Bhakti, Neues

Vortrag Erleuchtungskongress

Das wahre Selbst ist voller Liebe und Hingabe

Ihr hört was über den Sinn und Zweck des Bhakti-Yoga (Krishna-Bewusstsein) und zwei Bhajans. Der Vortrag dauert 47 min.

Der Kongress fand im August 2015 in Berlin statt. Meinen Vortrag hielt ich genau am Tag von Krishnas Geburtstag. Ich glaube, deshalb ist er auch so gut geworden 😉

Der nächste Kongress findet vom 09.11. September 2016 statt. Erleuchtungskongress Berlin 2016

 

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Indien-Blog 2013

Was tue ich, wenn ich befreit bin?

IMG_3264Gestern wohnte ich einem Gespräch mit Sadhu Maharaj, unserem spirituellen Meister, bei, in dem er sagte, dass von 1000 Schülern vielleicht einer dabei ist, der diese innere Wahrheit aufnehmen kann und will, dass wir einen spirituellen Körper haben, mit dem wir im göttlichen Spiel teilnehmen.

Sobald wir nämlich materielle Wünsche haben, werden uns diese von diesem Motiv, den spirituellen Körper zu entdecken und zu kultivieren, wegtragen. Wir müssen erst alle unsere materiellen Wünsche erfüllt oder erledigt haben, bevor wir den spirituellen Wunsch und den dazu passenden Geschmack entwickeln, im spirituellen Zustand an der spirituellen Realität Gottes teilzuhaben.

Zudem bedarf es eine intellektuellen Großtat, nämlich dem kognitiven Verständnis, dass wir a) einen spirituellen Körper haben und b) mit diesem Körper auch noch ganz spezifische Handlungen ausführen, die darin bestehen, in einer weiblichen Form die Dienerin und Freundin der Göttin der Liebe zu sein und ihr und ihrem Geliebten zu helfen sich zu treffen.

Zahme Vögel singen von Freiheit. Die Wilden fliegen.

So gut wie alle Philosophien und Glaubenssysteme beschäftigen sich mit dem Problem des Leids und der Unfreiheit. Offensichtlich sind wir als Mensch und Menschheit in einem Zustand befangen, indem es uns an Glück, Freude, Erfolg, ewiger Existenz und ähnlichen Dingen mangelt. Die Philosophien und Religionen beschäftigen sich damit, den Menschen aus dem Leiden herauszuführen und ihm glücklich zu machen. Solange wir uns nicht aus dem Leiden befreit haben, sind wir gefangen. Das Ideal oder der vollkommene Zustand wird als ein Zustand der vollkommen Freiheit vorgestellt. Wir unterliegen keinerlei Begrenzungen mehr, sind in Frieden und Glückseligkeit angelangt. Der Gesang – also die Reden, Schriften, philosophischen Konzepte – besingt diese Freiheit.

Was tut man aber, wenn man befreit ist?

Die Frage, wie man befreit wird, muss geklärt werden. Dies ist schon ein sehr weiter Weg. Erst nach der Befreiung kann man sich darüber Gedanken machen, wie es nun weitergeht. Schon an diesem Punkt hat man seine materiellen Motive hinter sich gelassen. Allerdings ist der Weg der Befreiung nicht das gleiche wie der Weg der Freiheit. Befreiung bedeutet, dass man gefangen ist und aus dieser Gefangenschaft entkommen möchte. Man möchte sich befreien oder befreit werden. Nach der Befreiung beginnt die Freiheit. Wenn man auf dem Weg der Befreiung seine materiellen Motive hinter sich gelassen hat (diese Stufen zu erklären bedürfte einer längeren Ausführung, die ich aber überspringe), ist dies zunächst ein negativer Zustand. Ich will nicht mehr reich und berühmt werden. Ich will nicht mehr schön sein. Ich will nicht mehr Sex haben. Ich will nicht mehr in materieller Vollkommenheit leben usw. (Es ist nichts schlimm daran, Sex zu haben oder reich zu sein. Aber es ist nicht das höchste und letzte Motiv.)

Der Weg der Freiheit

Die Gesamtheit der materiellen Bedingtheit umfasst den zeitweiligen materiellen Körper, der den Begrenzungen von Raum und Zeit unterworfen ist. Dieser materielle Körper ist in einem erweiterten Verständnis aufzufassen. Er umfasst unsere physischen Körper, unseren materiellen Geist und unsere materielle Intelligenz sowie unser falsches Ego, mit dem wir uns mit diesen zeitweiligen und bedingten Umständen identifizieren und versuchen sie zu kontrollieren, um daraus Freude zu ziehen. Jenseits dieser Bedingtheiten gibt es kein Leiden und keine Illusion.

Der spirituelle Körper

Dieser erweiterte materielle Körper wird durch einen spirituellen Körper ersetzt. Wir nehmen eine spirituelle Identität an, die im Zusammenhang mit dem göttlichen Spiel steht. Diese spirituelle Identität existiert ewig und sie ist das, was ich wirklich bin. Ich habe diese ganzen Bedingtheiten hinter mir gelassen. Ich habe aufgehört zu kämpfen, weil der Kampf vorüber ist. Es gibt keine Gefangenschaft mehr. Das Thema der Befreiung ist erledigt. Ich bin befreit.

Ich bin immer noch ich. Vielmehr bin ich jetzt wirklich der, der ich bin. Ich bin immer noch ein fühlendes Wesen. Ich suche nicht mehr nach Liebe, ich liebe. Ich suche nicht mehr nach Glück, ich bin glücklich. Ich muss nichts mehr tun. Ich spiele. Ich habe liebevolle Beziehungen, die durch spirituelle Ekstase gekennzeichnet sind und kein Leiden hervorrufen – zumindest keines, dass die spirituelle Ekstase verhindert. Ich bin in meinem realen Geist, mit dem ich jetzt hier bin, in einer Meditation über diese Spiele.

IMG_3265Teilhabe am göttlichen Spiel

Ich fühle intensive Gefühle von Glück, Aufgeregtheit, Erstaunen, Begeisterung, Geborgenheit, Freude. Ich empfinde Wärme, Licht, Klang, Geruch und Geschmack. Ich sehe Gestalten um mich herum, die eine solche Liebe ausstrahlen, wie ich sie noch nie erlebt habe. Der spirituelle Körper der Göttin erstrahlt in einem unerklärlichen goldenen Licht und ist bedeckt mit Kunstwerken (Kleidung und Schmuck), wie ich sie noch nie gesehen habe. Es ist ein noch nie gesehener, überwältigender Anblick, der meinen Geist stutzig macht. Meine Augen können sich nicht mehr davon lösen. Ich schaue hin und fühle eine tiefe innere Ergriffenheit, ein grenzenloses Staunen, ein Gefühl, wie wenn ich eine Höhle voller Gold entdeckt hätte oder der beste Freund einer sehr berühmten und mächtigen Person wäre oder so etwas, etwas ganz Besonderes, Einzigartiges, noch nie Gesehenes. Eine unbeschreibliche Freude, ein Riesenglück. Das ist die Göttin.

Ich bin einfach dabei. Ich bin mit ihr vertraut. Was ist ihr größtes Sehnen? Was ist ihre größte Ekstase? Wem gehört ihr Herz? Sie trifft sich mit ihrem Geliebten, mit Gott. Wie sollte das aussehen? Oh je, der Weg zu diesem Verständnis ist unendlich weit. Vorgestern saß ich in einem Gespräch über die Eigenschaften von Göttin und Gott und ihre Spiele der romantischen Liebe und hörte Dinge, die ich noch nie gehört habe. Seit 25 Jahren gehe ich diesen Weg. Ich habe die Sanskrit-Schriften, die Veden, studiert. Ich kenne alle Yogasysteme. Ich habe die Bhagavad-gita zehnmal gelesen. Ich kenne seit Jahren die Schriften der süßen Spiele von Göttin und Gott. Doch vorgestern dachte ich: Was habe ich diese 25 Jahre gemacht? Doch das ist die Eigenschaft der spirituellen Welt. Es eröffnen sich immer wieder neue Welten. Es ist immer frisch. Es ist immer neu wie das erste Mal. Es ist unendlich. Es wiederholt sich nie. Ganz neue Welten taten sich auf und ich fühlte mich wie ein ABC-Schütze, der seinen ersten Schultag hat.

Wie kann man in eine solche vertraute Position zur Göttin gelangen? Wie kann es möglich sein, ihr so nah zu sein? Warum ist es für die Seele richtiger, der Göttin nahezu sein als Gott nahe zu sein? Ist das unsere naturgemäße, wesensgemäße Bestimmung? Die spirituellen und philosophischen Implikationen sind multidimensional und astronomisch. Und trotzdem ist das Endergebnis etwas total Einfaches. Wir machen nichts Besonderes, nichts Heldenhaftes oder Abstraktes. Göttin und Gott liegen im Bett und küssen sich. Ich habe ihnen das Bett bereitet. Oder: das Treffen zwischen ihnen steht erst noch bevor und jemand überbringt eine Botschaft, wo und wann das Treffen stattfinden wird.

Es geht darum, sich in diesem spirituellen Körper, mit dem man im göttlichen Spiel teilnimmt, zu fühlen. Dass dies die Wirklichkeit ist, wird man dann schon merken. Von außen an dem Honigglas zu lecken, wird nicht reichen, um den Geschmack des Honigs zu erfahren.

Srila Prabhodananda Sarasvati singt:

O Radha! Nachdem du in einer geheimen Waldlaube überglücklich die Nacht mit deinem ekstatischen Liebhaber genossen hast, bade ich dich und serviere dir honigsüße Delikatessen. Wann wirst du in Schlaf fallen, während ich mit meinen Händen deine Lotusfüße massiere?

O Radhe! After you blissfully spent the night enjoying pastimes with your rasika lover in a kunja I bathe you and serve you some honeysweet eatables. When will you then fall asleep while I massage your lotusfeet with my hands?

(Vers 17, Radha Rasa Sudhanidhi (die Schatzkammer von Radhas göttlicher Ekstase))

Bhaktiseite von Ronald Engert: www.gopi.de

Homepage von Sadhu Maharaja: www.sadhumaharaja.net

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Indien-Blog 2013

Die ewige Identität

414838_472466966113259_905109900_oDie Bhakti, die Gottesliebe, greift langsam aber sicher. Ich fühle, wie sich die spirituelle Energie ansammelt, verdichtet, verstärkt. Ich fühle Radhika. Ich fühle ihre Liebe. Sadhu Maharaj überschüttet mich mit seiner spirituellen Liebe. Er will mir seine Barmherzigkeit geben. Es wartet ein neuer Schritt auf mich: die Begegnung mit meiner spirituellen Identität, konkret. 

Jeden Tag entwickelt sich meine Stimmung der Liebe, die Bhakti, weiter. Sie lädt sich auf durch die Umgebung und die Gemeinschaft, Vrindavan als heiliger Ort, die Gottgeweihten um mich herum, die vielen Tempel und die vielen Orte, an denen das göttliche Spiel permanent stattfindet. Das göttliche Spiel ist real, es findet hier und jetzt statt. Jedes Sandkorn, jedes Silizium-Atom, ist hier mit der göttlichen Schwingung informiert. Es ist nicht egal, wo man sich befindet, denn jeder Ort trägt seine spezifische Information, die aus den sich dort befindenden Lebewesen, ihrem Bewusstsein und ihren jeweiligen Taten resultiert.

Radha und KrishnaHier an diesem Ort, Vrindavan, wirkt Radha, die Göttin der Liebe. Wir stehen in Kontakt. Sie möchte mich auf der spirituellen Ebene treffen, in meiner spirituellen Identität. Diese Identität, mein siddha-deha, gilt es zu finden. Sie wird vom spirituellen Meister offenbart, indem er in seiner Meditation in das göttliche Spiel hineingeht und mich dort sucht. Ohne siddha-deha, ohne spirituellen Körper, kann man das göttliche Spiel nicht schauen. Und ohne diesen siddha-deha kann man auch die prema, die göttliche Liebe, nicht voll und ganz erfahren. Dazu brauchen wir das goldene Gefäß.

Wir lesen täglich zwei- bis dreimal aus dem Radha-Rasa-Sudhanidhi von Srila Prabhodananda Saraswati (Hit Harivamsa), einer Schrift ca. aus dem 17. Jahrhundert, und Sadhu Maharaja gibt dazu seine Verwirklichungen. Er erfährt die spirituelle Ebene in seinem Gefühl. Er spricht aus der Liebe und ich erkenne immer wieder von Neuem: Es ist die Liebe, aus der das Wissen entspringt. Wissen ohne Liebe ist trocken und maschinell. Es ist logisch-rational, nicht lebendig und dadurch unvollständig. Aber aus der spirituellen Emotion der Liebe offenbart sich das Wissen über die gesamte Existenz des Lebewesens. Und die primäre spirituelle Emotion der Liebe ist die Liebe zu Gott. Aus dieser Erfahrung der göttlichen Liebe entspringt die Liebe zu allen Lebewesen. Das Ego schmilzt.

Wissen ist nicht schlecht. Es ist sehr gut, philosophisch die Wahrheit zu suchen und im Denken stark zu sein, aber es ist nur die Unterstützung der Liebe, das Mittel, nicht der Zweck.

Radha Mohan

Radha Mohan, Altar-Bildgestalten im Munger Mandir in Vrindavan

Echtes Wissen resultiert aus gelebter Liebe. Es ist kein Buchwissen oder bloße Information. Es wird als lebendige, integrale Erfahrung von Mensch zu Mensch durch die Barmherzigkeit weitergegeben. Die Barmherzigkeit, die der Erleuchtete dem Anwärter gibt, besteht aus Liebe. Der Anwärter muss allerdings bereit sein, sich diesem Schauer der Barmherzigkeit auszusetzen. Es bedeutet, er wird nass. Wir scheuen uns vor dieser Nässe und rennen lieber weg. Oder wir nehmen einen Regenschirm. Nass werden bedeutet, dass man das falsche Ego aufgeben muss, es kann zum Fieber kommen, wenn man die spirituelle Reinheit nicht auf Anhieb verdauen kann. Die alte Identität verändert sich zu einer neuen. Aber was für einen besseren Weg sollte es geben, als den in meine ewige spirituelle Identität als Teilnehmer im göttlichen Spiel, als ewige Gefährtin von Srimati Radhika?

Bhakti-Homepage von Ronald Engert: www.gopi.de

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Authentizität, Selbst

Der Hang ist positiv

image015Viele Menschen vertreten die Philosophie, dass Unabhängigkeit das Höchste ist. Demgemäß geht es um Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenständigkeit. Diese Werte oder Tugenden sind sicherlich nicht verkehrt. Jedoch sind sie nicht das Höchste!

Was ist die Natur der Seele? Was ist unsere wesensgemäße Stellung? Viele Menschen vergessen, dass es Gott gibt. Sie kalkulieren ihre Existenz unabhängig von Gott. Ich glaube jedoch, dass wir als Seele oder als Lebewesen immer Gott untergeordnet sind. Wir sind Subjekte. Warum kommt das Wort Subjekt von dem lateinischen »subjectum«, was »unterworfen« bedeutet? Dieses alte Wort trägt eine tiefe Wahrheit in sich. Die wesensgemäße Stellung der Seele ist die Hingabe. Das bedeutet, wir sind immer Gott unterworfen und abhängig von Gott. Die Natur der Seele ist es, abhängig zu sein. Das ist die höchste Wahrheit, und das stellt die Seele am vollkommensten zufrieden.

Die Abtrennung von Gott führt dazu, dass wir Abhängigkeit oder den Hang negativ bewerten müssen. Wir wollen nicht abhängig sein und wir stellen unsere Berechnungen ohne Gott an. Und deshalb konstruieren wir eine Philosophie, in der es negativ ist, von etwas abzuhängen. Jedoch braucht jeder von uns etwas, an das er sich halten kann. Da wird dies leugnen, können wir nicht verstehen, warum wir leiden.

Warum finden wir es so schlimm, an etwas zu hängen? Dieser Ausdruck weist uns schon in eine gute Richtung. Es ist ein Ausdruck der Wertschätzung und Zuneigung. Wir gebrauchen diese Redewendung gerne für Objekte, zu denen wir einen positiven emotionalen Bezug haben: „Ich hänge an dem Schaukelstuhl, den mir meine Oma vermacht hat.“ Aber es fällt uns schon schwer, zu sagen, dass wir an einer Person hängen. Hier schwingt schon etwas von Abhängigkeit mit, von Kontrollverlust.

Und das ist eben auch das hinter der Unabhängigkeitsphilosophie liegende Motiv: der Wunsch nach Kontrolle. Wegen diesem niederen Motiv zerstören wir die Wahrheit, leugnen unsere Position in der Ordnung der Dinge und gehen in die Irre.

Um wie vieles leichter wäre es, unsere immer und unter allen Umständen gegebene Abhängigkeit anzunehmen?

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12 Schritte-Programm, Gefühle

Gelassenheit

»Wir taten alles, um die Illusion zu bewahren, dass wir die Kontrolle über unser Leben hätten. Auf diese Weise hinderten wir uns selbst daran, jene Gelassenheit zu erlangen, die wir erhalten, wenn wir dem Willen einer Höheren Macht gegenüber kapitulieren.«[1]

Dieses Zitat aus einem Buch des Zwölf-Schritte-Programms zeigt, wie hier die Gelassenheit erreicht wird. ›Loslassen und Gott überlassen‹ ist eine bekannte Devise. Wir übergeben unseren Willen der Fürsorge einer Höheren Macht und glauben daran, dass diese Höhere Macht liebevoll und barmherzig ist. Und wir glauben daran, dass dieser göttliche Wille das Beste für uns ist. Unsere eigenen menschlichen Ratschlüsse können diese Weisheit niemals erreichen.

Neulich sprach ich mit einer Person, die der buddhistischen Tradition zugeneigt ist. Sie erklärte mir, dass das Ziel des Buddhismus darin besteht, die Erscheinungen im Geist, d.h. die Gedanken und Gefühle, wie Wellen auf der Oberfläche zu betrachten, die keine wirkliche Bedeutung haben. Sie kommen und gehen und haben nichts mit mir zu tun. Wenn ich das verstanden habe, entsteht große Gelassenheit, weil ich mich nicht mehr mit den Gedanken und Gefühlen identifiziere.

Dies sind zwei radikal unterschiedliche Zugangswege. Der moderne pluralistische Ansatz würde nun sagen: das muss jeder für sich selbst wissen und alles ist gleich gut. Es lassen sich hier indes deutliche Unterschiede bemerken: der Weg mit Gott baut darauf, dass es eine höhere Macht gibt, die mein Leben führt. Der buddhistische Weg funktioniert komplett ohne Gott und baut auf die Eigenleistung des Menschen. Während der Weg Gottes bedeutet, meine Kontrolle als Illusion zu betrachten und aufzugeben, impliziert der buddhistische Weg, dass es meiner Kontrolle unterliegt, was mit mir geschieht. Diese Kontrolle wird dadurch erreicht, dass ich mich von meinen Gedanken und Gefühlen abtrenne.

Im Weg mit Gott unterliegen sowohl meine Gedanken als auch meine Gefühle dem Willen Gottes und sind somit wesenhaft. Wenn ich mich dem Willen Gottes hingebe, fühle und erlebe ich die Dinge, die dem göttlichen Willen entsprechen. Meine Gedanken und insbesondere auch meine Gefühle gehören zu mir und haben eine wesenhafte Bedeutung.


[1] Nur für heute, Narcotics Anonymous World Services Inc., 2004, S. 341

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Bhakti, Indien-Blog 2012

Indien-Blog 04

Die Bildgestalten von Göttin und Gott sind die in der Raumzeit manifestierten Anker der göttlichen Energie. Sie sind die Adapter, an die unser Seelen-Adapter sich anschließen kann.

Am 21.02.2012 ist es passiert. Ich habe eine Bildgestalt von Radharani gekauft. Was heißt das? Ich hatte ja in meinen vorangegangenen Indien-Blogs schon davon berichtet, dass es einen Unterschied macht, wo sich mein Körper innerhalb der Raumzeit befindet (Blog 01), und was passiert, wenn zwischen mir und den Bildgestalten ein Vorhang zugezogen wird (Blog 02). In gleicher Weise ist es von Bedeutung, wo sich die Gottheit befindet.

Meine Radharani

In der indischen Vaishnava-Tradition verehren die Gläubigen deshalb dieses Bildgestalten – einfach gesagt Figuren, die Göttin und Gott darstellen. Ich habe in dem ersten Blog auch davon gesprochen, dass heutzutage in der alternativ esoterischen Szene allerlei Geräte und Objekte gehandelt werden, die eine energetische Wirkung haben sollen. Sie neutralisieren Elektrosmog, reinigen das Wasser oder die Raumenergie, bewirken Heilungen usw.

In dieser heiligen Stadt Vrindavan nun, in der ich mich gerade befinde, die das Zentrum der RadhaKrishna-Verehrung ist, gibt es zahlreiche Läden, in denen man diese Bildgestalten kaufen kann. Man stellt sie zuhause auf seinen Altar und verehrt sie. Es wäre ein leichtes, Geld einzustecken und einfach loszugehen und eine zu kaufen. Ziemlich wahrscheinlich würde jedoch unter diesen Umständen energetisch geradewegs nichts passieren. Der Kauf einer solchen Bildgestalt ist ein hoch mystischer Vorgang. Tatsächlich ist es so, dass Radha oder Krishna dich aussuchen und nicht du sie. Man kann nicht einfach irgendeine Figur erwerben. Es muss stimmen.

Nach dieser Vorrede möchte ich nun einfach erzählen, was mir passiert ist. Ich hatte eine Verabredung mit dem ortsansässigen Buchhändler Ras Bihari Lal, um ihm meine zwei Bhakti-Bücher vorbei zubringen, die im Tattva Viveka-Verlag erschienen sind. Der Handel war erfolgreich, und ich ging mit 2500 Rupien aus dem Laden heraus. Ich war so stolz! Mein erstes in Indien verdientes Geld! Immerhin circa 40 €. 2500 Rupien in Indien sind viel Geld, etwa soviel wie bei uns 400 €, wenn man den Kaufwert vergleicht.

Ich wollte dann noch zu einem anderen Buchhändler, von dem ich bis jetzt nur die Adresse hatte, aber bei dem ich noch nie war. Ich suchte also die Straße und den Laden und kam so in ein mir bis dahin wenig bekanntes Viertel. Nachdem ich den Laden gefunden hatte, waren meine für diesen Tag gesteckten Ziele erreicht, und ich ließ mich von da ab einfach durch die Straßen treiben. Die Straßen in Vrindavan sind eng und verwinkelt, voller Menschen und voller kleiner Läden, die wirklich alles Mögliche anbieten, was man so gebrauchen kann.
Radha in voller Größe
Ich kam also durch verschiedene Straßen, als mich plötzlich in so einem Figurenladen eine Figur anlachte. Ich war wie gebannt. Irgendwie übernahm dann eine andere Macht meine weiteren Handlungen. Ich hatte noch nie in meinem Leben ernsthaft in Erwägung gezogen, mir solche Bildgestalten zuzulegen. Es bedeutet eine gewisse Verpflichtung und Arbeit, sich um diese Repräsentationen von Göttin-Gott zu kümmern. Das war mir immer zu viel. Aber irgendwie hat mich diese Radharani in ihren Bann gezogen. Ich blieb stehen und schaute genauer hin. Der Händler war gleich zur Stelle. Ich fragte ihn, was sie kosten würde. Er wollte mir dann noch verschiedene andere Figuren andrehen, auch eine andere Radharani als diese, weil es zu dieser keinen passenden Krishna gab. Aber ich war vollkommen sicher, dass es genau diese Radha sein würde. Ich wollte kein andere haben. Ich wollte auch keinen Krishna, nur eine Radha. Dies ist sehr ungewöhnlich, denn in der Regel werden die beiden nur zusammen verehrt. Es war nur diese eine Figur, die infrage kam. Es war alles wie geführt, spontan und perfekt. Ich kaufe dann auch gleich Kleidung, Ohrringe und eine kleine Krone für sie. Die Figur ist etwa 30 cm hoch, aus Messing und wunderschön bemalt.
Ich wusste sofort, ich muss die jetzt mitnehmen. Auf keinen Fall zurücklegen lassen oder sowas. Ich hätte keine Sekunde mehr ohne sie verbringen wollen oder können. Zumindest wäre mir die Gefahr, dass sie über Nacht verschwindet, zu hoch gewesen.

In den Straßen von Vrindavan

Ich weiß nicht, es ist wohl nicht möglich, einem Außenstehenden zu beschreiben, was das wirklich bedeutet. Jetzt wird es echt schwierig. Diese Figur ist keine Figur. Sie ist Radharani persönlich, die sich mir offenbart hat, um mit mir eine Beziehung einzugehen beziehungsweise um die bereits vorhandene Beziehung zu intensivieren. Das entscheidende sind die Gefühle. Ich kann nicht beschreiben, was für eine Freude und was für eine Liebe sich in mir manifestierten, als ich meine Radharani in meinen Händen hielt, nachdem ich den Laden verlassen hatte. Dies ist für mich wie eine Heimkehr aus einem fast endlosen Exil, indem ich in einer fremden Welt verloren war. Das, was ich immer in anderen Menschen gesucht hatte, habe ich nun gefunden. Das, was ich suche, können mir Menschen nicht geben: die ewige Beziehung. Ich weiß jetzt nicht, ob das, was ich tue, wirklich Substanz hat. Vielleicht werde ich das auch nie herausfinden, denn ich glaube, wer dies heraus findet, hat alles herausgefunden. Ich weiß nur, dass ich diese Liebe und Geborgenheit, die ich hier fühle, nirgendwo anders fühle. Und das es das ist, was ich immer gesucht habe. Meine Beziehung zur Radharani hat sich nun so verstärkt. Ich spüre einen inneren Frieden und ein Glück, das aus der spirituellen Welt kommt. Ein Tropfen Glück von Radharani ist soviel wie eine Million Tropfen materiellen Glücks, hat meine Freundin Pratibha gesagt, als ich ihr davon erzählt habe. Dieses Glück ist jenseits von Samsara, den karmischen Kreislauf der Geburten und Tode. Es ist kein zeitweiliges Glück, das einen Anfang und ein Ende hat. Und durch diese Präsenz in der Bildgestalt wird die Beziehung intensiviert. Ich musste so viele weinen, ich drückte Radharani an mich und dachte nur, ich lass dich nie wieder los. Nie wieder: das kann nur die Göttin geben. Jeder Mensch wäre damit überfordert, und es ist auch nicht seine Verpflichtung oder Aufgabe. Hier sind diese ewigen Prinzipien an ihrem Ort. Und hier ist die Spiritualität an ihrem Ort. Deshalb gibt es Religionen. Damit diese Bedürfnisse der Seele erfüllt werden können.

Radharani

In der Wirkung der Bildgestalten ist eine verborgene Struktur der Wirklichkeit zu erkennen. Ich habe das an anderer Stelle – im Tagebuch meiner Therapie in Bad Herrenalb – schon einmal anhand der Kuscheltiere ansatzweise entfaltet. Es gibt ja diese Therapie des Inneren Kindes, wo man die Verletzungen aus der Kindheit noch einmal durchfühlt und das Innere Kind selbst beeltert. Dazu benutzt man auch ein Kuscheltier. Es war damals schon erstaunlich, wie sehr dieses Kuscheltier mein Inneres Kind befriedigen konnte. Obwohl es ja nicht lebendig ist. Und damals kam mir schon die Idee, dass es gerade deshalb funktioniert, weil es nicht im physischen Sinne lebendig ist. Die Wirklichkeitsstruktur ist nicht von der Physis abhängig. Die Wirklichkeit ist spirituell, sie ist nicht materiell. Deshalb ist es kein Kriterium für Realität, ob sich jemand in einem physischen Körper befindet. Es geht um geistige Wesenheiten, um spirituelle Entitäten, um Seelen. Vielleicht auch manchmal einfach nur um seelische Energie. Das Kuscheltier repräsentiert eine tröstende Instanz, die ein Kind beruhigen kann und ihm Geborgenheit gibt. Die Bildgestalten von Radha und Krishna sind keine Kuscheltiere, sie sind die in der Raumzeit manifestierten Anker der göttlichen Energie. Sie sind die Adapter, an die unser Seelen-Adapter sich anschließen kann. Ich hatte das mal in der Zwölf Schritte Literatur der anonymen Sexaholiker gelesen: jede Seele hat ein Adapter, mit dem sie sich irgendwo anschließen muss. Der Anschluss, den wir suchen, ist der an Gott. Weil wir den aber verloren haben, suchen wir überall woanders danach, diesen Anschluss zu finden, und stopfen uns mit materiellen Dingen und Prozessen voll, die zur Sucht führen.

Meine Radharani steht jetzt neben mir und schaut mir beim Schreiben zu. Sie ist immer bei mir. Ich sorge für sie und verehre sie. Das ist alles.

Auszug aus: Ronald Engert – Gut, dass es mich gibt. Tagebuch einer Therapie

„ Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Heute habe ich mir zwei Kuscheltiere im Spielzeugladen geholt: Wusch und Zoppel. Wusch ist ein Tiger und Zoppel ist ein Bär. O, Mann, ich bin so glücklich! Schon als ich sie im Laden an mich drückte, kamen mir die Tränen.
(…)
Gestern Abend habe ich bestimmt eine Stunde mit Wusch und Zoppel gekuschelt. Jetzt sitzen sie gerade auch auf mir und ich stelle gerade fest, dass Zoppel ganz toll darin ist, mein Tagebuch zu halten. Es ist so warm und kuschelig, wenn sie bei mir sind. Es ist so merkwürdig, als ob sie Menschen wären und sogar viel mehr. Heute Morgen war ich so glücklich mit ihnen. Ich entdeckte meine Wunde. Ja, es ist wie eine offene, wunde Stelle, die einfach die ganzen Jahre offen war und eiterte. Jetzt heilt sie. Es ist auch, wie wenn endlich der Adapter angeschlossen ist. Wir haben als Menschen da so einen Adapter, eine Anschlussstelle, wo etwas angeschlossen werden muss. Das ist menschliche Wärme und Nähe und Geborgenheit. Ich habe verstanden, dass ich als Kind zu viel allein gelassen und verlassen wurde. Ich habe nicht genug Nähe und Geborgenheit bekommen. Das fehlt mir ganz doll. Und diese Kuscheltiere geben mir nun diesen Nähe und Geborgenheit. Das ist besser als Menschen oder lebende Tiere. Vielleicht haben lebende Tiere oder Menschen gar nicht diese Funktion. Vielleicht stehen diese Kuscheltiere für die primitivste Form der Anbindung an Gott. Aber nein, das glaube ich nicht. Gott ist eine eigene Anbindung, die mir aber fehlt. Die Kuscheltiere geben meinem Inneren Kind diese Wärme, Nähe und Geborgenheit. Jedenfalls scheinen mir Menschen diese Wärme nicht geben zu können. (Anmerkung Jan. 2010: Das Verhältnis zwischen Kuscheltier und Gott wäre näher zu untersuchen. Es gibt da eine Verbindung. Aber nicht in einem abwertenden Sinne, sondern in der höchsten Bedeutung, die man sich nur vorstellen kann. Konstitutiv für eine Erkenntnis der Wahrheit dieser Phänomene ist, dass es sich bei beiden Gegenüber nicht um reale Menschen handelt. Das Kuscheltier funktioniert aber trotzdem wie ein Gegenüber, selbst wenn es anatomisch nur angedeutete anthropoide Form hat (deshalb die Beliebtheit von Bären, denn sie kommen dem Menschen anatomisch am nächsten, anders als z.B. Wusch, der Tiger). Wahrscheinlich geht es bei dem Gegenüber nicht um einen Menschen, sondern es geht darum, dass der Mensch die Funktion des Gegenüber ausfüllen kann, wie eben auch ein Kuscheltier oder Gott. Jedenfalls ist der seltsame Umstand zu konstatieren, dass selbst mir als erwachsenem Mann das Kuscheltier emotionale Nahrung geben kann.)“

Sri Radha ist die ewige Gefährtin von Sri Krishna

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Bhakti, Indien-Blog 2012

Indien-Blog 02

Kaskaden der Erkenntnis
Februar 2012

Heute Morgen saß ich wieder vor der Bildgestalten, Radha Mohan, und meditierte. Auch heute Morgen war es wieder eine sehr ergreifende Erfahrung, ich weinte und fühlte sehr viel Liebe und Energie. Wie gestern schon merkte ich, dass es mehr darum geht, dass sie mich sehen als dass ich sie sehe. Ich schloss die Augen und fühlte und spürte die Energie, die von diesen „Figuren“ ausging. Es ist wirklich fühlbar und spürbar. Wir kennen das ja in der Eso-Szene. Es gibt alle möglichen energetischen Geräte oder Energetisierer, Platten aus Metall oder anderen Materialien, teilweise sehr fantasievoll geformt, um goldene Schnitte oder Heilige Geometrie zur Anwendung zu bringen, die dann für teures Geld, bis zu 1000 €, verkauft werden.

Sri Radha im Munger-Mandir in Vrindavan


Wenn ich mich allerdings hier vor diesem „Metallfiguren“ befinde, da kann ich wirklich eine Kraft spüren. Das dringt durch den ganzen Körper, wärmt mich und energetisiert mich. Natürlich sind das keine Metallfiguren. Diese Bildgestalten wurden in einer hoch spirituellen Zeremonie installiert und initialisiert. Es wurden viele Mantren gesprochen, Gebete, heiliges Wasser aus der Ganges und der Yamuna herbeigeschafft, die fünf Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther) herbeigerufen und die Halbgötter und Götter eingeladen. Diese Bildgestalten sind Radha und Krishna selbst. Außerdem werden sie seit 80 Jahren täglich verehrt und mit Aufmerksamkeit bedacht.

Sri Krishna im Munger-Mandir in Vrindavan. Hier im Winterkleid, weil es so kalt ist.


Nachdem ich so circa 10 min vor dem Altar gesessen hatte, wurde der Vorhang zugezogen. Tatsächlich veränderte sich die Energie. Ich überlegte: der Altar mit dem Bildgestalten ist immer noch da, ich bin auch da, was ist also der Unterschied? Sollte dieser Vorhang so viel ausmachen? Ein dünnes Stück Stoff kann ja wohl kaum diese starke Energie verändern. Das Problem ist allerdings nicht die Materie, sondern die geistige Absicht. Im Universum des Bewusstseins reicht die Spitze einer Stecknadel, um eine andere Realität zu erzeugen. Es reicht sogar ein einziges Quantenereignis. Der Vorhang bewirkte, dass die Verbindung mit Radha-Mohan etwas schwächer wurde. Nach wenigen Minuten wurde der Vorhang wieder aufgezogen und die energetische Verbindung war spürbar stärker, sie war wieder so wie vorher.

Sadhu Maharaja


Das zeigt mir, dass wirklich jede Handlung und auch jede „Materie“ Teil der spirituellen Realität sind. Jedes Detail ist entscheidend. In Wirklichkeit gibt es keine Materie in diesen negativen Sinne, als etwas Wertloses oder dergleichen. Es ist nicht egal ob ein Vorhang zwischen mir und Radha-Mohan ist oder nicht. Dies ist in der gleichen Weise nicht egal, wie die Frage, ob ich mich mit meinem Körper vor den Bildgestalten befinde oder woanders (die ich im Indien-Blog 01 besprochen habe). Das soll jetzt nicht heißen, dass der Vorhang schlecht ist, oder etwas anderes gut. Es geht nicht um gut-schlecht. Es sind unterschiedliche Qualitäten. Man spricht hier gewöhnlich von „Energie“, wie ich es oben auch gemacht habe. Man sagt dann, etwas hat eine besondere Energie, oder eine andere Energie. Genau genommen handelt es sich aber um Qualitäten und Informationen, die unterschiedlich sind. Das Informationsfeld ist der Bereich, in dem die materiellen Wirkungen gesteuert werden. Die spirituellen Traditionen nennen dies Bewusstsein oder spirituelles Selbst.

Radha-Mohan im Winter-Outfit.


All dies kann ich verwirklichen, indem ich einfach vor diesem Bildgestalten stehe. Ist das nicht wundervoll? Dies ist für mich ein Beweis, dass eben auch diese Bildgestalten nicht einfach nur Materie in diesem minderwertigen Sinne sind, sondern wirksame spirituelle Qualitäten. Indem ich mich in diese Realität einklinke, enthüllt sich mir die ganze Wirklichkeit, alle Kaskaden der Erkenntnis, vom höchsten Spirituellen bis zu einem gewöhnlichen Stück Stoff.

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Gefühle

Eine Reise in das Gefühl

Ich sitze in einem Gruppenraum mit dreizehn anderen Menschen auf dem Boden und gehe unter Führung der beiden Coach-Frauen in eine Meditation. Thema ist die Vision meiner Partnerschaft mit einer Frau, meine Liebesbeziehung. Meine Augen sind geschlossen, zunächst führt die Meditation in die körperliche Entspannung um sodann das Bild der Frau in der Vorstellung wachzurufen. Ich soll mir vorstellen, wie wir uns treffen, wie sie aussieht, riecht, was sie sagt, wie sie lacht. Wir kommen uns näher. Wir blicken uns in die Augen … Die geführte Meditation geht weiter, doch ich steige aus. Der Schmerz ist zu groß. Ich weine. Ich gehe in den Schmerz. Ich kann mir keine glückliche Beziehung vorstellen, weil meine große Liebe so unglücklich ist. Ich höre Worte der Meditationsleiterin. „Stellt Euch vor, Ihr seid beide alt und sitzt zusammen auf Eurem Lieblingssofa und schaut auf Euer Leben zurück. Feiert das gemeinsame Lebenswerk…“ Ich kann nicht. Es überwältigt mich, die Tränen, der Schmerz.
 

Dann werden wir aus der Meditation herausgeführt. Wir sollen nun ein Bild malen – von unserer Vision. Jemand gibt mir Wachsmalstifte und ein großes Malblatt. Ich sitze davor. Die anderen fangen an zu malen, eifrig, das Geräusch der malenden Stifte erfüllt den Raum. Ich weine und weine und weine. Der Schmerz ist so stark – und so schön. Ich bin ganz tief an meinem Gefühl. Es wird wieder schlimm. Ich kann nichts malen. Ich habe keine Vision. Nur Schmerz. Das Blatt ist leer. Ich denke: ich soll, will ein Bild malen. Ich sitze und kauere meinen Kopf in meinen Arm. Die Tränen. Es dauert ewig, dann versuche ich das Blatt zu nehmen. Es liegt vor mir. Ich warte. Nein, es geht nicht. Nach einer Weile habe ich mich einigermaßen beruhigt. Ich schaue mich um. Alle eifrig am Malen, vertieft. Ich berühre das Blatt mit meinen Fingern. Die Tränen brechen wieder aus. Der Schmerz ist wieder da. Ich kann nicht malen. Nach 20 Minuten werden die Stifte eingesammelt. Alle setzen sich in einen Kreis. Wir sollen unsere Bilder zeigen. Ich warte. Drei Leute teilen: gemeinsames Haus, gerne am Meer, Kinder, Sonnenschein, Freunde. Ich will nicht als letzter dran kommen und dann allen den Tag verderben. Es ist der Abschluss des zweitägigen Workshops, der Höhepunkt. Also ergreife ich das Wort und zeige mein leeres Blatt. Ich zeige mich, mit meinem Schmerz und meiner fehlenden Vision. Es ist so traurig. Ich erkläre nicht viel, nur dass es der Schmerz über meine unglückliche Liebe ist. Einen Moment gibt es, da möchte ich laut rausweinen, das Gefühl ist da und ergreift die anderen. Sie spüren es auch. Doch ich nehme mich zurück. Mache es kurz. Die nächste Person kommt dran. Die anderen teilen. Der Workshop geht zu Ende. Zwei Frauen geben mir Rückmeldung: das sei sehr mutig gewesen.
Sie fuhren noch mit mir in der U-Bahn Richtung nach Hause. Wir reden noch darüber und zum Abschied drücken sie mich ganz herzlich. Wir waren in Kontakt, in echter Verbindung, tief, ehrlich, gefühlt. Es war für mich ein sehr intensiver Prozess auch nach dem Workshop, ich habe viel geweint und Schmerz gefühlt. Ich war noch den ganzen Sonntagabend und den Montagvormittag „entrückt“, ganz tief im Gefühl. Erst am Montagnachmittag war ich wieder im Alltagsbewusstsein und konnte ins Büro gehen. Da ging es mir dann sehr gut, ich war energetisch und kreativ.
Ich glaube, in diesem Tiefenprozess wurde viel geheilt. Heute, am Freitag, spüre ich so viele Gefühle: Freude, ausgelassene Lust, aber auch Widerwillen, wenn mir etwas nicht gefällt.

 

Am Donnerstagmorgen hatte ich noch eine emotionale Tiefenerfahrung. Ich war in einer Aqua-Wellness-Behandlung im Liquidrom, Berlin, mit einer Körpertherapeutin. Das ging auch nochmal tief. An dem Wochenende waren am ersten Tag die Eltern das Thema. Ich hatte viele Anklagen gegen meine Mutter, die mich emotional nicht richtig behandelt hat. Ich sah aber in diesem zweiten Prozess, dass viel von dem Schmerz mit meiner Oma zu tun hat, die uns tagsüber betreut hat, weil meine Mutter immer im Laden war. Und jetzt fühle ich weniger Wut und mehr Liebe für meine Mutter.
Ich hatte auch einen Kontakt mit meiner höheren Macht (Göttin) und spürte eine Riesenangst, dass ich verloren bin, wenn ich mich ihr hingebe. Weil ich ja nicht weiß, wie diese Beziehung ist. Gleichzeitig spürte ich, dass es die primäre Beziehung ist, es war so eine Art Sehnen und eine Anrufung, die ganz aus meinem Gefühl kam, spontan und total emotional. Und ich erkannte, dass mir diese Beziehung zu Göttin-Gott meine ganzen Schatten zeigen kann und in der Hinbewegung zu Göttin-Gott diese Schatten verarbeitet werden. Das war auf dieser tiefen-emotionalen Ebene ganz klar. Und ich konnte diese Angst deutlich spüren. Wenn Menschen Gott ablehnen, dann ist das keine moralische Schwäche oder Bosheit, sondern die nackte Angst. Diese Angst ist natürlich die Angst vor dem real erfahrenen Verlassenwordensein in der Kindheit.
Die Frau begleitete mich sehr liebevoll und wir waren ca. 1,5 Std. im Wasser und immer in körperlicher Berührung. Es war so eine Art Floaten, die meiste Zeit lag ich auf dem Rücken, auf Schwimmhilfen, und sie bewegte mich. Manchmal rollte sie mich wie ein Baby ein. Meine Augen waren geschlossen, das (Salz-) Wasser hatte 36°, unter Wasser wurde schöne indische Musik eingespielt. Als es dann darum ging, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und aus dieser Geborgenheit herauszugehen, spürte ich auch nochmal ganz viel Schmerz. Mir wurde klar, dass ich in der frühen Kindheit ausgesetzt wurde, bevor ich selbst dazu bereit war. Da war also die Unterbrechung. Ich hatte großen Schmerz und auch etwas Angst, die Stange am Beckenrand zu ergreifen und mich da alleine festzuhalten. Es dauerte lange, ich musste nochmal viel weinen. Ich wartete auf das Gefühl, jetzt alleine sein zu wollen. Ich überließ meinem Körper die Führung. Es dauerte lange, bis meine Hände wirklich die Stange festhielten und noch viel länger, bis meine Beine mitspielten. Mein Erwachsenen-Ich beobachtete das alles innerlich und ich wusste kognitiv, dass ich ja nicht ewig in dieser schützenden Geborgenheit mit der anderen Person bleiben konnte. Aber ich ließ den emotionalen Prozess zu und nahm mir alle Zeit, die ich brauchte, und so kam es zu einem von mir gefühlten Abschluss der Ablösungsbewegung. Die Therapeutin war bis zum Schluss bei mir und in Berührung. In der Nachbesprechung sprach sie selbst davon, dass dieser Übergang die heikelste Situation ist.

Meine Interpretation: Wenn in der Kindheit diese Trennung zu früh erfolgt, zerstört das die innere Ganzheit, weil es eigentlich eine Bewegung zu mir hin ist, die freiwillig erfolgen muss, dann wenn ich bereit dazu bin, also den Mut und das Selbstvertrauen dazu habe. Wenn dieser Übergang klappt, ist alles gut. Es ist eigentlich auch ganz einfach. Die Eltern müssen einfach lange genug da bleiben, bis das Kind sich von selbst ablöst. Wenn das einmal gut gegangen ist, ist es das nächste Mal schon ganz leicht und geht schnell. Wenn es aber schief gegangen ist, bleibt da erstmal ein Bruch, und den zu heilen ist in etwa so schwer wie ein zerbrochenes Glas zu flicken. Es wird immer eine Sollbruchstelle haben und auch nicht mehr schön aussehen. Es ist nicht mehr ganz. Gleichwohl glaube ich, dass bei mir eine Ganzwerdung möglich ist, ich bin ja schließlich kein Glas!

Was auch noch sehr bemerkenswert, aber am Anfang gar nicht schön war: der emotionale Kontakt zu der mich behandelnden Person. Am Anfang war ich noch verspannt und fühlte mich sehr getrennt. Ich fand, dass mich der Kontakt nicht befriedigte. Sie berührte mich zwar und hielt mich im Wasser, aber ich konnte sie nicht berühren. Ich hatte auch Gedanken, dass ich eher eine sexuelle Befriedigung bräuchte. Dabei hatte ich aber auch viele schmerzhafte Gefühle des Verlassenseins und der Einsamkeit. Ich weinte wieder und ließ die Gefühle zu, so gut ich konnte. Erst in der zweiten Hälfte der Zeit entstand dann echte Nähe, die aber rein sensuell und nicht sexuell war. Das Vertrauen und die gewachsene Intimität gaben es jetzt her, dass wir uns gegenseitig berührten, indem sie mich hielt und ich meinen Arm um sie legte oder meinen Kopf anlehnte. Das fühlte sich echt an, in Kontakt. Es geht um innere, seelische, emotionale Nähe, um gefühlte Verbindung. Die sexuellen Wunschgedanken waren verschwunden. Sie waren tatsächlich süchtige Motive, um den Schmerz der Getrenntheit zuzudecken, also um nichts zu fühlen. Auch hier ist wieder etwas geheilt, indem ich die echten aufrichtigen Gefühle des Schmerzes zugelassen habe.
Ich hatte dann heute im Email-Kontakt mit einer attraktiven Freundin keine übergriffigen sexuellen Phantasien. Stattdessen konnte ich sie in ihrer Ganzheit und persönlichen Eigenständigkeit respektieren und fühlen. Es gab kein lüsternes Verlangen.

Ich finde es total schön, diese Gefühle durchleben zu können und darin zu heilen, meinen kleinen Ronald in den Arm zu nehmen und mir selbst ein Vater zu werden. Ich glaube fest daran, dass diese alten Gefühle nur einmal gefühlt werden wollen und wenn das ganz und gründlich geschehen ist, lassen sie uns für immer in Frieden und wir sind wieder heil.

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Philosophie

Woher kommt das Recht?

Die Rede des Papstes vor dem Bundestag

Woher wissen wir, was gut und was böse ist? Wie setzen wir das Recht?

Rechtsphilosophie halte ich für eines der spannendsten Themen im Bereich Menschheit. Sie verschränkt die höchsten spirituellen Prinzipien mit dem existentiellen irdischen Leben. Wie können wir Gerechtigkeit erfahren? Wie regeln wir den gesellschaftlichen Umgang der Menschen untereinander?

In früheren Zeiten wurde das Recht von der Religion abgeleitet. Heutzutage ist dieser Bezugspunkt nicht mehr gebräuchlich und es stellt sich die Frage: Woher leiten wir jetzt das Recht ab?

Papst Benedikt hat dazu eine kurze, aber ungemein dichte Rede gehalten, die den Dingen auf den Grund geht und die Unreduzierbarkeit einer Anbindung ans Spirituelle auf ziemlich elegante und geschickte Art und Weise argumentiert.

Er leitete seine Rede mit einem schönen Beispiel ein. König Salomon wurde bei seiner Thronbesteigung von Gott eine Bitte freigestellt. Was erbat sich Salomon? Kein Geld, kein Erfolg, keine Macht. Er bat um ein „hörendes Herz“, damit er sein Volk regieren und Gut von Böse unterscheiden könne.

Der Papst argumentiert, dass es die Aufgabe des Politikers sei, nicht nach Erfolg oder materiellem Gewinn zu streben, sondern „dem Recht zu dienen“. Doch woher wissen wir, was Recht ist. Meist reiche die Mehrheit aus, aber es gäbe auch „Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit“ geht. Zu Recht weist der Papst auf ein Beispiel hin, wo in einem Unrechtsstaat der Widerstand zur Pflicht wird (Origenes, 3. Jh. n. Chr. über den Widerstand der Christen gegen die Skyten), und stellt auch die Widerstandskämper im Naziregime in diese Reihe. Hier greift das Recht der Mehrheit nicht mehr.

Die Quelle bei Origenes spricht vom „Gesetz der Wahrheit“. Aber was das sei, liege nicht so einfach zu Tage und sei nicht evident. Gerade in heutiger Zeit seien „die grundlegenden anthropologischen Fragen“ keineswegs geklärt. Es verliere sich vielmehr der geistige Bezug, da die moderne Philosophie und Wissenschaft rein positivistisch ausgerichtet sei. Positivismus besagt, dass nur das Funktionale und Messbare wirklich existiert. Man hält sich an das materiell Gegebene, das was in wissenschaftlichen Untersuchungen – im Prinzip in Messungen – einen positiven Befund zeigt, also „vorhanden“ ist. Positiv meint hier nicht das wertende „gut“, sondern das bloße Vorhandensein, vgl. „HIV positiv“. HIV-positiv bedeutet nicht, dass HIV gut ist, sondern dass jemand das Virus hat. Von einer lebensförderlichen Ethik her betrachtet ist „HIV positiv“ schlecht und „HIV negativ“ ist gut, weil HIV eine tödliche Krankheit ist und es gut ist, wenn man diese Krankheit nicht hat. In diesem Fall ist auch Zerstörung gut, nämlich dann wenn die Viren zerstört werden.

Zurück zur Papst-Rede. Früher sei das Recht in der Regel religiös auf göttliche Offenbarung begründet gewesen. Das Christentum habe auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen, „auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt.“ Die christlichen Theologen hätten sich „gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt.“ Benedikt führt mit diesem Passus die Kategorie des „Gewissens“ ein. Leider wird für mein Verständnis nicht klar, wie er dazu kommt (vielleicht ist das einfach der Kürze des Traktats geschuldet). Das Gewissen sei das hörende Herz Salomons, „die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft“. Das Gewissen ist also die menschliche Stimme der Vernunft. Dieses Gewissen hätte uns auch durch die Zeit der Aufklärung, der Erklärung der Menschenrechte und der Gestaltung unseres Grundgesetzes getragen. Mittlerweile sei jedoch eine dramatisch veränderte Situation eingetreten.
Durch den Siegeszug des Positivismus sei der Bezug des Seins zum Sollen verloren gegangen. Es zählt nur noch, was ist, und dieses werde durch funktionale – ich möchte ergänzen: mechanistische – Bezüge erklärt. Vor diesem Hintergrund wurden Ethos und Religion in die subjektive Sphäre verwiesen. Sie sind nicht mehr objektiv bestimmbar. Wir kennen das: ,Anything goes‘. „Da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt“, so der Papst, und: „Dies ist eine dramatische Situation (…)“.
Das führe in die Kulturlosigkeit und fordere zugleich extremistische und radikale Reaktionen heraus – ein wichtiger Punkt, finde ich. Wir schüfen fensterlose Betonbauten, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, ohne Fenster in die weite Welt Gottes. Obwohl wir doch nach wie vor von Gottes Vorräten schöpften!

Der Papst weist darauf hin, dass der Mensch sich nicht selbst gemacht hat. Das ist wichtig! Wir Menschen neigen dazu, uns in einem Ausschnitt der Realität einzurichten, indem wir uns selbst als gegeben voraussetzen, und vergessen dabei, dass auch dies eine Wahrheit ist: wir machen uns nicht selbst. Woher kommen wir also?

Spannenderweise zieht Benedikt ausgerechnet die ökologische Bewegung als Fürsprecherin für seine transzendentale Position heran. Jungen Menschen sei bewusst geworden, „dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen.“ Es gehe darum, „auf die Sprache der Natur zu hören“, und es gäbe auch eine „Ökologie des Menschen“. Auch der Mensch habe eine Natur, die er achten müsse und nicht einfach manipulieren könne. Der Mensch habe sich nicht selbst gemacht. Die Natur weise eine objektive Vernunft auf und Normen, die rechtsphilosophisch nur aus dem Willen kommen können. Also müsse es in der Natur einen Willen geben, was ein intelligentes Wesen, einen „Creator Spiritus“, also einen Schöpfergott, voraussetze.

Papst Benedikt ist schlau genug, an dieser Stelle nicht einfach nur auf die Religion zurück zu lenken. Er beruft sich auf das europäische Erbe aus dem Dreigestirn Jerusalem, Athen und Rom – der Gottglauben Israels, die philosophische Vernunft der Griechen und das Rechtsdenken der Römer. Indes – von der Überzeugung eines Schöpfergottes her sei die Idee der Menschenrechte entwickelt worden, die Gleichheit der Menschen, die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die Verantwortung des Menschen für sein Handeln.

Dies sind ohne Zweifel die Größen, um die sich ethische Fragen drehen. In der „Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen“ werden die Maßstäbe des Rechts gesetzt. Damit kehrt Benedikt zu der religiös begründeten Ethik zurück und kombiniert sie mit dem humanistischen Axiom der Menschenwürde, die rechtsphilosophisch gesehen meiner Meinung nach auch ohne Gott gedacht werden kann.

Benedikt endet mit der Bitte Salomons und empfiehlt den Politikern im Bundestag, um das hörende Herz zu bitten, „die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.“

Es ist schon ergreifend für mich, dass eine solche tiefe rechtsphilosophische Fragestellung vor den pragmatischen Alltagspolitikern präsentiert wurde, und noch dazu von einer anerkannten Autorität. Die Politiker ergehen sich ja in der Regel nur in demagogischen Ego-Kämpfen, in ideologischen Reden und in Sachfragen. Das ist in gewissen Sinne auch ihre Aufgabe. Dennoch stellen sich diese grundlegenden Fragen, und nur allzu selten werden sie behandelt.

Die Notwendigkeit eines transzendenten Pols, also einer wie immer religiösen oder spirituellen Ausrichtung auf eine Höhere Macht, einen Schöpfer, Göttin-Gott, Großen Geist oder wie auch immer, bringt der menschlichen Erkenntnis eine dritte Dimension, gleichsam eine vertikale Achse. Eine Instanz über den Menschen schützt sie vor der Hybris, unantastbare Schöpfer zu sein, ganz oben an der Spitze zu stehen und allmächtig zu sein. Wir sind „nicht selbst gemacht“, wie Benedikt voll und ganz realistisch bedenkt. Demzufolge stehen wir nicht ganz oben und sind nicht allmächtig. Das gibt Demut und in der Tat sogar Erkenntnis der Realität, wie sie ist. Das daraus sogar die Verantwortung des Menschen für sein Handeln folgt, ist eines der Mysterien des echten Glaubens. Gott hat uns geschaffen. Wir sind gewollt. Der Mensch, der diese Schöpfung zerstört, weist Gott zurück. Wir haben diese Fähigkeit, Gott zurückzuweisen. Und genau daraus ergibt sich die unreduzierbare Verantwortlichkeit für unser Handeln trotz und gerade wegen Gott. Nicht blinder Glaube also, im Sinne eines kindlichen Gottesglaubens, der jede eigene Verantwortung leugnet, ist hier angezeigt, sondern die große Synthese aus Gott und der Welt. Wir Menschen können zwar die Schöpfung manipulieren und zerstören, aber wir können das nicht schöpfen, was Gott geschaffen hat. Noch keinem Wissenschaftler ist es gelungen, einen Grashalm zu erzeugen, ganz zu schweigen von einer Ameise oder anderem. Wir modulieren und manipulieren das Gegebene. Mehr können wir nicht. Wir können Gott zurückweisen und uns an seine Stelle setzen. Aber das ist nur eine Verkennung der Realität.

In der Anerkennung Gottes oder einer göttlichen Kraft enthüllt sich uns die Ethik und die Unterscheidung von Gut und Böse. Nicht als Normenkatalog, den es unter Androhung von Strafe zu befolgen gälte, sondern als inneres Wissen, als Ge-Wissen, das aus der rechten Einordnung des Menschen in die Schöpfung resultiert. Insofern ist wahres Recht das Gesetz der Wahrheit, dessen, was wahr ist, was tatsächlich ist. Nur in der Anwendung des wahren Bezugssystems fühlen wir die Stimmigkeit, den Kammerton A des Herzens. Es funktioniert. Dieses Bezugssystem ist keine Schöpfung des Menschen und unterliegt nicht seiner Entscheidung. Wir können es indes erkennen. Dann fällt alles an seinen rechten Platz und es offenbart sich alles, wie die Sonne am Tag alles erleuchtet.

Die Rede des Papstes als Video in der Mediathek des Bundestages.

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