12 Schritte-Programm, Authentizität, Liebe, Sein-Kolumne, Selbst

Zeige dich

innere WahrheitZeige dich mit deiner Wahrheit. Wenn du das machst, lernst du gesehen zu werden. Und wenn du das kannst, lernst du Liebe zu nehmen. Dann lernst du dich selbst zu lieben. Und wenn du das kannst, dann lernst du Liebe zu geben. Dann endet die Bewertung der anderen, die du nur machst, um dich davor zu schützen, gesehen und erkannt zu werden. Dann endet die Leugnung und die Scheinidentität. Dann musst du nicht mehr andere abwerten um dich selbst aufzuwerten. Dann endet dein Minderwert. Wir lieben dich, solange bis du dich selbst lieben kannst. Die umwerfende Erfahrung besteht darin, sich zu zeigen, mit all seinen Abgründen und Blößen, und hinterher eine Umarmung zu bekommen, angelacht und angenommen zu werden. Die andere umwerfende Erfahrung besteht darin, diese Liebe nehmen zu können. Angst und Scham treiben uns in die Isolation, in das Gefängnis des schönen Scheins, wo man unheimlich hipp und cool ist. Aber wir brauchen jemanden, der an uns glaubt, gerade dann wenn wir nicht an uns selbst glauben können. Ehrlichkeit ist das Gegenmittel gegen die Lüge.

Wir haben Angst gesehen zu werden, denn dann kommt die ganze Wahrheit über uns ans Licht. Wir haben Angst verurteilt oder abgelehnt zu werden. Wir sind wie Menschen, die niemanden an sich heranlassen. Wir denken, die anderen wollen uns nicht. Aber die anderen wollen uns Liebe geben. Wir können diese Liebe nicht sehen und nicht nehmen. Indem wir uns zeigen, durchbrechen wir diesen Kreislauf der Leugnung, des Scheins und des Getrennt-Seins. Das ist die mutige Tat. Nicht als Gejammer, aber ehrlich und nüchtern. Versuche, die Wahrheit zu sagen!

Wenn dann die innere Fülle beginnt, der innere Frieden und das Bei-sich-Sein, dann können wir fühlen und lieben. Dann können wir vom Herzen unsere Liebe geben. Die Einsamkeit und Isolation enden. Das alles ist ein langsamer Wachstumsprozess über Jahre. Mach dir nichts vor. Du bist eine Eiche. Je langsamer du wächst, umso stärker wirst du. Dann kommst du an bei dir, in der Welt und bei den Menschen.

(Text für meine monatliche Kolumne in der Zeitschrift SEIN, Berlin Juli 2014)
Dank an das 12-Schritte-Programm, dem ich die meisten dieser Verwirklichungen verdanke.

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Authentizität, Selbst

Mein persönliches Mission Statement

Es ist meine Mission, meine Macht und Zufriedenheit in der Spiritualität zu offenbaren, zu verbinden und darüber zu schreiben.

So, here we go.

Das Thema Macht ist umstritten. Macht ist eine spirituelle Kraft, die oft, allzu oft missbraucht wurde. In diesem Sinne habe ich Macht immer abgelehnt. Ich habe gegen die Machthaber rebelliert und gekämpft. Ich sympathisierte mit dem Anarchismus. Ich war linksradikal, gegen den Staat, gegen das Kapital. Ich sah im Staat (mein anarchistischer Anteil) und im Kapital (mein kommunistischer Anteil) den Grund allen Übels. Ich war politisch aktiv, bis hin zur Unterstützung der RAF. Wir machten militante Aktionen wie z.B. Sprühaktionen, Hausbesetzungen, vermummte Demonstrationen. Wir planten Anschläge, aber zum Glück führten wir sie nicht aus.

Diese Ablehnung von Macht als Ganzem führte indes zu psychologischen Fehlhaltungen, die in meinem Leben Probleme verursachten. Die Coach-Frau, die mit mir vor wenigen Tagen das obige Mission Statement erarbeitet hat, sprach von mir als einem Mann, der nun sichtbar wird. Ein sichtbar werdender Mann – ist das nicht schön?

Was bedeutet das? Da ich Macht ablehnte und statt dessen politisch korrekte Ansichten wie Gleichberechtigung, Pluralität, Toleranz und Liebe pflegte, habe ich mich versteckt. Nicht dass Liebe und Gleichberechtigung falsch wären. Es wird nur einseitig betont. Wenn Liebe zum Gegenteil von Macht wird und Liebe gut und Macht schlecht ist, dann sind wir in der ideologischen Sichtweise gelandet, wo es keine Wahrheit und kein Leben mehr gibt. Ich versteckte mich, da ich Macht als etwas Sündiges, Böses verstand und auf keinen Fall böse sein wollte. Ich versteckte mich aber auch, weil ich Angst hatte, mich zu zeigen. Angst davor, zu mir zu stehen und mich selbst anzunehmen, in meiner Kraft und Macht und Souveränität. Ich machte mich klein. Ich lebte nicht wirklich.

So was ist eine leidvolle Situation. Für mich und für die anderen. Es führt nur zu Zerstörung und Einsamkeit. Das, was mich ausmacht, konnte ich nicht sehen und nicht zeigen. Ich konnte mich nicht leben, ich konnte nicht sein. Die anderen konnten mich nicht sehen und fühlen. Bis zu einem gewissen Grade natürlich schon, das alles ist nicht absolut und schwarz-weiß. Aber es fehlte die „letzte Meile“, die letzten paar Meter, um zu einem echten Kontakt, einer echten Verbindung zu kommen. So war ich nicht richtig greifbar und fühlbar. Vielleicht vollzieht sich das immer in Annäherungen, vielleicht können wir nie einen absoluten, vollkommenen Zustand erreichen. Vielleicht geht diese Entwicklung immer weiter. Ich selbst bin eine innere Transzendenz, die in die Unendlichkeit flieht. Aber wir müssen uns auch nicht ganz und vollkommen erreichen, wir müssen nur das tun, was wir tun können. Den Rest tut Gott. Das ist Gnade.

Als sichtbar werdender Mann werde ich zum Mann. Mann ist gut. Macht ist gut. Als richtiger Mann habe ich Macht. Es gilt, die Macht aus dem mythischen Missbrauch zu befreien, sie zu erlösen und wieder in ihre ursprüngliche gute Weise zu bringen. Natürlich wurde die Macht missbraucht. Sie wurde missbraucht, weil sie wirkt. Es sind die besten Kategorien, die missbraucht werden. Etwas Wirkungsloses interessiert keinen, es kann weder positiv noch negativ gebraucht werden. Es geht heute darum, diese alten ewigen Kategorien wieder in ihre ursprüngliche heile Form einzusetzen. Durch lautere, edle Menschen. Es geht kein Weg daran vorbei: der Mensch ist das Maß aller Dinge. Wir nehmen wahr und erkennen, wir öffnen und schließen, im Sinnen von offenbaren und schlussfolgern. Es sind die Menschen selbst, die bestimmen. Gott gibt uns natürlich die Führung und Orientierung – wenn wir sie wollen und annehmen. Es ist ein ko-kreativer Prozess.

Ein wertfreie Definition von Macht: Wieviel Ergebnis kann ich sichtbar erbringen?

Es geht um Handlungsfähigkeit, um Realisierung, um Zielstrebigkeit. Das sind wahrscheinlich keine nur männlichen Eigenschaften. Sie wurden im Laufe des Patriarchats von dem Männern besetzt. Im Zuge der Emanzipation, zu der ich mich hinzuzähle, wurde die Macht mitsamt den Männern in Abrede gestellt. Insofern ist es für mich als Mann wesentlich, die Beziehung zwischen Mannsein und Macht anzuschauen.

Macht bedeutet auch Definition. Ich habe die Macht, zu definieren, was mein Ding ist, was ich richtig und falsch finde, was was ist. Auch diese Macht haben wir als Menschen. Wir können sie nicht umgehen. Bisher wurden die Definitionen von Mächtigen gegeben und das Volk folgte. Es war eine Auslagerung der Urteilskraft auf äußere Beziehungen, wie Religion, Politik, Medizin. Es ging nicht anders, da viele Menschen nicht genug Wissen hatten, um die Definitionsmacht an sich nehmen zu können.

Macht hat einen Bezug zu Gewalt. Definitionsmacht ist gleich Definitionsgewalt, zum Beispiel. Wie kann ich Macht ausüben, ohne Gewalt auszuüben? Das ist machbar, denke ich. Ist Gewalt überhaupt schlecht? In der wertfreien Sicht wohl kaum. Was wäre denn die reine Form von Gewalt? Walter Benjamin hat darüber geschrieben und das klar gestellt. Man kann das dort nachlesen.
Was ist die schlechte Form von Gewalt? Sicherlich die, die meinen egoistischen Interessen entspringt, wo der Andere nicht mehr als souveränes Wesen erkannt wird.

Wie kann ich als Mann in meine Macht kommen und dabei zum Wohle des Ganzen wirken? Ich habe Macht, das ist einfach so. Wenn ich sie nicht annehme, werde ich unsichtbar, ungreifbar.

Es gibt eine reine Macht. Eine Macht, die aufbaut und schöpft, die Schönheit in die Welt bringt, die Leben ermöglicht und beschützt. Es ist die Macht des Wissens und des Tuns. Es ist innerer Halt, innere Stärke, Eigenständigkeit. Es sind Werke, die ich hinterlasse. Macht ist Bestimmung, Richtungsweisung, der Fels in der Brandung. Das ist das Männliche an der Macht. Die Frau ist weich und fließend. Der Mann ist hart und standhaft. Wenn er die Macht für das Leben einsetzt, gibt er Richtung und Stabilität. Nur so kann sich die Liebe und Fülle der Frau offenbaren. Macht bedeutet auch, ich zu sein, etwas zu sein. Eine Soheit: ich bin so. Also Selbsterkenntnis und Position. Macht bedeutet auch, Subjekt zu sein und meine Einzigartigkeit zu leben. Ich definiere mein Leben, mein Menschsein und mein Mannsein. Das ist Männlichkeit: ich bestimme selbst, wer ich bin und was ich tue.

Als sichtbarer Mann zeige ich meine Macht und setze sie gesund ein. Ich gehe in meine Macht und werde dadurch zufrieden.

Hier habe ich das Coaching gemacht: www.coaching-spirale.de

Besucht auch die Homepage meiner Zeitschrift Tattva Viveka: www.tattva.de

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Tattva Viveka

Tattva Viveka 48 erschienen

Armin Risi – Spirituelles Unterscheidungsvermögen. Warum Polarität und Dualität nicht dasselbe sind • Ronald Engert – Wir sind alle ewige Personen. Zur Existenz eines individuellen Selbst • Daniel Barron – Wer wir noch nie waren. Die Realität des persönlichen authentisierten Seins • Dr. Ulrich Ott – Meditation für Skeptiker. Ein Gehirnforscher auf der Suche nach dem Selbst, Teil 2 • Angela Mahr – Tantrische Liebe, was ist das? Das Göttliche im Menschlichen annehmen, Teil 2 • Andreas Gruss – Der Weg des Vergessens. Auf den Spuren der Freimaurer, Teil 2 • Andreas Bummel – Soziale Evolution, Weltparlament und Bewusstsein • Michael Habecker – Lebenslust, die Erleuchtung der Fülle. Ein integrales Verständnis von Erleuchtung
http://www.tattva.de/tattva-viveka-48/

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Gefühle, Selbst

Das Einzige, was stört

Hallo. Ich habe gerade ein Manuskript gelesen, mit dem Titel “Das Einzige was stört, sind deine Gefühle“. Darin geht es um die Anwendung von Feng Shui und bestimmten psychologischen Methoden, um zum Erfolg, Lebensfreude, Glück und Wohlstand zu gelangen. Ich möchte jetzt nicht den Autor nennen, um niemanden zu kompromittieren. Habe aber das Bedürfnis, meine Gedanken, die ich beim Lesen aufgeschrieben habe, hier zu teilen, weil sie ein kleines Streiflicht auf das Verhältnis von Denken und Fühlen liegen. Bitte versteht es als Gedankensplitter, oder Miniaturfragment.

Zu dem Manuskript:

Der Text bietet über weite Strecken als Lösung einer Art Umdenken an. Affirmation, veränderte Glaubenssätze, Visualisierung, Überzeugungen, Vergebung, Einstellsätze, Programmierung, Gehirn.

Meines Erachtens ist es so, dass es einen Emotionalkörper gibt, der nichts mit dem Denken und dem Gehirn zu tun hat. Die Emotionen gehören zu unserem inneren Wesenskern und sind als Gefühle gespeichert, so eine Art Felder oder gefühlte Informationsqualitäten. Sie sind überall im grob- und feinstofflichen Körper gespeichert, zum Beispiel in den Muskeln (vergleiche Wilhelm Reich), in den Drüsen, im Rückenmark, in den Nervengeflechten im Darm, in unserer Historie, im Emotionalkörper.

Der Emotionalkörper ist ein feinstoffliches Phänomen, das nicht weiter reduzierbar ist, etwa auf Gedanken, Energien, Wissen.

Der Emotionalkörper ist der Kern unseres Ich. Das Ich ist keine Illusion, sondern unsere ewige Individualität, unsere Soheit. Dieser Emotionalkörper ist ganz konkret und geprägt von allen Kindheitserfahrungen.

Die Gefahr der Abspaltung von sich selbst ist nicht nur durch die traumatische Erfahrung in der Kindheit gegeben, sondern auch durch Heilungsversuche, die am Mentalkörper ansetzen, alle Arten von Methoden, Strategien, mentalen Ansätzen. Dazu gehören alle oben genannten Lösungen des Umdenkens.

Oberflächlich kann man durch strategische Verstärkung von Freude, Stolz, Eigenliebe etc. eine Verbesserung der Befindlichkeit erreichen. Es besteht jedoch die Gefahr, dass dadurch die strategische Abspaltung von der eigenen inneren Wahrheit verstärkt wird. Es geht nicht darum, sich gut zu fühlen, sondern zu fühlen.

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Authentizität, Selbst

Nobody is perfect 2

Nobody is perfect 2

„Heute ist meine Abstinenz nicht perfekt. Wenn ich perfekt abstinent wäre, würde ich nur das essen, was Gott für ich will und ich würde dabei keinerlei Schuld oder Scham verspüren. Heute erwartet meine Höhere Macht nicht mehr diese Art von Vollkommenheit von mir und noch besser, ich erwarte sie auch nicht von mir. Wenn ich bete, „Gib uns unser tägliches Brot“, bete ich um meine Abstinenz. Wenn ich dann Gott um Hilfe gebeten habe, lege ich es in seine Hände.
Ich akzeptiere den Körper, den Gott mir gegeben hat und dass ich eben eine gewisse Menge Essen brauche. Es war mein Eigenwille, der mir meine Extrapfunde einbrachte. Wenn ich so esse, wie Gott es für mich will, habe ich einen normalen Körper. Lange bevor ich mein Zielgewicht erreicht hatte, kam mein Gewicht zum Stillstand. Ich hörte auf, Gewicht verlieren zu wollen und begann zu essen, als hätte ich auf wunderbare Weise all das Gewicht verloren, das nötig war. Ich hatte den Unterschied gelernt zwischen abstinent sein und auf Diät sein.“
(OA, S. 71)

„Wenn ich auch immer wieder am Kämpfen war, so verlor ich in den ersten Jahren im Programm dennoch 50 Pfund. Allmählich erkannte ich, je mehr ich versuchte „den Deckel auf meine Ess-Sucht“ zu bekommen, desto mehr schien ich zu versagen. Ich benutzte OA manchmal als Diätklub und ich vergaß dabei, dass das noch nie funktioniert hat.
Ich sprach darüber mit einer OA-Frau, die ich sehr bewunderte. Sie sagte mir, dass ich anscheinend nach einer „perfekten“ Abstinenz strebte und das vielleicht eine unrealistische Erwartung sei. Es war nicht leicht für mich, meinen Traum von der Perfektion loszulassen, aber ich sah, je mehr ich von meinen strengen Anforderungen losließ, umso weniger Macht hatte das Essen über mich. Ich fing an mich als ein unvollkommenes Wesen zu akzeptieren.“
(OA, S. 76)

Das Problem bei den Ess-Süchtigen ist, dass sie das Suchtmittel nicht völlig weglassen können, wie das zum Beispiel bei Alkohol oder Drogen der Fall ist. Sie müssen also das Mittel, das sie süchtig missbraucht haben, weiterhin nehmen.
Wie kommen sie dann also zu einem abstinenten Verhalten?
Es wird hier in OA sehr genau zwischen Diät und Abstinenz unterschieden. OA ist kein Diätklub. Eine Diät ist eine Methode, weniger zu essen, als man eigentlich essen müsste, um abzunehmen. Diät ist mit zwanghaften Verhalten verbunden, es ist der Versuch, Kontrolle zu erlangen und ist nur die Kehrseite der Ess-Sucht. Der Versuch, das Essen zu kontrollieren, führt zum Rückfall.
Abstinenz bedeutet, das zu essen, was man braucht, und so zu essen, dass man satt ist. Allerdings isst man auch nicht mehr. Es geht darum zu spüren, welches Essen brauche ich und welches esse ich nur, weil ich mehr will. Wenn ich mehr esse, als ich brauche, esse ich süchtig, weil ich dann mit dem Essen versuche, Gefühle zu verändern und mich wegzumachen.
Die allgemeine Regel ist, dreimal am Tag essen und dazwischen nichts zu essen. Das ist die Grundlage der Abstinenz in OA. Spirituell gesehen formuliert es das erste Zitat. Rein spirituell wäre, nur das zu essen, was Gott für mich will. Allerdings gibt es keine Vollkommenheit. Die Idee der Vollkommenheit ist selbst eine süchtige Idee.
In dem Verstehen, dass Gott keine Vollkommenheit von mir erwartet, komme ich raus aus dem süchtigen zwanghaften Verhalten und aus meinen Schuld- und Schamgefühlen darüber, dass ich nicht vollkommen bin.
„Wären wir vollkommen, wären wir keine Menschen“ sagt der NA-Basictext (S. 38).
Ich glaube, es ist der Wille Gottes, das wir unvollkommen sind. Diese Unvollkommenheit ist eine eigene spirituelle Erfahrung, die uns Demut und Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen geben soll.
Ein Merkmal der Sucht ist die Kontrollillusion. Sie drückt sich auch in der Idee der Vollkommenheit aus. Die Idee der Vollkommenheit ist somit eine Leugnungsstrategie. Auch die Behauptung, wir wären ja schon vollkommen, ist Leugnung. Das ist einfach eine strategische Schutzbehauptung, um die Illusion der Kontrolle aufrechtzuerhalten und den Schmerz und die Demut nicht fühlen zu müssen.
In der Annahme-was-ist erkennen wir, dass wir unvollkommen sind und fühlen den Schmerz und die Demut. Das ist einfach die Realität, wie sie ist. Es ist so.
Kannst Du das fühlen? Kannst du fühlen, dass das stimmt?
Es fühlt sich einfach richtiger an als diese mentalen Strategiepostulate, diese logischen Konstrukte, die nur im Kopf stattfinden und nur dazu dienen, den Schmerz zu rationalisieren und zu betäuben.
Die Wirklichkeit ist die Wahrheit und die Wahrheit ist die Wirklichkeit. Das kann man spüren. Das erfasst den ganzen Körper, nicht nur den Kopf.
Es ist eine Evidenz, die nicht hinreichend mit Logik erklärt werden kann.

Nachtrag: Zum Erkennen der Realität

Es ist möglich, die Realität zu erkennen. Das ist jedoch ein Fühlen und geht weit über das Denken hinaus. Weil wir immer versucht haben, mit dem Denken die Wirklichkeit zu erkennen, haben wir uns in den Konstruktivismus verstrickt, der behauptet, ich konstruiere die Realität in meiner Wahrnehmung. Ja, wir konstruieren ständig unser Bild der Realität in unseren Köpfen. Aber das ist die Pathologie, das ist die Illusion. Es gibt jedoch eine Möglichkeit, uns selbst zu erkennen, wie wir sind, und die Realität zu erkennen, wie sie ist. Dies ist möglich in der radikalen Ehrlichkeit und Authentizität. Die Wahrheit ist fühlbar. Oder, wie der Chefarzt der Klinik Bad Herrenalb, Klaus von Ploetz, sagt: „Die Wahrheit ist der Kammerton A und die Seele hat das absolute Gehör.“ Stimme, stimmig, Stimmung, Bestimmung. Wir fühlen es, wenn es stimmt, und wir ihm eine Stimme geben. Es fühlt sich stimmig an. Dann fühlen wir den anderen und erfahren Freude und Verbundenheit. Das nährt die Seele.

Exkurs zur Bhagavad-gita

Die Bhagavad-gita, die Heilige Schrift Indiens, beschreibt diesen Erkenntnisvorgang ebenfalls:

Wenn deine Intelligenz aus dem dichten Wald der Täuschung herausgetreten ist, wirst du gegenüber allem, was je gehört worden ist, und allem, was noch zu hören ist, gleichgültig werden. (2.52)
Erläuterung: Sobald unser Bewusstsein aus der Illusion herausgetreten ist, merken wir es. Es ist wie eine Erleuchtung. Jetzt ist alles klar. Vor allem werden wir dann nicht mehr an den Worten kleben, die schon gesagt oder niedergeschrieben worden sind und wir werden auch nicht an zukünftigen Aussagen von anderen Menschen, Gruppen oder Institutionen hängen. Wir werden in jedem Moment wissen, was wirklich ist und was zu tun ist. Wir werden in der Lage sein, unsere eigenen Urteile zu fällen, ohne von der Autorität anderer abhängig zu sein. Es handelt sich um ein inneres Wissen, das am Besten mit dem Wort Intuition bezeichnet werden kann.

Wenn aber jemand mit dem Wissen erleuchtet ist, durch das Unwissenheit zerstört wird, dann enthüllt sein Wissen alles, ebenso wie die Sonne am Tage alles erleuchtet. (5.16)
Erläuterung: Sobald wir dieses Wissen erlangen, breitet es sich auf alles Existierende aus. Es ist kein phänomenales Wissen, also ein äußeres Wissen, dass die einzelnen Phänomene wie zusammengestoppelte Befunde abtastet und aufreiht. Es ist kein Begreifen. Das Tasten und Greifen gehört in den Bereich der Haptik. Es ist blind. Echtes Wissen gehört in den Bereich der Optik. Es ist sehend.
Es ist ein inneres Wissen, gleichsam der Quellcode, der auf alle Phänomene, auf alle Gewordenheiten, anwendbar ist.

Ich werde dir nun dieses phänomenale und numinose Wissen in seiner ganzen Fülle erklären, und wenn du es verstanden hast, wird es für dich nichts ehr zu erkennen geben. (7.2)
Erläuterung: Hier unterscheidet Krishna, der Sprecher, zwischen phänomenalem und numinosem Wissen (im Sanskrit jnana und vijnana). Das phänomenale Wissen ist das Wissen von den Phänomenen, den Entitäten, den äußeren Erscheinungen. Das numinose Wissen ist das Wissen von den inneren Kräften, von den spirituellen Dingen und von Gott. Das, was die Welt im Innersten zusammenhält, der Quellcode.
Mit diesem Verständnis kommt alle Erkenntnis an ihr Ende, weil es nichts mehr Neues zu erkennen gibt. Das ist das Ende vom Wissen (vedanta). Dann beginnt das Leben.

Quellen:
OA: Overeaters Anonymous, Zweite Ausgabe, Deutschsprachige OA, Bremen 2001, ohne ISBN
NA: Narcotics Anonymous, Basic Text, dt., USA Van Nuys 2002, ISBN 1-55776-171-X
Bhagavad-gita, hg. und übersetzt von Bhaktivedanta Swami Prabhupada, The Bhaktivedanta Book Trust, 1987, ISBN 0-89213-088-1

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Authentizität, Philosophie, Selbst

Nobody is perfect

Zur Theorie der Vollkommenheit

Viele Menschen leben in einem Paradigma, demzufolge es irgendwie das Ziel ist, vollkommen zu sein oder zu werden. Vollkommenheit wird als gut bewertet, Unvollkommenheit als schlecht. Es gilt irgendwie, zu dieser Vollkommenheit zu gelangen.
Die Wege dahin lassen sich im Großen und Ganzen in zwei unterschiedliche Herangehensweisen unterscheiden:
a) Ich ändere mich, also meine Realität.
b) Ich ändere meine Definition von Vollkommenheit, also die Wahrnehmung meiner Realität.
Die Menschen in diesem Paradigma leiden sehr unter der Vorstellung, nicht vollkommen zu sein. Sie sagen zum Beispiel: „Wie soll ich ein Ebenbild Gottes sein, wenn ich nicht vollkommen bin?“
Da aus dieser Bewertung jedoch ein Schmerz über die eigene Unvollkommenheit entsteht, wird zu der Idee Zuflucht genommen, das ich jetzt und hier schon vollkommen bin, so wie ich bin. Damit wird das Problem aus der Realität (a) in die Wahrnehmung der Realität (b) verlagert. Es ist nur noch eine Frage der Definition. Es ist dann ein Denkfehler, wenn ich mich für unvollkommen halte. In dem Moment, wo ich erkenne, dass ich ja schon vollkommen bin, ist alles gut. Das Problem ist gelöst. Das ist Konstruktivismus.

c) Beide Lösungswege sind disfunktional. Das Problem löst sich in der Annahme der Tatsache, das wir unvollkommen sind und das ist gut so. Es ist einfach die Wahrheit. Wir sind unvollkommen.

zu a)
Dies ist die klassische Version des Paradigmas. Wir sind so, wie wir sind, nicht in Ordnung und müssen besser werden. Es gibt ein Ideal, eine Vollkommenheit, und wir sind selbst noch nicht dort. Wir „sollen“ oder „müssen“ anders werden, uns ändern, uns verbessern.
Hier werden z.b. niederes und höheres Selbst unterschieden, oder das Ego und das absolute Selbst. Das Niedere ist das Schlechte, das Höhere ist das Gute. Es ist die Vorstellung der klassischen Religionen, dass wir ein echtes, wahres, absolutes Selbst haben, das nicht von irdischen Dingen verunreinigt ist, frei von Sünden (der Westen, Christentum, Islam, Judentum) oder frei von Illusionen (der Osten, Buddhismus, Hinduismus, Taoismus). Dies steht dem niederen, falschen, relativen Selbst, dem Ego, gegenüber. Dieses niedere Selbst ist die Ursache von Leiden, Sünden, Illusionen, und dieses gilt es auszumerzen oder zu transformieren. Das ist der Weg vom Real zum Ideal, vom Relativen zum Absoluten, vom Schlechten zum Guten, vom Falschen zum Richtigen, vom Sündigen zum Heiligen usw.

zu b)
Immer wieder kommt es vor, dass manchen Menschen klar wird, dass mit dieser Denkweise etwas nicht stimmt. Wir können das Ideal niemals erreichen, wir können niemals diese Vollkommenheit, diese Heiligkeit, diese permanente, absolute, immerwährende, perfekte Erleuchtung oder Erlösung erreichen. Wir sind immer wieder in dem Jammertal gefangen, in der irdischen Relativität, in den Fehlern, Schwächen, Unvollkommenheiten.
Hier setzt die Veränderung der Wahrnehmung der Realität an. Wenn ich schon nicht meine Realität nachhaltig ändern kann – die Tatsache, dass ich unvollkommen bin -, dann ändere ich eben die Definition davon, was vollkommen ist. Wir erkennen, dass viele negative Bewertungen von Dingen oder Handlungen geschlossene Symbole sind, d.h. viele Negationen sind konventionelle Tabus, die uns mehr Leiden verursachen, als sie uns vor Leiden schützen. Zum Beispiel wurde jahrhundertelang die Sexualität tabuisiert, um die Bevölkerung vor unerwünschter Nachkommenschaft und Geschlechtskrankheiten zu schützen. Zugleich führte diese Tabuisierung zu zahlreichen neurotischen und psychotischen Problemen. Jetzt wird die Sexualität zunehmend enttabuisiert, d.h. in eine positiven Wertung gesetzt, in der Hoffnung, dadurch eine Abnahme des Leids zu erreichen.
Diese alle Gebiete betreffende Änderung der Wahrnehmung der Realität führt jedoch zu einer inflationären Verrohung und Demoralisierung der Gesellschaft. „Anything goes“, „alles kann, nichts muss“ sind Slogans dieser Variante des Paradigmas. Es wird einfach gesagt, jeder kann machen, was er will, das ist okay so. Es gibt keinerlei moralische Maßstäbe mehr, jeder ist frei, sich auszuleben, egal wie – außer er verletzt andere auf physische Weise. Ich bin so okay, wie ich bin. In diesen Gedankengängen liegt ein Teil Wahrheit und ein Teil Leugnung.
Die Wahrheit ist, ich bin der, der ich bin. Die Leugnung ist, dass das so vollkommen ist.

zu c)
Ich bin der, der ich bin, mit all meinen Fehlern, Schwächen und Unvollkommenheiten. Und das ist gut so. Ich bin nicht vollkommen.
Die Selbstgeißelung und Selbstverachtung hört in dem Moment auf, wo ich das Dogma aufgebe, dass das Vollkommene das Gute und das Unvollkommene das Schlechte ist. Wenn ich verstehe, dass es menschlich ist, unvollkommen zu sein, dass es meine Natur ist, unvollkommen zu sein, und dass das nicht schlecht, sondern geradezu gut so ist, dann kann ich meine Unvollkommenheit annehmen. Ich muss die Wahrnehmung der Realität nicht mehr manipulieren und komme so raus aus der Leugnung.
Ich werde authentisch in dem Sinne, dass ich, wenn ich gebrochen oder unvollkommen bin, auch in meiner Gebrochenheit und Unvollkommenheit authentisch bin. Ich bin der, der ich bin. Egal, ob das in irgendeinem von Menschen gemachten Glaubenssystem gut oder schlecht ist.
Aus dieser Annahme meiner Unvollkommenheit gehen Ehrlichkeit, Demut, Aufgeschlossenheit und Bereitschaft zur Veränderung hervor. Ich bin mir meiner Machtlosigkeit und meiner Unvollkommenheit bewusst und dadurch offen für eine Veränderung, die nicht aus meiner Macht und meinem Eigenwillen hervorgebracht wird, sondern von außen kommt. Und hier wird der Raum für eine Höhere Macht, für Gott, geöffnet.
Gott ist der einzige Vollkommene. Hier hat die Vollkommenheit ihren Ort. Aber wir sind nicht Gott. Das ist einfach so. Es gibt Gott. Aber ich bin es nicht. Das ist axiomatisch. Aus dieser Unterscheidung emaniert die Wahrnehmung der Realität so wie sie ist (und nicht unsere manipulierte Wahrnehmung der Realität), sowie die Möglichkeit der realen Veränderung. Reale Veränderung ist immer heterogen, d.h. sie erwächst nicht aus dem Gleichen, was das Leiden oder die Krankheit erwachsen lässt. Sie muss von woanders kommen, etwas neu schaffen, eben verändern.
Es kann sein, dass „Gott“ eine Setzung ist, die für unser Innerstes steht, das uns selbst transzendental ist. Es kann sein, dass wir in Wahrheit Gott – oder in Gott – sind. Aber in unserem jetzigen Zustand des von der Vollkommenheit entfernten Seins sind wir eben nicht Gott. Und es hilft nicht, den Kurzschluss zu machen, die Unvollkommenheit einfach zur Vollkommenheit zu erklären (Variante b).
Es hilft auch nicht, den unvollkommenen Zustand abzulehnen, zu negieren, also als schlecht zu bewerten (Variante a), womit wir uns in die Gut-Schlecht-Dualität verstricken und eine fremdgesteuerte, unbewusste Form der Wertung anwenden.
Die Annahme der Unvollkommenheit als Wie-es-ist (c) ist im Grunde eine wertfreie Sicht. Unvollkommenheit ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Aber dadurch, dass sie als Wie-es-ist gesehen wird, existiert sie unbekämpft und unnegiert. Damit erhält sie ein Position, d.h. sie wird positiv. Jedes Sein ist eine Position, d.h. ist in und an sich gut. Das ist der Unterschied zwischen der Negation und der Position. Position ist, Negation ist nicht.
In der ehrlichen Annahme-was-ist gründet sich damit nicht eine wertlose Beliebigkeit oder eine beliebige Wertung, die abstrakt alles erlaubt ohne eine moralische Bewertung möglich zu machen, sondern eine natürliche Ordnung der Dinge, die zum Leben strebt, zum Lebensförderlichen, was immer auch eine Veredelung ist.
Indem wir uns so unvollkommen annehmen, wie wir sind, können wir die werden, die wir sein wollen. Der archimedische Punkt ist die Authentizität in der radikalen Annahme dessen was ist. Dies ist der Kammerton A, die Wahrheit unserer Seele hier und jetzt, mit allen Schmerzen, aller Angst, aller Wut, aller Freude und aller Liebe, die da sind und echt sind. An diesem Punkt ist Veränderung möglich (c). Nicht in der Herausstellung eines Ideals oder einer Vollkommenheit, wo wir nicht sind und die wir werden sollen (a) oder die wir vorgeben zu sein (b).
Diese natürliche Ordnung der Dinge, die sich daraus ergibt, ist die Ordnung des Lebens selbst, letztlich die Ordnung Gottes. Sie hat nichts mit von Menschen erdachten Ordnungen und Kontrollstrategien zu tun.
Sie ist keine Ordnung im ordentlich-moralischen Sinne, denn sie enthält ebenso die Unvollkommenheit, das Chaos, das Leiden, den Schmutz, die Zerstörung und den Tod. Denn dies gehört alles zum Leben dazu. Das ist nicht schlecht. Das ist.

»Wir werden nicht vollkommen werden. Wären wir vollkommen, so wären wir nicht menschlich.« NA-Basic Text, S. 38

»Für Menschen ist Vollkommenheit unerreichbar – sie ist kein realistisches Ziel. Was wir häufig in der Vollkommenheit suchen, ist Freiheit von dem Unbehagen, das wir angesichts unser Fehler spüren. Für diese Freiheit von Unbehagen tauschen wir unsere Neugierde, unsere Flexibilität und unseren Spielraum für Wachstum ein.« NA-Nur für heute, S. 331 (13.11.)

Tattva Viveka

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