nicht entlang der Fakten, sondern entlang der Meinungen organisiert. Wenn das Wissen nicht ausreicht, behelfen wir uns mit Glauben. Fatal ist nur, dass unwissende Menschen annehmen, dass es mit dem Glauben getan sei.

Ist es überhaupt sinnvoll, mit der Wahrheit im Bereich der Politik anzutreten? Hannah Arendt macht deutlich, dass »die philosophische Wahrheit den Menschen im Singular betrifft« und sie deshalb »ihrem Wesen nach unpolitisch« (86) ist. Es ist deshalb nicht förderlich, den Versuch zu unternehmen, die Wahrheit im Widerstreit der Meinungen zur Geltung zu bringen. Der Philosoph wird immer versuchen, interesselos zu schauen. In der Politik geht es jedoch um handfeste Interessen und um das Gemeinwohl, das ebenso interessegeleitet ist.

»Der Philosoph, der sich in den Kampf der Meinungen und Mächte einlässt, degradiert auf jeden Fall seine Wahrheit zu einer bloßen Meinung, einer Ansicht unter vielen möglichen und wirklichen Ansichten.« (68f.)

Während der Gegensatz zur Vernunftwahrheit der Irrtum ist, ist der Gegensatz zur Tatsachenwahrheit die bewusste Unwahrheit oder Lüge. Tatsachenwahrheiten sind sehr spezifisch, denn sie beziehen sich auf das, was ist. Sie sind, was sie sind. Ein Tatbestand ist zum Beispiel, dass Deutschland im August 1914 in Belgien einmarschiert ist. Ein solcher Tatbestand ist an sich nicht politisch. Er erhält eine politische Bedeutung erst, wenn man ihn mit einem bestimmten Interesse verknüpft. Die gegenteilige Aussage – Belgien fiel in Deutschland ein – wäre indes von vornherein politisch. Sie wäre eine politische Handlung, weil sie die Vergangenheit verändern will. Wir begegnen diesem Sachverhalt der Geschichtsfälschung oder Geschichtsmodifizierung in den politischen Lagern permanent. Will man zum Beispiel die Frage klären, welche Rolle die Sowjetunion im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs gespielt hat, gibt es dazu definitiv einen Tatbestand, denn es sind mit Sicherheit bestimmte Handlungen geschehen, die bestimmte Folgen hatten. Viel schwieriger ist es jedoch, diesen Tatbestand in seiner reinen Objektivität, wie es denn gewesen ist, herauszufinden. Die Interessen der US-Regierung und der mit ihr verbündeten Staaten, die unter anderem darin bestehen, das heutige Russland zu schwächen, dürften die Tatsachenbehauptungen in eine Richtung bewegen, die ihren Zielen nützlich ist. In gleicher Weise dürften die Darstellungen vonseiten Russlands und Putins entsprechenden komplementären Interessen nützen. Einem möglichst objektiven Beobachter ist es deshalb anzuraten, alle Seiten in den Blick zu nehmen. Was jedoch sehr oft passiert, auch und gerade in den aktuellen Verschwörungserzählungen, ist Folgendes:

»Das gleiche gilt, wenn der Lügner nicht über die Macht verfügt, seine Fälschung öffentlich als Wahrheit zu etablieren, und daher erklärt, dies sei eben seine Ansicht von der Sache, für die er dann das Recht der Meinungsfreiheit in Anspruch nimmt. Subversive Gruppen haben sich dieses Mittels häufig bedient, und in einer politisch ungeschulten Öffentlichkeit kann die daraus entstehende Verwirrung beträchtlich sein. Die Trennungslinie zwischen Tatsachen und Meinungen zu verwischen, ist eine der Formen der Lüge, die wiederum insgesamt zu den Modi des Handelns gehören.« (73)

Damit diese Verwirrung nicht geschieht, ist es zwingend geraten, die Unterscheidung zwischen Tatsachen und Meinungen klar und deutlich aufzuzeigen. Dies sollte zum Grundwissen in jeder politischen Debatte gehören. Die Verwischung der Trennlinie zwischen Tatsachen und Meinungen ist das Geschäft der Populisten, die damit eine Verunsicherung in der politischen Landschaft hervorbringen wollen. Ihr Hauptinteresse ist die Destabilisierung des Systems, um in dem daraus entstehenden Chaos die Unzufriedenheit der Menschen zu schüren und emotionale Affekte gegen das etablierte System aufzuwiegeln. Wenn deshalb heute amateurhafte Politikinteressierte den Standpunkt vertreten, dass Meinungsfreiheit bedeute, alles glauben zu dürfen, was man wolle, und dies als Tatsache proklamieren zu können, so ist hier das Basisprinzip der Politik bereits ad absurdum geführt. Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass man Meinungen zu Tatsachen umdeuten dürfte. Meinungsfreiheit bedeutet, dass jeder seine Meinung vertreten kann, und zwar unter anderem gerade deshalb, weil eine Meinung keine Tatsache ist. Um echte Meinungsfreiheit zur Geltung bringen zu können, ist es deshalb zwingend notwendig, klar zwischen Meinung und Tatsache zu unterscheiden.

Hannah Arendt vertritt auch eine interessante Definition von Handlung. Da ich durch eine Lüge die Absicht habe, eine Tatsache zu verändern, ist dies eine Handlung, eine Einflussnahme auf die Wirklichkeit. Wenn ich jedoch die Wahrheit sage, verändere ich die Wirklichkeit nicht und nehme auch keinen Einfluss auf sie. Deshalb ist das Sagen der Wahrheit keine Handlung. Wie also der Philosoph, der seine Wahrheit als herrschende Meinung etablieren möchte, sich um die Wahrheit bringt, weil diese zum Schluss nur noch eine Meinung ist, so bringt sich auch der Berichterstatter, der eine Information kundtun möchte, um seine Glaubwürdigkeit, wenn er diese in den Dienst von Interessen und Macht stellt. Man kann diesen Einfluss nehmen, indem man bestimmte Tatsachen betont und andere in den Hintergrund stellt, wobei man sich der politischen Künste des Überredens und Überzeugens bedient. Unliebsamen Tatsachen wird dann ihre Kraft genommen, weil sie einfach durch den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit entkräftet werden können. Die Glaubwürdigkeit des Berichterstatters, der den Tatsachen und der Wahrheit verpflichtet ist, hängt gerade an seiner Unabhängigkeit und Integrität. In der politischen Sphäre ist dies jedoch anders. Hier wirkt der Anspruch, wahrhaftig zu sein, zweifelhaft. Der Lügner wirkt hier paradoxerweise ehrlicher, weil er als politisch Handelnder immer schon die Absicht hat, die Dinge nicht so zu akzeptieren, wie sie sind. Er will etwas ändern und seine Ziele liegen auf einer anderen Ebene als die Wahrheit. »Was immer er sagt, ist nicht ein Sagen, sondern ein Handeln; denn er sagt, was nicht ist, weil er das, was ist, zu ändern wünscht.« (74) Der Mensch ist in der Lage, zu lügen, und das ist bemerkenswerterweise auch das, was seine Freiheit verbürgt. Unsere Fähigkeit, zu lügen, und keineswegs unser Vermögen, die Wahrheit zu sagen, »bestätig[t] uns, dass es so etwas wie Freiheit wirklich gibt« (ebd.). Ist es auch die Freiheit, die uns das Lügen ermöglicht, so wird diese Freiheit zugleich durch das Lügen missbraucht und pervertiert. Der Politiker wird indes »immer dazu neigen, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen und mit Tatbeständen nach Belieben umzuspringen« (ebd.). Wahrscheinlich kommen wir in der politischen Sphäre nicht ganz ohne das Lügen aus, denn das einfache Sagen dessen, was ist, dürfte die Menschen eher dazu veranlassen, sich damit abzufinden, dass die Dinge nun einmal so sind, wie sie sind.

»Wahrhaftigkeit ist nie zu den politischen Tugenden gerechnet worden, weil sie in der Tat wenig zu dem eigentlich politischen Geschäft, der Veränderung der Welt und der Umstände, unter denen wir leben, beizutragen hat.« (74f.)

Vielleicht kann man hier verstehen, warum die Gegner des Systems die Lüge als politische Waffe verwenden, um gegen das System zu kämpfen. Dieses Phänomen dreht sich jedoch an einer Stelle um, nämlich wenn prinzipiell gelogen wird. Dann wird auch das einfache Sagen-was-ist, das zuvor unpolitisch war, zu einer politischen Handlung. Der Lügner indes, der Tatsachen frei erfindet, klingt unter Umständen einleuchtender und logischer als die Wirklichkeit, da er das Element des Unerwarteten – das eigentliche Merkmal aller Ereignisse – eliminiert. Er richtet sich einfach nach dem, was seinem Publikum gelegen kommt, oder nach dem, was zu erwarten ist.

Was würde passieren, wenn die modernen Lügner sich nicht mehr mit Einzelheiten zufriedengeben würden, sondern den Gesamtzusammenhang umlügen und einen neuen Wirklichkeitszusammenhang anbieten? Es kann passieren, dass der Lügner so gut lügt, dass er am Ende sich selbst glaubt. Er wird vom Lügner zum Verlogenen. Je mehr er seiner Selbstlüge glaubt, umso überzeugender ist er. In einem Streit über die Fakten, wo jeder den anderen des Lügens bezichtigt, mag dann der Verlogene den überzeugenderen Eindruck hinterlassen. »Wer sich selbst belügt und auf seine eigene Lüge hört, kommt schließlich dahin, dass er keine einzige Wahrheit weder in sich noch um sich unterscheidet.« So steht es in Dostojewskis ›Brüder Karamasow‹. Während der Lügner immerhin noch weiß, was die Wahrheit ist, die er entstellt, so ist bei dem Verlogenen die Wahrheit ganz verloren. »Um diese mögliche Endgültigkeit und Vollständigkeit, die früheren Zeiten unbekannt war, handelt es sich aber bei der organisierten Manipulation von Tatbeständen, der wir heute überall begegnen.« (80) Das Resultat kann sein, dass sich ganze Nationen an Lügen statt an Tatsachen orientieren. Wenn dann die Informationen der Gegner oder der feindlichen Interessen nicht mehr akzeptiert werden, ist das nur noch ein kleiner Baustein in der Gesamtideologie. Zum Glück sind solche Manöver normalerweise nicht dauerhaft von Erfolg gekrönt. In voll entwickelten Demokratien pflegen diese Dinge aufzufliegen. Deshalb braucht es hermetisch abgedichtete Systeme, die das Kriterium der Totalität erfüllen. Verschwörungstheorien arbeiten nach diesem Muster. Sie blenden alle widerstreitenden Informationen aus und unterliegen einer Binnenorientierung in ihrer Filterblase.

Ohne die Wahrheit verlieren die Menschen allerdings ihre Orientierung. In einem Klima der Verlogenheit, in dem alternative Fakten präsentiert werden, ändern die Menschen nicht einfach ihre Gesinnung, sondern sie entwickeln einen Zynismus, der sich weigert, irgendetwas als wahr anzuerkennen.

»Wo Tatsachen konsequent durch Lügen und Totalfiktionen ersetzt werden, stellt sich heraus, dass es einen Ersatz für die Wahrheit nicht gibt. Denn das Resultat ist keineswegs, dass die Lüge nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern dass der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.« (83)

Es ist allerdings eine verheerende Konsequenz, wenn der menschliche Orientierungssinn vernichtet wird. Ganz abgesehen von moralischen Erwägungen oder religiösen Geboten, dass man nicht lügen soll, weil man dann in die Hölle kommt, gibt es handfeste politische Konsequenzen. Mag die objektive Verlogenheit ursprünglich sich auf einen Gegner richten, der bekämpft werden soll, so richtet sich diese kognitive Verunsicherung bald schon nach innen auf die Gruppe selbst. Die Gruppe zersetzt sich dadurch selbst.

Fakten sind einfach das, was sie sind. Sie sind einfach da. Ihnen liegt aber auch eine gewisse Beliebigkeit inne, denn alles, was geschieht, hätte auch anders kommen können. Damit ist der Lüge die Tür geöffnet und sie findet unbegrenzte Möglichkeiten vor.

»Die Propagandafiktionen zeichnen sich dagegen stets dadurch aus, dass in ihnen alle partikularen Daten einleuchtend geordnet sind, dass jedes Faktum voll erklärt ist, und dies gibt ihnen ihre zeitweise Überlegenheit; dafür fehlt ihnen die unabänderbare Stabilität alles dessen, was ist, weil es nun einmal so und nicht anders ist. Konsequentes Lügen ist im wahrsten Sinne des Wortes bodenlos und stürzt Menschen ins Bodenlose, ohne je imstande zu sein, einen anderen Boden, auf dem Menschen stehen könnten, zu errichten.« (84)

Ist das Wirkliche obsolet geworden, dann gibt es keinen Punkt mehr, von dem aus man handelnd eingreifen könnte, um etwas zu ändern. Die tatsächliche Wirklichkeit wurzelt in der Vergangenheit, denn dort liegen die Tatsachen, die nicht mehr zu ändern sind. In der Zukunft liegen die Tatsachen, die es noch nicht gibt, und die durch Handeln noch zu schaffen sind. Eine Lüge über die Tatsachen kann durch keine Macht die Sicherheit und Stabilität der tatsächlichen Wirklichkeit bieten. Macht ist ein politisches Motiv. Sie entsteht, wenn Menschen sich für ein bestimmtes Ziel zusammentun, und verschwindet, wenn dieses Ziel erreicht oder verloren ist. Sie kann die Wahrheit nicht ersetzen.

Wer die Wahrheit vertreten will, positioniert sich außerhalb des politischen Bereichs und damit außerhalb der Gesellschaft. Obwohl innerhalb der Politik die Wahrheit nicht die Diskussion trägt, gibt es nichts, was sie ersetzen könnte. Sie ist ein essenzieller Bestandteil menschlicher Erfahrung. Die Position außerhalb der Gesellschaft ist immer ein Alleinsein.

»Unter den existenziellen Modi des Alleinseins sind hervorzuheben die Einsamkeit des Philosophen, die Isolierung des Wissenschaftlers und Künstlers, die Unparteilichkeit des Historikers und des Richters und die Unabhängigkeit dessen, der Fakten aufdeckt, also des Zeugen und des Berichterstatters.« (86)

Hannah Arendt macht darauf aufmerksam, dass diese Formen des Wissens und der Berufung auf das Alleinsein angewiesen sind und politisches Engagement, das Eintreten für eine Sache, ausschließen. Dies ist der Grund, warum die Wissenschaftler, die sich mit den wissenschaftlichen und medizinischen Aspekten der Corona-Pandemie beschäftigen, wie zum Beispiel Prof. Christian Drosten, sich explizit aus der politischen Entscheidungsfindung heraushalten. Unseriöse Verschwörungstheorien vermischen Wissenschaft und Politik. Vermeintliche Wissenschaftler stellen politische Urteile und Forderungen aus, während andererseits Menschen ohne wissenschaftlichen Hintergrund angeblich wissenschaftliche Fakten als Meinungen in die politische Debatte werfen.

Der nicht-politische oder anti-politische Charakter der Wahrheit wird uns vor allen Dingen im Falle des Konflikts bewusst. Dies wurde bis hierhin behandelt. Es gibt jedoch bestimmte Institutionen, die zum öffentlich-politischen Bereich gehören und für die Wahrheit eingerichtet sind. Dazu gehören die Rechtsprechung und die Bildungsanstalten. Es ist zum Beispiel die Rolle der Universitäten, die von ihrem Ursprung her ein Gegengewicht zur politischen Praxis darstellen sollten. Schon Platon hatte diesen Traum, mit der Akademie eine Gegengesellschaft zur Polis zu erschaffen. Sein Ideal vom Philosophenstaat hat sich niemals verwirklicht. Es gibt wohl auch kein geschichtliches Ereignis, wo Akademien oder Universitäten versucht hätten, die Macht zu ergreifen.

»Aber woran Platon nie auch nur im Traum gedacht hat, ist Wirklichkeit geworden: die Mächte innerhalb des politischen Raumes haben eingesehen, dass sie einer Stätte bedürfen, die außerhalb des eigenen Machtbereichs liegt. Denn ob nun die Hochschulen formal privat oder öffentlich sind, die Lehr- und Lernfreiheit muss genauso vom Staat anerkannt und geschützt werden wie eine unparteiische Rechtsprechung.« (87)

Die Verpflichtung zur Wahrheit und die Unparteilichkeit der Rechtsprechung und der Bildungsanstalten ist also nicht nur eine moralische Forderung, sondern konstitutives Prinzip der Gesellschaft. Sie ist eine dialektische Notwendigkeit. Die Polis, also die per se politische Gesellschaft, braucht einen Raum des Unpolitischen, um zu existieren. Das sollte auch den Corona-bewegten Systemgegner*innen klar sein. Wenn sie einerseits die akademisch anerkannte Wissenschaft als willfährige Dienerin des Systems verfemen und andererseits die kritischen Wissenschaftler*innen, die es natürlich in einer wissenschaftlichen Debatte immer gibt, für ihre politische Ideologie instrumentalisieren, verwischen sie diesen Unterschied und destabilisieren damit nicht nur das System – was ihre Absicht ist –, sondern sie destabilisieren auch die Wirklichkeit – was für alle Menschen und auch für sie selbst destruktiv ist. Es ist diese Desorientierung in der Wirklichkeit, die wirklich Angst erzeugt. Dagegen ist die berechtigte Angst vor dem Virus nachgerade harmlos. Eine echte Gefahr berechtigt auch zu echter Angst. Diese echte Angst führt zu Wachsamkeit und Handlungsbereitschaft. Ideologische Angst hingegen ist eine illusionäre Angst, die keinen Handlungsimpuls zu implizieren vermag und deshalb zur Lähmung führt. Generell halte ich die immer wieder zu findende litaneienhafte Aufzählung von allen Übeln, die es in der Welt gibt, für kontraproduktiv. Man möchte damit die Menschen aufrütteln und einen moralischen Aufruhr erzeugen, damit sich dann etwas ändert. Die Negativität dieser Aufzählungen vermag aber meines Erachtens keinen positiven Handlungsimpuls zu erzeugen. Sie sind nicht lebensrichtig.

Wenn nun zum Beispiel Zeitschriften oder sonstige Medien die Aufgabe haben, Informationen zu verbreiten, d. h. Tatbestände, so bedeutet diese Nachrichtenvermittlung, dass hier im Sinne der Wahrheit kein Handeln und keine Entscheidungen impliziert sind. Dies ist die eigentliche Funktion der Presse, die von ideologisch gebundenen Zeitschriften verfehlt wird. Gleichwohl ist die Wirklichkeit nicht allein die Summe aller Fakten. Wer sagen will, was ist, muss eine Geschichte erzählen, d. h. er ordnet diese Fakten in eine sinnvolle Bedeutung. Die politische Funktion des Geschichtenerzählers wie des Geschichtsschreibers liegt darin, »dass sie lehren, sich mit den Dingen, so wie sie nun einmal sind, abzufinden und sie zu akzeptieren. Dieses sich Abfinden kann man auch Wahrhaftigkeit nennen; jedenfalls entspringt in der Gegend dieser Realitätsnähe die menschliche Urteilskraft.« (90) Dies ist ein starker Punkt. Echte Urteilskraft kann nur da entstehen, wo wir so nah wie möglich am Wirklichen sind. Dieses Wirkliche, das Wie-es-ist, ist das Faktische und das Rohmaterial, das aber zwangsläufig in einer Art Geschichte erzählt werden muss. Eine offene Objektivität kann meines Erachtens nur erreicht werden, wenn man sich dieses Akts des Erzählens bewusst ist und ihn offenlegt. Einer naiven Behauptung, dass das, was man erzählt, schon objektiv sei, wird sich die Wahrheit nie erschließen. Sie erschließt sich in der Offenlegung des subjektiven Faktors. Es ist ein Grundprinzip des Denkens und der ihm inhärenten Fähigkeit des Urteilens, dass gerade die nicht-intentionale und nicht-ideologische Annahme dessen, was ist, am ehesten die Chance mit sich bringt, die richtige Handlung zu finden, um das jeweilige Problem zu lösen. Dies ist in der Tat eine politisch bedeutsame Funktion, die sich außerhalb des politischen Bereichs abspielt. Sie setzt Unabhängigkeit des Denkens und Urteilens voraus. Eine Geschichtsschreibung in diesem Sinne verschweigt nicht nur nicht die Niederlage und das Leiden derjenigen, die verloren haben, sondern lässt dem Feind auch Gerechtigkeit widerfahren, indem sie auch seine großen und wunderbaren Taten gleichberechtigt erzählt. Dies ist Objektivität und intellektuelle Integrität. Dies ist Wissenschaft.

»Die hohe Freude, die dem schieren Zusammenkommen mit seinesgleichen innewohnt, (…) die Befriedigung des Zusammenhandelns und die Genugtuung, öffentlich in Erscheinung zu treten, (…) die für alle menschliche Existenz entscheidende Möglichkeit, sich sprechend und handelnd in die Welt einzuschalten und einen neuen Anfang zu stiften.« (92)

Die vorliegende Arbeit widmete sich der Politik unter dem Gesichtspunkt der Wahrheit. Es sollte unterschieden werden, was zur Politik und was zur Wahrheit gehört. Es zeigt sich, dass die Politik eine Aufgabe hat, die gerade nicht der Wahrheit gerecht wird, weil es darum geht, widerstreitende Interessen Einzelner und Gruppen im öffentlichen Raum zu organisieren. In der Politik geht es um Handeln und um Kämpfen und um die Frage, wer was bekommt. Das klingt, als ginge es nur um Verwaltung. Hannah Arendt macht am Ende ihres Buches darauf aufmerksam, dass das politische Leben doch mehr umfasst und auch eine eigene Schönheit hat:

So kommt Arendt im letzten Absatz ihres Aufsatzes zur Quintessenz dessen, was sie zuvor weiträumig entfaltet hat:

»Denn worum es in diesen Betrachtungen geht, ist zu zeigen, dass dieser Raum [der Politik, R. E.] trotz seiner Größe begrenzt ist, dass er nicht die Gesamtheit der menschlichen Existenz und auch nicht die Gesamtheit dessen umfasst, was in der Welt vorkommt. Was ihn begrenzt, sind die Dinge, die Menschen nicht ändern können, die ihrer Macht entzogen sind und die nur durch lügenden Selbstbetrug zum zeitweiligen Verschwinden gebracht werden können. Die Politik kann ihre eigene Integrität nur wahren und das ihr inhärente Versprechen, dass Menschen die Welt ändern können, nur einlösen, wenn sie die Grenzen, die diesem Vermögen gezogen sind, respektiert. Wahrheit könnte man begrifflich definieren als das, was der Mensch nicht ändern kann; metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt.« (ebd.)

Arendt würdigt damit sowohl die Politik als auch die Wirklichkeit außerhalb der Politik. Sie macht deutlich, dass wir die ganze Wirklichkeit mit all ihren Sphären nur dann konstruktiv und würdevoll bewohnen können, wenn wir die Weisheit der Unterscheidung anwenden und die Dinge auseinanderhalten, die verschieden sind: »Um sie zu verbinden, darf man sie nicht vermischen.« (Eliphas Levi) Wenn einerseits Politik und Wahrheit verschieden sind und sich gegenseitig ausschließen, so darf es dennoch nicht darum gehen, sich für eines der beiden zu entscheiden und das andere zu verwerfen, also etwa nur dem Politischen oder nur dem Wahren zu folgen. Wir müssen beide Elemente im Blick behalten und in einer dialektischen Bewegung simultan denken. Mit einer monokausalen, linearen Ideologie werden sich weder die Wirklichkeit noch konstruktive Lösungen für problematische Fragen der Menschheit finden lassen.

Quelle: Hannah Arendt – Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays, darin: »Wahrheit und Politik«, S. 44–92

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Das Wunder des Lebens

Antworten aus Wissenschaft und Spiritualität

Wenn man sich mit der Frage, was Leben eigentlich ist, befasst, findet man viele Erklärungsmodelle, die aber alle nicht so wirklich klar sind. So richtig weiß eigentlich niemand, was Leben ist. Ist es nicht faszinierend, dass ein Grashalm wächst? Dass da, wo vorher nichts war, nun eine Pflanze oder gar ein ausgewachsener Baum steht. Woher kommt dieses Holz oder dieses Zellgewebe? Wie wird aus einer winzigen Eizelle ein Embryo, dann ein Baby und schließlich ein erwachsener Mensch? Wie manifestiert sich ein Apfel?

Obwohl wir täglich von diesem unbeschreiblichen Wunder umgeben sind, wundert sich darüber niemand. Und es versucht auch niemand, dieses Wunder zu enträtseln. Natürlich gibt es da die Wissenschaft, die uns erklärt, dass wir aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Phosphor bestehen. Oder manche Menschen glauben, wir bestehen aus Sternenstaub – eine etwas romantischere Vorstellung, die dem nüchternen Realismus der rationalen Wissenschaft etwas mehr Farbe hinzufügt. Trotzdem sind wir dann immer noch Staub. Sogar die Bibel erklärt uns: „Asche zu Asche, Staub zu Staub.“ Demgemäß wurden wir aus Erde bzw. Staub gemacht und gehen nach dem Tod zurück in diesem Zustand.

Der Mensch im Kosmos

Die Wissenschaft

Die Wissenschaft behauptet, sie könnte uns erklären, was Leben ist. Aber noch keinem einzigen Wissenschaftler ist es gelungen, einen Grashalm oder eine Ameise zu erzeugen. Sie beschreiben nur die materielle Seite des Lebens, die aber nicht die Ursache, sondern die Wirkung des Lebendigen ist. Die Wissenschaftler beschreiben nur das, was sie mit ihren Sinnen wahrnehmen können, das heißt, was sie messen und wiegen können. Ironischerweise ist ausgerechnet die Physik – eine der sich an materiellen Phänomenen am stärksten orientierenden Wissenschaften überhaupt – nun regelrecht dazu gezwungen, nicht-materielle Ursachen für beobachtbare Phänomene zu akzeptieren. Der berühmte Beobachtereffekt (siehe weiter unten) ebenso wie Quantenphänomene*, die die Gesetze von Raum und Zeit übertreten, weisen darauf hin, dass über die kausalen Wechselwirkungen innerhalb der 3-D-Welt hinaus Dinge wirken, die eigentlich keine Dinge sind, weil sie materiell nicht wahrnehmbar sind. Hochkarätige Quantenphysiker wie Carl Friedrich von Weizsäcker oder sein Schüler Thomas Görnitz sprechen von Quanteninformation bzw. auch von Informationsfeldern, die auf die Materie wirken. Philosophischer formuliert könnte man das Prinzip Information auf das Wort Geist oder auch Bewusstsein ausweiten. Der Beobachtereffekt etwa  impliziert, dass Licht sich nur dann als Teilchen manifestiert, wenn es beobachtet wird. Wenn es nicht beobachtet wird, verhält es sich wie eine Welle. Auch ist es nicht möglich, gleichzeitig Ort und Impuls eines Elementarteilchens zu bestimmen. Die Quantenverschränkung von zwei Elementarteilchen, die durch eine Atomspaltung entstanden sind, zeigt eine Verbundenheit der beiden, die zigtausendmal schneller als das Licht interagiert. In der Quantenwelt existiert eigentlich nichts wirklich, sondern nur virtuell als Möglichkeit. Erst wenn wir hinschauen, manifestiert sich etwas als materielles Ding oder als Faktum. Es braucht also diesen Beobachter, um etwas materiell zu manifestieren. Der Beobachter ist ein lebendes Wesen mit Bewusstsein und der Fähigkeit der Wahrnehmung.

Die Spiritualität

Die klassische spirituelle Sichtweise wiederum besteht eher darin, dass die Materie als Illusion oder als Traum betrachtet wird. Sei es nun die christliche Lehre, die das irdische Leben gering schätzt und als Staub definiert, was wieder zu Staub wird, und ein Reich proklamiert, das nicht von dieser Welt ist; oder sei es die indische Advaita-Lehre, die alles Diesseitige als unwirkliche Maya wahrnimmt, die man sich bestenfalls so zurechtträumt, wie es einem gefällt – die körperliche, diesseitige Welt ist nicht die Wahrheit und die Wirklichkeit. Allzu schnell werden von spirituell motivierten Menschen die materiellen Gesetze der Natur ignoriert und man glaubt, man sei allmächtig und könne alles erreichen, was man möchte. Aber es ist ja evident, dass ich als Mensch nicht fliegen kann, obwohl jede Fliege diese Fähigkeit besitzt. Und es ist auch noch niemandem jemals gelungen, dem Tode zu trotzen. Die Tatsache, dass wir sterben müssen, ist so universell, dass wir das genauso unhinterfragt akzeptieren wie das Leben.

Die Grenze

Aber nur, weil etwas so universal und universell gültig ist, dass man es nicht hinterfragt, heißt das noch nicht, dass es kein Wunder ist, und es heißt andererseits auch nicht, dass dieses Wunder nicht vielleicht doch erklärbar ist – wenn auch im Moment noch nicht mit den vorhandenen wissenschaftlichen Mitteln. Wir befinden uns hier genau auf der Grenze zwischen Wissenschaft und Spiritualität. Die Wissenschaft repräsentiert die Vernunft und das Erklärbare schlechthin. Die Spiritualität steht demgegenüber für das Wunderbare, das Unerklärbare, das Mysterium. Das Leben ist ein Wunder, das heißt, mit materiellen, rationalen Antworten nicht erklärbar, und doch ist es erklärbar oder sollte zumindest immer weiter erforscht und verstanden werden – mit über das rein Rationale hinausgehenden Mitteln.

Früher, als es noch keine Wissenschaft gab, wurde alles mit Wundern oder mit Zauberei erklärt. Die Wissenschaft hat uns aufgeklärt. Sie zeigte uns zum Beispiel, dass Krankheiten durch Bakterien oder Keime entstehen können und Hygiene oder antiseptische Mittel viele Krankheiten und damit viel Leid verhindern können. Zaubersprüche oder Wunderheilungen gibt es heute noch, aber sie sind nicht objektivierbar oder reproduzierbar. Sie sind sehr subjektive Phänomene und es hängt vom einzelnen Anwender (vom Klienten und vom Therapeuten) ab, ob sie funktionieren. Einzelne Fälle sollten daher nicht gleich als allgemeine Regel oder allgemein gültiges Gesetz deklariert werden. Wissenschaftlich gesehen wäre das jedenfalls ein Kategorienfehler. Da machen es sich esoterisch oder spirituell eingestellte Menschen manchmal zu einfach und schnell hat man ein Universalheilmittel für alle Krankheiten, weil es irgendwo ein oder zweimal funktioniert hat. Aber das ist dann nur eine Meinung und keine bewiesene Gesetzmäßigkeit. Insgesamt sind beide Welten, die Wissenschaft einerseits und die Spiritualität andererseits, wichtige Bereiche, die sich meines Erachtens gegenseitig ausbalancieren können. Sie können sich gegenseitig davor bewahren, zu sehr in das eine oder andere Extrem abzurutschen und sich damit von der Wahrheit zu entfernen.

Die Verbindung

Fragen wir uns nun, wie eine Wirklichkeit im Kern aussieht, die sowohl aus der materiellen wie aus der spirituellen Welt genährt wird, müssen wir ebenso die einseitigen Antworten der Wissenschaft wie auch die einseitigen Antworten der Spiritualität überwinden. Die Antwort wird spirituell sein, aber sie wird durch die Vernunft und die wissenschaftliche Erklärung ergänzt werden. Die beiden Ansätze schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ein. Sie wirken Hand in Hand, denn je mehr Dinge von der Wissenschaft enträtselt werden, umso klarer tritt das zu Tage, was zum ewigen Geheimnis gehört.

Was ist also Leben?

Leben ist spirituell. Wir Lebewesen sind ewige spirituelle Seelen, ungeboren und unsterblich, jenseits von den 3-D-Bedingungen von Raum und Zeit, keine Materie, sondern Geist, Bewusstsein, spirituelle Energie, das Selbst, göttliche Kraft, ewige Gefährten von Göttin-Gott. Die Welt aus Kohlenstoff, Wasserstoff usw. ist der materielle Teil der Gesamtwirklichkeit, in der wir Formen aus materieller Energie nutzen (unsere Körper, in Sanskrit steht dafür das Wort »yantra«), um uns in der 3-D-Welt bewegen zu können. Aber in unserer ewigen Natur sind wir unabhängig von diesen Bedingtheiten durch Raum und Zeit.

Materie, die sich als Lebewesen manifestiert, kann nur durch diese Seelenkraft, durch unsere individuelle spirituelle Identität gebildet werden. Die Seele ist der spirituelle Funken, der den materiellen Körper bildet, wie ein Magnet, der die Eisenspäne in eine Form bringt. Beim Tod verlässt diese Bildekraft den Körper, dann beginnt dieser zu verfallen. In dieser 3-D-Welt gibt es eigentlich nichts Totes, sondern nur Lebendiges. Mutter Erde ist ein Lebewesen, jedes Gewässer ist ein Lebewesen, Pflanzen und Tiere natürlich auch. Was wir als tot wahrnehmen, sind abgetrennte Teile von Lebewesen oder tote Lebewesen. Zum Beispiel besteht ein Stuhl aus Holz. Dieses Holz gehörte einmal zu einem lebenden Baum. Wir haben den Baum gefällt, das heißt getötet, um das Holz nutzen zu können. Oder der Baum ist von selbst abgestorben und wir benutzen dann sein Holz. Fast alle Nahrung besteht aus getöteten Lebewesen. Deshalb sollte man nur Blätter, Blumen und Früchte essen, weil man dann die Pflanzen nicht töten muss. Getreide zum Beispiel essen wir, wenn es von selbst gestorben ist („wenn es reif ist“). Wir zermahlen es und machen daraus Nudeln oder Brot. Immer hat also Leben, also der Aufbau von biologischem Leben, auch mit der Zerstörung oder dem Abbau von biologischen Lebensprozessen zu tun.

Spirituelles Leben

Neben dem biologischen Leben, das eine Kombination aus Spirit und Materie ist, gibt es dann eben auch das spirituelle Leben, das ohne materielle Trägersubstanzen funktioniert. Reine Materie ohne spirituellen Funken gibt es eigentlich nicht, wie gesagt – wenn, dann nur Teile des Lebewesens, die abgefallen sind, zum Beispiel Haare oder Nägel, oder einzelne Steine, die man von Mutter Erde wegnimmt, oder Äste, die vom Baum gefallen sind usw.

Tote Materie gibt es eigentlich nur in der Vorstellung des materialistischen Menschen, der anderes Leben nicht als Lebewesen, sondern als Ausbeutungsobjekt sieht. Lebendes kann man nicht materiell ausbeuten, ohne es – körperlich oder seelisch – zu töten. Deswegen muss man es auf die eine oder andere Weise töten, um es auszubeuten. Es ist das Interesse des materialistischen Menschen, tote Materie zu haben, über die er nach Gutdünken verfügen, die er manipulieren und kontrollieren kann. Leben selbst ist aber souverän und frei, es kann nicht kontrolliert werden, auch wenn beispielsweise totalitäre Regimes das immer wieder versuchen (und letztlich doch irgendwann daran scheitern, weil das Leben sich nicht einsperren lässt und dagegen revoltiert).

Um als Mensch vollumfänglich lebendig zu werden, müssen wir uns darum dieser ungebrochenen Lebendigkeit annähern, das heißt: bewusst spirituell werden. Dazu gehört, Respekt und Achtung vor anderen Lebewesen zu haben, sie zu fördern, wachsen und gedeihen zu lassen. Das ist ein Ausdruck von Liebe, und Liebe ist nach meiner Erfahrung das höchste spirituelle Prinzip. Dass wir über das rein materielle Existieren diesen Weg gehen dürfen – das ist neben allem anderen Staunenswerten das eigentliche Wunder.

*Definition auf http://www.chemie.de: Quantenphänomene sind Effekte in der Quantenphysik, die durch Theorien der klassischen Physik nicht erklärt werden können. Die meisten Quantenphänomene zeigen sich nur unter speziellen Bedingungen und bei Messungen mit hoher Genauigkeit. Im alltäglichen Leben und ohne technische Hilfe sind sie nicht wahrnehmbar. Daher gibt es keine unmittelbar einleuchtende Anschaulichkeit, wie etwa die Parabel eines geworfenen Balls.

© Bilder: www.pixabay.com

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Philosophie, Selbst

Der absolute Ort, Band 1 und 2

»Der absolute Ort«:

Ich freue mich, Euch mein philosophischen Werk  vorstellen zu dürfen.

Band 1 erschien im August 2014. Band 2 nun im August 2015.

Die menschliche Existenz ist immer relativ. Es fällt uns schwer, absolute Maßstäbe zu finden, an denen wir unsere Ethik und unsere Moral ausrichten können. Verschiedene Menschen haben verschiedene Werte, und diese hängen ab von Ort, Zeit und Umständen. Leider sind wir als Menschen endlich und auch sterblich. Es gibt innerhalb der menschlichen Gesellschaft nur bedingt absolute Werte. Selbst Werte wie Gerechtigkeit oder Gleichheit werden fragwürdig, wenn es um das individuelle Selbst geht, das einzigartig ist und mit niemandem verglichen werden kann.

 

Grandville: le pont des planetes

Die Aufsätze des Buches beschäftigen sich von verschiedenen Seiten mit der Frage, wie der einzelne sich als Subjekt und als Teil der Gesellschaft verorten kann. Es geht nicht um blinden Glauben oder religiöse Dogmen, sondern um eine erkenntnistheoretische Dimension. Der französische Philosoph Immanuel Levines hat auf dieser Qualität Gottes hingewiesen. Er ist der absolute Ort, von dem aus wir uns selbst und den anderen verstehen können. Der absolute Ort ist Gott, wie jeder für sich versteht.
Mehr Infos und Bestellungen: www.tattva.de/der-absolute-ort

 

Inhalte:

Der Autor Ronald Engert

Band 1: Aufsätze 1994-2007

Tattva Viveka Edition, Berlin 2014, Band 1, 376 S., geb., 24,80 €
Auch als eBook: 14,80 €
ISBN Print: 978-3-945129-06-7
ISBN eBook: 978-3-945129-07-4

Der rote Faden • Die Dialektik der Religion • Omnia videns. Zur Sprachtheorie der Kabbala • Zur Kritik der Gewalt • Platon und die Bhagavad-gita • Die Lebenskurve • Kritik des Intellekts • Geist, Leben und Materie • Das Eigene und das Fremde • Leben bestimmt Leben • Das Bewusstsein der Maschinen • Magisches Denken und esoterisches Gottesbild • Der 11. September und der Terror der westlichen Welt • Die Gottesvergiftung und die Wunde des Gewissens • Die Seele ist ewig • Wer bin ich? • Vedische Erkenntnistheorie • »Bleep« • Die drei Gesichter Gottes • Der Kreuzzug der Gottlosen • Über das Sehen

Der Autor Ronald Engert

 
 
Band 2: Aufsätze 2008-2014

Tattva Viveka Edition, Berlin 2015, Band 2, 334 S., geb., 24,80 €
Auch als eBook: 14,80 €
ISBN Print: 978-3-945129-09-8
ISBN eBook: 978-3-945129-10-4

Warum Philosophie des Subjekts? • Religion als Sucht • Optimierung des Menschen? • Fühlen und Denken • Live Stream. Leben und Gefühl • Die Pforte zu sich selbst. Meditation und Wissenschaft • Entwirrung der Gefühle • Wir sind alle ewige Personen • Die Geschichte der Tattva Viveka • Woher kommt das Recht? • Ins and Outs. Männliche und weibliche Erkenntnis • Der subjektive Faktor und die objektive Wissenschaft • Sektenhetze als spirituelles Phänomen • Blick in die Ewigkeit. Nahtoderfahrungen • Die Ekstase der Gottesliebe • Die Kunst des Nehmens • Die spirituelle Bedeutung von Geld • Da ist niemand

Jetzt hier mehr zum Inhalt und zum Webshop: www.tattva.de/der-absolute-ort

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Philosophie

Woher kommt das Recht?

Die Rede des Papstes vor dem Bundestag

Woher wissen wir, was gut und was böse ist? Wie setzen wir das Recht?

Rechtsphilosophie halte ich für eines der spannendsten Themen im Bereich Menschheit. Sie verschränkt die höchsten spirituellen Prinzipien mit dem existentiellen irdischen Leben. Wie können wir Gerechtigkeit erfahren? Wie regeln wir den gesellschaftlichen Umgang der Menschen untereinander?

In früheren Zeiten wurde das Recht von der Religion abgeleitet. Heutzutage ist dieser Bezugspunkt nicht mehr gebräuchlich und es stellt sich die Frage: Woher leiten wir jetzt das Recht ab?

Papst Benedikt hat dazu eine kurze, aber ungemein dichte Rede gehalten, die den Dingen auf den Grund geht und die Unreduzierbarkeit einer Anbindung ans Spirituelle auf ziemlich elegante und geschickte Art und Weise argumentiert.

Er leitete seine Rede mit einem schönen Beispiel ein. König Salomon wurde bei seiner Thronbesteigung von Gott eine Bitte freigestellt. Was erbat sich Salomon? Kein Geld, kein Erfolg, keine Macht. Er bat um ein „hörendes Herz“, damit er sein Volk regieren und Gut von Böse unterscheiden könne.

Der Papst argumentiert, dass es die Aufgabe des Politikers sei, nicht nach Erfolg oder materiellem Gewinn zu streben, sondern „dem Recht zu dienen“. Doch woher wissen wir, was Recht ist. Meist reiche die Mehrheit aus, aber es gäbe auch „Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit“ geht. Zu Recht weist der Papst auf ein Beispiel hin, wo in einem Unrechtsstaat der Widerstand zur Pflicht wird (Origenes, 3. Jh. n. Chr. über den Widerstand der Christen gegen die Skyten), und stellt auch die Widerstandskämper im Naziregime in diese Reihe. Hier greift das Recht der Mehrheit nicht mehr.

Die Quelle bei Origenes spricht vom „Gesetz der Wahrheit“. Aber was das sei, liege nicht so einfach zu Tage und sei nicht evident. Gerade in heutiger Zeit seien „die grundlegenden anthropologischen Fragen“ keineswegs geklärt. Es verliere sich vielmehr der geistige Bezug, da die moderne Philosophie und Wissenschaft rein positivistisch ausgerichtet sei. Positivismus besagt, dass nur das Funktionale und Messbare wirklich existiert. Man hält sich an das materiell Gegebene, das was in wissenschaftlichen Untersuchungen – im Prinzip in Messungen – einen positiven Befund zeigt, also „vorhanden“ ist. Positiv meint hier nicht das wertende „gut“, sondern das bloße Vorhandensein, vgl. „HIV positiv“. HIV-positiv bedeutet nicht, dass HIV gut ist, sondern dass jemand das Virus hat. Von einer lebensförderlichen Ethik her betrachtet ist „HIV positiv“ schlecht und „HIV negativ“ ist gut, weil HIV eine tödliche Krankheit ist und es gut ist, wenn man diese Krankheit nicht hat. In diesem Fall ist auch Zerstörung gut, nämlich dann wenn die Viren zerstört werden.

Zurück zur Papst-Rede. Früher sei das Recht in der Regel religiös auf göttliche Offenbarung begründet gewesen. Das Christentum habe auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen, „auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.“ Die christlichen Theologen hätten sich „gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt.“ Benedikt führt mit diesem Passus die Kategorie des „Gewissens“ ein. Leider wird für mein Verständnis nicht klar, wie er dazu kommt (vielleicht ist das einfach der Kürze des Traktats geschuldet). Das Gewissen sei das hörende Herz Salomons, „die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft“. Das Gewissen ist also die menschliche Stimme der Vernunft. Dieses Gewissen hätte uns auch durch die Zeit der Aufklärung, der Erklärung der Menschenrechte und der Gestaltung unseres Grundgesetzes getragen. Mittlerweile sei jedoch eine dramatisch veränderte Situation eingetreten.
Durch den Siegeszug des Positivismus sei der Bezug des Seins zum Sollen verloren gegangen. Es zählt nur noch, was ist, und dieses werde durch funktionale – ich möchte ergänzen: mechanistische – Bezüge erklärt. Vor diesem Hintergrund wurden Ethos und Religion in die subjektive Sphäre verwiesen. Sie sind nicht mehr objektiv bestimmbar. Wir kennen das: ,Anything goes‘. „Da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt“, so der Papst, und: „Dies ist eine dramatische Situation (…)“.
Das führe in die Kulturlosigkeit und fordere zugleich extremistische und radikale Reaktionen heraus – ein wichtiger Punkt, finde ich. Wir schüfen fensterlose Betonbauten, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, ohne Fenster in die weite Welt Gottes. Obwohl wir doch nach wie vor von Gottes Vorräten schöpften!

Der Papst weist darauf hin, dass der Mensch sich nicht selbst gemacht hat. Das ist wichtig! Wir Menschen neigen dazu, uns in einem Ausschnitt der Realität einzurichten, indem wir uns selbst als gegeben voraussetzen, und vergessen dabei, dass auch dies eine Wahrheit ist: wir machen uns nicht selbst. Woher kommen wir also?

Spannenderweise zieht Benedikt ausgerechnet die ökologische Bewegung als Fürsprecherin für seine transzendentale Position heran. Jungen Menschen sei bewusst geworden, „dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen.“ Es gehe darum, „auf die Sprache der Natur zu hören“, und es gäbe auch eine „Ökologie des Menschen“. Auch der Mensch habe eine Natur, die er achten müsse und nicht einfach manipulieren könne. Der Mensch habe sich nicht selbst gemacht. Die Natur weise eine objektive Vernunft auf und Normen, die rechtsphilosophisch nur aus dem Willen kommen können. Also müsse es in der Natur einen Willen geben, was ein intelligentes Wesen, einen „Creator Spiritus“, also einen Schöpfergott, voraussetze.

Papst Benedikt ist schlau genug, an dieser Stelle nicht einfach nur auf die Religion zurück zu lenken. Er beruft sich auf das europäische Erbe aus dem Dreigestirn Jerusalem, Athen und Rom – der Gottglauben Israels, die philosophische Vernunft der Griechen und das Rechtsdenken der Römer. Indes – von der Überzeugung eines Schöpfergottes her sei die Idee der Menschenrechte entwickelt worden, die Gleichheit der Menschen, die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die Verantwortung des Menschen für sein Handeln.

Dies sind ohne Zweifel die Größen, um die sich ethische Fragen drehen. In der „Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen“ werden die Maßstäbe des Rechts gesetzt. Damit kehrt Benedikt zu der religiös begründeten Ethik zurück und kombiniert sie mit dem humanistischen Axiom der Menschenwürde, die rechtsphilosophisch gesehen meiner Meinung nach auch ohne Gott gedacht werden kann.

Benedikt endet mit der Bitte Salomons und empfiehlt den Politikern im Bundestag, um das hörende Herz zu bitten, „die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.“

Es ist schon ergreifend für mich, dass eine solche tiefe rechtsphilosophische Fragestellung vor den pragmatischen Alltagspolitikern präsentiert wurde, und noch dazu von einer anerkannten Autorität. Die Politiker ergehen sich ja in der Regel nur in demagogischen Ego-Kämpfen, in ideologischen Reden und in Sachfragen. Das ist in gewissen Sinne auch ihre Aufgabe. Dennoch stellen sich diese grundlegenden Fragen, und nur allzu selten werden sie behandelt.

Die Notwendigkeit eines transzendenten Pols, also einer wie immer religiösen oder spirituellen Ausrichtung auf eine Höhere Macht, einen Schöpfer, Göttin-Gott, Großen Geist oder wie auch immer, bringt der menschlichen Erkenntnis eine dritte Dimension, gleichsam eine vertikale Achse. Eine Instanz über den Menschen schützt sie vor der Hybris, unantastbare Schöpfer zu sein, ganz oben an der Spitze zu stehen und allmächtig zu sein. Wir sind „nicht selbst gemacht“, wie Benedikt voll und ganz realistisch bedenkt. Demzufolge stehen wir nicht ganz oben und sind nicht allmächtig. Das gibt Demut und in der Tat sogar Erkenntnis der Realität, wie sie ist. Das daraus sogar die Verantwortung des Menschen für sein Handeln folgt, ist eines der Mysterien des echten Glaubens. Gott hat uns geschaffen. Wir sind gewollt. Der Mensch, der diese Schöpfung zerstört, weist Gott zurück. Wir haben diese Fähigkeit, Gott zurückzuweisen. Und genau daraus ergibt sich die unreduzierbare Verantwortlichkeit für unser Handeln trotz und gerade wegen Gott. Nicht blinder Glaube also, im Sinne eines kindlichen Gottesglaubens, der jede eigene Verantwortung leugnet, ist hier angezeigt, sondern die große Synthese aus Gott und der Welt. Wir Menschen können zwar die Schöpfung manipulieren und zerstören, aber wir können das nicht schöpfen, was Gott geschaffen hat. Noch keinem Wissenschaftler ist es gelungen, einen Grashalm zu erzeugen, ganz zu schweigen von einer Ameise oder anderem. Wir modulieren und manipulieren das Gegebene. Mehr können wir nicht. Wir können Gott zurückweisen und uns an seine Stelle setzen. Aber das ist nur eine Verkennung der Realität.

In der Anerkennung Gottes oder einer göttlichen Kraft enthüllt sich uns die Ethik und die Unterscheidung von Gut und Böse. Nicht als Normenkatalog, den es unter Androhung von Strafe zu befolgen gälte, sondern als inneres Wissen, als Ge-Wissen, das aus der rechten Einordnung des Menschen in die Schöpfung resultiert. Insofern ist wahres Recht das Gesetz der Wahrheit, dessen, was wahr ist, was tatsächlich ist. Nur in der Anwendung des wahren Bezugssystems fühlen wir die Stimmigkeit, den Kammerton A des Herzens. Es funktioniert. Dieses Bezugssystem ist keine Schöpfung des Menschen und unterliegt nicht seiner Entscheidung. Wir können es indes erkennen. Dann fällt alles an seinen rechten Platz und es offenbart sich alles, wie die Sonne am Tag alles erleuchtet.

Die Rede des Papstes als Video in der Mediathek des Bundestages.

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Philosophie, Walter Benjamin

Warum man sich an Leid erinnert und Glück vergisst

Die Erinnerung ist immer etwas Abgeschlossenes, Festgestelltes. Vergangenes Unrecht ist geschehen und abgeschlossen. Es besteht hier eine Beziehung zwischen dem Abgeschlossenen der Vergangenheit und dem geschehenen Leid. Das Leid wird durch seinen Abschluss bestätigt.
Glück und Freude jedoch werden nicht durch einen Abschluss besiegelt, sondern tendieren zum ewigen Weitergehen. Ein Ende des Glücks widerspricht dem Wesen des Glücks. Insofern ist es nichts Abgeschlossenes und kann somit auch keine Erinnerung sein. Das Glück verhält sich anders zur Zeit, denn sein positiver Charakter wird durch die Vergänglichkeit weitgehend negiert.

(inspiriert durch Max Horkheimer und Walter Benjamin in: Walter Benjamin: Das Passagenwerk, Gesammelte Werke Band 5, S. 589)

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Philosophie, Spirituelle Kultur, Wissenschaft

Meditation und Wissenschaft

Bericht über den Kongress

Meditation & Wissenschaft 2010
Neue Perspektiven für unser Wissen von uns selbst
Interdisziplinärer Kongress zur Meditations- und Bewusstseinsforschung

»Dieses Ereignis ist erstmalig und einmalig in dieser Art«, sagte Gerd Scobel, der bekannte Fernsehmoderator, im Abschlusspanel der Konferenz »Meditation und Wissenschaft«. Dort saßen hochkarätige Experten und diskutierten über die Verbindung von Spiritualität und Wissenschaft in einer Weise, wie man es wohl selten zu hören bekommt. Meditation und Spiritualität galten bisher in der Wissenschaft flächendeckend als unwissenschaftlich, unseriös oder gar gleich als Wahnsysteme einer pathologischen Psyche. Wissenschaft war bis dato streng rational. Alles Welterkennen ließe sich in objektiven mess- und zählbaren Beschreibungen verorten. Was darüber hinaus ginge, das Nicht-Objektivierbare, sei kein Gegenstand der Wissenschaft und mithin keine Wahrheit.

Dr. Britta Hölzel, Massachusetts General Hospital and Harvard Medical School, Boston, MA, USA

Wissenschaft hatte das Monopol auf gesicherte Erkenntnis, auf Vernunft und »gesunden Menschenverstand«.
Die Vertreter der Spiritualität hingegen versuchten zwar immer schon gerne, sich im reputativen Nimbus der Wissenschaftlichkeit zu sonnen, als scientific proof, erreichten dies jedoch lediglich über eine Umdefinition der Bedeutung des Wortes »Wissenschaft«, indem man einfach mal ganz unbedarft alles als Wissenschaft deklarierte, was man mit Gewissheit glaubte.
Wissenschaft ist jedoch mitnichten Glauben, und Spiritualität ist mitnichten objektivierbar. Dass die Subjekt-Objekt-Spaltung eines der fundamentalen Probleme der abendländischen Kultur ist, ist keine Neuigkeit. Umso spannender ist die Tatsache, dass sowohl Wissenschaft als auch Spiritualität aus ihren Kinderschuhen herauszuwachsen scheinen, indem Wissenschaft das Phänomen des Subjekts und der Subjektivität nicht mehr scheut und die Notwendigkeit der Integration subjektiver Daten erkennt (so die Neurophysiologin Prof. Dr. Tania Singer sinngemäß), und Spiritualität andererseits zunehmend aufklärerisch wird und erkennt, dass nach Abstreifen des blinden Glaubens die Spiritualität weiterexistiert, also irgendwie doch auch mit Vernunft und intellektueller Nüchternheit versöhnbar zu sein scheint (so preschte der Philosoph Prof. Dr. Thomas Metzinger direkt zum Begriff einer »säkularen Spiritualität« vor).

Blick in den Saal

Natürlich ist dies noch nicht zu jedem Wissenschaftler oder jedem Esoteriker durchgedrungen. Vielmehr dürfte es sich bei dieser Konferenz und ihren Wissenschaftlern und Spirituellen um eine eher kleine Minderheit handeln. Die meisten Spirituellen sind nach wie vor der Meinung, dass Rationalität und Intellektualität schändlich sind. Das gleiche glauben umgekehrt die konventionellen Wissenschaftler vom Bereich des Spirituellen. Man mag sich herausreden wie man will, wenn man sich an dem Begriff »schändlich« stört. Der blumigen Worte gibt es viele. Es ändert indes nichts am Tatbestand des unüberbrückten Widerspruchs.
Umso erleichternder zu hören, was diese excellenten Wissenschaftler nun dazu zu sagen hatten. Von der einen Seite kamen die Neurowissenschaftler und Gehirnforscher, die die eindeutige Wirksamkeit von Meditation auf das Gehirn und die Gesundheit des Menschen in immer mehr Studien nachweisen, von der anderen Seite die Philosophen, die mit bestechender Klarheit das metareflexive Bezugssystem der menschlichen Erkenntnis stellten.

Prof. Dr. Tania Singer, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig

Die Neurowissenschaftler sind zunächst klassische Forscher am Objekt. Meditierende wurden in zahlreichen Untersuchungen mittels der neuen bildgebenden Verfahren der funktionellen Kernspintomografie untersucht, und eindeutige Effekte konnten nachgewiesen werden. Diese neuen Verfahren erlauben mittlerweile einen qualitativen Sprung in der Forschung. In den 70er- und 80er-Jahren konnten derartige Effekte der Meditation mit dem EEG untersucht werden. Diese Messtiefe erwies sich jedoch als sehr unzureichend. Mit den Kernspinmethoden nun ist ein wesentlich tieferer Einblick direkt in die neuronalen Strukturen im Gehirn möglich. Heute kann man messen, welche Neuronen und welche Gehirnareale feuern, wenn ein Mensch denkt, fühlt oder handelt – oder eben meditiert. Die Zunahme der Erkenntnisse aus diesen Forschungen ist atemberaubend. Zugleich betonte Prof. Dr. Singer – für meine Begriffe die innovativste Forscherin in diesem Bereich -, dass die technischen Verfahren immer noch zu grob sind, um die elementaren Fragen nach der Wirkungsweise des Gehirns zu beantworten. Es ist noch nicht möglich, einzelne Neuronen optisch zu erkennen. Was die bildgebenden Verfahren jedoch schon gezeigt haben, ist eine wissenschaftliche Sensation: Die graue und weiße Gehirnmasse wächst bei regelmäßiger Meditation bzw. generell bei Gehirntraining. Die bisherige medizinische Schulmeinung war, dass das Gehirn nicht wachsen kann und die Anzahl der Neuronen konstant bleibt oder abnimmt. Aktuelle Forschungen zeigen jedoch, dass nicht nur die Anzahl der Verschaltungen, also der Dendriten, zunimmt, sondern dass offensichtlich auch neue Neuronen wachsen können, und das bis ins hohe Alter. Das Gehirn erweist sich zunehmend als flexibles, veränderbares System. Über seine komplexe Struktur kommen fortwährend neue Erkenntnisse zu tage und die anwesenden Neurowissenschaftler betonten in der der Wissenschaft eigenen Bescheidenheit, dass sie bis jetzt nur einen winzigen Bruchteil des Gesamtbildes erkennen und verstehen können.
Der Forschungsgegenstand der Meditation macht jedoch noch eine weitere, eine erkenntnistheoretische Problematik deutlich. Die rein objektive Beobachterperspektive der dritten Person stößt an seine Grenzen. Die anwesenden Wissenschaftler diskutierten deshalb, wie die Erhebung subjektiver Daten in die Forschung mit einzubringen sei, und wie auch die Subjektivität des Forschers umso mehr gefordert wird, je feinstofflicher die Ursachen der Wirkungen sind. Meditation kann Krankheiten wie Fybriomyalgie, Migräne oder Depressionen mit der gleichen Signifikanz lindern oder heilen wie pharmakologische Indikationen. Physiologische Prozesse wie Blutdruck oder Hormonspiegel sprechen auf Meditation oder – wie es nun diplomatisch heißt – Achtsamkeitstraining an. Wie kann aber Meditation oder Achtsamkeit mit herkömmlichen naturwissenschaftlichen Kategorien beschrieben werden? Es schreit förmlich nach einer Erweiterung der Forschungsparameter in die subjektive Sphäre. Nebenbei nur sei die Quantenphysik erwähnt, die diesen subjektiven Faktor von der Seite der Physik her schon lange ins Spiel bringt. Nun sind auch die Humanwissenschaften gefordert. Es war ein kleines, unscheinbares, aber doch ein symbolträchtiges Detail, wenn der gestandene Gehirnforscher Prof. Dr. Tobias Esch vom Neuroscience Research Institute der State University in New York seine Wortwahl dahingehend gewichtete, dass er sagte: »In der Stressregulation wird Dopamin ausgelöst«, anstatt, wie der rein reduktionistische Wissenschaftler sagen würde: »Das Dopamin löst die Stressregulation aus.« Das Hormon ist in Eschs Formulierung nicht mehr das Subjekt. Es ist nicht mehr die materielle Substanz, die unser Empfinden steuert. Das Dopamin wird gesteuert, von einem noch nicht näher definierten nicht-materiellen, subjektive Etwas.

Gerd Scobel (rechts), Moderator bei 3SAT. Links: Ulrich Schnabel, Wissenschaftsjournalist der ZEIT

Die Neurowissenschaft ist noch weit von der prima causa, der ersten Ursache, entfernt. Das ist auch ihrer intellektuellen Redlichkeit geschuldet. Sie macht sich zur Aufgabe, mit objektivierbaren Verfahren die Welt zu erforschen, und sie ist sich ihrer diesbezüglichen technischen Grenzen sehr wohl bewusst und hat auch keinerlei Anspruch, über das Objektivierte hinaus nicht bewiesenen Glauben oder Fürwahrhalten als verbindliche und verlässliche Erkenntnismodi zu reklamieren. Insofern macht sich die Wissenschaft keine Illusionen. Sie weiß, dass sie Theorien aufstellt. Und wie Sir Karl Popper so unnachahmlich formulierte: »Wir sind mit der Wirklichkeit in den Momenten in Kontakt, in denen unsere Theorien scheitern.« Der Wissenschaftler möchte die Wirklichkeit erkennen. Und wenn er dafür seine Theorie opfern muss, tut er dies liebend gerne. Der Wissenschaftler ist kein Dogmatiker. Er lebt von der Falsifizierung. Da hat er dem religiösen Eiferer sehr viel voraus, denn der wird seinen Glauben niemals aufgeben, und wenn alle Beweise dagegen sprechen.
Mit diesen Bemerkungen ist sodann die natürliche Überleitung zu dem philosophischen Teil der Konferenz gegeben.

Prof. Dr. Michael von Brück, Ludwig-Maximilians-Universität München, Interfakultärer Studiengang Religionswissenschaft (links) im Gespräch mit Ulrich Schnabel, Wissenschaftsjournalist der ZEIT

Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Michael von Brück von der Ludwig-Maximilians-Universität in München und der Philosoph und Direktor des Philosophischen Seminars der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Prof. Dr. Thomas Metzinger, schlugen die Brücke von der Wissenschaft zur Spiritualität. Sowohl Brück als auch Metzinger bestachen durch eine Klarheit der Kategorien, wie sie den objektiven Wissenschaftlern eigentlich den Atem verschlagen haben müsste. Natürlich kann ein Wissenschaftler annehmen, er sei ein objektiver Beobachter, der ein von ihm unabhängiges und getrenntes Objekt beobachtet und untersucht. Dies ist die Perspektive der 3. Person: »Er untersucht es.« (»Der Wissenschaftler untersucht das Forschungsobjekt.«) Er macht gleichsam naiv seine Forschungen mit Hilfe der technischen Möglichkeiten seines Wissenschaftsbereiches, um die eigene Sinneswahrnehmung zu erweitern. Er bleibt dabei in seinem streng umrissenen Aufgabenfeld, ohne die Gesamtperspektive der Wirklichkeit und ihrer Erkennbarkeit überhaupt anzutasten.
Die Philosophen hingegen diskutieren die Fragen nach der Erkenntnis überhaupt: »Wer untersucht?« und: »Wie erkennt dieser etwas?« Was ist Bewusstsein?

Thomas Metzinger eröffnete mit drei Thesen:

  • Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität.
  • Das ethische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit kann man als Sonderfall der spirituellen Einstellung bezeichnen.
  • Es ist die gleiche normative Grundidee, auf der sich Wissenschaft und Spiritualität gründen.

Metzinger sprach keineswegs als Verteidiger der Religion. Religionen sind für ihn »adaptierte Wahnsysteme«, die lediglich Bewältigungsstrategien für die Angst vor dem Tod sind. Ahnenkult, Begräbnisrituale und Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod seien die Urgründe der Religionen, die die Angst vor dem Ende des Lebens vermeiden sollen. Insofern könne ein Philosoph oder ein an der Wahrheit interessierter Wissenschaftler sich solcher Ideologien und Dogmata nicht bedienen. Wir müssten uns vielmehr der Wahrheit stellen, dass wir sterblich sind. Wir wissen nichts über ein Leben nach dem Tod, entgegen aller anderslautenden Behauptungen.
Zentraler Forschungsgegenstand der Philosphie ist und war seit jeher auch die Kategorie Gottes. Metzinger betont, dass auch 4500 Jahre Philosophie und Religion keinen überzeugenden Gottesbeweis hervorgebracht haben. Jedoch ist er auch kein Agnostiker. Er zeigte auf: sowohl metaphysische Glaubensformen als auch die ideologischen Formen des Reduktionismus sind bestechlich. Wohingegen »Redlichkeit der semantische Kern eines philosophischen Begriffs der Philosophie ist«. Und er meinte damit Kants »Lauterkeit der Absicht, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein«. Das ist klar: wenn ich mich selbst oder andere belüge, kann ich weder philosophisch noch spirituell weiterkommen. Dann verharre ich in Täschung und Leugnung, was unweigerlich zum Untergang führt. Metzinger schlussfolgerte: Spiritualität und strenge Rationalität sind deckungsgleich. Intellektuelle Redlichkeit bedeute die Bereitschaft, sich nichts in die Tasche zu lügen. Intellektuelle Redlichkeit sei somit das, was Religionen nicht haben könnten. Das sei der bedingungslose Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis. Wer ganz werden wolle, müsse alle Konflikte zwischen seinem Handeln und seinem Werten auflösen, in einer Verbindlichkeit gegenüber sich selbst.
Metzinger meditiert nach eigenen Angaben seit 34 Jahren, und er ist auf der Suche nach einer säkularen Spiritualität, die nicht religiös eingebunden ist, sondern rein nach ihrer objektivierbaren Wirksamkeit bewertet wird. Damit trifft sich dann die Philosophie mit der naturwissenschaftlichen Erforschung der Meditation.

Brück sprach über den »Weltknoten« (Schopenhauer), die Beziehung zwischen Leib und Seele, die bei der Erforschung des Bewusstseins von entscheidender Bedeutung sei. Ist bewusstes Erleben nichts als ein Aspekt physiologischen Erlebens? Ist die Freiheit des Denkens und Wollens nur eine Illusion? Wie weit kann man das menschliche Gehirn mit einem Computer vergleichen? Kann man Gefühle messtechnisch abbilden? Hier seien wir in den Grenzbereichen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie.
Einen gewissen Diskussionsbedarf, der sich durch die ganze Konferenz zog, bildete naturgemäß das Verständnis davon, was Meditation überhaupt sei.

Video: Der Benediktiner-Mönch und Zen-Lehrer Willigis Jäger gibt eine Einführung in eine Meditation.

Die bisherigen neurophysiologischen Forschungen zur Meditation von Wolf und Tania Singer etwa, wie auch fast alle anderen diesbezüglichen Untersuchungen, erfolgten mit langjährigen Meditierenden aus der tibetisch-buddhistischen Tradition. Es ist dem Dalai Lama und seiner Aufgeschlossenheit für das westliche Denken zu verdanken, dass die spirituelle Praxis der Meditation heute in der Gehirnforschung eine Rolle spielt. Dies führt jedoch auch zu einer Einseitigkeit durch die fast ausschließlichen Rekrutierung der Probanden aus dem Buddhismus. Christliche Kontemplative waren, wie man hörte, bisher weniger aufgeschlossen für derartige Unterfangen. An andere Repräsentanten, etwa aus den schamanischen oder hinduistischen Traditionen, wurde anscheinend noch nicht groß gedacht.
Das wirft das Problem auf, dass die Frage nach dem Ich und mithin der Subjektivität in der Wissenschaft im buddhistischen Kontext der Ich-Losigkeit und Auflösung in die Leerheit nicht gerade der Klärung näher kommt. Es sei denn, man will sie erledigen, indem man sie als gegenstandslos erklärt, weil es das Ich ja eh nicht gibt.
Die Frage von Subjekt und Objekt im Erkenntnisprozess der Wissenschaft und die Notwendigkeit einer spirituellen Antwort auf die Subjektivität rückt der Beantwortung näher, so Brück, wenn man nicht von einer Ich-Auflösung ins Unendliche, sondern von einer Ich-Integration im differenzierten Ganzen ausginge. Es gehe um eine Aufmerksamkeit, die nicht das Komplexe unterdrückt, sondern subtil vereint. Bewusstsein bildet sich selbst weiter aus, und es ist die Instanz, die das Wissen hervorbringt. Insofern muss man es selbst auch untersuchen.

Abschluss-Podiumsgespräch
Zu Beginn des Podiumsgespräch sagte der Moderator, Gerd Scobel, dass die Forschungsgelder für die Neurowissenschaft im letzten Jahrzehnt höher waren als die Gesamtinvestitionen in die bemannte Raumfahrt. Er sprach vom »decade of the brain«. Wir befinden uns also im Zeitalter der Gehirnforschung und es sei sensationell, dass nun auch die Meditation als ernsthafter wissenschaftlicher Forschungsgegenstand an Bedeutung gewinne. Was aber ist Meditation?

Video: Ein Gang durchs Publikum während der Pause.
Die Konferenz fand vom 26.-27.11.2010 in Berlin im Atrium der Deutschen Bank, Unter den Linden 13-15, statt.

Das Podium war sich einig, dass es weit mehr als Wellness oder Wohlfühlfaktor ist. Der Philosoph Brück definierte Meditation als »Aufmerksamkeit auf die eigenen Bewusstseinsvorgänge«.
Gerd Scobel thematisierte noch einmal die Frage nach den Gefühlen in den Wissenschaften und konstatierte eine Abneigung, ja bisweilen einen Hass gegen Gefühle. Tania Singer, die als Gehirnforscherin arbeitet, teilte mit, dass sich das gerade ändere. Überall publiziere man subjektive Daten. Eine adäquate introspektive Wissenschaft, also eine wissenschaftliche Beschreibung innerer Zustände, fehle aber noch. Sie stellte die subtile Frage: »Wie kann man Subjektivität in sein Korrelat in der Materie überführen?«, was wohl sagen will: Wie kann man Subjektivität messen? aber auch ein Licht auf die Idee wirft, die materielle Struktur könne ein Ausdruck, eine Entsprechung der spirituellen Subjektstruktur sein. Inwieweit der Neurowissenschaftlerin Singer diese philosophische Implikation bewusst ist, weiß ich nicht. Diese Formulierung zeigt jedoch, dass sich hier der strenge materialistische Reduktionismus auflöst und die kognitive Landkarte um die Kategorie des Subjekts erweitert wird. Eine Entwicklung, die mich mit der größten Erleichterung erfüllt, löst sich hier doch die gewalttätige, erdrückende Enge, der das fühlende Lebewesen als missachteter Gegenstand in der Wissenschaft bisher unterworfen war.

Video: Die Referenten kurz vor der Podiumsdiskussion. U.a. mit Prof. Dr. Thomas Metzinger, Philosophisches Seminar der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (am Ende des Films)

Singer merkte darüber hinaus an, dass es mit der introspektiven Herangehensweise nicht genug sei. Es gehe auch um interspektive Forschung, also um die Frage der Empathie und des Mitgefühls, um die neuronalen Korrelate von sozialen Prozessen. Es gebe eine emergente Qualität aus einer Gemeinschaft. Sie nannte es die Perspektive der 2. Person, in Ergänzung zur Diskussion um 1. und 3. Person-Perspektive. Tania Singer forscht derzeit an diesen Fragen. Die Untersuchungsergebnisse sind noch nicht veröffentlicht und wir dürfen gespannt sein. Hier dürften weitaus mehr Antworten auf die Frage nach dem Wesen des Menschen und dem Sinn des Lebens verborgen sein, als in den toten materiellen oder den weltabgewandten spirituellen Angeboten.
Während der Grundfokus der anderen Naturwissenschaftler und auch der beiden Philosophen Brück und Metzinger eindeutig kognitiver, mentaler Natur war, brachte Tania Singer sowohl in Sachfragen als auch in ihrem persönlichen Auftritt die Emotionalität in den Vordergrund. Lag das vielleicht daran, dass sie eine Frau ist?

Paul J. Kothes (re.) im Gespräch mit Gerd Scobel und Dr. Nadja Rossmann

Paul Kothes, in der buddhistischen Tradition geschult, votierte dafür, sich von allen diesen Dingen wie Emotionen zu lösen. Es ginge um eine Disziplin der Selbstdistanz. Diese Distanz müsse gnadenlos bis zum Ende geführt werden. Das sei die meditative Erfahrung.
Dr. med. Edda Gottschaldt von der Oberberg Stiftung meldete sich mit dem Hinweis, dass sie als Ärztin an einer psychosomatischen Klinik für Sucht und Persönlichkeitsstörungen in der Meditation und in der Frage der Gefühle die praktische Seite vertrete. Es ginge um die Anerkennung dessen, was ist. Unangenehme Dinge gelte es anzuschauen, sonst machen sie uns krank. Annehmen, dann loslassen, so könne Heilung geschehen. Das sei die Entwicklungsdynamik, es gehe nicht um Wellness. So könne man zu einer nüchternen Erkenntnis der Welt kommen. Man gehe aus der Wertung heraus und nehme die Welt so, wie sie ist.
Metzinger meditiere seit 34 Jahren und erführe die Achtsamkeit als präzise und sanft. Präzise könne er gut, sagte er Tania Singer augenzwinkernd zugewandt als Antwort auf ihre Kritik an der Denklastigkeit seiner Philosophie, und gab als Philosoph zu, Meditation als eine Form der Erkenntnis zu erfahren, die nicht auf wahren Sätzen beruht. Sie sei eine zweite Form der Erkenntnis und er wisse selbst nicht, wie er diese Erkenntnis erklären soll. Er führte den Begriff der »nullten Perspektive« in die Diskussion ein. Es gehe nicht um ein subjektives Erleben, sondern um ich-lose Zustände. Er stellte aber zugleich die Frage, wie könne die Erinnerung an diese ich-losen Zustände zu einem Teil seines autobiografischen Gedächtnisses werden, wenn er selbst in diesem Zustand garnicht da war? Philosophische Raffinesse mit selbstironischem Unterton.
Ein weiterer Diskussionspunkt waren die Risiken und Nebenwirkungen von Meditation. Instabilen Gemüter könne sie durchaus zu psychischen Problemen gereichen. Klar, dass hier Vorsicht geboten ist.
Matthias von Brück und Thomas Metzinger vertraten durchaus kontroverse Positionen und von Brück widersprach der Säkularisierung von Spiritualität, wie sie Metzinger in seinem Vortrag forderte. Es gehe nicht darum, etwas zu säkularisieren, sondern darum, die Institutionalisierungsprozesse zu dekonstruieren. Es reiche nicht aus, den katholischen Pabst durch einen Literaturpabst oder einen Börsenpabst zu ersetzen. Brück sieht in der Spiritualität die Möglichkeit, uns ein Menschenbild an die Hand zu geben, mit dem wir uns selbst ändern können. Diese Möglichkeit der Selbstveränderung wurde im institutionalisierten Christentum durch die Sündenlehre verschüttet. Dass wir uns selbst steuern und lernen, wie wir mit uns selbst umgehen, sei der Gewinn der Meditation.
Wie sieht eine kommende Bewusstseinskultur aus?, fragte der Moderator Scobel. Metzinger schlug eine ideologiefreie Form der Meditationsausbildung in Schulen vor. Brück hielt dagegen, nur Meditation in ein problematisches Schulsystem einzuführen, sei nicht geeignet und helfe bestenfalls, dass die Schüler erst nach dem Schultag zusammenbrechen anstatt schon währenddessen. Besser sei es, pluralistische Prozesse voranzubringen, damit sich das von der Basis her verändert.
Kothes gab zu bedenken, dass echte Meditation nicht systemkompatibel sei. Das System werde es nicht annehmen. Klüger sei es, dass sich zunächst ein Feld formt, aus dem sich von unten nach oben etwas entwickelt.
Am Ende stand eine schöne Destillation: »Achtsamkeit ist die Pforte des Menschen zu sich selbst.«

Video: Abschlussmeditation mit einem Mantra-Gesang.

Alles in Allem wurden die essentiellen Fragen des Menschen gestellt, Spiritualität und Wissenschaft rückten ein gehöriges Stück zusammen, und es wurde ein Horizont sichtbar, an dem ein neues integriertes Verständnis von Welt, Mensch und Gott heraufdämmert. Der Kongress endete mit einem achtminütigen Mantra-Gesang. Die Wissenschaftler und das Publikum schlossen die Augen und meditierten nocheinmal gemeinsam. Es war für mich spürbar, wie die spirituelle Energie anstieg, wie sich Ruhe und innerer Frieden in mir einstellten. Glücklich und zufrieden, emotional, kognitiv und spirituell gesättigt, ging ich mit Freunden in die nahegelegene Pizzeria, um mit der körperlichen Sättigung den Tag zu beschließen.

Homepage: www.meditation-wissenschaft.org

Veranstaltungshinweise:

Contemplative Science Kongress in Denver, USA
26.-29.4.2012

Perspektiven und Praxis einer neuen Bewusstseinskultur
(Nachfolgekongress zu »Meditation und Wissenschaft«)
16.-17.11.2012

Hier gelangen Sie zur Hauptseite der Tattva Viveka.

Tattva Viveka 45

Tattva Viveka 45 erschien am 15. November 2010

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Philosophie, Walter Benjamin

Theologie und Politik

Walter Benjamin
Theologisch-politisches Fragment

Erst der Messias selbst vollendet alles historische Geschehen, und zwar in dem Sinne, dass er dessen Beziehung auf das Messianische selbst erst erlöst, vollendet, schafft. Darum kann nichts Historisches von sich aus sich auf Messianisches beziehen wollen. Darum ist das Reich Gottes nicht das Telos der historischen Dynamis; es kann nicht zum ZieI gesetzt werden. Historisch Gesehen ist es nicht Ziel, sondern Ende. Darum kann die Ordnung des Profanen nicht am Gedanken des Gottesreiches aufgebaut werden, darum hat die Theokratie keinen politischen sondern allein einen religiösen Sinn. Die politische Bedeutung der Theokratie mit aller Intensität geleugnet zu haben ist das größte Verdienst von Blochs „Geist der Utopie“. Die Ordnung des Profanen hat sich aufzurichten an der Idee des Glücks. Die Beziehung dieser Ordnung auf das Messianische ist eines der wesentlichen Lehrstücke der Geschichtsphilosophie. Und zwar ist von ihr aus eine mystische Geschichtsauffassung bedingt, deren Problem in einem Bilde sich darlegen lässt. Wenn eine Pfeilrichtung das Ziel, in welchem die Dynamis des Profanen wirkt, bezeichnet, eine andere die Richtung der messianischen Intensität, so strebt freilich das Glückssuchen der freien Menschheit von jener messianischen Richtung fort, aber wie eine Kraft durch ihren Weg eine andere auf entgegengesetzt errichtetem Wege zu befördern vermag, so auch die profane Ordnung des Profanen das Kommen des messianischen Reiches. Das Profane also ist zwar keine Kategorie des Reichs, aber eine Kategorie, und zwar der zutreffendsten eine, seines leisesten Nahens. Denn im Glück erstrebt alles Irdische seinen Untergang, nur im Glück aber ist ihm der Untergang zu finden bestimmt. – Während freilich die unmittelbare messianische Intensität des Herzens, des innern einzelnen Menschen durch Unglück im Sinne des Leidens hindurchgeht. Der geistlichen restitutio in integrum, welche in die Unsterblichkeit einführt, entspricht eine weltliche, die in die Ewigkeit eines Unterganges führt und der Rhythmus dieses ewig vergehenden, in seiner Totalität vergehenden, in seiner räumlichen, aber auch zeitlichen Totalität vergehenden Weltlichen, der Rhythmus der messianischen Natur, ist Glück. Denn messianisch ist die Natur aus ihrer ewigen und totalen Vergängnis. Diese zu erstreben, auch für diejenigen Stufen des Menschen, welche Natur sind, ist die Aufgabe der Weltpolitik, deren Methode Nihilismus zu heißen hat.

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Authentizität, Philosophie, Selbst

Nobody is perfect

Zur Theorie der Vollkommenheit

Viele Menschen leben in einem Paradigma, demzufolge es irgendwie das Ziel ist, vollkommen zu sein oder zu werden. Vollkommenheit wird als gut bewertet, Unvollkommenheit als schlecht. Es gilt irgendwie, zu dieser Vollkommenheit zu gelangen.
Die Wege dahin lassen sich im Großen und Ganzen in zwei unterschiedliche Herangehensweisen unterscheiden:
a) Ich ändere mich, also meine Realität.
b) Ich ändere meine Definition von Vollkommenheit, also die Wahrnehmung meiner Realität.
Die Menschen in diesem Paradigma leiden sehr unter der Vorstellung, nicht vollkommen zu sein. Sie sagen zum Beispiel: „Wie soll ich ein Ebenbild Gottes sein, wenn ich nicht vollkommen bin?“
Da aus dieser Bewertung jedoch ein Schmerz über die eigene Unvollkommenheit entsteht, wird zu der Idee Zuflucht genommen, das ich jetzt und hier schon vollkommen bin, so wie ich bin. Damit wird das Problem aus der Realität (a) in die Wahrnehmung der Realität (b) verlagert. Es ist nur noch eine Frage der Definition. Es ist dann ein Denkfehler, wenn ich mich für unvollkommen halte. In dem Moment, wo ich erkenne, dass ich ja schon vollkommen bin, ist alles gut. Das Problem ist gelöst. Das ist Konstruktivismus.

c) Beide Lösungswege sind disfunktional. Das Problem löst sich in der Annahme der Tatsache, das wir unvollkommen sind und das ist gut so. Es ist einfach die Wahrheit. Wir sind unvollkommen.

zu a)
Dies ist die klassische Version des Paradigmas. Wir sind so, wie wir sind, nicht in Ordnung und müssen besser werden. Es gibt ein Ideal, eine Vollkommenheit, und wir sind selbst noch nicht dort. Wir „sollen“ oder „müssen“ anders werden, uns ändern, uns verbessern.
Hier werden z.b. niederes und höheres Selbst unterschieden, oder das Ego und das absolute Selbst. Das Niedere ist das Schlechte, das Höhere ist das Gute. Es ist die Vorstellung der klassischen Religionen, dass wir ein echtes, wahres, absolutes Selbst haben, das nicht von irdischen Dingen verunreinigt ist, frei von Sünden (der Westen, Christentum, Islam, Judentum) oder frei von Illusionen (der Osten, Buddhismus, Hinduismus, Taoismus). Dies steht dem niederen, falschen, relativen Selbst, dem Ego, gegenüber. Dieses niedere Selbst ist die Ursache von Leiden, Sünden, Illusionen, und dieses gilt es auszumerzen oder zu transformieren. Das ist der Weg vom Real zum Ideal, vom Relativen zum Absoluten, vom Schlechten zum Guten, vom Falschen zum Richtigen, vom Sündigen zum Heiligen usw.

zu b)
Immer wieder kommt es vor, dass manchen Menschen klar wird, dass mit dieser Denkweise etwas nicht stimmt. Wir können das Ideal niemals erreichen, wir können niemals diese Vollkommenheit, diese Heiligkeit, diese permanente, absolute, immerwährende, perfekte Erleuchtung oder Erlösung erreichen. Wir sind immer wieder in dem Jammertal gefangen, in der irdischen Relativität, in den Fehlern, Schwächen, Unvollkommenheiten.
Hier setzt die Veränderung der Wahrnehmung der Realität an. Wenn ich schon nicht meine Realität nachhaltig ändern kann – die Tatsache, dass ich unvollkommen bin -, dann ändere ich eben die Definition davon, was vollkommen ist. Wir erkennen, dass viele negative Bewertungen von Dingen oder Handlungen geschlossene Symbole sind, d.h. viele Negationen sind konventionelle Tabus, die uns mehr Leiden verursachen, als sie uns vor Leiden schützen. Zum Beispiel wurde jahrhundertelang die Sexualität tabuisiert, um die Bevölkerung vor unerwünschter Nachkommenschaft und Geschlechtskrankheiten zu schützen. Zugleich führte diese Tabuisierung zu zahlreichen neurotischen und psychotischen Problemen. Jetzt wird die Sexualität zunehmend enttabuisiert, d.h. in eine positiven Wertung gesetzt, in der Hoffnung, dadurch eine Abnahme des Leids zu erreichen.
Diese alle Gebiete betreffende Änderung der Wahrnehmung der Realität führt jedoch zu einer inflationären Verrohung und Demoralisierung der Gesellschaft. „Anything goes“, „alles kann, nichts muss“ sind Slogans dieser Variante des Paradigmas. Es wird einfach gesagt, jeder kann machen, was er will, das ist okay so. Es gibt keinerlei moralische Maßstäbe mehr, jeder ist frei, sich auszuleben, egal wie – außer er verletzt andere auf physische Weise. Ich bin so okay, wie ich bin. In diesen Gedankengängen liegt ein Teil Wahrheit und ein Teil Leugnung.
Die Wahrheit ist, ich bin der, der ich bin. Die Leugnung ist, dass das so vollkommen ist.

zu c)
Ich bin der, der ich bin, mit all meinen Fehlern, Schwächen und Unvollkommenheiten. Und das ist gut so. Ich bin nicht vollkommen.
Die Selbstgeißelung und Selbstverachtung hört in dem Moment auf, wo ich das Dogma aufgebe, dass das Vollkommene das Gute und das Unvollkommene das Schlechte ist. Wenn ich verstehe, dass es menschlich ist, unvollkommen zu sein, dass es meine Natur ist, unvollkommen zu sein, und dass das nicht schlecht, sondern geradezu gut so ist, dann kann ich meine Unvollkommenheit annehmen. Ich muss die Wahrnehmung der Realität nicht mehr manipulieren und komme so raus aus der Leugnung.
Ich werde authentisch in dem Sinne, dass ich, wenn ich gebrochen oder unvollkommen bin, auch in meiner Gebrochenheit und Unvollkommenheit authentisch bin. Ich bin der, der ich bin. Egal, ob das in irgendeinem von Menschen gemachten Glaubenssystem gut oder schlecht ist.
Aus dieser Annahme meiner Unvollkommenheit gehen Ehrlichkeit, Demut, Aufgeschlossenheit und Bereitschaft zur Veränderung hervor. Ich bin mir meiner Machtlosigkeit und meiner Unvollkommenheit bewusst und dadurch offen für eine Veränderung, die nicht aus meiner Macht und meinem Eigenwillen hervorgebracht wird, sondern von außen kommt. Und hier wird der Raum für eine Höhere Macht, für Gott, geöffnet.
Gott ist der einzige Vollkommene. Hier hat die Vollkommenheit ihren Ort. Aber wir sind nicht Gott. Das ist einfach so. Es gibt Gott. Aber ich bin es nicht. Das ist axiomatisch. Aus dieser Unterscheidung emaniert die Wahrnehmung der Realität so wie sie ist (und nicht unsere manipulierte Wahrnehmung der Realität), sowie die Möglichkeit der realen Veränderung. Reale Veränderung ist immer heterogen, d.h. sie erwächst nicht aus dem Gleichen, was das Leiden oder die Krankheit erwachsen lässt. Sie muss von woanders kommen, etwas neu schaffen, eben verändern.
Es kann sein, dass „Gott“ eine Setzung ist, die für unser Innerstes steht, das uns selbst transzendental ist. Es kann sein, dass wir in Wahrheit Gott – oder in Gott – sind. Aber in unserem jetzigen Zustand des von der Vollkommenheit entfernten Seins sind wir eben nicht Gott. Und es hilft nicht, den Kurzschluss zu machen, die Unvollkommenheit einfach zur Vollkommenheit zu erklären (Variante b).
Es hilft auch nicht, den unvollkommenen Zustand abzulehnen, zu negieren, also als schlecht zu bewerten (Variante a), womit wir uns in die Gut-Schlecht-Dualität verstricken und eine fremdgesteuerte, unbewusste Form der Wertung anwenden.
Die Annahme der Unvollkommenheit als Wie-es-ist (c) ist im Grunde eine wertfreie Sicht. Unvollkommenheit ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Aber dadurch, dass sie als Wie-es-ist gesehen wird, existiert sie unbekämpft und unnegiert. Damit erhält sie ein Position, d.h. sie wird positiv. Jedes Sein ist eine Position, d.h. ist in und an sich gut. Das ist der Unterschied zwischen der Negation und der Position. Position ist, Negation ist nicht.
In der ehrlichen Annahme-was-ist gründet sich damit nicht eine wertlose Beliebigkeit oder eine beliebige Wertung, die abstrakt alles erlaubt ohne eine moralische Bewertung möglich zu machen, sondern eine natürliche Ordnung der Dinge, die zum Leben strebt, zum Lebensförderlichen, was immer auch eine Veredelung ist.
Indem wir uns so unvollkommen annehmen, wie wir sind, können wir die werden, die wir sein wollen. Der archimedische Punkt ist die Authentizität in der radikalen Annahme dessen was ist. Dies ist der Kammerton A, die Wahrheit unserer Seele hier und jetzt, mit allen Schmerzen, aller Angst, aller Wut, aller Freude und aller Liebe, die da sind und echt sind. An diesem Punkt ist Veränderung möglich (c). Nicht in der Herausstellung eines Ideals oder einer Vollkommenheit, wo wir nicht sind und die wir werden sollen (a) oder die wir vorgeben zu sein (b).
Diese natürliche Ordnung der Dinge, die sich daraus ergibt, ist die Ordnung des Lebens selbst, letztlich die Ordnung Gottes. Sie hat nichts mit von Menschen erdachten Ordnungen und Kontrollstrategien zu tun.
Sie ist keine Ordnung im ordentlich-moralischen Sinne, denn sie enthält ebenso die Unvollkommenheit, das Chaos, das Leiden, den Schmutz, die Zerstörung und den Tod. Denn dies gehört alles zum Leben dazu. Das ist nicht schlecht. Das ist.

»Wir werden nicht vollkommen werden. Wären wir vollkommen, so wären wir nicht menschlich.« NA-Basic Text, S. 38

»Für Menschen ist Vollkommenheit unerreichbar – sie ist kein realistisches Ziel. Was wir häufig in der Vollkommenheit suchen, ist Freiheit von dem Unbehagen, das wir angesichts unser Fehler spüren. Für diese Freiheit von Unbehagen tauschen wir unsere Neugierde, unsere Flexibilität und unseren Spielraum für Wachstum ein.« NA-Nur für heute, S. 331 (13.11.)

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