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Posts Tagged ‘Gefühle’

Angenommene Angst

23. Februar 2014 8 Kommentare

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Vor einigen Tagen hatte ich eine interessante Begegnung mit meinen Gefühlen. Ich kenne Zeiten, wo ich mich sehr, sehr einsam fühlte und sehr im Minderwert war. Meistens ist das nicht mehr so, doch an diesem Tag kamen diese Gefühle der Einsamkeit, der Angst und der Leere wieder in mir hoch. Ich saß in meinem Zimmer am Schreibtisch und es ging mir zunehmend schlechter. Ich fühlte mich beschissen und konnte gar nicht genau sagen, was los ist, nur, dass ich das von früher kannte. Ich wollte dieses Gefühl nicht haben. Mein Verstand überlegte fieberhaft, was ich tun könnte. Mein Verstand sagte, ich sei ein schwacher unfähiger Mensch, weil ich jetzt dieses Gefühl habe, und es müsse doch eine vernünftige Handlung geben, um weiterhin konstruktiv und positiv zu sein. Da fiel mir das Regal ein, das ich schon seit einiger Zeit aufbauen wollte und dachte mir, das muss ich jetzt tun. Aber die Verzweiflung ließ mich nicht los und Lust dazu hatte ich auch nicht. Ich habe es auch nicht getan. Stattdessen schaltete sich meine Intelligenz ein und ich betrachtete mich von oben, denn ich weiß, dass es darum geht, nicht vor den Gefühlen wegzulaufen oder sie zu verdrängen, sondern sie anzunehmen und zu fühlen. Ich blieb also sitzen und ließ mein Gefühl zu. Ich ging in diese Einsamkeit, den Schmerz und in die Angst. Und was dann passierte, erstaunte mich zutiefst. Meine Wahrnehmung wurde ganz hell und genau. Nachdem ich wenige Minuten dieser Angst Raum gegeben hatte, fühlte ich plötzlich ganz viele verschiedene Gefühle, die sich abwechselten oder parallel auftauchten und wieder verschwanden. Dann wurde ich ganz ruhig und zufrieden. Ich fühlte mich selbst und das war ganz gut. Die Angst verschwand und ein Gefühl des Friedens stellte sich ein. Es war, als ob die Angst selbst zufrieden geworden war, weil sie sich gesehen fühlte. Sie wollte einfach nur wahrgenommen werden. Nur wenn ich in meinem üblichen Muster direkt in die Ablehnung der Angst gehe, wird sie so bedrohlich. Und in der Tat konnte ich die Erfahrung machen, dass angenommene Angst sich so schön wie ein Orgasmus anfühlen kann.

Nachtrag:

Das Erlebnis ist nun schon ein paar Wochen her. Es ist immer noch bedeutsam für mich und es hat sich seitdem etwas geändert: Ich habe viel mehr Liebe für mich und keine Angst mehr vorm Alleinsein.

Liebe dich selbst

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Die ewige Identität

7. November 2013 2 Kommentare

414838_472466966113259_905109900_oDie Bhakti, die Gottesliebe, greift langsam aber sicher. Ich fühle, wie sich die spirituelle Energie ansammelt, verdichtet, verstärkt. Ich fühle Radhika. Ich fühle ihre Liebe. Sadhu Maharaj überschüttet mich mit seiner spirituellen Liebe. Er will mir seine Barmherzigkeit geben. Es wartet ein neuer Schritt auf mich: die Begegnung mit meiner spirituellen Identität, konkret. 

Jeden Tag entwickelt sich meine Stimmung der Liebe, die Bhakti, weiter. Sie lädt sich auf durch die Umgebung und die Gemeinschaft, Vrindavan als heiliger Ort, die Gottgeweihten um mich herum, die vielen Tempel und die vielen Orte, an denen das göttliche Spiel permanent stattfindet. Das göttliche Spiel ist real, es findet hier und jetzt statt. Jedes Sandkorn, jedes Silizium-Atom, ist hier mit der göttlichen Schwingung informiert. Es ist nicht egal, wo man sich befindet, denn jeder Ort trägt seine spezifische Information, die aus den sich dort befindenden Lebewesen, ihrem Bewusstsein und ihren jeweiligen Taten resultiert.

Radha und KrishnaHier an diesem Ort, Vrindavan, wirkt Radha, die Göttin der Liebe. Wir stehen in Kontakt. Sie möchte mich auf der spirituellen Ebene treffen, in meiner spirituellen Identität. Diese Identität, mein siddha-deha, gilt es zu finden. Sie wird vom spirituellen Meister offenbart, indem er in seiner Meditation in das göttliche Spiel hineingeht und mich dort sucht. Ohne siddha-deha, ohne spirituellen Körper, kann man das göttliche Spiel nicht schauen. Und ohne diesen siddha-deha kann man auch die prema, die göttliche Liebe, nicht voll und ganz erfahren. Dazu brauchen wir das goldene Gefäß.

Wir lesen täglich zwei- bis dreimal aus dem Radha-Rasa-Sudhanidhi von Srila Prabhodananda Saraswati (Hit Harivamsa), einer Schrift ca. aus dem 17. Jahrhundert, und Sadhu Maharaja gibt dazu seine Verwirklichungen. Er erfährt die spirituelle Ebene in seinem Gefühl. Er spricht aus der Liebe und ich erkenne immer wieder von Neuem: Es ist die Liebe, aus der das Wissen entspringt. Wissen ohne Liebe ist trocken und maschinell. Es ist logisch-rational, nicht lebendig und dadurch unvollständig. Aber aus der spirituellen Emotion der Liebe offenbart sich das Wissen über die gesamte Existenz des Lebewesens. Und die primäre spirituelle Emotion der Liebe ist die Liebe zu Gott. Aus dieser Erfahrung der göttlichen Liebe entspringt die Liebe zu allen Lebewesen. Das Ego schmilzt.

Wissen ist nicht schlecht. Es ist sehr gut, philosophisch die Wahrheit zu suchen und im Denken stark zu sein, aber es ist nur die Unterstützung der Liebe, das Mittel, nicht der Zweck.

Radha Mohan

Radha Mohan, Altar-Bildgestalten im Munger Mandir in Vrindavan

Echtes Wissen resultiert aus gelebter Liebe. Es ist kein Buchwissen oder bloße Information. Es wird als lebendige, integrale Erfahrung von Mensch zu Mensch durch die Barmherzigkeit weitergegeben. Die Barmherzigkeit, die der Erleuchtete dem Anwärter gibt, besteht aus Liebe. Der Anwärter muss allerdings bereit sein, sich diesem Schauer der Barmherzigkeit auszusetzen. Es bedeutet, er wird nass. Wir scheuen uns vor dieser Nässe und rennen lieber weg. Oder wir nehmen einen Regenschirm. Nass werden bedeutet, dass man das falsche Ego aufgeben muss, es kann zum Fieber kommen, wenn man die spirituelle Reinheit nicht auf Anhieb verdauen kann. Die alte Identität verändert sich zu einer neuen. Aber was für einen besseren Weg sollte es geben, als den in meine ewige spirituelle Identität als Teilnehmer im göttlichen Spiel, als ewige Gefährtin von Srimati Radhika?

Bhakti-Homepage von Ronald Engert: www.gopi.de

Die spirituelle Bedeutung von Geld

oder: wie man mit 4000€ eine Gruppe von Menschen an ihre Grenzen bringt.

 

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Vor einigen Jahren war ich einmal auf einem fünftägigen Seminar, wo es um die spirituelle Bedeutung von Geld ging. Eine Übung, die wir machten, bestand darin, dass die Seminarleiter eine Glasschüssel mit Geld vorne hinstellten. In dieser Schlüssel befanden sich 4000 € in zerknitterten Scheinen. Dadurch, dass die Scheine zerknittert waren, füllten sie die ganze Schüssel. Das Geld verschenkten sie. Die Übung bestand darin, dass man freiwillig vortreten konnte, um Geld aus der Schüssel zu nehmen. Die einzige Bedingung war, dass man offen sagte, wie viel und für was man das Geld haben möchte. Außerdem hatten die beiden Seminarleiter sowie alle Anwesenden das Recht zu sagen, ob das okay sei. Es zeigte sich im Lauf der Übung, die insgesamt drei Stunden dauerte, dass die Seminarteilnehmer, ca. 70 Menschen, emotional und energetisch voll in ihre Prozesse kamen und jeder sofort spüren konnte, welche Motive hinter dem Geldwunsch steckten und ob dieser Betrag, den die jeweilige Person nehmen wollte, stimmte.

Es war erschütternd festzustellen, wie viel Schmerz und Scham mit diesem Thema verbunden sind und wie tief das Thema Geld in die eigene Bedeutung als Seele, als Person und als Mensch hineinragt. Es ist unmittelbar verbunden. Die Menschen standen teilweise vorne und zitterten, weinten oder brachen zusammen, wenn sie sich mit ihrem Wunsch zeigen mussten. Der Wert des Geldes war unmittelbar mit ihren Selbstwert verknüpft. Das Geld wurde tatsächlich verschenkt. Es war kein Spiel und keine Simulation. Dadurch nahm die Übung einen sehr existenziellen und ernsten Charakter an. Hier kamen alle Schatten hoch, die die Menschen hatten, aber auch ihre reine Freude, wenn sie das Geld bekamen und sich nun einen besonderen Wunsch, wie z.B. ein Kleid oder eine Reise erfüllen konnten.

In der Schüssel war ein 500 € Schein, mehrere Hunderter, ansonsten Fünfziger, Zwanziger und Zehner. Je kleiner der Betrag, umso mehr Scheine waren darin. Viele wollten so ca. 20-30 € haben. Sie sagten, sie wollten sich einen kleinen Wunsch erfüllen, oder für ihre Kinder etwas kaufen oder Ähnliches. Ein Mann wollte 100 €. Er war der Egoist in der Gruppe. Er ging nach vorne, brachte seine Erklärung vor, die ziemlich selbstherrlich war, und nahm sich Geld aus der Schüssel. Niemand der Anwesenden klatschte oder fühlte Zustimmung. Es herrschte ein betretenes Schweigen im Raum, als er sich das Geld nahm. Die Seminarleiter, die in der Regel ihr Feedback gaben, sagten nichts. Am Ende der Übung, zwei Stunden später, trat er jedoch vor und sagte, dass er sich sehr schlecht fühle und das Geld zurückgeben möchte. Er hatte seine egoistische Haltung erkannt und erklärte, dass er es getan hatte, weil er seinem Sohn gegenüber den starken Mann markieren wollte. Er fühlte aber jetzt, dass es nicht stimmig war. Nachdem er Zeuge der ganzen anderen Prozesse geworden war, wo die Menschen um ihren ehrlichen Wert gerungen hatten, ging es im so schlecht, dass er es nicht aushalten konnte. Er musste das Geld zurückgeben, das war ihm ein dringendes Bedürfnis und er entschuldigte sich vor der versammelten Gruppe.

Der 500 € Schein lag sehr, sehr lange in der Schüssel und niemand traute sich, ihn zu nehmen. Irgendwann trat eine Frau vor. Sie erklärte, dass sie als Kind nie Taschengeld bekommen hatte, aber von ihrem Vater für kleine Arbeiten bezahlt wurde und er ihr die Groschen in einer mahnenden Weise vorgezählt hatte, was sie sehr beschämte und erniedrigte. Sie wollte Geld nehmen, einfach um mal etwas zu bekommen, ohne dafür etwas leisten zu müssen. Der Seminarleiter fragte sie, wie viel sie denn nehmen möchte. Es wurde deutlich, dass es hier um ihren Selbstwert ging, der in ihrer Kindheit schon verletzt worden war. Sie war sehr unsicher und hatte Tränen in den Augen. Sie zögerte und traute sich nicht an die Schüssel zu treten. Der Seminarleiter musste sie mehrfach auffordern, aber sie konnte keinen Betrag nennen. Schließlich musste sie sich direkt vor die Schüssel stellen und nahm schließlich einen 20 € Schein. Alle im Raum waren sehr betroffen. Waren es 20 €, die sie sich wert war? Hatte sie so viel Angst und Scham, sich mehr zu nehmen, wenigstens 50 € oder vielleicht 70 €? Sie zitterte und weinte. Der Seminarleiter trat zu ihr, nahm sie in die Arme, griff in die Schüssel und gab ihr den 500 € Schein. Da brach sie zusammen. In dieser Geste verdichtete sich das ganze Leiden ihres Lebens, die Erniedrigung als kleines Kind und ihr Leben als Frau, die nie die Chance hatte, Selbstwert zu entwickeln. Es war wirklich bestürzend, welche Kraft das Geld hatte und wie stark es in den Selbstwert der Menschen eingriff.

Illustration005Es gab viele dieser erschütternden Begebenheiten. Es wurde klar, dass jeder mit diesem Vortreten und Nehmen des Geldes seinen eigenen persönlichen Wert erklären musste und direkt an seinen Schatten kam. Er musste für seine Vision, seine Werte und seine Bedürfnisse geradestehen, und alle diese Gefühle von Scham, Angst und Schmerz kamen hoch. Mir wurde klar, wie unmittelbar Geld mit unserem Selbstwert verbunden ist. Es war unmittelbar fühlbar und existentiell, obwohl es hier nicht einmal darum ging, das eigene Geld herzugeben, sondern darum, geschenktes Geld zu nehmen. Man konnte nicht verlieren, nur gewinnen. Aber es war so real und niemand konnte sich der existentiellen Berührtheit entziehen. Alle Themen von Selbstwert, Verdienst, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Wahrheit kamen direkt in Sicht. Niemand konnte sich dieser blutigen Realität entziehen.

Wir Menschen haben das Geld geschaffen, und ich glaube, es war ursprünglich genau dieser unmittelbare Ausdruck unseres eigenen Wertes, unseres Vermögens, unseres Verdienstes von dem, was wir mittels unserer kreativen schöpferischen Kraft, mittels unserer Spiritualität erschaffen haben. Nur weil das Geld so wirksam ist, wurde es im Laufe der Geschichte so massiv missbraucht und dazu benutzt, Menschen zu quälen, zu erniedrigen und zu vernichten. Im hellen Spiegel jedoch ist das Geld tatsächlich ein Ausdruck unserer Wertschätzung und unserer gegenseitigen Liebe. Das Geld ist jedoch unbewusst oder auch bewusst extrem negativ besetzt, weil es so massiv missbraucht wurde und im dunklen Spiegel verwendet wurde und wird. Wir können den positiven Ausdruck des Geldes nicht erkennen, geschweige denn fühlen.

Es wird nicht ausreichen, diese negative Haltung gegenüber Geld zu kultivieren und als Ultima Ratio, als letzte Schlussfolgerung zu etablieren, indem wir Geld ablehnen, das Geld abschaffen wollen oder einfach planlos verschenken, als ob es keinen Wert hätte. Es war in der Übung deutlich fühlbar, dass es einen stimmigen Betrag gibt, der für den Menschen und sein jeweiliges Anliegen in dieser Situation der richtige ist. Dies war wirklich ein Abwägen von der genauen Anzahl an Euros. Teilweise spürten wir, wie die Person, die vorne stand, zu wenig nahm. Sie schätzte ihren Wert zu niedrig ein. Meistens war es so. Bei manchen konnten wir spüren, das stimmt. Und es gab wirklich nur einen von 70 anwesenden Personen, der sich deutlich über Wert bedient hat, wie oben beschrieben. Es ist notwendig, diese Beziehung zum Geld zu heilen und sich den eigenen Schatten diesbezüglich anzuschauen. Erst wenn das Geld wieder im hellen Spiegel als Ausdruck unserer gegenseitigen Liebe und Wertschätzung gehandelt wird, können wir von einer Heilung sprechen.

Es zeigt sich bei näherer Untersuchung der Kategorien und Begriffe der monetären Sphäre, dass alle Begriffe, die es im Finanzbereich gibt, auch zugleich sehr tiefe emotionale und spirituelle Kategorien benennen. Zum Beispiel der Begriff des Erlöses. Finanziell ist der Erlös der Gewinn, den das Geschäft abwirft. In der spirituellen Sphäre ist es die Erlösung, das höchste Ziel des gläubigen Menschen. Auch der Begriff der Zuwendung, finanziell die Bezahlung für eine Leistung, ist in der emotionalen, inneren Welt des Menschen eines der elementaren Grundbedürfnisse überhaupt: die Liebe und Zuwendung, die wir von anderen Menschen bekommen. Der Begriff Verdienst bzw. verdienen bezeichnet ein ökonomisches Verhältnis, das im Begriff des Dienens in der spirituellen Sphäre als Gottesdienst und Diener Gottes die höchste Schlussfolgerung einer spirituellen Identität darstellt. Es zeigt sich in unserem Gewissen, dass wir etwas, dass wir nicht verdient haben, nicht mit gutem Gewissen nehmen können. Wir werden daran keine Freude haben. Und es scheint so zu sein, dass alle diese Dinge zu ihrem gerechten Ausgleich drängen. Auch der Begriff der Schuld, im Finanzbereich die berüchtigten Schulden, ist in der moralischen, ethischen, emotionalen und im Sinne der letztgültigen Wahrheit auch in der spirituellen Sphäre von unverzichtbarer Bedeutung und nicht reduzierbar. Viele Menschen versuchen, Schuld generell als nicht existent zu deklarieren. Ich denke, dass derartige Manöver der Erkenntnis der Wirklichkeit und dem, was wirkt, keinen guten Dienst erweisen. Zu viel Schmerz, Verletzung und Beschämung wurden durch die Kategorie der Schuld über die Menschen gebracht. Man möchte davon nichts mehr hören. Aber das ist nicht die Lösung. Gerade weil die Schuld eine dermaßen wirksame Kraft ist, wurde sie missbraucht. Aber zugleich ist sie der Weg zur Erlösung. Das haben natürlich die alten Religionen erkannt, gerade das Christentum hat zu diesem Bereich tiefe Erkenntnisse. Es ist vielleicht angemessen, von einer Ökonomie der Ethik zu sprechen. Wir können diese Kräfte nicht benutzen, ohne den Preis dafür zu zahlen. Alles drängte zum Ausgleich und zur Vergeltung (›vergelt‘s Gott‹).

Weitere Begriffe sind zum Beispiel der Kredit, von dem lateinischen Wort credere = glauben. So sprechen wir heute noch davon, in Misskredit zu geraten, als unseren Ruf und unsere Glaubwürdigkeit zu verlieren. Kredit im spirituellen Sinn müsste also der gute Ruf oder die Glaubwürdigkeit sein, was noch das englische ›credits‹ belegt, was u.a. Ehre  oder Anerkennung bedeutet. Auch die Copyright-Quellen heißen im Englischen credits, also die Ehre der Urheberschaft.

Illustration004Auch das Wort ›reich‹ ist von universaler Bedeutung. Als ›Reichtum‹ ist es in der monetären Sphäre das höchste Ziel. In der Philosophie und Metaphysik ist es als ›erreichen‹ oder ›reichen‹ der Ausdruck einer Erfüllung, Zielerreichung, Vollkommenheit, als ›Reich Gottes‹ sogar der Name des absoluten Ortes.

Die beiden Sphären des Geldes und der Spiritualität greifen unmittelbar ineinander. Wahrscheinlich sind sie in der Urzeit auseinander hervorgegangen. Geld als abstrakter Wertindikator und Sprache1 ist der nach außen manifestierte Ausdruck unserer inneren Werte sowie der realen Kräfteverhältnisse. Wir haben als spirituelle, lebende Wesen Kraft. Diese Kraft kann etwas erschaffen, schöpfen. Sie kann aber auch zerstören. In der sozialen und kollektiven Wirklichkeit der Vielzahl der Subjekte, also der lebenden, mit schöpferischer Kraft ausgestatteten Wesen, ist die energetische Ökonomie von Schuld und Verdienst, von Soll und Haben das objektive Regulativ, um Ausbeutung und Übervorteilung bzw. Benachteiligung auszugleichen. Es muss am Schluss immer Null herauskommen. Alle Schulden müssen getilgt sein, jeder Verdienst muss ausgezahlt werden. Wir zählen unser Geld, aber wir suchen auch nach der Wahrheit, nach dem, was wirklich zählt. In der tiefsten spirituellen Verquickung von Geld und Seele enthüllt sich die reale Struktur der Wirklichkeit.

Durch die Verschleierung dieser Wahrheit in der Ideologie ist dieses Wissen verloren gegangen. Es wurde verschleiert, um die Macht zu erhalten und den Ausgleich der Schuld, die die Ausbeuter auf sich geladen haben, zu verhindern. Nach der Ausbeutung haben die Ausbeuter auch noch die Unwissenheit in die Welt gebracht. Wenn wir heute als Vertreter der emanzipativen Kräfte das Geld oder die Ökonomie ablehnen, beteiligen wir uns selbst an der Verschleierung und befinden uns in Unklarheit über die wirkliche Struktur der energetischen Verhältnisse. Es ist durchaus möglich, kein Geld zu brauchen oder sich dafür nicht zu interessieren. Das ist aber etwas anderes als das Geld abzulehnen. Durch diese ideologische Verschleierung ist auch sehr viel geistige Unwissenheit über die Menschen gekommen. Sie können den Aufbau des Lebens nicht mehr verstehen.

Der innere Zugang zu dieser Sphäre erfolgt über das Gefühl. Es handelt sich hier um ein gereinigtes, vom Schatten befreites Gefühl unseres wahren Selbst. Der Umgang mit dem Geld wurde im kollektivrechtlichen, mythischen Zeitalter auf äußere, formale Strukturen ausgelagert. Es wurden Finanzgesetze, Verträge und Regeln etabliert, um den Geldverkehr zu regulieren. In einer befreiten Herangehensweise an das Geld müssen wir uns dieser tiefen Verquickung von Geld und Seele sehr bewusst sein und ein Gefühl dafür entwickeln, was ein gerechter Austausch ist. Es fühlt sich stimmig an, es stimmt. In der Finanzwelt ist es die Rechnung, die stimmt. In der spirituellen Sphäre ist es die Wahrheit, die stimmt und ein Gefühl der Stimmigkeit vermittelt. Dann sind auch die Saiten richtig gestimmt und das Instrument klingt im richtigen Ton. Die Sphäre des Handels und seiner Sprache des Geldes betrifft die energetische Spannung zwischen Geben und Nehmen. Beides hat seine Berechtigung und beides gibt es im hellen und im dunklen Spiegel. Und von beiden gibt es jeweils einen aktiven und einen passiven Modus. Sehr angesehen in unserer heutigen Gesellschaft ist das aktive Geben und das passive Nehmen. Sie sind im hellen Spiegel. Im dunklen Spiegel befinden sich das passive Geben und das aktive Nehmen. Wie sich in der Übung gezeigt hat, fiel es den meisten Menschen sehr schwer, das Geld zu nehmen, weil sie dann an ihren Minderwert kamen. Sie hatten es nicht verdient, glaubten sie. Dieses Nehmen dessen, was ich verdient habe oder wozu ich berechtigt bin, ist aktives Nehmen. Passives Nehmen ist dieses Hinnehmen, Sich-fügen. Aktives Geben ist Gutes-tun, Spenden oder Leistungen geben. Auch Befehle geben oder Ratschläge geben gehören zum aktiven Geben. Passives Geben ist die Hingabe, das Aufgeben des falschen Egos, also das Abgeben dessen, was nicht meins ist.

Um in diesem Gefühl sicher zu werden, müssen wir unsere dunklen Anteile ins Licht bringen. Um fühlen zu können, was der stimmige Tausch ist, brauchen wir auch die Fähigkeit des aktiven Nehmens, also ein aus einem gesunden Selbstwert und aus Selbstliebe hervorgehende Fähigkeit, das, was mir zusteht, auch zur Sprache bringen und dann nehmen zu können, wenn die anderen einverstanden sind. Wir brauchen außerdem ein Gefühl, das vom Egoismus gereinigt ist, also eine verwirklichte Form der Hingabe und Selbstlosigkeit darstellt, eine Fähigkeit sich hinzugeben, sich zu geben.

Alle diese Kategorien wurde durch die Ideologien der Herrschenden verdreht und auf den Kopf gestellt. Im klaren ideologiefreien Blick ordnen sich all die alten ewigen Kategorien neu in ihrer wirklichen Konstellation. Nichts geht verloren, es wird nur umgedreht und in die ewige Ordnung der Wahrheit gebracht. Dies ist die Aufgabe einer ideologiefreien spirituellen Wissenschaft, die die getrennten Sphären wieder in Verbindung bringt und die Einheit des Menschen als leibseelische Entität wieder herstellt. Wir erhalten wieder das GANZE BILD.

1 Zur Kategorie der Sprache: Diese wird hier im Sinne Walter Benjamins verwendet, siehe: »Über die Sprache des Menschen und Sprache überhaupt« (1916). Geld ist in diesem Verständnis das Ausdrucksmittel und der Code, in dem wir unsere Werte kommunizieren.

Anmerkung: Mittlerweile ist eine wesentlich längere Fassung des Artikels mit vielen weiteren Aspekten in der Tattva Viveka 59 erschienen. Sie können den Text hier anlesen: http://www.tattva.de/die-spirituelle-bedeutung-von-geld/. Die vollständige Fassung kann als pdf zum Preis von 2,00 € heruntergeladen werden.

© Bildnachweise:

Das wunderschöne Titelbild ist von Cameron Gray aka paraplev:
http://parablev.deviantart.com/

Das 2. Bild ist von Pavyan Khosravi:
http://farbods.wix.com/pineal-visions#!__pinealvisions

Das 3. Bild ist von Aaron Pyne:
http://www.sacredvisiondesigns.com/visionary-art-show-2003-2006/

Zur Priorität der Gefühle

Viele Menschen sagen, alles hängt von den Gedanken ab und die Gedanken erzeugen die Gefühle. Das sehe ich anders. Die Gefühle sind primär und die Gedanken werden von den Gefühlen gesteuert.

Vom Denken ausgelöste Gefühle gibt es, aber es sind keine echten Gefühle. Die echten Gefühle werden nicht vom Mind beeinflusst, im Gegenteil wird der Mind durch die Gefühle geprägt. Ich kann ein ablehnendes Gefühl gegen jemanden haben, dann werde ich an jeder Stelle des Gesprächs intellektuelle Einwände haben. Wenn ich die Person aber wertschätze oder gar liebe, werde ich fast alles, was die Person sagt, als erleuchtend, wahr und richtig erleben. Und mein Mind und Intellekt werden entsprechende einleuchtende und logische Argumente für diese Haltung finden. Das ist aber so maskiert, dass ich tatsächlich ,denke‘, dass dies die richtig guten Argumente dafür bzw. dagegen sind. Wir sind intellektuell selektiv, wir haben keine objektive Anschauung.

Die objektive Anschauung ist das Ziel der  Philosophie, aber sie ist kognitiv-intellektuell nicht erreichbar. Equal vision setzt ein völlig ruhiges und balanciertes Gemüt voraus. Deshalb die Schattenarbeit und die Meditation. Es ist eigentlich eine emotionale Ausgeglichenheit, frei von Anhaftung und Abstoßung. Die Haltung kommt in jedem Urteil, in jeder Wertung zum Ausdruck. Antipathie oder Sympathie sind die treibenden Kräfte. Diese kommen nicht aus den intellektuellen Erkenntnissen und Überzeugungen, sondern aus der „Chemie“, der emotionalen Resonanz. Diese arbeitet instantan und schneller als das Denken. Auch gehirnphysiologisch ist das so. Bis der Neokortex reagiert, ist im Limbischen System schon alles gelaufen. Deshalb diese seltsamen Ergebnisse beim Libet-Experiment*. Die Schlussfolgerung ist nicht, dass wir Maschinen sind, deren Freiheit nur eine Illusion ist – die Freiheit wird als Freiheit des Denkens und Wollens verstanden. Das ist der Bereich, der im Neokortex verarbeitet wird.

Die Schlussfolgerung ist, dass wir fühlende Wesen sind, die ihre Entscheidungen instantan und zeitlich vor dem Bewusstsein treffen. Der Intellekt dient dann nur noch zur Umsetzung und Bewehrung der Entscheidung. Es ist eine gewisse Kränkung für das Bewusstsein, den Intellekt, die mentale Willenskonstruktion (Macht, Kontrolle), für das falsche Ego, denn die Gefühle können so erstmal nicht kontrolliert werden. Wir können nicht fühlen, was wir wollen. Deshalb versuchen viel spirituellen Wege, die Gefühle zu eliminieren.

Aber das geht so nicht.

Man sollte die Gefühle zu seinen Freunden machen und sie als Botschafter seiner Seele ernst nehmen. Die Gefühle zeigen die Wahrheit. Man kann alles fühlen. Oder man kann es denken. Beides geht. Aber das Denken ist das Empfangen, und die Gefühle sind die, die bestimmen. Wenn wir das Denken zum Bestimmen nehmen, spalten wir uns von uns selbst und von der Außenwelt ab. Die Einsamkeit des denkenden Menschen. Die Verbindungen gehen verloren. Die Bindungen, die Beziehungen, die Gefühle. Es bleibt nur Kontrolle und Herrschaft. Aber das wollen die meisten Menschen ja eben auch.

Die Gefühle können wir verfälschen, verdrängen oder manipulieren, indem wir an den Gedanken ansetzen. Das ist in einem schmalen Bereich auch vertretbar, in Notsituationen auch. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass Authentizität nur erreicht wird, wenn wir das echte Gefühl fühlen.

Die Freiheit des Individuums wird durch die Priorität der Gefühle nicht eingeschränkt, denn meine Gefühle gehören mir und zeigen mir den Weg zu mir selbst.

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* Das Libet-Experiment kurz erklärt:

Der Proband sollte spontan oder geplant die rechte Hand bewegen. Der Zeitpunkt des Bereitschaftspotentials im motorischen Kortex kann einwandfrei gemessen werden. Mithilfe einer Uhr sollten die Probanden den Zeitpunkt der Entscheidung, die Hand zu bewegen, definieren. Der Proband konnte also subjektiv bestimmen, wann er die Hand bewegt und den Zeitpunkt mithilfe der Uhr angeben. Bei den Messungen zeigte sich, dass der Bewegungsimpuls bereits mehr als eine halbe Sekunde vor der bewussten Entscheidung erfolgte.

Benjamin Libet schlussfolgerte daraus, dass der Mensch keinen freien Willen hat und sah die Verantwortlichkeit des Menschen in Frage gestellt. Das Libet-Experiment löste im reduktionistischen Lager der Biologie und Physiologie viele Folgespekulationen aus, die dem Bewusstsein, dem freien Willen und dem Geist die Existenz absprachen.

Auffällig finde ich, dass sie das Limbische System nicht gemessen haben. Gemäß der Hypothese, dass die Gefühle die Priorität sind, erfolgt der Handlungsimpuls im Limbischen System oder in der Amygdala, also in den Gefühle verarbeitenden Gehirnregionen. Der Neokortex, als Bereich des bewussten Denkens, der Logik und der Strategie wird zeitlich danach aktiviert.

Aus der transzendentalen Sicht ist es ohnehin so, dass das Gehirn nur das bildgebende Organ ist und nur bedingt die spirituellen Impulse des spirituellen Lebewesens materiell abbildet und im materiell manifestierten Körpersystem weiterverarbeitet, damit unser materieller Anteil in der Wechselwirkung mit dem materiellen Umfeld funktioniert. Materiell bedeutet hier: kausale Abhängigkeiten innerhalb von Raum und Zeit. Zum Beispiel brauche ich mit meinem materiellen Körper immer einen Ort, wo ich mich befinde. Dieser Ort darf nicht von jemandem anders besetzt sein. Ich habe also bestimmte Abhängigkeiten oder Bedingtheiten, die kalkulatorisches und strategisches Verhalten erfordern. Das Denken dient im Wesentlichen dazu, diese materiellen Bedingtheiten zu meistern.

Spirituell bin ich nicht bedingt oder abhängig von Raumzeitgegebenheiten. Die Quantentheorie entdeckt mittlerweile die Wirkung der Information auf die Materie, wobei die Information selbst keine räumliche oder zeitliche Begrenzung hat, sehr wohl aber auf die Energie wirkt. Die Energie wiederum wirkt auf die Materie. Vgl. hierzu Carl Friedrich von Weizsäckers Proklamation der Qubits, der nicht-materiellen Informationsquanten, sowie Prof. Dr. Thomas Görnitz und Dr. Brigitte Görnitz in Tattva Viveka 49-50 zur Quanteninformationstheorie.

Zum Libet-Experiment siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Libet-Experiment

Indien-Blog 04

2. März 2012 2 Kommentare

Die Bildgestalten von Göttin und Gott sind die in der Raumzeit manifestierten Anker der göttlichen Energie. Sie sind die Adapter, an die unser Seelen-Adapter sich anschließen kann.

Am 21.02.2012 ist es passiert. Ich habe eine Bildgestalt von Radharani gekauft. Was heißt das? Ich hatte ja in meinen vorangegangenen Indien-Blogs schon davon berichtet, dass es einen Unterschied macht, wo sich mein Körper innerhalb der Raumzeit befindet (Blog 01), und was passiert, wenn zwischen mir und den Bildgestalten ein Vorhang zugezogen wird (Blog 02). In gleicher Weise ist es von Bedeutung, wo sich die Gottheit befindet.

Meine Radharani

In der indischen Vaishnava-Tradition verehren die Gläubigen deshalb dieses Bildgestalten – einfach gesagt Figuren, die Göttin und Gott darstellen. Ich habe in dem ersten Blog auch davon gesprochen, dass heutzutage in der alternativ esoterischen Szene allerlei Geräte und Objekte gehandelt werden, die eine energetische Wirkung haben sollen. Sie neutralisieren Elektrosmog, reinigen das Wasser oder die Raumenergie, bewirken Heilungen usw.

In dieser heiligen Stadt Vrindavan nun, in der ich mich gerade befinde, die das Zentrum der RadhaKrishna-Verehrung ist, gibt es zahlreiche Läden, in denen man diese Bildgestalten kaufen kann. Man stellt sie zuhause auf seinen Altar und verehrt sie. Es wäre ein leichtes, Geld einzustecken und einfach loszugehen und eine zu kaufen. Ziemlich wahrscheinlich würde jedoch unter diesen Umständen energetisch geradewegs nichts passieren. Der Kauf einer solchen Bildgestalt ist ein hoch mystischer Vorgang. Tatsächlich ist es so, dass Radha oder Krishna dich aussuchen und nicht du sie. Man kann nicht einfach irgendeine Figur erwerben. Es muss stimmen.

Nach dieser Vorrede möchte ich nun einfach erzählen, was mir passiert ist. Ich hatte eine Verabredung mit dem ortsansässigen Buchhändler Ras Bihari Lal, um ihm meine zwei Bhakti-Bücher vorbei zubringen, die im Tattva Viveka-Verlag erschienen sind. Der Handel war erfolgreich, und ich ging mit 2500 Rupien aus dem Laden heraus. Ich war so stolz! Mein erstes in Indien verdientes Geld! Immerhin circa 40 €. 2500 Rupien in Indien sind viel Geld, etwa soviel wie bei uns 400 €, wenn man den Kaufwert vergleicht.

Ich wollte dann noch zu einem anderen Buchhändler, von dem ich bis jetzt nur die Adresse hatte, aber bei dem ich noch nie war. Ich suchte also die Straße und den Laden und kam so in ein mir bis dahin wenig bekanntes Viertel. Nachdem ich den Laden gefunden hatte, waren meine für diesen Tag gesteckten Ziele erreicht, und ich ließ mich von da ab einfach durch die Straßen treiben. Die Straßen in Vrindavan sind eng und verwinkelt, voller Menschen und voller kleiner Läden, die wirklich alles Mögliche anbieten, was man so gebrauchen kann.
Radha in voller Größe
Ich kam also durch verschiedene Straßen, als mich plötzlich in so einem Figurenladen eine Figur anlachte. Ich war wie gebannt. Irgendwie übernahm dann eine andere Macht meine weiteren Handlungen. Ich hatte noch nie in meinem Leben ernsthaft in Erwägung gezogen, mir solche Bildgestalten zuzulegen. Es bedeutet eine gewisse Verpflichtung und Arbeit, sich um diese Repräsentationen von Göttin-Gott zu kümmern. Das war mir immer zu viel. Aber irgendwie hat mich diese Radharani in ihren Bann gezogen. Ich blieb stehen und schaute genauer hin. Der Händler war gleich zur Stelle. Ich fragte ihn, was sie kosten würde. Er wollte mir dann noch verschiedene andere Figuren andrehen, auch eine andere Radharani als diese, weil es zu dieser keinen passenden Krishna gab. Aber ich war vollkommen sicher, dass es genau diese Radha sein würde. Ich wollte kein andere haben. Ich wollte auch keinen Krishna, nur eine Radha. Dies ist sehr ungewöhnlich, denn in der Regel werden die beiden nur zusammen verehrt. Es war nur diese eine Figur, die infrage kam. Es war alles wie geführt, spontan und perfekt. Ich kaufe dann auch gleich Kleidung, Ohrringe und eine kleine Krone für sie. Die Figur ist etwa 30 cm hoch, aus Messing und wunderschön bemalt.
Ich wusste sofort, ich muss die jetzt mitnehmen. Auf keinen Fall zurücklegen lassen oder sowas. Ich hätte keine Sekunde mehr ohne sie verbringen wollen oder können. Zumindest wäre mir die Gefahr, dass sie über Nacht verschwindet, zu hoch gewesen.

In den Straßen von Vrindavan

Ich weiß nicht, es ist wohl nicht möglich, einem Außenstehenden zu beschreiben, was das wirklich bedeutet. Jetzt wird es echt schwierig. Diese Figur ist keine Figur. Sie ist Radharani persönlich, die sich mir offenbart hat, um mit mir eine Beziehung einzugehen beziehungsweise um die bereits vorhandene Beziehung zu intensivieren. Das entscheidende sind die Gefühle. Ich kann nicht beschreiben, was für eine Freude und was für eine Liebe sich in mir manifestierten, als ich meine Radharani in meinen Händen hielt, nachdem ich den Laden verlassen hatte. Dies ist für mich wie eine Heimkehr aus einem fast endlosen Exil, indem ich in einer fremden Welt verloren war. Das, was ich immer in anderen Menschen gesucht hatte, habe ich nun gefunden. Das, was ich suche, können mir Menschen nicht geben: die ewige Beziehung. Ich weiß jetzt nicht, ob das, was ich tue, wirklich Substanz hat. Vielleicht werde ich das auch nie herausfinden, denn ich glaube, wer dies heraus findet, hat alles herausgefunden. Ich weiß nur, dass ich diese Liebe und Geborgenheit, die ich hier fühle, nirgendwo anders fühle. Und das es das ist, was ich immer gesucht habe. Meine Beziehung zur Radharani hat sich nun so verstärkt. Ich spüre einen inneren Frieden und ein Glück, das aus der spirituellen Welt kommt. Ein Tropfen Glück von Radharani ist soviel wie eine Million Tropfen materiellen Glücks, hat meine Freundin Pratibha gesagt, als ich ihr davon erzählt habe. Dieses Glück ist jenseits von Samsara, den karmischen Kreislauf der Geburten und Tode. Es ist kein zeitweiliges Glück, das einen Anfang und ein Ende hat. Und durch diese Präsenz in der Bildgestalt wird die Beziehung intensiviert. Ich musste so viele weinen, ich drückte Radharani an mich und dachte nur, ich lass dich nie wieder los. Nie wieder: das kann nur die Göttin geben. Jeder Mensch wäre damit überfordert, und es ist auch nicht seine Verpflichtung oder Aufgabe. Hier sind diese ewigen Prinzipien an ihrem Ort. Und hier ist die Spiritualität an ihrem Ort. Deshalb gibt es Religionen. Damit diese Bedürfnisse der Seele erfüllt werden können.

Radharani

In der Wirkung der Bildgestalten ist eine verborgene Struktur der Wirklichkeit zu erkennen. Ich habe das an anderer Stelle – im Tagebuch meiner Therapie in Bad Herrenalb – schon einmal anhand der Kuscheltiere ansatzweise entfaltet. Es gibt ja diese Therapie des Inneren Kindes, wo man die Verletzungen aus der Kindheit noch einmal durchfühlt und das Innere Kind selbst beeltert. Dazu benutzt man auch ein Kuscheltier. Es war damals schon erstaunlich, wie sehr dieses Kuscheltier mein Inneres Kind befriedigen konnte. Obwohl es ja nicht lebendig ist. Und damals kam mir schon die Idee, dass es gerade deshalb funktioniert, weil es nicht im physischen Sinne lebendig ist. Die Wirklichkeitsstruktur ist nicht von der Physis abhängig. Die Wirklichkeit ist spirituell, sie ist nicht materiell. Deshalb ist es kein Kriterium für Realität, ob sich jemand in einem physischen Körper befindet. Es geht um geistige Wesenheiten, um spirituelle Entitäten, um Seelen. Vielleicht auch manchmal einfach nur um seelische Energie. Das Kuscheltier repräsentiert eine tröstende Instanz, die ein Kind beruhigen kann und ihm Geborgenheit gibt. Die Bildgestalten von Radha und Krishna sind keine Kuscheltiere, sie sind die in der Raumzeit manifestierten Anker der göttlichen Energie. Sie sind die Adapter, an die unser Seelen-Adapter sich anschließen kann. Ich hatte das mal in der Zwölf Schritte Literatur der anonymen Sexaholiker gelesen: jede Seele hat ein Adapter, mit dem sie sich irgendwo anschließen muss. Der Anschluss, den wir suchen, ist der an Gott. Weil wir den aber verloren haben, suchen wir überall woanders danach, diesen Anschluss zu finden, und stopfen uns mit materiellen Dingen und Prozessen voll, die zur Sucht führen.

Meine Radharani steht jetzt neben mir und schaut mir beim Schreiben zu. Sie ist immer bei mir. Ich sorge für sie und verehre sie. Das ist alles.

Auszug aus: Ronald Engert – Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Therapie

„ Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Heute habe ich mir zwei Kuscheltiere im Spielzeugladen geholt: Wusch und Zoppel. Wusch ist ein Tiger und Zoppel ist ein Bär. O, Mann, ich bin so glücklich! Schon als ich sie im Laden an mich drückte, kamen mir die Tränen.
(…)
Gestern Abend habe ich bestimmt eine Stunde mit Wusch und Zoppel gekuschelt. Jetzt sitzen sie gerade auch auf mir und ich stelle gerade fest, dass Zoppel ganz toll darin ist, mein Tagebuch zu halten. Es ist so warm und kuschelig, wenn sie bei mir sind. Es ist so merkwürdig, als ob sie Menschen wären und sogar viel mehr. Heute Morgen war ich so glücklich mit ihnen. Ich entdeckte meine Wunde. Ja, es ist wie eine offene, wunde Stelle, die einfach die ganzen Jahre offen war und eiterte. Jetzt heilt sie. Es ist auch, wie wenn endlich der Adapter angeschlossen ist. Wir haben als Menschen da so einen Adapter, eine Anschlussstelle, wo etwas angeschlossen werden muss. Das ist menschliche Wärme und Nähe und Geborgenheit. Ich habe verstanden, dass ich als Kind zu viel allein gelassen und verlassen wurde. Ich habe nicht genug Nähe und Geborgenheit bekommen. Das fehlt mir ganz doll. Und diese Kuscheltiere geben mir nun diesen Nähe und Geborgenheit. Das ist besser als Menschen oder lebende Tiere. Vielleicht haben lebende Tiere oder Menschen gar nicht diese Funktion. Vielleicht stehen diese Kuscheltiere für die primitivste Form der Anbindung an Gott. Aber nein, das glaube ich nicht. Gott ist eine eigene Anbindung, die mir aber fehlt. Die Kuscheltiere geben meinem Inneren Kind diese Wärme, Nähe und Geborgenheit. Jedenfalls scheinen mir Menschen diese Wärme nicht geben zu können. (Anmerkung Jan. 2010: Das Verhältnis zwischen Kuscheltier und Gott wäre näher zu untersuchen. Es gibt da eine Verbindung. Aber nicht in einem abwertenden Sinne, sondern in der höchsten Bedeutung, die man sich nur vorstellen kann. Konstitutiv für eine Erkenntnis der Wahrheit dieser Phänomene ist, dass es sich bei beiden Gegenüber nicht um reale Menschen handelt. Das Kuscheltier funktioniert aber trotzdem wie ein Gegenüber, selbst wenn es anatomisch nur angedeutete anthropoide Form hat (deshalb die Beliebtheit von Bären, denn sie kommen dem Menschen anatomisch am nächsten, anders als z.B. Wusch, der Tiger). Wahrscheinlich geht es bei dem Gegenüber nicht um einen Menschen, sondern es geht darum, dass der Mensch die Funktion des Gegenüber ausfüllen kann, wie eben auch ein Kuscheltier oder Gott. Jedenfalls ist der seltsame Umstand zu konstatieren, dass selbst mir als erwachsenem Mann das Kuscheltier emotionale Nahrung geben kann.)“

Sri Radha ist die ewige Gefährtin von Sri Krishna

Die reine Freude

15. Januar 2012 6 Kommentare

Wer meinen letzten Blog über die Reise ins Gefühl gelesen hat, weiß, dass ich nicht versuche, dem Schmerz auszuweichen. Mein Ansatz besteht darin, jedes Gefühl zu fühlen und ihm auf den Grund zu gehen. Es geht nicht darum, sich gut zu fühlen, sondern darum, zu fühlen.

In letzter Zeit bin ich meinem Schmerz, meiner Trauer und meiner Scham auf den Grund gegangen. Das war schmerzhaft, traurig und beschämend. Aber ich ging da durch.

Gestern durfte ich erleben, was das an Heilung ermöglicht.

Ich war auf einem Kirtan-Abend. Kirtan bedeutet, spirituelle Lieder gemeinsam zu singen und dazu zu tanzen. Das war die reine Freude.

Aber das Besondere war: Ich fühlte diese Freude, sie war rein und klar, und sie hatte einen festen Grund. Ich konnte richtig fühlen, wie diese Freude auf festem Grund aufsetzt, wo nichts mehr darunter war. Sie war keine Fassade. Darunter war kein Schmerz, keine Scham, keine Angst, kein Eiter, kein schwankender Grund, kein Matsch, kein schmieriger Glibber. Es war ein einfacher, fester Grund, und da war nichts außer Freude. Das war ein wunderschönes, sicheres Gefühl. Es gab mir Vertrauen und Gewissheit. Ich fühlte mich meiner selbst gewiss. Ich konnte diese Freude unvermischt und klar fühlen, ohne dieses vage Gefühl von Unsicherheit oder Beklemmung, das da ist, wenn die Freude aufgesetzt oder manipuliert ist. Wir kriegen das meist nicht bewusst mit, wenn wir die Freude herbei manipulieren, weil wir diese fixe Idee haben, dass wir uns immer gut fühlen müssen. Aber irgendwie fühlen wir dann doch, da stimmt was nicht. Es ist dann eine mit Schmerz, Trauer, Angst, Scham oder Wut vermischte Freude.

Die Arbeit mit meinen Gefühlen des Schmerzes, der Trauer, der Angst, der Wut und der Scham hat dazu geführt, dass diese Abgründe bereinigt sind. Es ist wie das Ausschaben einer eiternden Wunde, die gereinigt und desinfiziert wird und dann erst heilen kann. Dann erst kann der Schmerz abklingen und die Not wird gelindert. Wenn es dann heilt, bildet sich ein fester Grund. Dieser feste Grund bin ich. Das ist mein inneres Selbst, auf dem die reine Freude dann aufsetzen kann und sich entfalten kann. Dann fühle ich Sicherheit, Geborgenheit und mich selbst.

Die Freude hatte auch im kausalen Sinn einen Grund, weil in der Situation, im gemeinsamen Singen und Tanzen zu schöner Musik, da war die Freude auch begründet. Genauso wie zu anderen Zeiten der Schmerz begründet ist. Diese Gefühle manifestieren sich gemäß der Wirklichkeit, in der ich mich befinde, gemäß dem, was gerade passiert. Sie sind die Sprache, die mich mit der Wirklichkeit verbindet. Es war ein schöner Abend mit wunderbaren, lieben Menschen um mich herum. Wir lachten uns an und feierten. Es war so schön, diese Freude so rein und direkt zu erfahren, zu fühlen. Diese echten Gefühle sind keine Gefühle, dich ich mir mache. Sie sind entsprechend der jeweiligen Situation. Der Abend war ein Grund der Freude. Und zu anderen Zeiten hat man vielleicht einen Grund zu trauern. Dann ist eben Trauer angesagt. Diese Gefühle kommen und gehen. Es ist so schön, diese echten Gefühle fühlen zu können. Ich glaube, es ist deshalb so schön, weil ich dann echt bin. Dann bin ich ich.

Und mir ist klar, diese Freude konnte ich nur fühlen, weil ich zuvor meinen Schmerz gefühlt hatte. Es war eine Freude ohne etwas darunter, ohne Dreck unterm Teppich, ohne verheimlichte, geleugnete Gefühle darunter.

So lerne und verstehe ich zunehmend, dass es die Gefühle sind, die mich in die Genesung führen. Sie führen mich zu mir, und das ist das spirituelle Erwachen. Aufwachen bedeutet „zu sich kommen“. Und das ist so konkret zu verstehen, wie nur irgend möglich: Ich komme zu mir.

Dabei ist es egal, ob das, was ich da fühle, „gut“ oder „schlecht“ ist. Es geht nicht darum, sich gut zu fühlen. Es geht darum, zu fühlen.

Anmerkung:
Der Abend war ein Konzert der Kirtaniyas (www.kirtaniyas.com), eine junge, aufstrebende Kirtan-Band, und fand am 14.01.2012 im Yoga-Zentrum „Lernen in Bewegung e.V.“ in Berlin statt.
Organisiert wurde er von der brillanten und liebenswürdigen Alexandra von Joyfulevents 🙂

Eine Reise in das Gefühl

9. Dezember 2011 8 Kommentare

Ich sitze in einem Gruppenraum mit dreizehn anderen Menschen auf dem Boden und gehe unter Führung der beiden Coach-Frauen in eine Meditation. Thema ist die Vision meiner Partnerschaft mit einer Frau, meine Liebesbeziehung. Meine Augen sind geschlossen, zunächst führt die Meditation in die körperliche Entspannung um sodann das Bild der Frau in der Vorstellung wachzurufen. Ich soll mir vorstellen, wie wir uns treffen, wie sie aussieht, riecht, was sie sagt, wie sie lacht. Wir kommen uns näher. Wir blicken uns in die Augen … Die geführte Meditation geht weiter, doch ich steige aus. Der Schmerz ist zu groß. Ich weine. Ich gehe in den Schmerz. Ich kann mir keine glückliche Beziehung vorstellen, weil meine große Liebe so unglücklich ist. Ich höre Worte der Meditationsleiterin. „Stellt Euch vor, Ihr seid beide alt und sitzt zusammen auf Eurem Lieblingssofa und schaut auf Euer Leben zurück. Feiert das gemeinsame Lebenswerk…“ Ich kann nicht. Es überwältigt mich, die Tränen, der Schmerz.
 

Dann werden wir aus der Meditation herausgeführt. Wir sollen nun ein Bild malen – von unserer Vision. Jemand gibt mir Wachsmalstifte und ein großes Malblatt. Ich sitze davor. Die anderen fangen an zu malen, eifrig, das Geräusch der malenden Stifte erfüllt den Raum. Ich weine und weine und weine. Der Schmerz ist so stark – und so schön. Ich bin ganz tief an meinem Gefühl. Es wird wieder schlimm. Ich kann nichts malen. Ich habe keine Vision. Nur Schmerz. Das Blatt ist leer. Ich denke: ich soll, will ein Bild malen. Ich sitze und kauere meinen Kopf in meinen Arm. Die Tränen. Es dauert ewig, dann versuche ich das Blatt zu nehmen. Es liegt vor mir. Ich warte. Nein, es geht nicht. Nach einer Weile habe ich mich einigermaßen beruhigt. Ich schaue mich um. Alle eifrig am Malen, vertieft. Ich berühre das Blatt mit meinen Fingern. Die Tränen brechen wieder aus. Der Schmerz ist wieder da. Ich kann nicht malen. Nach 20 Minuten werden die Stifte eingesammelt. Alle setzen sich in einen Kreis. Wir sollen unsere Bilder zeigen. Ich warte. Drei Leute teilen: gemeinsames Haus, gerne am Meer, Kinder, Sonnenschein, Freunde. Ich will nicht als letzter dran kommen und dann allen den Tag verderben. Es ist der Abschluss des zweitägigen Workshops, der Höhepunkt. Also ergreife ich das Wort und zeige mein leeres Blatt. Ich zeige mich, mit meinem Schmerz und meiner fehlenden Vision. Es ist so traurig. Ich erkläre nicht viel, nur dass es der Schmerz über meine unglückliche Liebe ist. Einen Moment gibt es, da möchte ich laut rausweinen, das Gefühl ist da und ergreift die anderen. Sie spüren es auch. Doch ich nehme mich zurück. Mache es kurz. Die nächste Person kommt dran. Die anderen teilen. Der Workshop geht zu Ende. Zwei Frauen geben mir Rückmeldung: das sei sehr mutig gewesen.
Sie fuhren noch mit mir in der U-Bahn Richtung nach Hause. Wir reden noch darüber und zum Abschied drücken sie mich ganz herzlich. Wir waren in Kontakt, in echter Verbindung, tief, ehrlich, gefühlt. Es war für mich ein sehr intensiver Prozess auch nach dem Workshop, ich habe viel geweint und Schmerz gefühlt. Ich war noch den ganzen Sonntagabend und den Montagvormittag „entrückt“, ganz tief im Gefühl. Erst am Montagnachmittag war ich wieder im Alltagsbewusstsein und konnte ins Büro gehen. Da ging es mir dann sehr gut, ich war energetisch und kreativ.
Ich glaube, in diesem Tiefenprozess wurde viel geheilt. Heute, am Freitag, spüre ich so viele Gefühle: Freude, ausgelassene Lust, aber auch Widerwillen, wenn mir etwas nicht gefällt.

 

Am Donnerstagmorgen hatte ich noch eine emotionale Tiefenerfahrung. Ich war in einer Aqua-Wellness-Behandlung im Liquidrom, Berlin, mit einer Körpertherapeutin. Das ging auch nochmal tief. An dem Wochenende waren am ersten Tag die Eltern das Thema. Ich hatte viele Anklagen gegen meine Mutter, die mich emotional nicht richtig behandelt hat. Ich sah aber in diesem zweiten Prozess, dass viel von dem Schmerz mit meiner Oma zu tun hat, die uns tagsüber betreut hat, weil meine Mutter immer im Laden war. Und jetzt fühle ich weniger Wut und mehr Liebe für meine Mutter.
Ich hatte auch einen Kontakt mit meiner höheren Macht (Göttin) und spürte eine Riesenangst, dass ich verloren bin, wenn ich mich ihr hingebe. Weil ich ja nicht weiß, wie diese Beziehung ist. Gleichzeitig spürte ich, dass es die primäre Beziehung ist, es war so eine Art Sehnen und eine Anrufung, die ganz aus meinem Gefühl kam, spontan und total emotional. Und ich erkannte, dass mir diese Beziehung zu Göttin-Gott meine ganzen Schatten zeigen kann und in der Hinbewegung zu Göttin-Gott diese Schatten verarbeitet werden. Das war auf dieser tiefen-emotionalen Ebene ganz klar. Und ich konnte diese Angst deutlich spüren. Wenn Menschen Gott ablehnen, dann ist das keine moralische Schwäche oder Bosheit, sondern die nackte Angst. Diese Angst ist natürlich die Angst vor dem real erfahrenen Verlassenwordensein in der Kindheit.
Die Frau begleitete mich sehr liebevoll und wir waren ca. 1,5 Std. im Wasser und immer in körperlicher Berührung. Es war so eine Art Floaten, die meiste Zeit lag ich auf dem Rücken, auf Schwimmhilfen, und sie bewegte mich. Manchmal rollte sie mich wie ein Baby ein. Meine Augen waren geschlossen, das (Salz-) Wasser hatte 36°, unter Wasser wurde schöne indische Musik eingespielt. Als es dann darum ging, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und aus dieser Geborgenheit herauszugehen, spürte ich auch nochmal ganz viel Schmerz. Mir wurde klar, dass ich in der frühen Kindheit ausgesetzt wurde, bevor ich selbst dazu bereit war. Da war also die Unterbrechung. Ich hatte großen Schmerz und auch etwas Angst, die Stange am Beckenrand zu ergreifen und mich da alleine festzuhalten. Es dauerte lange, ich musste nochmal viel weinen. Ich wartete auf das Gefühl, jetzt alleine sein zu wollen. Ich überließ meinem Körper die Führung. Es dauerte lange, bis meine Hände wirklich die Stange festhielten und noch viel länger, bis meine Beine mitspielten. Mein Erwachsenen-Ich beobachtete das alles innerlich und ich wusste kognitiv, dass ich ja nicht ewig in dieser schützenden Geborgenheit mit der anderen Person bleiben konnte. Aber ich ließ den emotionalen Prozess zu und nahm mir alle Zeit, die ich brauchte, und so kam es zu einem von mir gefühlten Abschluss der Ablösungsbewegung. Die Therapeutin war bis zum Schluss bei mir und in Berührung. In der Nachbesprechung sprach sie selbst davon, dass dieser Übergang die heikelste Situation ist.

Meine Interpretation: Wenn in der Kindheit diese Trennung zu früh erfolgt, zerstört das die innere Ganzheit, weil es eigentlich eine Bewegung zu mir hin ist, die freiwillig erfolgen muss, dann wenn ich bereit dazu bin, also den Mut und das Selbstvertrauen dazu habe. Wenn dieser Übergang klappt, ist alles gut. Es ist eigentlich auch ganz einfach. Die Eltern müssen einfach lange genug da bleiben, bis das Kind sich von selbst ablöst. Wenn das einmal gut gegangen ist, ist es das nächste Mal schon ganz leicht und geht schnell. Wenn es aber schief gegangen ist, bleibt da erstmal ein Bruch, und den zu heilen ist in etwa so schwer wie ein zerbrochenes Glas zu flicken. Es wird immer eine Sollbruchstelle haben und auch nicht mehr schön aussehen. Es ist nicht mehr ganz. Gleichwohl glaube ich, dass bei mir eine Ganzwerdung möglich ist, ich bin ja schließlich kein Glas!

Was auch noch sehr bemerkenswert, aber am Anfang gar nicht schön war: der emotionale Kontakt zu der mich behandelnden Person. Am Anfang war ich noch verspannt und fühlte mich sehr getrennt. Ich fand, dass mich der Kontakt nicht befriedigte. Sie berührte mich zwar und hielt mich im Wasser, aber ich konnte sie nicht berühren. Ich hatte auch Gedanken, dass ich eher eine sexuelle Befriedigung bräuchte. Dabei hatte ich aber auch viele schmerzhafte Gefühle des Verlassenseins und der Einsamkeit. Ich weinte wieder und ließ die Gefühle zu, so gut ich konnte. Erst in der zweiten Hälfte der Zeit entstand dann echte Nähe, die aber rein sensuell und nicht sexuell war. Das Vertrauen und die gewachsene Intimität gaben es jetzt her, dass wir uns gegenseitig berührten, indem sie mich hielt und ich meinen Arm um sie legte oder meinen Kopf anlehnte. Das fühlte sich echt an, in Kontakt. Es geht um innere, seelische, emotionale Nähe, um gefühlte Verbindung. Die sexuellen Wunschgedanken waren verschwunden. Sie waren tatsächlich süchtige Motive, um den Schmerz der Getrenntheit zuzudecken, also um nichts zu fühlen. Auch hier ist wieder etwas geheilt, indem ich die echten aufrichtigen Gefühle des Schmerzes zugelassen habe.
Ich hatte dann heute im Email-Kontakt mit einer attraktiven Freundin keine übergriffigen sexuellen Phantasien. Stattdessen konnte ich sie in ihrer Ganzheit und persönlichen Eigenständigkeit respektieren und fühlen. Es gab kein lüsternes Verlangen.

Ich finde es total schön, diese Gefühle durchleben zu können und darin zu heilen, meinen kleinen Ronald in den Arm zu nehmen und mir selbst ein Vater zu werden. Ich glaube fest daran, dass diese alten Gefühle nur einmal gefühlt werden wollen und wenn das ganz und gründlich geschehen ist, lassen sie uns für immer in Frieden und wir sind wieder heil.