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Archive for the ‘Sloterdijk’ Category

Im Garten des Menschlichen (1)

13. Januar 2010 7 Kommentare

Zu Peter Sloterdijk: „Du musst dein Leben ändern“

Dieser Artikel wird in Tattva Viveka 42 erscheinen.
Erscheinungstermin der Printausgabe: 15. Februar 2010
Jetzt hier erstmal nur die Einleitung und einige markante Sätze.

Einleitung

Was ist der Sinn von Kultur? Was ist der Sinn von Religion? Peter Sloterdijk unternimmt mit seinem aktuellen Buch eine Totalstudie der menschlichen Kultur incl. der spirituellen Kulturen Asiens. Nach seiner philosophischen Analyse sind die Religionen „anthropotechnische Übungsprogramme“, die in Form von Askesen zu einer Verbesserung des Menschen beitragen sollen. Daraus entstand die „ethische Differenz“. In der Aufklärung beobachten wir den Zerfall der Religionen und eine Entspiritualisierung der Askesen. Sloterdijks aufklärerische Antwort endet in einem Widerspruch. Könnte es sein, dass sie um eine Dimension zu kurz greift?

Einige Zitate aus dem Text

„Der Mensch kommt nur voran, solange er sich am Unmöglichen orientiert.“ (S. 700)

Sloterdijk beharrt darauf, „dass es kein Menschenrecht auf Nicht-Überforderung gibt“ (ebd.)

Wer eine Analyse des Realen anstrebt, ohne Gott dazu zu bemühen, endet meines Erachtens in einer Aporie, das heißt in einem unlösbaren Widerspruch.

Loslassen, Gott überlassen – lautet ein alter Weisheitsspruch.

„Ich verstehe hierunter die mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Menschen verschiedenster Kulturen versucht haben, ihren kosmischen und sozialen Immunstatus angesichts von vagen Lebensrisiken und akuten Todesgewissheiten zu optimieren.“ (Sloterdijk zu Anthropotechniken, S. 25).

Kultur als Grundparadoxon umfasst: wir sollen mehr werden, als wir sind, und das, was wir werden sollen, ist unmöglich.

„Indem die Hochkulturen Ausnahmeleistungen zu Konventionen erheben, erzeugen sie eine pathogene Spannung, eine Art von chronischer Höhenkrankheit.“ (P. Sloterdijk)

Nicht die Religionen waren oder sind das Problem, sondern das Basisparadoxon der Erklärung des Unmöglichen zur Normalität.

Kultur ist somit in ihrem Ursprung eine erste allgemeine Verunsicherung: Du musst dein Leben ändern! – Denn so, wie es ist, ist es nicht gut.

Die Sezession des Selbst selbst scheint den Widerspruch zu gebären. Ohne Selbst gäbe es keine Ethik, und ohne Ethik gäbe es kein Selbst.

Wer nicht demütig ist, wird gedemütigt.

Die Änderung kommt von Gott, oder nennen wir es die innenwohnende Gesundungstendenz des Lebens, die Syntropie.

Der Eigenwille ist die zentrale Achse der spirituellen Absonderung vom Ganzen.

Die spirituelle Tatsache indes ist das Leben selbst. Das Leben insbesondere, das sich selbst erkennt. Dieses ist sowohl biologisch als auch geistig. Es gibt dazwischen keinen Widerspruch.

Spiritualität ist die unmittelbare Erfahrung des Einzelnen mit Gott, ohne Vermittlung.

Kategorien:Philosophie, Sloterdijk, Spirituelle Kultur Schlagwörter:

Ein guter Kommentar von Peter Sloterdijk zum Klimagipfel

24. Dezember 2009 1 Kommentar

»Das 21. Jahrhundert beginnt mit dem Debakel vom 19. Dezember 2009«
Süddeutsche Zeitung vom 20.12.2009

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/493717

Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk

Kategorien:Ökologie, Sloterdijk Schlagwörter: ,

Peter Sloterdijk – Optimierung des Menschen?

Rezension

Peter Sloterdijk – Optimierung des Menschen?, Teleakademie, Quartino-Verlag, München 2009, DVD 45 min.

Mir war es bis dato unbekannt, dass Philosophie derart unterhaltsam sein kann. Beim Anschauen dieses Vortrags, den Sloterdijk im Studium Generale in Tübingen vor einem gefüllten Hörsaal hielt, musste ich nicht selten schallend lachen ob der virtuosen und genialen Scharfzüngigkeit des Professors für Ästhetik und Philosophie.
So spricht Sloterdijk etwa von den drei Elementen der menschlichen Anthropotechnik: der Prothetik, der Athletik und der Kosmetik und kommt zu dem Schluss, Menschenwürde und Gravitation bildeten einen Widerspruch. Dies bemerke man vor allem bei bestimmten Körperteilen, die mit zunehmendem Alter unangenehm auffallen bzw. abfallen. Hier sei die kosmetische Chirurgie gefragt, die heute auch unbefangen Anwendung finde, nachdem man den menschlichen Körper nicht mehr einfach so entgegennehmen möchte, wie er vom Schöpfer angeliefert wurde.
Auch die Prothetik verdiene hohe Beachtung, sei doch in Form der künstlichen Zähne wie auch der Augengläser evident, dass eine Teilnahme an der menschlichen Kultur ohne diese Supplementierungen nicht vorstellbar sei. Der „neotenische Primatenfötus“, der der Mensch ist, könne ohne diese technischen und selbstbildnerischen Kunststücke schlechthin nicht der sein, der er ist. (Neotenie ist die Lehre von der Erhaltung fötaler Eigenschaften im erwachsenen Individuum.)
Sloterdijk sagt, in der gegenwärtigen egalitären Ausrichtung der Glaubenssysteme ist es schwierig, den Menschen als ein Wesen zu beschreiben, das in einer „Vertikalspannung“ lebt, als jemand, der einem „Differenzstress“ ausgesetzt ist zwischen Sein und Werden-Können. Frühere Vorstellungen der Optimierung des Menschen, die vom Adel gehalten wurden, sind durch das Bürgertum bekämpft und als ungültig erklärt worden, wenn auch in Form des „Adels des Geistes“ – so ein Buch von Thomas Mann – die Idee durchaus weitergetragen wurde.
Die Vertikalspannungen erleben im Laufe der Kulturentwicklung eine Verflachung, ohne deswegen verzichtbar geworden zu sein. Waren es früher metaphysische und transzendente Pole, an denen sich der Aufstieg des Menschen messen ließ, sind es heute profanere Gefilde, die zugleich flacher als auch breiter angelegt sind, allem voran in der allgemeinen Bildung.
In diesem Sinne ist der bei seiner ersten Verwendung durch Sloterdijk viel gescholtene Begriff der Anthropotechnik (1997) garnicht so verkehrt. Schon bei Pico della Mirandola 1480 findet man die „frühhumanistische Autoplastik“ des Menschen, der sich selber bildet.
Spannend ist das Ende der Rede, wo Sloterdijk einen anthropophilosophischen Ausblick gibt. Er unterscheidet drei Kulturepochen: die animistische, die personalistische und die kybernetische. Die personalistische Epoche des Humanismus wird nun abgelöst vom Maschinenzeitalter. Sloterdijk erwähnt es in dem Vortrag mit keinem Wort, aber hier sei nochmal der Hinweis auf das epochemachende Werk von Gotthard Günther: „Das Bewusstsein der Maschinen“ gegeben, das Sloterdijk nachweislich rezipiert und hervorragend verstanden hat. Man erlaube mir auch den bescheidenen Verweis auf meinen eigenen Aufsatz zu diesem Buch in Tattva Viveka 17 (2002, hier online). Die Erfindung der kybernetischen Maschinen fordert vom Menschen, „um eine psycho-historische Dimension komplexer zu denken als ihre hochkulturellen Vorgänger.“ So lautet das Schlusswort des Vortrags: „Die höhere Vermittlung kann nur noch von der maschinistischen Moderne her geleistet werden. Sie muss sich als die größere menschliche Kraft erklären. Man muss Kybernetiker werden, um Humanist bleiben zu können. Von einer technohumanen Kultur, die mehr als eine erfolgreiche Barbarei sein will, werden vor allem zwei Dinge verlangt: psychologische Bildung und kulturelle Übersetzungsfähigkeit. Die Mathematiker müssen Poeten werden, die Kybernetiker Religionsphilosophen, die Ärzte Komponisten, die Informatiker Schamanen. Aber war Humanität je etwas anderes als die Kunst, Übergänge zu schaffen?“
Mit diesen furiosen und zugleich kryptischen Worten leitet Sloterdijk zum „Dritten Zeitalter des Seelischen, den kybernetischen und maschinistischen Denkformen“ über. Dass es Sloterdijk nicht um eine Verherrlichung oder Verunglimpfung der Technik geht, mag aus diesen Worten hervorgehen. Er beschreibt einfach die Gegebenheit. Eine menschliche Selbsterkenntnis auf der Höhe der Zeit kann keine agrokulturelle Romantik sein. Wir Menschen müssen uns der Realität unserer maschinellen Techniken stellen. Nur aus diesen Denkformen ist eine moderne humane Kultur zu erwarten, also keine „erfolgreiche Barbarei“ – die ohne Zweifel auch dabei herauskommen kann – , sondern eine globale und transzendenzoffene Weltkultur der Anthropologie und der menschlichen Disziplinen zur Optimierung des menschlichen Geschicks. Inwiefern es dann dem Informatiker obläge, der Schamane zu sein, mag der geneigte Leser nun selbst herausfinden.