Authentizität, Neues

Zeige dich

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Was ist deine Wahrheit? Wer bist du wirklich? Es ist sehr gut, diese Fragen zu stellen und dafür Antworten zu suchen. Immer wird diese Arbeit an mir selbst ein Prozess sein, der vielleicht nie zum Abschluss kommen wird. Dennoch lohnt es sich, diesen Weg zu beschreiten. Jeder kleine Schritt hin zu mir selbst ist ein Fortschritt und trägt seine Befriedigung und seine Freude in sich. Ich muss nicht fertig werden. Die Bewegung reicht.

Aber auch, wenn ich schon ein gutes Stück auf diesem Weg zu mir vorangekommen bin, braucht es ein weiteres Element, um die Sache vollständig zu machen: Ich muss mich einem anderen Menschen zeigen. Die Verwirklichung meines Selbst ist keine isolierte Angelegenheit, sondern auch unabdingbar ein Beziehungsgeschehen. Wenn ich mich nicht zeige, verleugne ich mich selbst vor meinem Gegenüber, und das bedeutet, ich kann nicht der sein, der ich bin. Erst wenn ich mich zeige, werden mein Sein und meine Selbstverwirklichung vollständig, werde ich identisch. Ich bin der, der ich bin, wenn ich mich zeige. Natürlich muss ich innerhalb meiner selbst immer wieder schauen und nachspüren, was im jetzigen Moment das Richtige ist, was sich gut anfühlt für mich, was mir gut tut. Es ist zuerst ein innerer Prozess innerhalb meiner Subjektivität. Das ist die erste Stufe meiner Selbstwerdung. Das ist die Innenseite.

Der Mensch hat aber auch eine Außenseite und zum ganzen Wesen gehören innen und außen gleichermaßen dazu. Es ist essenziell, wie ich mich zeige: ob ich mich in meiner Wahrheit zeige, oder ob ich eine Maske trage und eine Scheinpersönlichkeit vorspiele. Mein Selbst ist auch diese Außenseite und wenn ich hier mein wahres Sein nicht zeige, verletze ich mich selbst. Diese Verletzung führt zu einem Schmerz, den wir in der Regel durch Suchtprozesse betäuben. »Wir machen uns weg.« Wie soll ich existieren, wenn ich mich weg mache? Wie soll ich der sein, der ich bin, wenn ich mich für einen anderen ausgeben? Das geht nicht.

Mich in meiner Wahrheit anderen Menschen zu zeigen, ist deshalb der Schlüssel zu mir selbst. Im Sich-Zeigen komme ich bei mir an. Hier schließt sich der Kreis der Selbstverwirklichung. Erst jetzt bin ich ganz.

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12 Schritte-Programm, Authentizität, Liebe, Sein-Kolumne, Selbst

Zeige dich

innere WahrheitZeige dich mit deiner Wahrheit. Wenn du das machst, lernst du gesehen zu werden. Und wenn du das kannst, lernst du Liebe zu nehmen. Dann lernst du dich selbst zu lieben. Und wenn du das kannst, dann lernst du Liebe zu geben. Dann endet die Bewertung der anderen, die du nur machst, um dich davor zu schützen, gesehen und erkannt zu werden. Dann endet die Leugnung und die Scheinidentität. Dann musst du nicht mehr andere abwerten um dich selbst aufzuwerten. Dann endet dein Minderwert. Wir lieben dich, solange bis du dich selbst lieben kannst. Die umwerfende Erfahrung besteht darin, sich zu zeigen, mit all seinen Abgründen und Blößen, und hinterher eine Umarmung zu bekommen, angelacht und angenommen zu werden. Die andere umwerfende Erfahrung besteht darin, diese Liebe nehmen zu können. Angst und Scham treiben uns in die Isolation, in das Gefängnis des schönen Scheins, wo man unheimlich hipp und cool ist. Aber wir brauchen jemanden, der an uns glaubt, gerade dann wenn wir nicht an uns selbst glauben können. Ehrlichkeit ist das Gegenmittel gegen die Lüge.

Wir haben Angst gesehen zu werden, denn dann kommt die ganze Wahrheit über uns ans Licht. Wir haben Angst verurteilt oder abgelehnt zu werden. Wir sind wie Menschen, die niemanden an sich heranlassen. Wir denken, die anderen wollen uns nicht. Aber die anderen wollen uns Liebe geben. Wir können diese Liebe nicht sehen und nicht nehmen. Indem wir uns zeigen, durchbrechen wir diesen Kreislauf der Leugnung, des Scheins und des Getrennt-Seins. Das ist die mutige Tat. Nicht als Gejammer, aber ehrlich und nüchtern. Versuche, die Wahrheit zu sagen!

Wenn dann die innere Fülle beginnt, der innere Frieden und das Bei-sich-Sein, dann können wir fühlen und lieben. Dann können wir vom Herzen unsere Liebe geben. Die Einsamkeit und Isolation enden. Das alles ist ein langsamer Wachstumsprozess über Jahre. Mach dir nichts vor. Du bist eine Eiche. Je langsamer du wächst, umso stärker wirst du. Dann kommst du an bei dir, in der Welt und bei den Menschen.

(Text für meine monatliche Kolumne in der Zeitschrift SEIN, Berlin Juli 2014)
Dank an das 12-Schritte-Programm, dem ich die meisten dieser Verwirklichungen verdanke.

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Gefühle

Angenommene Angst

alone06

Vor einigen Tagen hatte ich eine interessante Begegnung mit meinen Gefühlen. Ich kenne Zeiten, wo ich mich sehr, sehr einsam fühlte und sehr im Minderwert war. Meistens ist das nicht mehr so, doch an diesem Tag kamen diese Gefühle der Einsamkeit, der Angst und der Leere wieder in mir hoch. Ich saß in meinem Zimmer am Schreibtisch und es ging mir zunehmend schlechter. Ich fühlte mich beschissen und konnte gar nicht genau sagen, was los ist, nur, dass ich das von früher kannte. Ich wollte dieses Gefühl nicht haben. Mein Verstand überlegte fieberhaft, was ich tun könnte. Mein Verstand sagte, ich sei ein schwacher unfähiger Mensch, weil ich jetzt dieses Gefühl habe, und es müsse doch eine vernünftige Handlung geben, um weiterhin konstruktiv und positiv zu sein. Da fiel mir das Regal ein, das ich schon seit einiger Zeit aufbauen wollte und dachte mir, das muss ich jetzt tun. Aber die Verzweiflung ließ mich nicht los und Lust dazu hatte ich auch nicht. Ich habe es auch nicht getan. Stattdessen schaltete sich meine Intelligenz ein und ich betrachtete mich von oben, denn ich weiß, dass es darum geht, nicht vor den Gefühlen wegzulaufen oder sie zu verdrängen, sondern sie anzunehmen und zu fühlen. Ich blieb also sitzen und ließ mein Gefühl zu. Ich ging in diese Einsamkeit, den Schmerz und in die Angst. Und was dann passierte, erstaunte mich zutiefst. Meine Wahrnehmung wurde ganz hell und genau. Nachdem ich wenige Minuten dieser Angst Raum gegeben hatte, fühlte ich plötzlich ganz viele verschiedene Gefühle, die sich abwechselten oder parallel auftauchten und wieder verschwanden. Dann wurde ich ganz ruhig und zufrieden. Ich fühlte mich selbst und das war ganz gut. Die Angst verschwand und ein Gefühl des Friedens stellte sich ein. Es war, als ob die Angst selbst zufrieden geworden war, weil sie sich gesehen fühlte. Sie wollte einfach nur wahrgenommen werden. Nur wenn ich in meinem üblichen Muster direkt in die Ablehnung der Angst gehe, wird sie so bedrohlich. Und in der Tat konnte ich die Erfahrung machen, dass angenommene Angst sich so schön wie ein Orgasmus anfühlen kann.

Nachtrag:

Das Erlebnis ist nun schon ein paar Wochen her. Es ist immer noch bedeutsam für mich und es hat sich seitdem etwas geändert: Ich habe viel mehr Liebe für mich und keine Angst mehr vorm Alleinsein.

Liebe dich selbst

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12 Schritte-Programm, Gefühle

Gelassenheit

»Wir taten alles, um die Illusion zu bewahren, dass wir die Kontrolle über unser Leben hätten. Auf diese Weise hinderten wir uns selbst daran, jene Gelassenheit zu erlangen, die wir erhalten, wenn wir dem Willen einer Höheren Macht gegenüber kapitulieren.«[1]

Dieses Zitat aus einem Buch des Zwölf-Schritte-Programms zeigt, wie hier die Gelassenheit erreicht wird. ›Loslassen und Gott überlassen‹ ist eine bekannte Devise. Wir übergeben unseren Willen der Fürsorge einer Höheren Macht und glauben daran, dass diese Höhere Macht liebevoll und barmherzig ist. Und wir glauben daran, dass dieser göttliche Wille das Beste für uns ist. Unsere eigenen menschlichen Ratschlüsse können diese Weisheit niemals erreichen.

Neulich sprach ich mit einer Person, die der buddhistischen Tradition zugeneigt ist. Sie erklärte mir, dass das Ziel des Buddhismus darin besteht, die Erscheinungen im Geist, d.h. die Gedanken und Gefühle, wie Wellen auf der Oberfläche zu betrachten, die keine wirkliche Bedeutung haben. Sie kommen und gehen und haben nichts mit mir zu tun. Wenn ich das verstanden habe, entsteht große Gelassenheit, weil ich mich nicht mehr mit den Gedanken und Gefühlen identifiziere.

Dies sind zwei radikal unterschiedliche Zugangswege. Der moderne pluralistische Ansatz würde nun sagen: das muss jeder für sich selbst wissen und alles ist gleich gut. Es lassen sich hier indes deutliche Unterschiede bemerken: der Weg mit Gott baut darauf, dass es eine höhere Macht gibt, die mein Leben führt. Der buddhistische Weg funktioniert komplett ohne Gott und baut auf die Eigenleistung des Menschen. Während der Weg Gottes bedeutet, meine Kontrolle als Illusion zu betrachten und aufzugeben, impliziert der buddhistische Weg, dass es meiner Kontrolle unterliegt, was mit mir geschieht. Diese Kontrolle wird dadurch erreicht, dass ich mich von meinen Gedanken und Gefühlen abtrenne.

Im Weg mit Gott unterliegen sowohl meine Gedanken als auch meine Gefühle dem Willen Gottes und sind somit wesenhaft. Wenn ich mich dem Willen Gottes hingebe, fühle und erlebe ich die Dinge, die dem göttlichen Willen entsprechen. Meine Gedanken und insbesondere auch meine Gefühle gehören zu mir und haben eine wesenhafte Bedeutung.


[1] Nur für heute, Narcotics Anonymous World Services Inc., 2004, S. 341

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Authentizität, Gefühle, Selbst

Die reine Freude

Wer meinen letzten Blog über die Reise ins Gefühl gelesen hat, weiß, dass ich nicht versuche, dem Schmerz auszuweichen. Mein Ansatz besteht darin, jedes Gefühl zu fühlen und ihm auf den Grund zu gehen. Es geht nicht darum, sich gut zu fühlen, sondern darum, zu fühlen.

In letzter Zeit bin ich meinem Schmerz, meiner Trauer und meiner Scham auf den Grund gegangen. Das war schmerzhaft, traurig und beschämend. Aber ich ging da durch.

Gestern durfte ich erleben, was das an Heilung ermöglicht.

Ich war auf einem Kirtan-Abend. Kirtan bedeutet, spirituelle Lieder gemeinsam zu singen und dazu zu tanzen. Das war die reine Freude.

Aber das Besondere war: Ich fühlte diese Freude, sie war rein und klar, und sie hatte einen festen Grund. Ich konnte richtig fühlen, wie diese Freude auf festem Grund aufsetzt, wo nichts mehr darunter war. Sie war keine Fassade. Darunter war kein Schmerz, keine Scham, keine Angst, kein Eiter, kein schwankender Grund, kein Matsch, kein schmieriger Glibber. Es war ein einfacher, fester Grund, und da war nichts außer Freude. Das war ein wunderschönes, sicheres Gefühl. Es gab mir Vertrauen und Gewissheit. Ich fühlte mich meiner selbst gewiss. Ich konnte diese Freude unvermischt und klar fühlen, ohne dieses vage Gefühl von Unsicherheit oder Beklemmung, das da ist, wenn die Freude aufgesetzt oder manipuliert ist. Wir kriegen das meist nicht bewusst mit, wenn wir die Freude herbei manipulieren, weil wir diese fixe Idee haben, dass wir uns immer gut fühlen müssen. Aber irgendwie fühlen wir dann doch, da stimmt was nicht. Es ist dann eine mit Schmerz, Trauer, Angst, Scham oder Wut vermischte Freude.

Die Arbeit mit meinen Gefühlen des Schmerzes, der Trauer, der Angst, der Wut und der Scham hat dazu geführt, dass diese Abgründe bereinigt sind. Es ist wie das Ausschaben einer eiternden Wunde, die gereinigt und desinfiziert wird und dann erst heilen kann. Dann erst kann der Schmerz abklingen und die Not wird gelindert. Wenn es dann heilt, bildet sich ein fester Grund. Dieser feste Grund bin ich. Das ist mein inneres Selbst, auf dem die reine Freude dann aufsetzen kann und sich entfalten kann. Dann fühle ich Sicherheit, Geborgenheit und mich selbst.

Die Freude hatte auch im kausalen Sinn einen Grund, weil in der Situation, im gemeinsamen Singen und Tanzen zu schöner Musik, da war die Freude auch begründet. Genauso wie zu anderen Zeiten der Schmerz begründet ist. Diese Gefühle manifestieren sich gemäß der Wirklichkeit, in der ich mich befinde, gemäß dem, was gerade passiert. Sie sind die Sprache, die mich mit der Wirklichkeit verbindet. Es war ein schöner Abend mit wunderbaren, lieben Menschen um mich herum. Wir lachten uns an und feierten. Es war so schön, diese Freude so rein und direkt zu erfahren, zu fühlen. Diese echten Gefühle sind keine Gefühle, dich ich mir mache. Sie sind entsprechend der jeweiligen Situation. Der Abend war ein Grund der Freude. Und zu anderen Zeiten hat man vielleicht einen Grund zu trauern. Dann ist eben Trauer angesagt. Diese Gefühle kommen und gehen. Es ist so schön, diese echten Gefühle fühlen zu können. Ich glaube, es ist deshalb so schön, weil ich dann echt bin. Dann bin ich ich.

Und mir ist klar, diese Freude konnte ich nur fühlen, weil ich zuvor meinen Schmerz gefühlt hatte. Es war eine Freude ohne etwas darunter, ohne Dreck unterm Teppich, ohne verheimlichte, geleugnete Gefühle darunter.

So lerne und verstehe ich zunehmend, dass es die Gefühle sind, die mich in die Genesung führen. Sie führen mich zu mir, und das ist das spirituelle Erwachen. Aufwachen bedeutet „zu sich kommen“. Und das ist so konkret zu verstehen, wie nur irgend möglich: Ich komme zu mir.

Dabei ist es egal, ob das, was ich da fühle, „gut“ oder „schlecht“ ist. Es geht nicht darum, sich gut zu fühlen. Es geht darum, zu fühlen.

Anmerkung:
Der Abend war ein Konzert der Kirtaniyas (www.kirtaniyas.com), eine junge, aufstrebende Kirtan-Band, und fand am 14.01.2012 im Yoga-Zentrum „Lernen in Bewegung e.V.“ in Berlin statt.
Organisiert wurde er von der brillanten und liebenswürdigen Alexandra von Joyfulevents 🙂

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Gefühle

Eine Reise in das Gefühl

Ich sitze in einem Gruppenraum mit dreizehn anderen Menschen auf dem Boden und gehe unter Führung der beiden Coach-Frauen in eine Meditation. Thema ist die Vision meiner Partnerschaft mit einer Frau, meine Liebesbeziehung. Meine Augen sind geschlossen, zunächst führt die Meditation in die körperliche Entspannung um sodann das Bild der Frau in der Vorstellung wachzurufen. Ich soll mir vorstellen, wie wir uns treffen, wie sie aussieht, riecht, was sie sagt, wie sie lacht. Wir kommen uns näher. Wir blicken uns in die Augen … Die geführte Meditation geht weiter, doch ich steige aus. Der Schmerz ist zu groß. Ich weine. Ich gehe in den Schmerz. Ich kann mir keine glückliche Beziehung vorstellen, weil meine große Liebe so unglücklich ist. Ich höre Worte der Meditationsleiterin. „Stellt Euch vor, Ihr seid beide alt und sitzt zusammen auf Eurem Lieblingssofa und schaut auf Euer Leben zurück. Feiert das gemeinsame Lebenswerk…“ Ich kann nicht. Es überwältigt mich, die Tränen, der Schmerz.
 

Dann werden wir aus der Meditation herausgeführt. Wir sollen nun ein Bild malen – von unserer Vision. Jemand gibt mir Wachsmalstifte und ein großes Malblatt. Ich sitze davor. Die anderen fangen an zu malen, eifrig, das Geräusch der malenden Stifte erfüllt den Raum. Ich weine und weine und weine. Der Schmerz ist so stark – und so schön. Ich bin ganz tief an meinem Gefühl. Es wird wieder schlimm. Ich kann nichts malen. Ich habe keine Vision. Nur Schmerz. Das Blatt ist leer. Ich denke: ich soll, will ein Bild malen. Ich sitze und kauere meinen Kopf in meinen Arm. Die Tränen. Es dauert ewig, dann versuche ich das Blatt zu nehmen. Es liegt vor mir. Ich warte. Nein, es geht nicht. Nach einer Weile habe ich mich einigermaßen beruhigt. Ich schaue mich um. Alle eifrig am Malen, vertieft. Ich berühre das Blatt mit meinen Fingern. Die Tränen brechen wieder aus. Der Schmerz ist wieder da. Ich kann nicht malen. Nach 20 Minuten werden die Stifte eingesammelt. Alle setzen sich in einen Kreis. Wir sollen unsere Bilder zeigen. Ich warte. Drei Leute teilen: gemeinsames Haus, gerne am Meer, Kinder, Sonnenschein, Freunde. Ich will nicht als letzter dran kommen und dann allen den Tag verderben. Es ist der Abschluss des zweitägigen Workshops, der Höhepunkt. Also ergreife ich das Wort und zeige mein leeres Blatt. Ich zeige mich, mit meinem Schmerz und meiner fehlenden Vision. Es ist so traurig. Ich erkläre nicht viel, nur dass es der Schmerz über meine unglückliche Liebe ist. Einen Moment gibt es, da möchte ich laut rausweinen, das Gefühl ist da und ergreift die anderen. Sie spüren es auch. Doch ich nehme mich zurück. Mache es kurz. Die nächste Person kommt dran. Die anderen teilen. Der Workshop geht zu Ende. Zwei Frauen geben mir Rückmeldung: das sei sehr mutig gewesen.
Sie fuhren noch mit mir in der U-Bahn Richtung nach Hause. Wir reden noch darüber und zum Abschied drücken sie mich ganz herzlich. Wir waren in Kontakt, in echter Verbindung, tief, ehrlich, gefühlt. Es war für mich ein sehr intensiver Prozess auch nach dem Workshop, ich habe viel geweint und Schmerz gefühlt. Ich war noch den ganzen Sonntagabend und den Montagvormittag „entrückt“, ganz tief im Gefühl. Erst am Montagnachmittag war ich wieder im Alltagsbewusstsein und konnte ins Büro gehen. Da ging es mir dann sehr gut, ich war energetisch und kreativ.
Ich glaube, in diesem Tiefenprozess wurde viel geheilt. Heute, am Freitag, spüre ich so viele Gefühle: Freude, ausgelassene Lust, aber auch Widerwillen, wenn mir etwas nicht gefällt.

 

Am Donnerstagmorgen hatte ich noch eine emotionale Tiefenerfahrung. Ich war in einer Aqua-Wellness-Behandlung im Liquidrom, Berlin, mit einer Körpertherapeutin. Das ging auch nochmal tief. An dem Wochenende waren am ersten Tag die Eltern das Thema. Ich hatte viele Anklagen gegen meine Mutter, die mich emotional nicht richtig behandelt hat. Ich sah aber in diesem zweiten Prozess, dass viel von dem Schmerz mit meiner Oma zu tun hat, die uns tagsüber betreut hat, weil meine Mutter immer im Laden war. Und jetzt fühle ich weniger Wut und mehr Liebe für meine Mutter.
Ich hatte auch einen Kontakt mit meiner höheren Macht (Göttin) und spürte eine Riesenangst, dass ich verloren bin, wenn ich mich ihr hingebe. Weil ich ja nicht weiß, wie diese Beziehung ist. Gleichzeitig spürte ich, dass es die primäre Beziehung ist, es war so eine Art Sehnen und eine Anrufung, die ganz aus meinem Gefühl kam, spontan und total emotional. Und ich erkannte, dass mir diese Beziehung zu Göttin-Gott meine ganzen Schatten zeigen kann und in der Hinbewegung zu Göttin-Gott diese Schatten verarbeitet werden. Das war auf dieser tiefen-emotionalen Ebene ganz klar. Und ich konnte diese Angst deutlich spüren. Wenn Menschen Gott ablehnen, dann ist das keine moralische Schwäche oder Bosheit, sondern die nackte Angst. Diese Angst ist natürlich die Angst vor dem real erfahrenen Verlassenwordensein in der Kindheit.
Die Frau begleitete mich sehr liebevoll und wir waren ca. 1,5 Std. im Wasser und immer in körperlicher Berührung. Es war so eine Art Floaten, die meiste Zeit lag ich auf dem Rücken, auf Schwimmhilfen, und sie bewegte mich. Manchmal rollte sie mich wie ein Baby ein. Meine Augen waren geschlossen, das (Salz-) Wasser hatte 36°, unter Wasser wurde schöne indische Musik eingespielt. Als es dann darum ging, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und aus dieser Geborgenheit herauszugehen, spürte ich auch nochmal ganz viel Schmerz. Mir wurde klar, dass ich in der frühen Kindheit ausgesetzt wurde, bevor ich selbst dazu bereit war. Da war also die Unterbrechung. Ich hatte großen Schmerz und auch etwas Angst, die Stange am Beckenrand zu ergreifen und mich da alleine festzuhalten. Es dauerte lange, ich musste nochmal viel weinen. Ich wartete auf das Gefühl, jetzt alleine sein zu wollen. Ich überließ meinem Körper die Führung. Es dauerte lange, bis meine Hände wirklich die Stange festhielten und noch viel länger, bis meine Beine mitspielten. Mein Erwachsenen-Ich beobachtete das alles innerlich und ich wusste kognitiv, dass ich ja nicht ewig in dieser schützenden Geborgenheit mit der anderen Person bleiben konnte. Aber ich ließ den emotionalen Prozess zu und nahm mir alle Zeit, die ich brauchte, und so kam es zu einem von mir gefühlten Abschluss der Ablösungsbewegung. Die Therapeutin war bis zum Schluss bei mir und in Berührung. In der Nachbesprechung sprach sie selbst davon, dass dieser Übergang die heikelste Situation ist.

Meine Interpretation: Wenn in der Kindheit diese Trennung zu früh erfolgt, zerstört das die innere Ganzheit, weil es eigentlich eine Bewegung zu mir hin ist, die freiwillig erfolgen muss, dann wenn ich bereit dazu bin, also den Mut und das Selbstvertrauen dazu habe. Wenn dieser Übergang klappt, ist alles gut. Es ist eigentlich auch ganz einfach. Die Eltern müssen einfach lange genug da bleiben, bis das Kind sich von selbst ablöst. Wenn das einmal gut gegangen ist, ist es das nächste Mal schon ganz leicht und geht schnell. Wenn es aber schief gegangen ist, bleibt da erstmal ein Bruch, und den zu heilen ist in etwa so schwer wie ein zerbrochenes Glas zu flicken. Es wird immer eine Sollbruchstelle haben und auch nicht mehr schön aussehen. Es ist nicht mehr ganz. Gleichwohl glaube ich, dass bei mir eine Ganzwerdung möglich ist, ich bin ja schließlich kein Glas!

Was auch noch sehr bemerkenswert, aber am Anfang gar nicht schön war: der emotionale Kontakt zu der mich behandelnden Person. Am Anfang war ich noch verspannt und fühlte mich sehr getrennt. Ich fand, dass mich der Kontakt nicht befriedigte. Sie berührte mich zwar und hielt mich im Wasser, aber ich konnte sie nicht berühren. Ich hatte auch Gedanken, dass ich eher eine sexuelle Befriedigung bräuchte. Dabei hatte ich aber auch viele schmerzhafte Gefühle des Verlassenseins und der Einsamkeit. Ich weinte wieder und ließ die Gefühle zu, so gut ich konnte. Erst in der zweiten Hälfte der Zeit entstand dann echte Nähe, die aber rein sensuell und nicht sexuell war. Das Vertrauen und die gewachsene Intimität gaben es jetzt her, dass wir uns gegenseitig berührten, indem sie mich hielt und ich meinen Arm um sie legte oder meinen Kopf anlehnte. Das fühlte sich echt an, in Kontakt. Es geht um innere, seelische, emotionale Nähe, um gefühlte Verbindung. Die sexuellen Wunschgedanken waren verschwunden. Sie waren tatsächlich süchtige Motive, um den Schmerz der Getrenntheit zuzudecken, also um nichts zu fühlen. Auch hier ist wieder etwas geheilt, indem ich die echten aufrichtigen Gefühle des Schmerzes zugelassen habe.
Ich hatte dann heute im Email-Kontakt mit einer attraktiven Freundin keine übergriffigen sexuellen Phantasien. Stattdessen konnte ich sie in ihrer Ganzheit und persönlichen Eigenständigkeit respektieren und fühlen. Es gab kein lüsternes Verlangen.

Ich finde es total schön, diese Gefühle durchleben zu können und darin zu heilen, meinen kleinen Ronald in den Arm zu nehmen und mir selbst ein Vater zu werden. Ich glaube fest daran, dass diese alten Gefühle nur einmal gefühlt werden wollen und wenn das ganz und gründlich geschehen ist, lassen sie uns für immer in Frieden und wir sind wieder heil.

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Authentizität, Selbst

Mein persönliches Mission Statement

Es ist meine Mission, meine Macht und Zufriedenheit in der Spiritualität zu offenbaren, zu verbinden und darüber zu schreiben.

So, here we go.

Das Thema Macht ist umstritten. Macht ist eine spirituelle Kraft, die oft, allzu oft missbraucht wurde. In diesem Sinne habe ich Macht immer abgelehnt. Ich habe gegen die Machthaber rebelliert und gekämpft. Ich sympathisierte mit dem Anarchismus. Ich war linksradikal, gegen den Staat, gegen das Kapital. Ich sah im Staat (mein anarchistischer Anteil) und im Kapital (mein kommunistischer Anteil) den Grund allen Übels. Ich war politisch aktiv, bis hin zur Unterstützung der RAF. Wir machten militante Aktionen wie z.B. Sprühaktionen, Hausbesetzungen, vermummte Demonstrationen. Wir planten Anschläge, aber zum Glück führten wir sie nicht aus.

Diese Ablehnung von Macht als Ganzem führte indes zu psychologischen Fehlhaltungen, die in meinem Leben Probleme verursachten. Die Coach-Frau, die mit mir vor wenigen Tagen das obige Mission Statement erarbeitet hat, sprach von mir als einem Mann, der nun sichtbar wird. Ein sichtbar werdender Mann – ist das nicht schön?

Was bedeutet das? Da ich Macht ablehnte und statt dessen politisch korrekte Ansichten wie Gleichberechtigung, Pluralität, Toleranz und Liebe pflegte, habe ich mich versteckt. Nicht dass Liebe und Gleichberechtigung falsch wären. Es wird nur einseitig betont. Wenn Liebe zum Gegenteil von Macht wird und Liebe gut und Macht schlecht ist, dann sind wir in der ideologischen Sichtweise gelandet, wo es keine Wahrheit und kein Leben mehr gibt. Ich versteckte mich, da ich Macht als etwas Sündiges, Böses verstand und auf keinen Fall böse sein wollte. Ich versteckte mich aber auch, weil ich Angst hatte, mich zu zeigen. Angst davor, zu mir zu stehen und mich selbst anzunehmen, in meiner Kraft und Macht und Souveränität. Ich machte mich klein. Ich lebte nicht wirklich.

So was ist eine leidvolle Situation. Für mich und für die anderen. Es führt nur zu Zerstörung und Einsamkeit. Das, was mich ausmacht, konnte ich nicht sehen und nicht zeigen. Ich konnte mich nicht leben, ich konnte nicht sein. Die anderen konnten mich nicht sehen und fühlen. Bis zu einem gewissen Grade natürlich schon, das alles ist nicht absolut und schwarz-weiß. Aber es fehlte die „letzte Meile“, die letzten paar Meter, um zu einem echten Kontakt, einer echten Verbindung zu kommen. So war ich nicht richtig greifbar und fühlbar. Vielleicht vollzieht sich das immer in Annäherungen, vielleicht können wir nie einen absoluten, vollkommenen Zustand erreichen. Vielleicht geht diese Entwicklung immer weiter. Ich selbst bin eine innere Transzendenz, die in die Unendlichkeit flieht. Aber wir müssen uns auch nicht ganz und vollkommen erreichen, wir müssen nur das tun, was wir tun können. Den Rest tut Gott. Das ist Gnade.

Als sichtbar werdender Mann werde ich zum Mann. Mann ist gut. Macht ist gut. Als richtiger Mann habe ich Macht. Es gilt, die Macht aus dem mythischen Missbrauch zu befreien, sie zu erlösen und wieder in ihre ursprüngliche gute Weise zu bringen. Natürlich wurde die Macht missbraucht. Sie wurde missbraucht, weil sie wirkt. Es sind die besten Kategorien, die missbraucht werden. Etwas Wirkungsloses interessiert keinen, es kann weder positiv noch negativ gebraucht werden. Es geht heute darum, diese alten ewigen Kategorien wieder in ihre ursprüngliche heile Form einzusetzen. Durch lautere, edle Menschen. Es geht kein Weg daran vorbei: der Mensch ist das Maß aller Dinge. Wir nehmen wahr und erkennen, wir öffnen und schließen, im Sinnen von offenbaren und schlussfolgern. Es sind die Menschen selbst, die bestimmen. Gott gibt uns natürlich die Führung und Orientierung – wenn wir sie wollen und annehmen. Es ist ein ko-kreativer Prozess.

Ein wertfreie Definition von Macht: Wieviel Ergebnis kann ich sichtbar erbringen?

Es geht um Handlungsfähigkeit, um Realisierung, um Zielstrebigkeit. Das sind wahrscheinlich keine nur männlichen Eigenschaften. Sie wurden im Laufe des Patriarchats von dem Männern besetzt. Im Zuge der Emanzipation, zu der ich mich hinzuzähle, wurde die Macht mitsamt den Männern in Abrede gestellt. Insofern ist es für mich als Mann wesentlich, die Beziehung zwischen Mannsein und Macht anzuschauen.

Macht bedeutet auch Definition. Ich habe die Macht, zu definieren, was mein Ding ist, was ich richtig und falsch finde, was was ist. Auch diese Macht haben wir als Menschen. Wir können sie nicht umgehen. Bisher wurden die Definitionen von Mächtigen gegeben und das Volk folgte. Es war eine Auslagerung der Urteilskraft auf äußere Beziehungen, wie Religion, Politik, Medizin. Es ging nicht anders, da viele Menschen nicht genug Wissen hatten, um die Definitionsmacht an sich nehmen zu können.

Macht hat einen Bezug zu Gewalt. Definitionsmacht ist gleich Definitionsgewalt, zum Beispiel. Wie kann ich Macht ausüben, ohne Gewalt auszuüben? Das ist machbar, denke ich. Ist Gewalt überhaupt schlecht? In der wertfreien Sicht wohl kaum. Was wäre denn die reine Form von Gewalt? Walter Benjamin hat darüber geschrieben und das klar gestellt. Man kann das dort nachlesen.
Was ist die schlechte Form von Gewalt? Sicherlich die, die meinen egoistischen Interessen entspringt, wo der Andere nicht mehr als souveränes Wesen erkannt wird.

Wie kann ich als Mann in meine Macht kommen und dabei zum Wohle des Ganzen wirken? Ich habe Macht, das ist einfach so. Wenn ich sie nicht annehme, werde ich unsichtbar, ungreifbar.

Es gibt eine reine Macht. Eine Macht, die aufbaut und schöpft, die Schönheit in die Welt bringt, die Leben ermöglicht und beschützt. Es ist die Macht des Wissens und des Tuns. Es ist innerer Halt, innere Stärke, Eigenständigkeit. Es sind Werke, die ich hinterlasse. Macht ist Bestimmung, Richtungsweisung, der Fels in der Brandung. Das ist das Männliche an der Macht. Die Frau ist weich und fließend. Der Mann ist hart und standhaft. Wenn er die Macht für das Leben einsetzt, gibt er Richtung und Stabilität. Nur so kann sich die Liebe und Fülle der Frau offenbaren. Macht bedeutet auch, ich zu sein, etwas zu sein. Eine Soheit: ich bin so. Also Selbsterkenntnis und Position. Macht bedeutet auch, Subjekt zu sein und meine Einzigartigkeit zu leben. Ich definiere mein Leben, mein Menschsein und mein Mannsein. Das ist Männlichkeit: ich bestimme selbst, wer ich bin und was ich tue.

Als sichtbarer Mann zeige ich meine Macht und setze sie gesund ein. Ich gehe in meine Macht und werde dadurch zufrieden.

Hier habe ich das Coaching gemacht: www.coaching-spirale.de

Besucht auch die Homepage meiner Zeitschrift Tattva Viveka: www.tattva.de

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Tattva Viveka

Tattva Viveka 45 Editorial

Tattva Viveka 45

Tattva Viveka 45 erscheint am 15. November 2010

Liebe Leserinnen und Leser,

in dieser Ausgabe finden Sie gleich vier Artikel, die sich aus verschiedenen Richtungen mit dem »Ich« beschäftigen.
Das Ich ist berühmt und zugleich berüchtigt. Einerseits ist es das, was wir als unsere eigene Persönlichkeit betrachten, womit wir uns identifizieren und es ist das Wort, das wir benutzen, wenn wir uns selbst meinen. Andererseits gilt das Ich in vielen spirituellen Ansätzen geradezu als die Ursache des Leids. »Das getrennte Selbst ist die Ursache des Leidens«, sagen der Buddhismus und der monistische Vedanta und wollen uns erzählen, dass es das Ich nicht gibt. Sobald wir das erkannt hätten, gäbe es auch kein Leiden mehr.
Nun hat aber gerade die westliche Kultur diese große Errungenschaft der Autonomie des Subjekts hervorgebracht. Kant hat uns aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit geführt und uns zugerufen: »Sapere aude!« – »Wagt es, zu wissen!«
Die integrale Philosophie spricht von sich entwickelnden Kulturstufen und weist darauf hin, dass es prä-egoische Kulturen gab, die rein kollektivistisch organisiert waren. Das einzelne Ich zählte nichts, der Mensch war Teil eines Kollektivs, eines Stammes, eines Volkes. Wir kennen diese Zeit noch sehr gut. Die großen politischen Strömungen des 20. Jh., der Nationalsozialismus und der Kommunismus, waren kollektivistische Strömungen, und die Religionen, wie Christentum und Islam, sind es ebenso.
Gleichwohl hat der Westen mit der Entstehung des Bürgertums bereits im 17./18. Jh. die Autonomie des Subjekts, das Ich, eingeläutet.
Heute kommt es nun zur vollen Blüte. Egoismus und Selbstbesessenheit sind nur die dunklen Seiten dieser Entwicklung. Die Autonomie des Ich hat auch ein enormes emanzipatives Potential. Wir werden zu mündigen Menschen, die für sich selbst Verantwortung zu übernehmen beginnen und aus den alten Schattenkämpfen langsam herauswachsen.
Wir werden zu selbst-bewussten Individuen, zu einzigartigen Ganzheiten. Wir werden ganz, wir werden erwachsen, wir werden selbst-ständig. Wir stehen selbst, wir stehen für unsere individuelle Wahrheit ein. Wir lernen, den anderen, den Gegen-Über, zu respektieren und kommunikative Mittel und Wege zu finden, um Interessenskonflikte zu lösen.
Nur in der Abgrenzung können wir Kontakt zum anderen finden und uns wirklich berühren. Wir treten aus den alten Abhängigkeitsmustern aus, indem wir zu uns selbst kommen, von der Ohnmacht erwachen.
Das Ich/Nicht-Ich, richtig verstanden, ist der Montagepunkt, an dem sich die alten Widersprüche auflösen lassen. Das Ich wurde philosophisch und spirituell bis dato nicht korrekt integriert. Es wird Zeit, das wir Menschen ihm nun auf die Spur kommen. Schließlich geht es hier um uns selbst. Ich bin es, der mich erkennt. Wir sind alle »Ich-Michs«, selbstreflexive Wesen.

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Authentizität, Selbst

Nobody is perfect 2

Nobody is perfect 2

„Heute ist meine Abstinenz nicht perfekt. Wenn ich perfekt abstinent wäre, würde ich nur das essen, was Gott für ich will und ich würde dabei keinerlei Schuld oder Scham verspüren. Heute erwartet meine Höhere Macht nicht mehr diese Art von Vollkommenheit von mir und noch besser, ich erwarte sie auch nicht von mir. Wenn ich bete, „Gib uns unser tägliches Brot“, bete ich um meine Abstinenz. Wenn ich dann Gott um Hilfe gebeten habe, lege ich es in seine Hände.
Ich akzeptiere den Körper, den Gott mir gegeben hat und dass ich eben eine gewisse Menge Essen brauche. Es war mein Eigenwille, der mir meine Extrapfunde einbrachte. Wenn ich so esse, wie Gott es für mich will, habe ich einen normalen Körper. Lange bevor ich mein Zielgewicht erreicht hatte, kam mein Gewicht zum Stillstand. Ich hörte auf, Gewicht verlieren zu wollen und begann zu essen, als hätte ich auf wunderbare Weise all das Gewicht verloren, das nötig war. Ich hatte den Unterschied gelernt zwischen abstinent sein und auf Diät sein.“
(OA, S. 71)

„Wenn ich auch immer wieder am Kämpfen war, so verlor ich in den ersten Jahren im Programm dennoch 50 Pfund. Allmählich erkannte ich, je mehr ich versuchte „den Deckel auf meine Ess-Sucht“ zu bekommen, desto mehr schien ich zu versagen. Ich benutzte OA manchmal als Diätklub und ich vergaß dabei, dass das noch nie funktioniert hat.
Ich sprach darüber mit einer OA-Frau, die ich sehr bewunderte. Sie sagte mir, dass ich anscheinend nach einer „perfekten“ Abstinenz strebte und das vielleicht eine unrealistische Erwartung sei. Es war nicht leicht für mich, meinen Traum von der Perfektion loszulassen, aber ich sah, je mehr ich von meinen strengen Anforderungen losließ, umso weniger Macht hatte das Essen über mich. Ich fing an mich als ein unvollkommenes Wesen zu akzeptieren.“
(OA, S. 76)

Das Problem bei den Ess-Süchtigen ist, dass sie das Suchtmittel nicht völlig weglassen können, wie das zum Beispiel bei Alkohol oder Drogen der Fall ist. Sie müssen also das Mittel, das sie süchtig missbraucht haben, weiterhin nehmen.
Wie kommen sie dann also zu einem abstinenten Verhalten?
Es wird hier in OA sehr genau zwischen Diät und Abstinenz unterschieden. OA ist kein Diätklub. Eine Diät ist eine Methode, weniger zu essen, als man eigentlich essen müsste, um abzunehmen. Diät ist mit zwanghaften Verhalten verbunden, es ist der Versuch, Kontrolle zu erlangen und ist nur die Kehrseite der Ess-Sucht. Der Versuch, das Essen zu kontrollieren, führt zum Rückfall.
Abstinenz bedeutet, das zu essen, was man braucht, und so zu essen, dass man satt ist. Allerdings isst man auch nicht mehr. Es geht darum zu spüren, welches Essen brauche ich und welches esse ich nur, weil ich mehr will. Wenn ich mehr esse, als ich brauche, esse ich süchtig, weil ich dann mit dem Essen versuche, Gefühle zu verändern und mich wegzumachen.
Die allgemeine Regel ist, dreimal am Tag essen und dazwischen nichts zu essen. Das ist die Grundlage der Abstinenz in OA. Spirituell gesehen formuliert es das erste Zitat. Rein spirituell wäre, nur das zu essen, was Gott für mich will. Allerdings gibt es keine Vollkommenheit. Die Idee der Vollkommenheit ist selbst eine süchtige Idee.
In dem Verstehen, dass Gott keine Vollkommenheit von mir erwartet, komme ich raus aus dem süchtigen zwanghaften Verhalten und aus meinen Schuld- und Schamgefühlen darüber, dass ich nicht vollkommen bin.
„Wären wir vollkommen, wären wir keine Menschen“ sagt der NA-Basictext (S. 38).
Ich glaube, es ist der Wille Gottes, das wir unvollkommen sind. Diese Unvollkommenheit ist eine eigene spirituelle Erfahrung, die uns Demut und Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen geben soll.
Ein Merkmal der Sucht ist die Kontrollillusion. Sie drückt sich auch in der Idee der Vollkommenheit aus. Die Idee der Vollkommenheit ist somit eine Leugnungsstrategie. Auch die Behauptung, wir wären ja schon vollkommen, ist Leugnung. Das ist einfach eine strategische Schutzbehauptung, um die Illusion der Kontrolle aufrechtzuerhalten und den Schmerz und die Demut nicht fühlen zu müssen.
In der Annahme-was-ist erkennen wir, dass wir unvollkommen sind und fühlen den Schmerz und die Demut. Das ist einfach die Realität, wie sie ist. Es ist so.
Kannst Du das fühlen? Kannst du fühlen, dass das stimmt?
Es fühlt sich einfach richtiger an als diese mentalen Strategiepostulate, diese logischen Konstrukte, die nur im Kopf stattfinden und nur dazu dienen, den Schmerz zu rationalisieren und zu betäuben.
Die Wirklichkeit ist die Wahrheit und die Wahrheit ist die Wirklichkeit. Das kann man spüren. Das erfasst den ganzen Körper, nicht nur den Kopf.
Es ist eine Evidenz, die nicht hinreichend mit Logik erklärt werden kann.

Nachtrag: Zum Erkennen der Realität

Es ist möglich, die Realität zu erkennen. Das ist jedoch ein Fühlen und geht weit über das Denken hinaus. Weil wir immer versucht haben, mit dem Denken die Wirklichkeit zu erkennen, haben wir uns in den Konstruktivismus verstrickt, der behauptet, ich konstruiere die Realität in meiner Wahrnehmung. Ja, wir konstruieren ständig unser Bild der Realität in unseren Köpfen. Aber das ist die Pathologie, das ist die Illusion. Es gibt jedoch eine Möglichkeit, uns selbst zu erkennen, wie wir sind, und die Realität zu erkennen, wie sie ist. Dies ist möglich in der radikalen Ehrlichkeit und Authentizität. Die Wahrheit ist fühlbar. Oder, wie der Chefarzt der Klinik Bad Herrenalb, Klaus von Ploetz, sagt: „Die Wahrheit ist der Kammerton A und die Seele hat das absolute Gehör.“ Stimme, stimmig, Stimmung, Bestimmung. Wir fühlen es, wenn es stimmt, und wir ihm eine Stimme geben. Es fühlt sich stimmig an. Dann fühlen wir den anderen und erfahren Freude und Verbundenheit. Das nährt die Seele.

Exkurs zur Bhagavad-gita

Die Bhagavad-gita, die Heilige Schrift Indiens, beschreibt diesen Erkenntnisvorgang ebenfalls:

Wenn deine Intelligenz aus dem dichten Wald der Täuschung herausgetreten ist, wirst du gegenüber allem, was je gehört worden ist, und allem, was noch zu hören ist, gleichgültig werden. (2.52)
Erläuterung: Sobald unser Bewusstsein aus der Illusion herausgetreten ist, merken wir es. Es ist wie eine Erleuchtung. Jetzt ist alles klar. Vor allem werden wir dann nicht mehr an den Worten kleben, die schon gesagt oder niedergeschrieben worden sind und wir werden auch nicht an zukünftigen Aussagen von anderen Menschen, Gruppen oder Institutionen hängen. Wir werden in jedem Moment wissen, was wirklich ist und was zu tun ist. Wir werden in der Lage sein, unsere eigenen Urteile zu fällen, ohne von der Autorität anderer abhängig zu sein. Es handelt sich um ein inneres Wissen, das am Besten mit dem Wort Intuition bezeichnet werden kann.

Wenn aber jemand mit dem Wissen erleuchtet ist, durch das Unwissenheit zerstört wird, dann enthüllt sein Wissen alles, ebenso wie die Sonne am Tage alles erleuchtet. (5.16)
Erläuterung: Sobald wir dieses Wissen erlangen, breitet es sich auf alles Existierende aus. Es ist kein phänomenales Wissen, also ein äußeres Wissen, dass die einzelnen Phänomene wie zusammengestoppelte Befunde abtastet und aufreiht. Es ist kein Begreifen. Das Tasten und Greifen gehört in den Bereich der Haptik. Es ist blind. Echtes Wissen gehört in den Bereich der Optik. Es ist sehend.
Es ist ein inneres Wissen, gleichsam der Quellcode, der auf alle Phänomene, auf alle Gewordenheiten, anwendbar ist.

Ich werde dir nun dieses phänomenale und numinose Wissen in seiner ganzen Fülle erklären, und wenn du es verstanden hast, wird es für dich nichts ehr zu erkennen geben. (7.2)
Erläuterung: Hier unterscheidet Krishna, der Sprecher, zwischen phänomenalem und numinosem Wissen (im Sanskrit jnana und vijnana). Das phänomenale Wissen ist das Wissen von den Phänomenen, den Entitäten, den äußeren Erscheinungen. Das numinose Wissen ist das Wissen von den inneren Kräften, von den spirituellen Dingen und von Gott. Das, was die Welt im Innersten zusammenhält, der Quellcode.
Mit diesem Verständnis kommt alle Erkenntnis an ihr Ende, weil es nichts mehr Neues zu erkennen gibt. Das ist das Ende vom Wissen (vedanta). Dann beginnt das Leben.

Quellen:
OA: Overeaters Anonymous, Zweite Ausgabe, Deutschsprachige OA, Bremen 2001, ohne ISBN
NA: Narcotics Anonymous, Basic Text, dt., USA Van Nuys 2002, ISBN 1-55776-171-X
Bhagavad-gita, hg. und übersetzt von Bhaktivedanta Swami Prabhupada, The Bhaktivedanta Book Trust, 1987, ISBN 0-89213-088-1

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Standard
Authentizität, Philosophie, Selbst

Nobody is perfect

Zur Theorie der Vollkommenheit

Viele Menschen leben in einem Paradigma, demzufolge es irgendwie das Ziel ist, vollkommen zu sein oder zu werden. Vollkommenheit wird als gut bewertet, Unvollkommenheit als schlecht. Es gilt irgendwie, zu dieser Vollkommenheit zu gelangen.
Die Wege dahin lassen sich im Großen und Ganzen in zwei unterschiedliche Herangehensweisen unterscheiden:
a) Ich ändere mich, also meine Realität.
b) Ich ändere meine Definition von Vollkommenheit, also die Wahrnehmung meiner Realität.
Die Menschen in diesem Paradigma leiden sehr unter der Vorstellung, nicht vollkommen zu sein. Sie sagen zum Beispiel: „Wie soll ich ein Ebenbild Gottes sein, wenn ich nicht vollkommen bin?“
Da aus dieser Bewertung jedoch ein Schmerz über die eigene Unvollkommenheit entsteht, wird zu der Idee Zuflucht genommen, das ich jetzt und hier schon vollkommen bin, so wie ich bin. Damit wird das Problem aus der Realität (a) in die Wahrnehmung der Realität (b) verlagert. Es ist nur noch eine Frage der Definition. Es ist dann ein Denkfehler, wenn ich mich für unvollkommen halte. In dem Moment, wo ich erkenne, dass ich ja schon vollkommen bin, ist alles gut. Das Problem ist gelöst. Das ist Konstruktivismus.

c) Beide Lösungswege sind disfunktional. Das Problem löst sich in der Annahme der Tatsache, das wir unvollkommen sind und das ist gut so. Es ist einfach die Wahrheit. Wir sind unvollkommen.

zu a)
Dies ist die klassische Version des Paradigmas. Wir sind so, wie wir sind, nicht in Ordnung und müssen besser werden. Es gibt ein Ideal, eine Vollkommenheit, und wir sind selbst noch nicht dort. Wir „sollen“ oder „müssen“ anders werden, uns ändern, uns verbessern.
Hier werden z.b. niederes und höheres Selbst unterschieden, oder das Ego und das absolute Selbst. Das Niedere ist das Schlechte, das Höhere ist das Gute. Es ist die Vorstellung der klassischen Religionen, dass wir ein echtes, wahres, absolutes Selbst haben, das nicht von irdischen Dingen verunreinigt ist, frei von Sünden (der Westen, Christentum, Islam, Judentum) oder frei von Illusionen (der Osten, Buddhismus, Hinduismus, Taoismus). Dies steht dem niederen, falschen, relativen Selbst, dem Ego, gegenüber. Dieses niedere Selbst ist die Ursache von Leiden, Sünden, Illusionen, und dieses gilt es auszumerzen oder zu transformieren. Das ist der Weg vom Real zum Ideal, vom Relativen zum Absoluten, vom Schlechten zum Guten, vom Falschen zum Richtigen, vom Sündigen zum Heiligen usw.

zu b)
Immer wieder kommt es vor, dass manchen Menschen klar wird, dass mit dieser Denkweise etwas nicht stimmt. Wir können das Ideal niemals erreichen, wir können niemals diese Vollkommenheit, diese Heiligkeit, diese permanente, absolute, immerwährende, perfekte Erleuchtung oder Erlösung erreichen. Wir sind immer wieder in dem Jammertal gefangen, in der irdischen Relativität, in den Fehlern, Schwächen, Unvollkommenheiten.
Hier setzt die Veränderung der Wahrnehmung der Realität an. Wenn ich schon nicht meine Realität nachhaltig ändern kann – die Tatsache, dass ich unvollkommen bin -, dann ändere ich eben die Definition davon, was vollkommen ist. Wir erkennen, dass viele negative Bewertungen von Dingen oder Handlungen geschlossene Symbole sind, d.h. viele Negationen sind konventionelle Tabus, die uns mehr Leiden verursachen, als sie uns vor Leiden schützen. Zum Beispiel wurde jahrhundertelang die Sexualität tabuisiert, um die Bevölkerung vor unerwünschter Nachkommenschaft und Geschlechtskrankheiten zu schützen. Zugleich führte diese Tabuisierung zu zahlreichen neurotischen und psychotischen Problemen. Jetzt wird die Sexualität zunehmend enttabuisiert, d.h. in eine positiven Wertung gesetzt, in der Hoffnung, dadurch eine Abnahme des Leids zu erreichen.
Diese alle Gebiete betreffende Änderung der Wahrnehmung der Realität führt jedoch zu einer inflationären Verrohung und Demoralisierung der Gesellschaft. „Anything goes“, „alles kann, nichts muss“ sind Slogans dieser Variante des Paradigmas. Es wird einfach gesagt, jeder kann machen, was er will, das ist okay so. Es gibt keinerlei moralische Maßstäbe mehr, jeder ist frei, sich auszuleben, egal wie – außer er verletzt andere auf physische Weise. Ich bin so okay, wie ich bin. In diesen Gedankengängen liegt ein Teil Wahrheit und ein Teil Leugnung.
Die Wahrheit ist, ich bin der, der ich bin. Die Leugnung ist, dass das so vollkommen ist.

zu c)
Ich bin der, der ich bin, mit all meinen Fehlern, Schwächen und Unvollkommenheiten. Und das ist gut so. Ich bin nicht vollkommen.
Die Selbstgeißelung und Selbstverachtung hört in dem Moment auf, wo ich das Dogma aufgebe, dass das Vollkommene das Gute und das Unvollkommene das Schlechte ist. Wenn ich verstehe, dass es menschlich ist, unvollkommen zu sein, dass es meine Natur ist, unvollkommen zu sein, und dass das nicht schlecht, sondern geradezu gut so ist, dann kann ich meine Unvollkommenheit annehmen. Ich muss die Wahrnehmung der Realität nicht mehr manipulieren und komme so raus aus der Leugnung.
Ich werde authentisch in dem Sinne, dass ich, wenn ich gebrochen oder unvollkommen bin, auch in meiner Gebrochenheit und Unvollkommenheit authentisch bin. Ich bin der, der ich bin. Egal, ob das in irgendeinem von Menschen gemachten Glaubenssystem gut oder schlecht ist.
Aus dieser Annahme meiner Unvollkommenheit gehen Ehrlichkeit, Demut, Aufgeschlossenheit und Bereitschaft zur Veränderung hervor. Ich bin mir meiner Machtlosigkeit und meiner Unvollkommenheit bewusst und dadurch offen für eine Veränderung, die nicht aus meiner Macht und meinem Eigenwillen hervorgebracht wird, sondern von außen kommt. Und hier wird der Raum für eine Höhere Macht, für Gott, geöffnet.
Gott ist der einzige Vollkommene. Hier hat die Vollkommenheit ihren Ort. Aber wir sind nicht Gott. Das ist einfach so. Es gibt Gott. Aber ich bin es nicht. Das ist axiomatisch. Aus dieser Unterscheidung emaniert die Wahrnehmung der Realität so wie sie ist (und nicht unsere manipulierte Wahrnehmung der Realität), sowie die Möglichkeit der realen Veränderung. Reale Veränderung ist immer heterogen, d.h. sie erwächst nicht aus dem Gleichen, was das Leiden oder die Krankheit erwachsen lässt. Sie muss von woanders kommen, etwas neu schaffen, eben verändern.
Es kann sein, dass „Gott“ eine Setzung ist, die für unser Innerstes steht, das uns selbst transzendental ist. Es kann sein, dass wir in Wahrheit Gott – oder in Gott – sind. Aber in unserem jetzigen Zustand des von der Vollkommenheit entfernten Seins sind wir eben nicht Gott. Und es hilft nicht, den Kurzschluss zu machen, die Unvollkommenheit einfach zur Vollkommenheit zu erklären (Variante b).
Es hilft auch nicht, den unvollkommenen Zustand abzulehnen, zu negieren, also als schlecht zu bewerten (Variante a), womit wir uns in die Gut-Schlecht-Dualität verstricken und eine fremdgesteuerte, unbewusste Form der Wertung anwenden.
Die Annahme der Unvollkommenheit als Wie-es-ist (c) ist im Grunde eine wertfreie Sicht. Unvollkommenheit ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Aber dadurch, dass sie als Wie-es-ist gesehen wird, existiert sie unbekämpft und unnegiert. Damit erhält sie ein Position, d.h. sie wird positiv. Jedes Sein ist eine Position, d.h. ist in und an sich gut. Das ist der Unterschied zwischen der Negation und der Position. Position ist, Negation ist nicht.
In der ehrlichen Annahme-was-ist gründet sich damit nicht eine wertlose Beliebigkeit oder eine beliebige Wertung, die abstrakt alles erlaubt ohne eine moralische Bewertung möglich zu machen, sondern eine natürliche Ordnung der Dinge, die zum Leben strebt, zum Lebensförderlichen, was immer auch eine Veredelung ist.
Indem wir uns so unvollkommen annehmen, wie wir sind, können wir die werden, die wir sein wollen. Der archimedische Punkt ist die Authentizität in der radikalen Annahme dessen was ist. Dies ist der Kammerton A, die Wahrheit unserer Seele hier und jetzt, mit allen Schmerzen, aller Angst, aller Wut, aller Freude und aller Liebe, die da sind und echt sind. An diesem Punkt ist Veränderung möglich (c). Nicht in der Herausstellung eines Ideals oder einer Vollkommenheit, wo wir nicht sind und die wir werden sollen (a) oder die wir vorgeben zu sein (b).
Diese natürliche Ordnung der Dinge, die sich daraus ergibt, ist die Ordnung des Lebens selbst, letztlich die Ordnung Gottes. Sie hat nichts mit von Menschen erdachten Ordnungen und Kontrollstrategien zu tun.
Sie ist keine Ordnung im ordentlich-moralischen Sinne, denn sie enthält ebenso die Unvollkommenheit, das Chaos, das Leiden, den Schmutz, die Zerstörung und den Tod. Denn dies gehört alles zum Leben dazu. Das ist nicht schlecht. Das ist.

»Wir werden nicht vollkommen werden. Wären wir vollkommen, so wären wir nicht menschlich.« NA-Basic Text, S. 38

»Für Menschen ist Vollkommenheit unerreichbar – sie ist kein realistisches Ziel. Was wir häufig in der Vollkommenheit suchen, ist Freiheit von dem Unbehagen, das wir angesichts unser Fehler spüren. Für diese Freiheit von Unbehagen tauschen wir unsere Neugierde, unsere Flexibilität und unseren Spielraum für Wachstum ein.« NA-Nur für heute, S. 331 (13.11.)

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