Neues, Walter Benjamin

Walter Benjamin über das Zitat

»Im rettenden und strafenden Zitat erweist die Sprache sich als die Mater der Gerechtigkeit. Es ruft das Wort beim Namen auf, bricht es zerstörend aus dem Zusammenhang, eben damit aber ruft es dasselbe auch zurück an seinen Ursprung. Nicht ungereimt erscheint es, klingend, stimmig, in dem Gefüge eines neuen Textes. Als Reim versammelt es in seiner Aura das Ähnliche; als Name steht es einsam und ausdruckslos. Vor der Sprache weisen sich beide Reiche – Ursprung so wie Zerstörung – im Zitat aus. Und umgekehrt: nur wo sie sich durchdringen – im Zitat – ist sie vollendet. Es spiegelt sich in ihm die Engelsprache, in welcher alle Worte, aus dem idyllischen Zusammenhang des Sinnes aufgestört, zu Motti in dem Buch der Schöpfung geworden sind.« (GS II, 363)

Dieses Zitat ist aus Walter Benjamins Essay über Karl Kraus. Es beinhaltet in konzentrierter Form die Sprachtheorie Walter Benjamins.

Wie ruft das Zitat das Wort beim Namen auf? Das Wort ist für Benjamin das gewöhnliche, triviale Wort, das im Zusammenhang der Urteilssprache (der Sprachen nach dem Sündenfall) gesprochen oder geschrieben wird. Es ist nicht mehr Name im Sinne der adamitische Namenssprache. Indem das Zitat aber dieses Wort oder eine Reihe von Worten aus dem Textzusammenhang herausreißt, d. h. den Zusammenhang zerstört und es isoliert, gibt es dem Wort seinen ursprünglichen Adel als Name zurück. Das zitierte Wort steht isoliert und monolithisch da – »einsam und ausdruckslos«.

Es wird zwar wieder in einen anderen Zusammenhang integriert und damit auch wieder Teil der Urteilssprache, aber dieser Vorgang des Herausnehmens aus dem alten Zusammenhang lässt dieses Wort/Wortreihe im neuen Zusammenhang in einer gewissen Fremdheit oder Getrenntheit von diesem neuen Urteilstext stehen. Anders wäre es kein Zitat. Als Zitat wird das Wort zum Namen, wird wieder ein Teil der Namenssprache. Es wird sehr deutlich, dass mit diesem Manöver Namenssprache auch jetzt noch möglich ist. Sie ist nicht verloren. Sie ist eine ewige Form, die immer zugänglich ist.

In dieser Originalität birgt sich der Ursprung (origo = Ursprung). Das Zitat ist das Original, der Kommentar ist als Besprechung/Rezensionen/Analyse etc. Sekundärliteratur. In diesem Vorgang des Zitierens liegt die Dialektik von Ursprung und Zerstörung, man könnte sagen von Geburt und Tod. Nur im Zitat durchdringen sich beide Pole. Die Herausnahme des Wortes aus dem primären Zusammenhang des Originaltextes ist eine Zerstörung, aber sein Einsetzen in einen sekundären Text ist wie eine Neugeburt, eine Wiederherstellung und Inkraftsetzung besonderer Art, eine Ursprungshandlung, ein originaler kreativer Akt, denn man stellt einen neuen Zusammenhang her, der vorher nicht bekannt war. Ohne diesen originellen Zusammenhang macht ein Zitat keinen Sinn.

Das Zitat rettet oder straft, d. h. es bestätigt oder widerlegt den Sinn des Primärtextes. Damit wird es zur Mutter der Gerechtigkeit, weil es den Sinn des Primärtextes bestärkt, falls dieser in der Rezeption nicht erkannt oder missverstanden wurde, bzw. auf der anderen Seite schwächt, indem es Irrtümer und Falschaussagen im Primärtext aufzeigt. Wenn Benjamin hier von Gerechtigkeit spricht, so nutzt er eine Kategorie des Urteils. Die Urteilssprache ist zwar die Sprache nach dem Sündenfall, aber sie enthält in sich eine höhere Weisheit, die sich uns Menschen noch nicht erschlossen hat, es sei denn in seltenen Fällen und bei einzelnen Menschen. Das meint das Zitat (sic) von Benjamin:

»Im Sündenfall, da die ewige Reinheit des Namens angetastet wurde, erhob sich die strengere Reinheit des richtenden Wortes, des Urteils.« (GS II, 153)

Die einfache Bewegung der Erlösung wäre die Rückkehr in die Namenssprache, in die Zeit vor dem Sündenfall. Dies ist aber, wie bei einem gebrochenen Gefäß, das nie wieder ganz so sein wird wie vor dem Bruch, nicht möglich. Deswegen führt der Weg nach vorne, in die offensive Annahme dieses Falles, um mit diesem Prozess des Urteils in eine konstruktive Lösung einzutreten. Die komplexe Bewegung der Erlösung ist im Unterschied zur einfachen eine Integration unserer Urteilsfähigkeit, und zwar in ihrer motivlosen, objektiven Gerechtigkeit. Diesen Punkt gilt es zu finden. Er findet sich im Tod der Intention: »Die Wahrheit ist der Tod der Intention« (GS I, 216). Es ist die Entwicklung unseres Egos – denn genauso wie das Urteil ist auch das Ego nicht mehr rückgängig zu machen – hin zu seiner nicht-subjektivistischen, geläuterten Form. Dies erfordert »große Billigkeit im Urteil« (Eliphas Levi, in: Papus, Die Kabbala, Wiesbaden 1991, S. 26) und ist eine »Herkulesarbeit, die einem Kinderspiel ähnelt« (ebd.). Gerechtigkeit war kein Teil des Paradieses. Sie entstand mit dem Sündenfall und ist der messianische Fluchtpunkt des mythischen Zeitalters, in dem wir uns nach wie vor befinden.

Exkurs: Alle diese Überlegungen von Zerfall und Wiederaufbau, von Vergangenheit und Zukunft sind Überlegungen materieller Art. Nur im materiellen Bewusstsein ist der Bruch irreversibel. Nur materielle Form kann kaputt gehen. Das Paradies jedoch ist immaterieller Natur, und so ist es auch der Name. Jede materielle Metapher greift deshalb in letzter Konsequenz zu kurz, auch wenn sie eine gute Annäherung und eine notwendige Hilfe sein mag, um den Zusammenhang für den materiellen Geist zu erklären. Mag das Bild vom zerbrochenen Gefäß bildhaft und poetisch sein, so trifft es doch nicht die Wahrheit. Der Name ist – wie die Idee – immer erreichbar und vergeht niemals. Es ist nur unser bedecktes Bewusstsein, dass ihn nicht erkennt. Die Erleuchtung wird damit zur Aufgabe.

Das Zitat tritt in ein neues Gefüge, es erscheint stimmig und klingend. Dies sind ursprüngliche Funktionen der Sprache. Der Begriff »stimmig« bedeutet »zutreffend, passend, richtig, harmonisch«. Man kann auch sagen, es steht »im Einklang«. Diese Worte sprechen sich selbst aus. Die Stimme, d. h. das Sprechen, ist in ihrem ursprünglichen Zustand stimmig. Sie ist Klang und steht im Einklang. Mit dem Zitieren wird das Wort wieder zum Namen, d. h. es wird stimmig. »Als Name steht es einsam und ausdruckslos« – als Name steht das Wort für sich alleine, unabhängig von dem Urteilsbezug und klingt für sich selbst, manchmal im Reim, obwohl dieser Gedanke eigentlich nicht hierhergehört. Benjamin spricht von der Sprache als einem Vorgang der Ähnlichwerdung, dem mimetischen Vorgang. Dieses Ähnlichwerden vollzieht sich, wenn der namengebende Mensch sich in das Ding einfühlt und den richtigen Namen spürt. Es ist kein analytisch-rationaler Vorgang, sondern eine synthetische Intuition, das Sehen. Die besten Seherinnen sind die Mütter, die ihren Kindern ihren Namen geben. Die besten Seher sind die Erfinder, die ihren Erfindungen ihren Namen geben.

Vielleicht meint Benjamin hier mit Reim auch nicht den Reim der Laute, sondern den Reim des Sinns. Nicht ungereimt erscheint das Zitat, d. h. es macht Sinn an der Stelle, wo es steht. »Man kann sich einen Reim darauf machen« ist eine bildhafte Redensweise für einen sinnvollen Zusammenhang, auch wenn sich die Laute nicht reimen. Gleichwohl kann der Reim der Laute und damit die Poesie unter Umständen ein Zugang zum inneren Wesen der Dinge sein. Bedingung ist, dass man die Reime nicht äußerlich macht, und dass die Worte nicht zu weit von der Ursprache – und damit von der Konstellation der Urideen – entfernt sind. Dann erschließen sich die unsinnlichen Ähnlichkeiten, von denen Benjamin spricht.

Der »idyllische Zusammenhang des Sinns« ist eben dieser gewohnte Modus der Urteilssprache, d. h. der ideologischen Sprache, die immer eine Absicht transportiert. Der Sinn liegt dann nicht in der Sprache bzw. dem Gesprochenen, sondern wird durch die Sprache transportiert. Man sagt etwas, um etwas anderes, zum Beispiel Macht oder Recht, zu haben.

In Namen wird das Wort zur Engelssprache: Es folgt keinem ideologischen Zweck mehr und spricht rein die Wahrheit aus. Es wird ein Motto in der Schöpfung, d. h. es steht wie ein Motto am Beginn eines Textes, nur ist dieser Text das Buch der Natur, in dem zu lesen ist. Alle Schöpfung geht aus dem Wort Gottes hervor, und zwar aus dem geschriebenen, denn Gott schöpft, gemäß der Kabbala, durch das geschriebene Wort. Er schreibt die Wesenheiten in die Materie ein, er prägt und siegelt die Materie. Die Schöpfung ist wie eine Schrift. In der Namenssprache kann diese Schrift gelesen werden. Jedes einzelne Geschöpf ist einzigartig, singulär und konkret und hat seinen eigenen Namen. In analoger Weise gilt dies auch für die Arten, Gattungen, Dinge und Phänomene, wobei hier bei der Identifizierung bereits die Abstraktion unseres analytischen Geistes mitwirkt, aber in lebensrichtiger Weise.

Ursprung und Zerstörung treten als Extreme im Zitat in eine dialektische Verbindung und werden dadurch vollendet. Das Zitat ist beides zugleich. In dieser Vollendung des Ursprungs hat das Zitat die Funktion eines ursprünglichen Namens, der in sich vollständig, ganz und selbst steht. Das Zitat ist die dialektische Synthese und wie ein Name, auch wenn es kein Name im engen Sinn des Wortes ist. Es benennt eine einmalige und konkrete Sache und es steht für sich. Es ist vom Rest des Textes abgehoben durch Anführungszeichen, Hervorhebung, Einrückung und ähnliches.

Alle Worte werden zu Motti im Buch der Schöpfung, d. h. jedes Wort wird zum unverwechselbaren Namen einer Sache. Die Konstellation aller dieser Namen ist die Be-Schreibung der Schöpfung. Das ist der wahre Text.

GS – Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Band I-VII (14 Teilbände), unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Sholem, hg. von Rolf Tiedemann u. Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt a. M. 1972ff.

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Philosophie, Walter Benjamin

Warum man sich an Leid erinnert und Glück vergisst

Die Erinnerung ist immer etwas Abgeschlossenes, Festgestelltes. Vergangenes Unrecht ist geschehen und abgeschlossen. Es besteht hier eine Beziehung zwischen dem Abgeschlossenen der Vergangenheit und dem geschehenen Leid. Das Leid wird durch seinen Abschluss bestätigt.
Glück und Freude jedoch werden nicht durch einen Abschluss besiegelt, sondern tendieren zum ewigen Weitergehen. Ein Ende des Glücks widerspricht dem Wesen des Glücks. Insofern ist es nichts Abgeschlossenes und kann somit auch keine Erinnerung sein. Das Glück verhält sich anders zur Zeit, denn sein positiver Charakter wird durch die Vergänglichkeit weitgehend negiert.

(inspiriert durch Max Horkheimer und Walter Benjamin in: Walter Benjamin: Das Passagenwerk, Gesammelte Werke Band 5, S. 589)

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Philosophie, Walter Benjamin

Theologie und Politik

Walter Benjamin
Theologisch-politisches Fragment

Erst der Messias selbst vollendet alles historische Geschehen, und zwar in dem Sinne, dass er dessen Beziehung auf das Messianische selbst erst erlöst, vollendet, schafft. Darum kann nichts Historisches von sich aus sich auf Messianisches beziehen wollen. Darum ist das Reich Gottes nicht das Telos der historischen Dynamis; es kann nicht zum ZieI gesetzt werden. Historisch Gesehen ist es nicht Ziel, sondern Ende. Darum kann die Ordnung des Profanen nicht am Gedanken des Gottesreiches aufgebaut werden, darum hat die Theokratie keinen politischen sondern allein einen religiösen Sinn. Die politische Bedeutung der Theokratie mit aller Intensität geleugnet zu haben ist das größte Verdienst von Blochs „Geist der Utopie“. Die Ordnung des Profanen hat sich aufzurichten an der Idee des Glücks. Die Beziehung dieser Ordnung auf das Messianische ist eines der wesentlichen Lehrstücke der Geschichtsphilosophie. Und zwar ist von ihr aus eine mystische Geschichtsauffassung bedingt, deren Problem in einem Bilde sich darlegen lässt. Wenn eine Pfeilrichtung das Ziel, in welchem die Dynamis des Profanen wirkt, bezeichnet, eine andere die Richtung der messianischen Intensität, so strebt freilich das Glückssuchen der freien Menschheit von jener messianischen Richtung fort, aber wie eine Kraft durch ihren Weg eine andere auf entgegengesetzt errichtetem Wege zu befördern vermag, so auch die profane Ordnung des Profanen das Kommen des messianischen Reiches. Das Profane also ist zwar keine Kategorie des Reichs, aber eine Kategorie, und zwar der zutreffendsten eine, seines leisesten Nahens. Denn im Glück erstrebt alles Irdische seinen Untergang, nur im Glück aber ist ihm der Untergang zu finden bestimmt. – Während freilich die unmittelbare messianische Intensität des Herzens, des innern einzelnen Menschen durch Unglück im Sinne des Leidens hindurchgeht. Der geistlichen restitutio in integrum, welche in die Unsterblichkeit einführt, entspricht eine weltliche, die in die Ewigkeit eines Unterganges führt und der Rhythmus dieses ewig vergehenden, in seiner Totalität vergehenden, in seiner räumlichen, aber auch zeitlichen Totalität vergehenden Weltlichen, der Rhythmus der messianischen Natur, ist Glück. Denn messianisch ist die Natur aus ihrer ewigen und totalen Vergängnis. Diese zu erstreben, auch für diejenigen Stufen des Menschen, welche Natur sind, ist die Aufgabe der Weltpolitik, deren Methode Nihilismus zu heißen hat.

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Berlin, Walter Benjamin

Berlin Blog – Walter Benjamin

Walter Benjamin

10.09.2010
In Berlin passiert eigentlich jeden Tag was. Hier passieren Dinge jeden Tag, die auf dem Land, wo ich herkomme, im ganzen Jahr nur einmal, wenn überhaupt, passieren.
Am Dienstag (07.09.) war ich im Literaturhaus Berlin auf der Filmpremiere eines neuen Films über Walter Benjamin. Der Film wurde von David Wittenberg gemacht. Es ist sein dritter Film über Walter Benjamin. Von den ersten beiden habe ich im übrigen erst an diesem Abend erfahren. Moderation machte der Mensch, der an der Akademie der Künste für das Walter Benjamin-Archiv zuständig ist.
Man muss sich das mal überlegen. Ich steige bei mir in die U-Bahn, sitze ein paar Minuten da und schaue mir die Leute an oder denke vor mich hin. Einmal musste ich noch umsteigen und noch eine weitere Station fahren. Dann steige ich aus und laufe noch etwa 100 m bis zum Literaturhaus. Was mir hier präsentiert wird, ist First Class, Top Ranking, Erste Sahne. Besser geht‘s nicht. Der Filmemacher selbst und der Verwalter des Walter Benjamin-Archivs, und ein voller Saal Interessierter.
Das Literaturhaus ist eine feine Adresse in der Fasanenstraße, eine Seitenstraße zum Kurfürstendamm, wie ich hörte, die teuerste Straße in Berlin, ein Repräsentativobjekt. Ich wunderte mich wohl über die in den Schaufenstern der Läden ausgestellten Waren, Kleidung, Geschirr und dergleichen. Alles vom Feinsten, ohne Preisauszeichnung. Hier spielt Geld keine Rolle. Nun ja, das Literaturhaus kann nichts dafür. Hier wird echte, gute Literatur verhandelt. Das Programm und die Schaukästen mit den Büchern beeindruckte mich. Seltene Titel, zeitgenössische Literatur, state of the art.

Der Film ist eine 52minütige dokumentarische Reise durch die Lebenstationen Walter Benjamins, des großen Literaturphilosophen. Sein unstetes Leben ohne Wohnung, seine Flucht vor den Nazis, das Exil in Paris, die Flucht über die Pyrenäen, sein Freitod an der Grenze zu Spanien, in Port Bou, weil die spanischen Grenzbeamten die Flüchtlinge an die Nazis ausliefern wollten. Er vergiftete sich in der Nacht. Als Folge davon durften die anderen Flüchtlinge einreisen. Die Schriftstücke, die er mit sich trug, sind verloren. Seine letzten und wichtigsten Aufzeichnungen. „Schriftstücke unbekannten Inhalts“ heißt es im Polizeiprotokoll. Die spanischen Polizisten werden sich wohl kaum von dem Inhalt seiner Schriften einen Begriff gemacht haben. Heute ist er einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Was mich betrifft, so hat er mich geprägt. Er war in meinem Germanistik-Studium mein großes Vorbild, mein Bruder im Geiste. Ein Mystiker under cover. Ein Marxist und Jude. Seine Arbeiten zur Sprache und zur Erkenntnistheorie sind vom Geist der ewigen Wahrheit getragen, von einer transzendentalen Schau auf die ewigen Dinge.
Er wurde damals von niemandem verstanden. Und auch heute noch ist das wohl so. Er wird heute zwar verstanden, aber falsch. Das heißt, heute gilt er etwas und wird verehrt und gelesen. Der größte Teil der Rezeption ist jedoch sehr eingeschränkt. Man sieht ihn als Kultur- und Kunsttheoretiker, oder als Chronist der Geschichte. Seine mystische Dimension könnte nur jemand sehen, der selbst Mystiker ist. Und das sind die Kunst- und Literaturfreunde, die Historiker und Gesellschaftstheoretiker der modernistischen weltlichen Klasse nicht.
Wittenberg, der Filmautor, stellte sich nach dem Film den Fragen aus dem Publikum. Ich fragte ihn, ob er sich auch mit der psychischen und emotionalen Situation Benjamins beschäftigt habe, denn gerade bei Bejamin erschiene es mir sehr bedeutend, wie seine persönliche Geschichte und Situation sein Werk beeinflusste. Ein großer Ausspruch von Benjamin, der ganz am Anfang des Films zitiert wurde, weißt auf die Tiefe seiner Forschung und die Existentialität seines eigenen Lebens hin:

„Es ist vielleicht das größte Glück des Menschen, ohne Schrecken seiner selbst inne zu werden.“

Ich fragte also den Filmemacher. Aber er konnte damit nichts anfangen. Er redete an mir vorbei. Er erzählte etwas von der Geschichte der Moderne im 19. Jahrhundert in Paris, die Benjamin zum Thema gemacht hatte. Ja, das war das Thema von Bejamin damals, aber das ist nur die oberflächliche Schicht, das Sujet, aber nicht die innere Motivation. Es ging Benjamin um „die Philosophie der Geschichte“, wie er es selbst einmal nannte. Und ich füge hinzu, um die Philosophie der Geschichte des Menschen an und für sich.
Wittenberg sprach vom Denken Benjamins. Es wurde offensichtlich, dass er mit „Emotionen“ nichts anfangen konnte. Er ist, wie die ganze westliche Intellektualität, völlig im Denken absorbiert.
Unter der „Philosophie der Geschichte“ verstehe ich kurz gesagt die Untersuchung der Frage, wie Geschichte überhaupt zustande kommt und wie sich die Erkenntnis des Menschen in und an Geschichte aufspannt. Nicht geht es um die Frage, was passiert ist, also eine Aufreihung historischer Daten, sondern was das mit den Menschen und der Kultur macht. So nannte Benjamin sein Hauptwerk das „Passagen-Werk“, in Anlehnung an die Pariser Passagen, die überdachten Einkaufsstraßen. Passagen sind äußere Innenräume, Straßen, die zu Wohnzimmern umgebaut wurden, was durch den Fortschritt der Technik erst möglich wurde. Welche Veränderung der menschlichen Kultur drückt sich in einer solchen Idee, Straßen zu überdachen, aus? Was bedeutet das wiederum für den Menschen und seine sozialen Beziehungen? Passage bedeutet Vorbeigehen, Nicht-Bleiben. Wie Benjamins nomadisches Leben.

Paul Klee: Angelus novus

Benjamin war ein Mystiker, ein Kabbalist. Er sah die Wirklichkeit hinter den Dingen. Er hinterließ ein tiefes Werk, auf dessen Grund noch einige wertvolle Juwelen zu finden sein dürften. In der Fasanenstraße werden sie tendenziell vom Prunk des Tands überstrahlt.
Dieses Jahr ist Walter Benjamins 70. Todestag. Ab jetzt ist sein Werk „gemeinfrei“, d.h. die Ansprüche auf Copyright sind verfallen. Das bedeutet, dass ich in der nächsten Tattva Viveka Auszüge aus seinem Werk frei veröffentlichen kann. Darauf habe ich schon sehr lange gewartet …

Noch ein schönes Zitat von Dr. Raimond Otte:
„Wo soll man eigentlich seine Erleuchtungen suchen? Walter Benjamin (1892-1940), Philosoph, Literaturkritiker und Filmtheoretiker, gab auf diese Frage Antworten, die bis heute verstören. Mitten im modernen Leben können „spirituellle“ Erfahrungen den Menschen treffen. Sie kommen plötzlich, sind unberechenbar und halten sich überhaupt nicht daran, auf eine „religiöse“ oder „spirituelle“ Atmosphäre begrenzt zu sein. Die Begegnung mit dem anderen Menschen, die Erinnerung an einen fast vergessenen Geschmack, eine Szene in einem Kinofilm oder ein unerwarteter Gedanke lassen uns Schwellen überschreiten. In den Blick kommen Erfahrungen, die uns radikal verändern können. In einer poetischen Sprache hat Benjamin sie beschrieben. Sein Werk verbirgt ungewöhnlich reiche und subtile Gedanken, die um diese Begegnungen kreisen. Da ist die Rede von der Erfahrung der Kindheit, dem Spielzeug, den großen Bahnhöfen oder von alltäglichen Dingen, hinter denen sich Appelle verbergen.“ Dr. Rainer Otte ist Philosoph, Filmemacher, Wissenschaftsjournalist.

Artikel zum Thema in Tattva Viveka:
TV 02: Ronald Engert – Omnia videns. Zur Sprachtheorie der Kabbala
TV 03: Ronald Engert – Zur Kritik der Gewalt. Nach dem Aufsatz von Walter Benjamin
TV 16: Ronald Engert – Leben bestimmt Leben. Zum Unterschied von Leben und Materie

Mehr zum Thema auf meiner Walter Benjamin-Seite: http://wbenjamin.de

Zur Tattva Viveka Homepage geht es HIER.

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Philosophie, Walter Benjamin

Der Philosoph Walter Benjamin (1892-1940) – Archive, Zettelkästen und das Internet

Walter Benjamin (1892-1940)

Walter Benjamin (1892-1940)

Walter Benjamin, einer der genialsten Philosophen des 20. Jh., was meine Ansicht betrifft, starb im Alter von 48 Jahren auf der Flucht vor den Nazis. Lange Zeit galt es als Selbstmord, aber jüngere Forschungen lassen daran Zweifel aufkommen. Er könnte auch ermordet worden sein. Sein letzter Weg ging über die Pyrenäen, auf der Flucht nach Spanien. Das Einzige, was er bei sich trug, war eine Aktentasche. Sie enthielt sein letztes Manuskript. Es ist verschollen.

Benjamin lebte für das Schreiben. Benjamin fasziniert mich. Ich finde es bemerkenswert, dass mich sein Werk nach vielen Jahren wieder einholt – jetzt, wo ich selbst 48 Jahre alt bin. Ich las ihn im Studium, in den 80er Jahren. Er prägte mein Denken wie kein anderer. Ich fühlte mich ihm seelenverwandt. Doch dass er am gleichen Tag wie ich Geburtstag hat, am 15. Juli, fiel mir erst viele Jahre später auf. 22 Jahre habe ich mich – bis auf winzige Gelegenheiten- – nicht mehr mit ihm beschäftigt. Ich ging selbst durch eine Art Tod. Aber nun kommt wieder das Leben. Das Ende von Unglück ist Glück.

Sein Werk ist hermetisch. Es spannt den Bogen zwischen Mystik und Politik. Es ist spirituell und zugleich profan. Er selbst prägte den Begriff „profane Erleuchtung“. Er war Jude und bekannte sich in den 30er Jahren zum Marxismus. Ab 1933 war er auf der Flucht vor den Nazis. Er verließ Deutschland und lebte mittellos in Paris. Er kannte viele Geistesgrößen der Zeit: z.B. Theodor W. Adorno, Max Horckheimer, Siegfried Krakauer, Berthold Brecht. Bei Brecht in Dänemark lebte er oft im Sommer.
Die Schulwissenschaft sieht ihn nur als weltlichen Intellektuellen. Meiner Ansicht nach war er kabbalistisch motiviert.

Benjamin hatte die Idee, eine Arbeit ganz aus Zitaten zu schreiben. Eine literarische Montage, ähnlich den dadaistischen und surrealistischen Kunstwerken seiner Zeit. Die Montage war eine neue Kunstform. Versatzstücke der Realität wurden zu Kunstwerken zusammengebaut. Der Künstler war nicht mehr der autonome Schöpfer, sondern jemand, der aus der zweiten Natur der menschlichen Technik Dinge entlehnte, sie verfremdete und ummünzte, um einen neuen Blick zu erlangen.

Einige Zitate aus dem Buch „Walter Benjamins Archive“ (Suhrkamp 2006), das ich gerade gelesen habe:

„Die Gabe, Ähnlichkeiten zu erkennen, ist ja nichts als ein schwaches Überbleibsel des alten Zwangs, ähnlich zu werden und sich zu verhalten.“ (S. 76)

„Vielmehr ist Sprache (und Schrift) als Verwendung des mimetischen Vermögens anzusehen, als ein Archiv unsinnlicher Ähnlichkeiten, unsinnlicher Korrespondenzen.’“ (S. 79)

„Vielleicht weißt Du garnicht, wie schön es ist, die wechselnden und ungleich gearteten Gedanken so vieler Jahre immer wieder gastfreundlich von den zartesten und saubersten Quartieren, die Du ihnen anweist, aufgenommen zu sehen.“ (S. 122)
Anmerkung: Benjamin meinte mit den „zartesten Quartieren“ die Notizbücher, die ihm der Freund schickte, und die er für seine Entwürfe und Notizen verwendete. Benjamin war es wichtig, auf gutem Papier und in schönen Heften zu schreiben.
So sagte er in „Die Technik des Schriftstellers in dreizehn Thesen“: „Laß dir keinen Gedanken inkongnito passieren und führe dein Notizbuch so streng wie die Behörde das Fremdenregister.“ (S. 122)
Das Heft ist ein Medium, das Verfasser und Werk in Beziehung bringt.

„Worte zu dem zu finden, was man vor Augen hat – wie schwer kann das sein. Wenn sie dann aber kommen, stoßen sie mit kleinen Hämmern gegen das Wirkliche, bis sie das Bild aus ihm wie aus einer kupfernen Platte getrieben haben.“ (S. 141)

„Arbeit an einer guten Prosa hat drei Stufen: eine musikalische, auf der sie komponiert, eine architektonische, auf der sie gebaut, endliche eine textile, auf der sie gewoben wird.“ (S. 163)

„Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen. Ich werde keine geistvollen Formulierungen mir aneignen, nicht Wertvolles entwenden. Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht beschreiben, sondern vorzeigen.“ (S. 196, über seine Passagen-Arbeit).

Irgendwie erinnert mich seine Arbeitsweise auch an meine. Auch ich mag es, Zitate zu bringen und das, was schon an Gutem gesagt wurde, zu würdigen. Es sind die Abfallstücke, die Überreste menschlicher Erkenntnisarbeit.
Benjamin wäre angesichts der heutigen Möglichkeiten des Computers und des Internets sicher ebenso fasziniert wie ich. Was Benjamin noch handschriftlich in Kladden und Zettelkästen festhielt (darum geht das Buch, aus dem die Zitate entnommen sind), und später mühselig auf der Schreibmaschine ins Reine schrieb, kann man heute direkt in den Computer tippen, verändern, kopieren, löschen, überarbeiten, erweitern, verlinken, versenden und auf dem Fuße veröffentlichen – wie in diesem Blog.
Diese technische Errungenschaft wird auch das Erkenntnisvermögen des Menschen nachhaltig verändern, und damit auch unserer Kultur. Wie Peter Sloterdijk ja auch nicht müde wird zu betonen: der Mensch ist ein Produkt seiner eigenen technischen Entwicklung. Wo wären wir heute ohne die Erfindung Gutenbergs, ohne das gedruckte Wort? Wo werden wir in einhundert Jahren sein, aufbauend auf dem, was heute durch die Informationstechnologie möglich wird?

2010 wird sich sein Todestag zum 70. Mal jähren. Das bedeutet, dass das Copyright auf seine Schriften erlöschen wird. Ab 2010 sind seine Schriften „gemeinfrei“, das bedeutet, sie können frei nachgedruckt werden.

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