Sein-Kolumne

Wofür gibt es spirituelle Zeitschriften?

Wir Menschen vergessen mitunter, woher wir kommen. Wir sind spirituelle Wesen und dort liegt unsere Kraft. Bewusst oder unbewusst suchen viele von uns nach dieser spirituellen Quelle, um daraus ihre Kraft schöpfen zu können. In einer spirituellen Zeitschrift werden wir wieder daran erinnert, dass es um das Spirituelle geht. Wir Macher der spirituellen Zeitschriften fühlen einen Drang, das, was es da gibt, herauszubringen. Deshalb bringen wir eine Zeitschrift heraus, die diese Themen, dieses Wissen veröffentlicht. Es ist ein Auftrag, eine Berufung, eine Passion. Es trägt uns.

 

Tattva Viveka - Sein Redaktion

 

Als Herausgeber und Chefredakteur der Tattva Viveka bin ich nun schon seit einigen Monaten mit meiner eigenen Redaktion im Büro der SEIN-Redaktion. Das ist sehr inspirierend. Die Anregungen haben sich seitdem potenziert. Zuvor arbeitete ich alleine, südlich von Frankfurt auf dem Lande. Das war sehr idyllisch und ruhig, aber eben auch sehr überschaubar.

Mein spirituelles Leben beinhaltet die Hingabe an das Göttliche. „Loslassen und Gott überlassen“ ist ein bekannter Spruch. Aber was heißt das? Was würde passieren, wenn ich mich wirklich von Gott führen lasse? Ich habe es ausprobiert und das ist dabei herausgekommen: Nun lebe und arbeite ich in Berlin, im spirituellen Hotspot Akazienhof, mit der Redaktion der spirituellen Zeitschrift SEIN in einem Büro. Besser hätte es nicht gehen können. Ich fühle Dankbarkeit und regelrecht Ehrfurcht vor den Fügungen, die in den letzten Monaten geschehen sind.

Jetzt sind zwei spirituelle Zeitschriften zusammen. Wir tauschen uns aus, lernen voneinander und miteinander. Wir erzielen Synergie. Das ist nicht selbstverständlich. Ich glaube, die göttliche Kraft hat noch was mit uns vor. Das ist erst der Anfang.

Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit und danke auch den Leserinnen und Lesern, denn ohne sie gäbe es unsere Zeitschriften nicht.

 

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Berlin, Soziale Netzwerke

Berlin Blog Flashmob

Seit zwei Wochen wohne ich nun fest in Berlin. Am 13. und 14. Februar 2011  bin ich sowohl mit meiner Wohnung als auch mit meinem Büro von Bensheim nach Berlin gezogen. mittlerweile setzt sich der Staub ab, die Unordnung verwandelt sich wieder in Ordnung und ich bekomme langsam einen Überblick.

Wie jedes Mal auch in den letzten sechs Monaten ist die Wiederankunft in Berlin nach einer Zeit in Bensheim aufregend und es passiert viel. Es ist immer wieder so, dass, ohne dass ich es aktiv arrangiere, viele Ereignisse stattfinden, wie Begegnungen mit Freunden und Bekannten, Events, kulturelle Veranstaltungen etc.

Mein Büro ist in der gleichen Etage wie die Redaktion SEIN. Wir sind also jetzt zwei Redaktionen mit ziemlich gleichem Themenspektrum, so ergibt es sich, dass bisweilen ja auch Menschen vorbeikommen, die mit beiden Redaktionen bekannt sind. So kam zum Beispiel am Freitag Stefan Datt mit seiner Freundin, die zusammen das alljährlich stattfindende Berliner Yoga Festival organisieren, ein großer Event mit zahlreichen Vorträgen, Konzerten, Seminaren und sonstigen Veranstaltungen. Stefan wollte eigentlich zur Sein-Redaktion, weil sie zusammen ein Sonderheft machen. Der zuständige Chefredakteur war jedoch noch nicht da, und so saßen sie einige Zeit bei mir im Büro und wir besprachen unsere eigenen Kooperationen. Nebenbei behandelte er noch mein Knie, dass aufgrund eines überlasteten Meniskus infolge des Umzugs bereits seit mehreren Tagen schmerzte. Außerdem erzählte er mir von einem Flashmob, der am nächsten Tag, am gestrigen Samstag, stattfinden sollte. Am gleichen Tag war auch die Yoga Expo, eine Yoga-Messe. Außerdem war abends in einer Yogaschule in Prenzlauer Berg ein Mantra-Singen angekündigt. Der Samstag versprach also ein reichhaltiger Tag zu werden.

Plakat der YogaExpo

Plakat der YogaExpo

Nachdem ich am Samstagmorgen mehrere Stunden mit der Einrichtung und Installation in meiner Wohnung verbracht hatte, die natürlich nach dem Doppelumzug noch nicht fertig ist, machte ich mich am frühen Nachmittag auf dem Weg zur Expo.

Erstaunlicherweise begegneten mir dort viele alte und neue Bekannte. Vor allem sah ich reichlich Bhaktas, Krishna Devotees. Nach und nach stellte sich heraus, dass sie die Veranstalter waren. Die ganze Veranstaltung war jedoch sehr offen organisiert, und es begegnete mir hier eine ganz neue Art von Krishna-Bewusstsein – überhaupt nicht dogmatisch. Dementsprechend wohl fühlte ich mich dort und traf sogar Sacinandana Swami, der eine ganz neue Haltung an den Tag legte. Er zeigte großes Verständnis für andere  Yoga-Wege und auch für Menschen, die mehr körperorientiert sind oder etwa dem so genannten Advaita zusprechen – alles Dinge, die früher von den Krishnas vehement abgelehnt wurden.

Begehung des Sony-Centers am Potsdamer Platz in Berlin kurz vor dem OM-Flashmob.

Um 18.00 Uhr sollte der OM-Flashmob sein. Dieser fand am Potsdamer Platz im Sony Center statt. Ich machte mich so kurz nach 17.00 Uhr auf dem Weg. Es waren nur zwei Stationen mit der U-Bahn und ich hatte noch genug Zeit, den Sony Center zu suchen. Den Potsdamer Platz hatte ich mir in meiner Berlin-Zeit bisher noch nicht angeschaut. Er ist mehr oder weniger einer Ansammlung von Konsumtempeln in Hochglanz-Architektur, alles teuer, alles schick, alles merkwürdig. Ich hatte noch etwas Zeit, die ich nutzte, um mich etwas umzuschauen, und staunte doch nicht schlecht über das architektonisch interessante Bauwerk. Die Zeit schritt fort und bald war es  10 vor 6h. Viele Menschen waren auf diesem Platz wobei einige von ihnen aussahen, als wären sie Teilnehmer des Flashmops.

Om-Flashmob in Berlin im Sony-Center am Samstag, den 26.02.2011. Ca. 150 Menschen trafen sich spontan, um in der Einkaufsmeile kollektiv die heilige Silbe „OM“ zu intonieren. Ein wahrhaft begeisterndes Gemeinschaftserlebnis.

Um 18.00 Uhr begann dann das OM-Singen, es müssen ungefähr 150 Menschen gewesen sein. Es war ein sehr eindrucksvolles Erlebnis, gemeinschaftsbildend, begeisternd. Das Om wurde immer lauter, es hallte in der großen Arena wider. Menschen liefen  umher in einer  achtsamen und gemessenen Weise, während sie gleichzeitig die heilige Silbe intonierten.

Nach dem OM-Flashmob haben wir spontan noch ein Lied zu Ehren von Shiva gesungen.

Zum Schluss nahmen wir uns alle an den Händen und bildeten einen großen Kreis, der den ganzen Platz umschloss. Ahnungslose Passanten standen dabei und wunderten sich, was hier passiert. Nach gut fünf Minuten war der Spuk vorbei. Die Menschen zerstreuten sich weder, einige standen noch zusammen und redeten. Ich traf noch drei Freunde von mir, dich ich schon seit drei Wochen nicht mehr gesehen hatte. Zur Veranstaltung hatte etwas familiäres. Ich traf Freunde und Bekannte, und auch diejenigen, die ich nicht kannte, waren mir irgendwie vertraut und ich fühlte mich zugehörig. Um 19.00 Uhr sollte noch  ein Mantra-Konzert auf der Yoga Expo sein, und die Freunde gingen spontan mit. Wieder auf der Expo dauert es nicht lange, und das Konzert begann. Wir hörten wunderschöne Bhajans und sangen alle mit.

Auf der Yoga Expo in Berlin ein kurzer Schnipsel vom Sita-Ram Mantra.

Dieses Mantra-Singen bewirkte eine spirituelle Erhebung und berührte mein Herz. Es war schön, mal wieder die heiligen Namen Gottes zu singen. Etwa acht Musiker, angeführt von dem indischstämmigen Madhava, der sang und Harmonium spielte, interpretierten  die Lieder virtuos und professionell.  etwa 100 Gäste im Publikum sangen mit lauter Stimme mit.

Dies ist Berlin. Es ist nicht nur ab und zu mal ein kulturelles Ereignis zu finden, sondern an einem Tag gleich drei verschiedene. In dieser Hinsicht ist die Stadt reich und eine Fülle von Möglichkeiten bietet sich den interessierten kulturell Kreativen.

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Berlin

Ronald Engert und Tattva Viveka sind nun fest in Berlin

Ab 15. Februar 2011 befindet sich die Redaktion der Tattva Viveka in 10823 Berlin, Akazienstr. 28. Ich habe heute das Büro eingerichtet. Die Sachen habe ich am Wochenende von Bensheim nach Berlin umgezogen. Gestern, am Sonntag, haben wir sie in das ganz frisch fertig gewordene neue Büro reingestellt und heute sitze ich hier zum ersten Mal am Schreibtisch. Ich bin mit der Redaktion „Sein“ auf einer Etage. Eine schöne Kooperation mit sehr netten Menschen. Die Tage kommt bestimmt noch mehr an Infos dazu.

Blick in die Büroetage

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Berlin, Kunst

Berlin Blog – Blick aufs Unbekannte

Gestern habe ich zufällig eine Kunstausstellung (www.7-berlinerkunstsalon.com) entdeckt. Ich fuhr gerade von einer Konferenz nach Hause, war schon etwas müde. Es war Sonntag, 14h. Im Augenwinkel sah ich große alte Klinkerhallen links der Straße, zwischen denen Menschen liefen. „Hier ist was los“, dachte ich sofort und lenkte mein Auto an den Straßenrand, um zu parken. Es war die Landsberger Allee, Prenzlauer Berg/Friedrichshain, ehemaliger Osten.

a.station Kunsthalle

Was mich erwartete, war eine Kunstausstellung. Die Halle war riesig. Eintritt wäre 8€ gewesen, aber dank meines Presseausweises durfte ich umsonst rein. Echt praktisch sowas, und in Berlin kennen die Leute das. Ich hatte mittlerweile schon einige Male die Gelegenheit, gegen Presseausweis anstandslos freien Eintritt zu bekommen.

Blick in die Halle

Mit hohen Stellwänden waren die einzelnen Oeuvres unterteilt. Hoch ambitionierte Kunst allenthalben. Sehr vielfältige, ungewöhnliche Ideen, die vom klassischen Gemälde über Installationen und Videokunst bis zu Skulpturen reichte.
Es war wieder mal erstaunlich, wie individuell jedes Oeuvre ist, wie eigen jeder Künstler und jede Künstlerin die Welt wahrnimmt und in Kunst umsetzt. Bei einigen musste ich mich natürlich wieder wundern, wie man mit sowas Zeit verschwenden kann. Drei großformatige Ölgemälde von platt gedrückten Coladosen in naturalistischer Malweise – wer braucht das? Eine Fleißarbeit, aber ansonsten sinnlos, ist meine Meinung.
So gab es manches Schräge und Schrille. Meistens jedoch bestachen mich die Werke durch hohes handwerkliches Niveau, innovative Ideen und neuartige Wahrnehmungserlebnisse.
Ich frage mich manchmal, was der Sinn dieser modernen Kunst ist. Und ich vermute, dass selbst die KünstlerInnen sich bisweilen dieser Sinnfrage einfach verwehren. Kunst muss keinen Sinn haben. Das ist ihr Sinn.

Plakat der Ausstellung

Ein wesentliches Merkmal guter Kunst ist meines Erachtens die Fähigkeit, beim Betrachter noch nie gesehene oder erlebte Wahrnehmungen auszulösen. Dies bricht die gewohnte Wahrnehmung auf, die die Wirklichkeit per Verstand und Kategorien schön schubladisiert, alles unter Kontrolle bringt, aber keine neuen Erfahrungen mehr ermöglicht. Die Wirklichkeit wird immer mehr gerastert und was in das Raster nicht hinein passt, sehen wir dann nicht mehr. Kunst provoziert diese Wahrnehmungsraster, wenn sie die Wahrnehmungsgewohnheit zerbricht und den Blick auf das Unbekannte freigibt. Gute Kunst ist es meines Erachtens dann, wenn sie diesen Blick aufs Unbekannte durch Virtuosität unterstützt und auf derbe und anstößige Darstellungen verzichten kann. Heutzutage gibt es ja viele Happenings, die mit Blut, Urin, Fäkalien und dergleichen arbeiten. Das sprengt zwar die moralischen Ketten, immerhin, aber es ist kein Ausblick auf konstruktive und lebensförderliche, im echten Sinne schöne Kunst.

Eine sehr schöne Begegnung war in diesem Sinne die mit Bringfried-Johannes Pösger. Ein Mann im Alter von vielleicht 65 Jahren, der in seiner Person selbst ein Kunstwerk war. Er strahlte eine unglaubliche Reinheit aus. Ein Kunstwerk der Reinheit und Tugend, ohne dabei zwanghaft oder spießig zu wirken. Er trug einen naturfarbenen Leinenanzug aus schwerem Zwirn, gediegende Schuhe, Hemd und Schal. Die Haare kurz, Brille. Das hatte alles unglaublich Geschmack und war wohl auch nicht billig gewesen. Aber es war eine unaufdringliche Qualität, ein Meisterwerk an nicht selbstdarstellerischer sondern für sich selbst getragener Schönheit. Ja, das Wort Reinheit drängt sich mir auf, das viel geschmähte. Diese Reinheit war aber echt und authentisch und von daher Kunst. Sie strahlte keinen Druck und kein Werturteil aus. Es war eine neue Wahrnehmung. Seine Bilder hatten die Natur zum Thema – wie kann es anders sein? Natur ist das genuine Gegenstück zur Kultur, zur Kunst. Ein irres Spannungsverhältnis, das der Künstler auch in Worten thematisierte (siehe Zitate). Und er gibt auch philosophische Aphorismen heraus und hält Vorträge.
Nun gut, ich ende hier mit dem Lob, nicht weil es erschöpft ist, sondern weil ich meine Leserinnen und Leser ebensowohl wie den Künstler selbst, sollte er dies lesen, nicht kompromittieren möchte.
Was ich sagen will: In Berlin gibt es immer etwas zu entdecken. Und: Es gibt schöne Kunst.

Zitate von Bringfried-Johannes Pösger:

Zur Natur:
»Natur finden wir vor. Sie ist nicht abhängig von uns. Und sie braucht uns nicht. Wir können Natur nicht erschaffen. Die Natur hat daher ihrerseits erst einmal nichts mit Kunst zu tun. Sie mag unseren ästhetischen Ansprüchen genügen und wunderschön anzuschauen sein. Doch wäre es Unsinn, eine wild gewachsene Blüte als Kunstwerk zu bezeichnen. Kunst dagegen ist menschlich. Sie braucht uns Menschen. Sie ist abhängig von uns und ohne menschliches Zutun nicht möglich. Und doch ist es beim näheren Hinsehen stets nur der kleinere Teil dessen, was die Gesamtheit eines Kunstwerks ausmacht, den ein Künster dazu beitragen kann. Denn verändern und formen können wir nur, was wir vorfinden. Kein Mensch kann etwas aus dem Nichts erschaffen. Auch der Künstler ist davon nicht ausgenommen. Finden und Gestalten gehören zusammen. Das, was wir von Natur aus vorfinden, ist die unerlässliche Grundlage jeden Schaffens. Während die Natur weder von uns und schon garnicht von der Kunst abhängig ist, sind nicht nur die Kunst, sonder auch wir selbst grundsätzlich abhängig von ihr. Die Natur macht Leben, macht Menschen, macht Kunst erst möglich. Indem wir gestalten, widersetzen wir uns aber der Natur. Wir lassen sie nicht, wie sie ist. Wir ordnen uns ihr nicht unter. Doch tun wir im Grunde nur das, was das Leben seinerseits ganz natürlich von uns erwartet. Denn Leben ist Veränderung. Indem wir gestalten, leben wir.«

Aphorismen:
»Es kommt viel mehr auf neue Inhalte an als auf neue Formen.«
»Alles alte Denken ist von Herrschaft geprägt.«
»Positive Visionen zu kreieren braucht viel mehr Kreativität als negative Szenarien hochzurechnen.«
»Zum Blick voran gehört der Kontakt nach innen.«
»Kunst ist Luxus. Man braucht sie nicht. Das macht ihren Wert.«
»Wer sich selbst nicht spüren kann, den kann man nicht berühren.«
»Die Menschheit war noch nie erwachsen. Bisher gab es nur zu erwachsenen Leistungen dressierte Kinder.«

Internet:
http://lebenskunst-atelier.blogspot.com/
http://www.lebenskunst-atelier.de/

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Berlin, Walter Benjamin

Berlin Blog – Walter Benjamin

Walter Benjamin

10.09.2010
In Berlin passiert eigentlich jeden Tag was. Hier passieren Dinge jeden Tag, die auf dem Land, wo ich herkomme, im ganzen Jahr nur einmal, wenn überhaupt, passieren.
Am Dienstag (07.09.) war ich im Literaturhaus Berlin auf der Filmpremiere eines neuen Films über Walter Benjamin. Der Film wurde von David Wittenberg gemacht. Es ist sein dritter Film über Walter Benjamin. Von den ersten beiden habe ich im übrigen erst an diesem Abend erfahren. Moderation machte der Mensch, der an der Akademie der Künste für das Walter Benjamin-Archiv zuständig ist.
Man muss sich das mal überlegen. Ich steige bei mir in die U-Bahn, sitze ein paar Minuten da und schaue mir die Leute an oder denke vor mich hin. Einmal musste ich noch umsteigen und noch eine weitere Station fahren. Dann steige ich aus und laufe noch etwa 100 m bis zum Literaturhaus. Was mir hier präsentiert wird, ist First Class, Top Ranking, Erste Sahne. Besser geht‘s nicht. Der Filmemacher selbst und der Verwalter des Walter Benjamin-Archivs, und ein voller Saal Interessierter.
Das Literaturhaus ist eine feine Adresse in der Fasanenstraße, eine Seitenstraße zum Kurfürstendamm, wie ich hörte, die teuerste Straße in Berlin, ein Repräsentativobjekt. Ich wunderte mich wohl über die in den Schaufenstern der Läden ausgestellten Waren, Kleidung, Geschirr und dergleichen. Alles vom Feinsten, ohne Preisauszeichnung. Hier spielt Geld keine Rolle. Nun ja, das Literaturhaus kann nichts dafür. Hier wird echte, gute Literatur verhandelt. Das Programm und die Schaukästen mit den Büchern beeindruckte mich. Seltene Titel, zeitgenössische Literatur, state of the art.

Der Film ist eine 52minütige dokumentarische Reise durch die Lebenstationen Walter Benjamins, des großen Literaturphilosophen. Sein unstetes Leben ohne Wohnung, seine Flucht vor den Nazis, das Exil in Paris, die Flucht über die Pyrenäen, sein Freitod an der Grenze zu Spanien, in Port Bou, weil die spanischen Grenzbeamten die Flüchtlinge an die Nazis ausliefern wollten. Er vergiftete sich in der Nacht. Als Folge davon durften die anderen Flüchtlinge einreisen. Die Schriftstücke, die er mit sich trug, sind verloren. Seine letzten und wichtigsten Aufzeichnungen. „Schriftstücke unbekannten Inhalts“ heißt es im Polizeiprotokoll. Die spanischen Polizisten werden sich wohl kaum von dem Inhalt seiner Schriften einen Begriff gemacht haben. Heute ist er einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Was mich betrifft, so hat er mich geprägt. Er war in meinem Germanistik-Studium mein großes Vorbild, mein Bruder im Geiste. Ein Mystiker under cover. Ein Marxist und Jude. Seine Arbeiten zur Sprache und zur Erkenntnistheorie sind vom Geist der ewigen Wahrheit getragen, von einer transzendentalen Schau auf die ewigen Dinge.
Er wurde damals von niemandem verstanden. Und auch heute noch ist das wohl so. Er wird heute zwar verstanden, aber falsch. Das heißt, heute gilt er etwas und wird verehrt und gelesen. Der größte Teil der Rezeption ist jedoch sehr eingeschränkt. Man sieht ihn als Kultur- und Kunsttheoretiker, oder als Chronist der Geschichte. Seine mystische Dimension könnte nur jemand sehen, der selbst Mystiker ist. Und das sind die Kunst- und Literaturfreunde, die Historiker und Gesellschaftstheoretiker der modernistischen weltlichen Klasse nicht.
Wittenberg, der Filmautor, stellte sich nach dem Film den Fragen aus dem Publikum. Ich fragte ihn, ob er sich auch mit der psychischen und emotionalen Situation Benjamins beschäftigt habe, denn gerade bei Bejamin erschiene es mir sehr bedeutend, wie seine persönliche Geschichte und Situation sein Werk beeinflusste. Ein großer Ausspruch von Benjamin, der ganz am Anfang des Films zitiert wurde, weißt auf die Tiefe seiner Forschung und die Existentialität seines eigenen Lebens hin:

„Es ist vielleicht das größte Glück des Menschen, ohne Schrecken seiner selbst inne zu werden.“

Ich fragte also den Filmemacher. Aber er konnte damit nichts anfangen. Er redete an mir vorbei. Er erzählte etwas von der Geschichte der Moderne im 19. Jahrhundert in Paris, die Benjamin zum Thema gemacht hatte. Ja, das war das Thema von Bejamin damals, aber das ist nur die oberflächliche Schicht, das Sujet, aber nicht die innere Motivation. Es ging Benjamin um „die Philosophie der Geschichte“, wie er es selbst einmal nannte. Und ich füge hinzu, um die Philosophie der Geschichte des Menschen an und für sich.
Wittenberg sprach vom Denken Benjamins. Es wurde offensichtlich, dass er mit „Emotionen“ nichts anfangen konnte. Er ist, wie die ganze westliche Intellektualität, völlig im Denken absorbiert.
Unter der „Philosophie der Geschichte“ verstehe ich kurz gesagt die Untersuchung der Frage, wie Geschichte überhaupt zustande kommt und wie sich die Erkenntnis des Menschen in und an Geschichte aufspannt. Nicht geht es um die Frage, was passiert ist, also eine Aufreihung historischer Daten, sondern was das mit den Menschen und der Kultur macht. So nannte Benjamin sein Hauptwerk das „Passagen-Werk“, in Anlehnung an die Pariser Passagen, die überdachten Einkaufsstraßen. Passagen sind äußere Innenräume, Straßen, die zu Wohnzimmern umgebaut wurden, was durch den Fortschritt der Technik erst möglich wurde. Welche Veränderung der menschlichen Kultur drückt sich in einer solchen Idee, Straßen zu überdachen, aus? Was bedeutet das wiederum für den Menschen und seine sozialen Beziehungen? Passage bedeutet Vorbeigehen, Nicht-Bleiben. Wie Benjamins nomadisches Leben.

Paul Klee: Angelus novus

Benjamin war ein Mystiker, ein Kabbalist. Er sah die Wirklichkeit hinter den Dingen. Er hinterließ ein tiefes Werk, auf dessen Grund noch einige wertvolle Juwelen zu finden sein dürften. In der Fasanenstraße werden sie tendenziell vom Prunk des Tands überstrahlt.
Dieses Jahr ist Walter Benjamins 70. Todestag. Ab jetzt ist sein Werk „gemeinfrei“, d.h. die Ansprüche auf Copyright sind verfallen. Das bedeutet, dass ich in der nächsten Tattva Viveka Auszüge aus seinem Werk frei veröffentlichen kann. Darauf habe ich schon sehr lange gewartet …

Noch ein schönes Zitat von Dr. Raimond Otte:
„Wo soll man eigentlich seine Erleuchtungen suchen? Walter Benjamin (1892-1940), Philosoph, Literaturkritiker und Filmtheoretiker, gab auf diese Frage Antworten, die bis heute verstören. Mitten im modernen Leben können „spirituellle“ Erfahrungen den Menschen treffen. Sie kommen plötzlich, sind unberechenbar und halten sich überhaupt nicht daran, auf eine „religiöse“ oder „spirituelle“ Atmosphäre begrenzt zu sein. Die Begegnung mit dem anderen Menschen, die Erinnerung an einen fast vergessenen Geschmack, eine Szene in einem Kinofilm oder ein unerwarteter Gedanke lassen uns Schwellen überschreiten. In den Blick kommen Erfahrungen, die uns radikal verändern können. In einer poetischen Sprache hat Benjamin sie beschrieben. Sein Werk verbirgt ungewöhnlich reiche und subtile Gedanken, die um diese Begegnungen kreisen. Da ist die Rede von der Erfahrung der Kindheit, dem Spielzeug, den großen Bahnhöfen oder von alltäglichen Dingen, hinter denen sich Appelle verbergen.“ Dr. Rainer Otte ist Philosoph, Filmemacher, Wissenschaftsjournalist.

Artikel zum Thema in Tattva Viveka:
TV 02: Ronald Engert – Omnia videns. Zur Sprachtheorie der Kabbala
TV 03: Ronald Engert – Zur Kritik der Gewalt. Nach dem Aufsatz von Walter Benjamin
TV 16: Ronald Engert – Leben bestimmt Leben. Zum Unterschied von Leben und Materie

Mehr zum Thema auf meiner Walter Benjamin-Seite: http://wbenjamin.de

Zur Tattva Viveka Homepage geht es HIER.

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Berlin, Bhakti, Soziale Netzwerke, Spirituelle Kultur

Berlin Blog

Gedenktafel zu Berthold Brecht, auf dem Weg zur Beratung

03.09.2010

Gestern war ein ereignisreicher und durchaus heterogener Tag. Zuerst hatte ich einen Termin beim „RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft e. V.“, wo ich eine Beratung für meine Firma erhielt.
Dann war ich am Nollendorfplatz und stolperte zufällig in die Schwulenszene Berlins. Am Abend schließlich besuchte ich das wichtigste Jahresfest der Hare Krishnas, Krishnas Geburtstag.

Was RKW heißt, konnte ich auch nach längerer Recherche auf ihrer Homepage nicht herausfinden. Vielleicht wissen sie es selbst nicht. Jedenfalls geht es um Wirtschafts-Förderung. Sie haben einen neuen Bereich für kulturkreative Projekte gegründet und auch gleich einen Wettbewerb ausgeschrieben, an dem ich teilnehmen werde. Einsendeschluss ist der 12. September. Ich fand das vor ein paar Tagen zufällig in meinem Xing-Postfach, wo ich in einer Gruppe für Fördermittel bin. Ich kann nicht behaupten, dass ich diese Dinge plane. Sie geschehen einfach. Ich bin ein guter Sammler und ich bewege mich gerne in den aktuellen Zusammenhängen des „social media“. Irgendwie bin ich da drüber gestolpert, wie es ja auch eine social bookmark-Seite gibt, die „stumbleupon.com“ heißt. Jedenfalls rief ich gleich an und machte einen Termin mit dem Kulturbeauftragen. Gestern traf ich ihn. Ein sehr netter Mensch, der sich sehr kompetent und wertschätzend meine Situation angehört hat und mir sehr gute Tipps gegeben hat. Wir werden uns auch wieder treffen. Er sagte, ich hätte die richtigen Fragen gestellt und mein Unternehmen (die Tattva Viveka) sei ein idealer Kandidat für ihre Unterstützung. Ich fand einen professionellen Unternehmensfachmann. Wir sprachen über die Möglichkeit eines Investors, mit dem zusammen eine zweite Firma, eine Vermarktungsgesellschaft gegründet werden könnte. Dieser investiert in die Firma, z.B. auch mit der Gegenleistung Werbung in der Tattva Viveka zu bekommen und letztlich an den steigenden Umsätzen beteiligt zu sein. Ziel ist es, die Auflage zu steigern, z.b. auf 30.000 Ex., dafür social media zu nutzen und den Verlag nach Berlin umzusiedeln. Es wird Zeit, die Tattva auf das nächste Level zu heben, aber mit den bisherigen Mitteln geht es nicht weiter. Ich bin bereit und habe Lust, Neues zu wagen und professionell unternehmerisch an die Sache heranzugehen. Dazu gibt es Förderungen für Coaching, hohe Bürgschaften der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) und einen Kreativwettbewerb: http://www.kultur-kreativpiloten.de.
Nach dem Termin war ich richtig begeistert von den neuen Möglichkeiten und der kompetenten Beratung. Schön, dass es sowas gibt. Der Kreativbeauftragte war auch begeistert, denn – so seine Erfahrung – ich sei einer der wenigen aus der kulturkreativen Verlagsbranche, der bisher die neuen Möglichkeiten des Web 2.0 erkannt habe.

Motzstraße / Nollendorfplatz

Ich hatte dann nur noch zwei Stunden Zeit bis zum Krishna-Fest und fuhr deshalb mit der U-Bahn einfach mal an den Nollendorfplatz. Mal schauen, wie es dort aussieht. Es gibt dort viele hochkarätige Antiuquariate. Wahre Fundgruben für Büchernarren wie mich. Ich habe aber nichts gekauft. Ich habe eh schon genug Bücher. Eins, zwei Straßen weiter wunderte ich mich zunehmend über das Publikum in den Straßen. Lauter Männer, alle irgendwie gleich aussehend, bärtig, stylisch, schwarz gekleidet, meistens zu zweit oder zu mehreren, meistens so zwischen 40 und 50 Jahre alt. Ein seltsamer Army-Shop mit Lederkleidung in der Auslage und eindeutig sexuellen Accesoires, Bars usw. Einige Männer starrten mich an. Ich schaute weg, fand das etwas aufdringlich.

Ich kam an einem Friseurladen vorbei, dort arbeiteten auch Frauen. Der Laden schien aber einem Schwulen zu gehören. Ich brauchte dringend einen Haarschnitt und ging rein. Im Wartebereich lauter Schwulen-Magazine und ein Event-Heftchen für einen großen Schwulen- und Lesbentag am Samstag, 4. September, mit einem Grußwort von Wowereit, dem schwulen Oberbürgermeister von Berlin. So von wegen Offenheit und unterschiedliche Lebensstile. Im Heft auf jeder zweiten Seite eindeutige Anzeigen für schnellen Sex, Leder-, Lack- und Gummifetische, Bars, Lederkleidung und reihenweise Bilder von haarigen, oberkörperfreien Männer von den vorangegangenen Events, die sich im Arm hielten usw. Mehrfach gab es auch Master and Slave-Posen zu bewundern, eins oder zwei Jungs auf allen Vieren mit Halsband und Hundeleine und einer, der steht und die Leine hält.
Ich fand es seltsam und wunderlich, was es alles für Welten gibt. Offensichtlich genießen es diese Menschen, so zu sein.

Radha und Krishna werden geschaukelt

Eine Welt ganz anderer Art und ein harter Kontrast war sodenn auch mein dritter Tagesordnungspunkt: die Krishna-Fete. Ich fuhr mit der S-Bahn nach Tempelhof. In einer Seitenstraße im Hinterhof (Neue Straße 21) befindet sich ein kleiner Veranstaltungsraum, der als Treffpunkt der Krishna-Gemeinde genutzt wird. Ein Altar mit den Bildgestalten von Radha und Krishna, sowie Sri Caitanya und Nityananda, und Menschen, die die indischen Bhajans singen. Viele alte Freunde, die ich zwei Jahre nicht mehr gesehen hatte. Das war ein großes Hallo. Ich tauchte in die Bhajans ein. Die spirituelle Atmosphäre war spürbar für mich und ich konnte mich relativ gut eintunen. Manchmal kam ich in die Bewertung, aber dankenswerterweise wurden die Bhajans immer besser und ich konnte mich einlassen. Es wurde ekstatischer und freudiger. Ich hörte die altbekannten Tunes in dem besonderen Stil der Gaudiya Vaisnavas der Linie von Narayan Maharaj, der so authentisch indisch rüberkommt, so unwestlich, gleichzeitig mit einem treibenden Beat und doch ganz anders, weich, erherzend. Zwei gute Trommelspieler, ein Harmonium und schöne Melodien brachten mich zum tanzen. Ich kam in einen spirituellen Zustand der Liebe und des Friedens. Ja, es ist schön, für Gott zu singen und zu tanzen. Es ist anders als weltliche Beschäftigung, die für den eigenen Nutzen ausgeführt wird. In diesen Liedern und Zeremonien für Krishna ist man automatisch in eine Beschäftigung eingebunden, die ein Dienst für Gott ist. Das ist einfach eine andere Dimension. Die Herzen der Menschen gingen auf, zumindest meins. Wir badeten Radha und Krishna mit Säften, Honig, Joqurt und Wasser.


Danach wurden sie schön angekleidet und geschaukelt. Das war schon auch wunderlich, eine Runde von vielleicht 30 erwachsenen Personen zu beobachten, die zwei Püppchen auf einer Spielzeugschaukel schaukeln. Aber das sind keine Puppen und das ist kein Spielzeug. Das ist die höchste spirituelle Handlung, die man als Mensch ausführen kann. Behaupte ich jetzt mal so unbegründet.


Ich könnte es begründen, aber dazu müsste ich sehr weit ausholen. Das ist die ernsteste und existentiellste Handlung, die man tun kann. Sie befreit meine Seele und sie lässt mich eine wunderbar süße Liebe zu Göttin-Gott spüren. Ja, das kann man nicht logisch erklären. Das ist eigentlich widersinnig. Irrational. Aber ich konnte es gesternabend wieder fühlen. Es ist eine klare, warme und reine Liebe. Diese Liebe manifestiert sich in diesen Handlungen, nicht im Denken darüber. Die Handlungen sind das Baden, Anziehen und Schaukeln. Was würdest du mit deinen Liebsten machen? Mit deinen Kindern oder deiner/deinem Geliebten? Genau das wird hier für Göttin-Gott getan, für Radha und Krishna. Das ist Religion! Und es ist egal, ob Radha und Krishna hier mit Haut und Knochen gegenwärtig sind, also mit dem physischen Leib. Es geht um die Seele, um unsere spirituelle Essenz, die jenseits von chemischen Elementen und zeitweiligen physischen Formen ist. Es geht um die Essenz. Dass diese Liebe beim Schaukeln dieser Bildgestalten möglich ist, sagt sehr viel aus über die Bauweise der Wirklichkeit. Narayan Maharaj, der spirituelle Meister dieser Linie, wurde einmal gefragt: „Was ist mehr real, das Bild des Meisters oder der Meister selbst?“ Er antwortete: „In der materiellen Welt ist sowohl das Bild als auch die Person Illusion. In der spirituellen Welt ist sowohl das Bild als auch die Person real.“
Bild und Wirklichkeit fallen nur in der Illusion auseinander. In der Wahrheit sind Bild und Wirklichkeit unmittelbar verbunden, sie sind übereinstimmend. Das Problem der Wahrnehmung existiert nur in der Welt der Illusion, die kurzgesagt das umfasst, was nicht mit Göttin-Gott verbunden ist. Je weiter wir uns von Gott entfernen und uns selbst zum Mittelpunkt unserer Motive machen, also egoistische, altruistische, materialistische, zeitweilige Ziele anstreben, desto mehr fallen Bild und Wirklichkeit auseinander. Das Bild wird manipuliert, um die Motive bzw. den Schmerz und die echte Scham, die aus dem Missbrauch entstehen, zu verschleiern. Nur die Handlung für Gott gibt das saubere, reine, cleane Bild. In der Ausführung dieser Handlung erkenne ich automatisch, dass diese Handlung clean ist, denn sie enthält keine egoistischen, altruistischen, materialistischen oder zeitweiligen Ziele. Es muss nichts vertuscht, beschönigt, rationalisiert oder manipuliert werden. So manifestiert sich reine Freude und Liebe. Wir sind halt doch Dienerinnen und Diener Gottes, ob wir wollen oder nicht. Besser, wir akzeptieren es.

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Berlin

Berlin Blog

18.08.2010

Gesternabend war ich noch im Prenzlauer Berg und bin mal durch die Lychener Straße gelaufen. Sie liegt in der Nähe von der Schönefelder Allee, da wo auch die Pappelallee beginnt, an der U-Bahn-Haltestelle Eberswalderstraße der U2.
Im Sommer 1990 lebte ich mal für zwei Monate in der Lychener Straße 58. Das war also ganz kurz nach dem Fall der Mauer. Das Haus war ein völlig heruntergekommenes Gebäude in U-Form, der eine Flügel war schon wie eine Ruine. Es war einfach ein Teil abgebrochen und eine Hauswand fehlte komplett. Die Wohnung – in einem anderen U-Teil – war dennoch eine schöne, große Einzimmerwohnung, die damals, glaube ich, so ungefähr zwanzig Mark Miete im Monat kostete. Ein Freund hatte sie gemietet und war dann doch nicht dort, also nutzte ich die Wohnung.
Prenzlauer Berg, ehemals Ost-Berlin, war damals gerade erst von den aus dem Westen kommenden Punks und Freaks bevölkert worden. Es gab zahlreiche besetzte Häuser und ansonsten viel Leerstand, da die Häuser so kaputt waren. Es gab Wohnungen oder ehemalige Kneipen im Erdgeschoss, die von Freaks mit alten Sofas und Sesseln ausgestattet wurden. Alles war ziemlich trashig, bunt angemalt, mit Sperrmüllmöbeln ausgestattet, ganz einfach. Keiner hatte Geld, aber alle hatten viel Phantasie.
Auf den Straßen standen alte Schrottautos herum, die dort schon Monate oder Jahre zu stehen schienen. Die Fassaden waren vergammelt. Es waren Häuser, die einfach 40 Jahre abgewohnt worden waren, ohne jemals renoviert worden zu sein.

Koloniestraße, Wedding

Punks, Freaks und Hippies hingen in den Straßen herum und es war wie in einem Dorf, in diesem Viertel zu leben. Man konnte in viele Häuser einfach so reinlaufen. Wir gingen bisweilen in ein Treppenhaus rein und ganz hoch und konnten dann über die Dächer auf die andere Seite des Block wechseln. Ist ja spannender als immer nur die Straße zu nehmen …
Es gab kaum Läden, und wenn, dann waren es so typische DDR-Läden mit tristen Auslagen und leeren Regalen. Die Schrippen (Brötchen) kosteten acht Pfennige, eine U-Bahn-Fahrkarte kostete 20 Pfennige. Die Straßen bestanden aus Kopfsteinplaster, die Gehwege aus breiten Granitplatten, die etwas schief und krumm da lagen, da der Zahn der Zeit doch an ihnen genagt hatte. Es war eine Mischung aus Weltuntergang und Aufbruchstimmung, ein nach dem Abzug der alten Mächte verlassener Ort, eine befreite Zone für die Outcasts der westlichen Gesellschaft.

S-Bahn Bornholmerstraße, Wedding

Gestern bot sich mir ein anderen Bild: geleckte Läden einer nach dem anderen, dazwischen nette, beschauliche Lokale, in der sich brave junge Leute tummelten. Alles komplett domestiziert, alles sauber und adrett. (Leider keine Bilder, da es dunkel war.) Es war ein gewaltiger Kontrast für mich, jetzt, zwanzig Jahre später, wieder durch mein altes Viertel zu laufen. Die Straßen vollgeknallt mit parkenden Glitzer-Autos, die Häuser modernisiert. Heute ist der Prenzlauer Berg eine begehrte Wohnlage, immer noch ein Viertel, das in ist. Wiewohl die progressiven und alternativen Schichten mittlerweile abwandern. Das Viertel ist „abgefeiert“, wie eine meiner Autorinnen sagte, die schon 25 Jahre in Berlin wohnt.
Das Viertel wird immer wohlhabender, reicher. Es finden sich nun Läden für Klaviere und Flügel von Steinway, Innenarchitektur, Kunsthandwerk, dekadentem Nippes aus den Siebziger Jahren und alles, aus was der übersättigte Wohlstandsbürger noch einen neuen Kick machen kann.
Ich war wirklich traurig und fast geschockt. Dieser Kontrast schlug mir mit einer derartigen Wucht entgegen. Ich hatte direkt keine Lust mehr, in Berlin zu wohnen.
Aber das ist auch nur ein Viertel in Berlin. Es gibt so viele Kieze. Manchmal ist jede Straße anders. Ich fuhr im Bus zurück in den roten Wedding, wo ich nun wohne. Der Bus im Prenzlauer Berg war voll mit jungen Leuten vom Schlage StudentIn, und nur solche. Im Bus oder der Tram im Wedding begegnet man völlig anderen Menschen, vielen Migranten, ansonsten Berliner Proletariat. Die Soldiner Straße, wenige Meter von unserer Wohnung entfernt, ist einer der heißesten sozialen Brennpunkte in Berlin, wo die Polizei nur mit schusssicheren Westen reinfährt.

Ein extremes Beispiel aus der Koloniestraße/Soldinerstraße, Wedding

 

Hinterhof in der Koloniestraße, Wedding

Gewaltdelikte sollen jedoch nur untereinander vorfallen, Diebstähle und Einbrüche können allerdings jeden treffen, wie mir von meiner Mitbewohnerin, die mal gute Kontakte zur Polizei hatte, glaubwürdig vermittelt wurde. Gerade am Wochenende wurde in der Wohnung unter uns eingebrochen. Haustüren müssen deshalb immer gut verschlossen bleiben. Eine Minute kann ausreichen und schon ist was geklaut.
Die Läden hier im Viertel sind fast alle türkisch, vor allem in der naheliegenden Prinzenallee, die wie eine türkische Stadt anmutet. Dazwischen gibt es auch mal arabische Schriftzeichen an den Schaufenstern. In der Badstraße, einer Hauptgeschäftsstraße des Wedding, findet man auch schon gediegen ausgestattete Versicherungsagenturshops oder Telefonläden mit komplett türkischem Außenauftritt. Nicht weit davon in einer Seitenstraße ist übrigens ein sehr gutes pakistanisch-indisches Speiselokal, das Shalimar in der Bellermannstraße. Völlig abgelegen vom Hauptstrom und unscheinbar, ist es ein Geheimtipp. Das Essen ist lecker und preiswert. Die Betreiber sind super nett. Ein kleiner Außensitzbereich zur Straße hin macht den Besuch in lauen Sommernächten zu einem richtig gemütlichen Abend. Dort traf ich übrigens vorgestern eine Frau, die mich vor 15 Jahren einmal in der Tattva-Redaktion besucht hatte. Sie ist die Übersetzerin der Bücher des Advaita-Lehrers Raffael aus Italien. Das war ein großes Hallo und wir speisten dann zusammen und unterhielten uns lange angeregt.
Gestern morgen traf ich dann gleich noch eine Bekannte in der Badstraße. Berlin hat zwar sechs Millionen Einwohner, aber trotzdem habe ich nun schon zweimal jemand Bekanntes auf der Straße getroffen …

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