Bhakti, Indien-Blog 2012

Indien-Blog 01

16.02.2012

Der Flug nach Indien startete um 6 Uhr früh in Berlin Tegel. Ich war um 2.30h aufgestanden und um 3.30h zum Flughafen gefahren. Nachts um 23.30h kam ich in Dehli an. Der erste Eindruck, den ich in Indien erleben durfte, war der Flughafen – ein in jeder Hinsicht westlicher Zustand.

Glücklicherweise hatte mein Freund, Sadhu Maharaj, einen Taxifahrer geschickt. Wir fuhren durch das nächtliche Indien Richtung Vrindavan, das ca. 110 km südlich von Dehli liegt. Die Straßen waren in gutem Zustand, anders als vor vier Jahren, als ich das letzte Mal in Indien war. Insgesamt erscheint mir die wirtschaftliche Entwicklung durchaus deutlich sichtbar vorangegangen zu sein. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass die Autos und LKWs in einem besseren Zustand sind und der Verkehr nicht mehr ganz so chaotisch wie damals ist. Es ist durchaus eine gewisse Struktur erkennbar.

Sadhu Maharaj


Trotzdem war ich unendlich froh, als ich endlich in mein geliebtes Vrindavan kam, wo noch die alten Zustände herrschen: Kühe, Schweine, Ziegen und Hunde auf der Straße, halsbrecherische elektrische Leitungen an den Häusern, baufällige Hütten und ein Duft von offenem Feuer. Es war Nacht und ich sollte erst am nächsten Tag das Leben auf der Straße wieder sehen.

Im Tempel-Ashram angekommen, wurde mir ein Zimmer zugewiesen. Echt indische Verhältnisse! Eine karges, düsteres Zimmer, eine Holzpritsche mit einem dünnen matratzenähnlichen Belag, schmutzige Bettwäsche, die Farbe von den Wänden teilweise abgeblättert, ein angeschlossenes „Badezimmer“, bestehend aus einer indischen Toilette und einem Wasserhahn mit kaltem Wasser.

Von alledem ließ ich mich aber nicht schocken. Ich kenne das ja schon. Mein Ziel in Vrindavan ist es, in die Beziehung zu Göttin-Gott einzutauchen, die hier Radha und Krishna genannt werden und ganz besondere Eigenschaften haben, und meine ewige spirituelle Identität wieder zu finden. Deshalb war das Allererste, was ich bei der Ankunft in Vrindavan vor den Toren des Tempels getan hatte, meine Ehrerbietung dazubringen. Zu diesem Zwecke hatte ich schon im Auto die Schuhe und Strümpfe ausgezogen, denn es ist ein Zeichen von Respekt gegenüber dem Göttlichen, ihm barfuß zu begegnen – und schon die Erde und der Staub von Vrindavan sind heilig – und auf die Knie zu gehen und den Boden mit den Händen und mit der Stirn zu berühren.

Ich glaube, es ist wichtig, sich angesichts des Göttlichen klein machen. Mein Ego ist ohnehin groß genug, darum brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Aber um Göttin- Gott zu begegnen, ist Demut angesagt. Das sollte die Sorge eines jeden Menschen sein, auf dem spirituellen Weg voranzuschreiten ohne zu zögern.

Ein kleiner Rundgang durch den Munghir Tempel:

Der Morgen begann mit Wiedersehensfreude und Begrüßungen. Es war schön, Sadhu Maharaj und Vrnda devi wieder zu sehen, ganz alte Freunde von mir. Ich bekam ein leckeres Frühstück und telefonierte mit meiner Freundin Pratibha, mit der ich mich bereits im Vorfeld verabredet hatte. „Zufälligerweise“ sollte genau zum Zeitpunkt meines Eintreffens in Indien die Eröffnung eines neuen Tempels in Vrindavan stattfinden. Dieser Tempel, der Prem Mandir von Kripalu Maharaj, ist eines der größten Ereignisse der letzten Jahre in der Gegend. 11 Jahre hatten sie an diesem Tempel gebaut, er besteht aus purem italienischem Marmor und wurde ohne Zement, Mörtel, Beton oder Stahl gebaut. Die Steine sind so geschnitzt, dass sie wie mit einem Click ineinanderpassen. Tausende Jahre zurück in die Vergangenheit baute die alte vedische Kultur ihre Tempel auf diese Weise. Es gibt in den Veden eine ganze Architekturwissenschaft, den Stapadya-Veda. Die alte vedische Kultur hatte Tempel gebaut, die auch heute nach 2000 Jahren teilweise noch stehen. Der neugebaute Prem Mandir erweckt auf mich den Eindruck, dass er wohl auch 2000 Jahre stehen wird.

Der Prem-Tempel in Vrindavan:

Viele Menschen fragen sich, warum man eigentlich Geld für einen Tempel ausgeben soll, wo es doch so viel Armut auf der Welt gibt. Über diese Frage habe ich mir auch schon viele Gedanken gemacht und auch den Tag gestern dazu benutzt, um mit einigen Menschen darüber zu sprechen. Unter anderem fragte ich einen Anhänger von Kripalu Maharaj, einen Australier, der schon 25 Jahre in dieser Gemeinschaft dabei ist, was das Motiv für einen solch opulenten Tempel ist, für den sie das Marmor extra aus Italien herbeigeschafft haben. Warum spenden sie das Geld nicht den armen Menschen? Er antwortete mir, das Kripalu Maharaj bereits seit vielen Jahren karitative Programme unterhält, in der Form von Krankenhäusern, Schulen und Grundversorgung für Arme. Spirituell gesehen ist es jedoch ein Problem, Menschen Geld zu geben, weil dies ihr materielles Bewusstsein und ihr materielles Ego verstärkt. Das materielle Ego ist jedoch die Ursache dafür, dass der Mensch sich vom Spirituellen und von Gott entfernt. Und weil der Mensch Gott vergisst, und sich stattdessen selbst an dessen Position als höchste Autorität zu stellen geneigt ist, verursacht er sehr viel Störungen und Leiden in seinem Umfeld und bei sich selbst. Die höchste Wohlfahrtsarbeit besteht deshalb darin, den Menschen zum spirituellen Bewusstsein zu bringen. Alles andere sind nur temporäre Zwischenlösungen, Symptombekämpfung, kurzfristige Linderung, die postwendend wieder in Leiden umschlagen. Die Identifizierung mit dem materiellen Bewusstsein bedeutet, dass der Mensch glaubt, er könne die Mitwelt wie tote Objekte behandeln, die man nach Belieben ausbeuten kann. Für einen solchen materiellen Menschen ist die Erde nur ein Objekt der Ausbeutung, und ebenso sind es die Pflanzen, die Tiere und die anderen Menschen. Der Materialist sieht überall um sich herum nur ausbeutbare Objekte, die er genießen und sich einverleiben kann. Materielles Bewusstsein führt auch zur Verwirrung über die eigene Identität und die Realität an sich. Die Wahrnehmung ist gestört. Liebe kommt im materiellen Bewusstsein nicht vor, es sei denn, wenn darin ein eigener Vorteil enthalten ist.

Der neue Prem-Mandir in Vrindavan


Die Verwirrung bezüglich der eigenen Identität bedeutet, dass man sich nicht mehr als spirituelles Lebewesen erkennt, sondern sich vollständig mit dem materiellen Körper identifiziert und glaubt, die Befriedigung der physischen Bedürfnisse wie Essen, Schlafen, Sich-Paaren und Verteidigung seien das Ziel des Lebens. Diese materielle Identifizierung mit dem Körper, mit dem Essen und den äußeren Bedingungen ist äußerst umfassend und weit greifend. Das Spektrum ist sehr weit und es ist schwierig, pauschale Aussagen zu machen. Natürlich ist ein Mensch, dessen Existenz gefährdet ist, weil er nichts zu essen hat, zu Recht darum besorgt, etwas zu essen zu bekommen, und sein Bewusstsein ist voll und ganz auf dieses Motiv ausgerichtet. Hier geht es um das Überleben. Etwas anderes ist es jedoch, wenn meine lieben, lieben Freunde aus Deutschland bei der Vorstellung nach Indien zu fahren leuchtende Augen bekommen, weil es dort so schön warm ist. Wie viele Menschen gibt es im Westen, die lamentieren, weil es im Winter etwas kalt ist, und die die Vollkommenheit des Lebens darin zu sehen scheinen, ihre Zeit unter der Sonne des Südens totzuschlagen. Vielleicht sind meine Worte hier gerade etwas hart, aber ich kann es nicht nachvollziehen, warum ich meinen Körper in ein südliches Land transportieren soll, weil dort die Sonne scheint und es wärmer ist. Das ist für mich kein Lebensinhalt. Natürlich sitze ich jetzt auch hier in der Sonne und es ist schön warm, 23°, das ist aber ein Nebenprodukt meines spirituellen Motivs. Und hier kann man auch ganz schön sehen, wie einem die Motivation zum spirituellen Leben auch materielle Vollkommenheiten verschafft. Ich sitze in der Sonne und die Leute, die ins Warme reisen wollen, sitzen in Deutschland im Kalten. Im Warmen zu sein, ist ein materielles Motiv, es betrifft nur den Körper und äußere Umstände. Die Identifizierung besteht darin, dass man es als Freude und Genuss erfährt, aus dem dann ein Lebenssinn oder eine Idee abgeleitet wird, dass dies ein erstrebenswertes Ziel und ein erfolgreiches Leben ist. Für mich war das noch nie ein fühlbares Motiv.

Ein Rundgang über das Gelände des Prem-Tempels:

Jedenfalls habe ich mich dann bei diesem Fest zur Eröffnung des Tempels mit meiner Freundin Pratibha getroffen, einer Inderin, die in Vrindavan geboren und aufgewachsen ist und die Liebe zu Göttin-Gott, zu Radha-Krishna, von Kindesbeinen an intensiv erlebt und erfahren hat. Sie ist ein Phänomen. Sie spricht nur Hari-kata, das bedeutet Gespräche über Gott. Sie spricht immer nur von Radha und Krishna und von ihrem Guru, Kripalu Maharaj. Das ist das Besondere an Vrindavan, hier gibt es Menschen, die völlig im Gottesbewusstsein absorbiert sind. Vrindavan ist ein uralter Pilgerort in Indien, denn hier sind vor 5000 Jahren Radha und Krishna erschienen. Mir ist erst letztens die Bedeutung von Krishna bewusst geworden, und zwar als ich mein Visum beantragte. Auf der Homepage der indischen Botschaft haben sie auch die indischen Feiertage gelistet, um dies bei der Beantragung des Visums entsprechend einplanen zu können. An Feiertagen ist das Büro geschlossen, was zur Verzögerung der Bearbeitung führt. Zu den landesweiten indischen Feiertagen gehört Janmastami, dies ist der Erscheinungstag von Krishna. Der Erscheinungstag von Shiva, Shiva ratri, ist allerdings kein offizieller Feiertag. Wir aus unserer westlichen Perspektive missverstehen das gelegentlich. Shiva ist im Westen bekannter geworden, vielleicht auch, weil er zu dem westlichen Lebensstil kompatibler ist. Die wichtigere Gottheit ist jedoch Krishna, so ist meine Meinung. Und mit Bedeutung meine ich nicht die äußerliche im Sinne von Ruhm, Macht oder Zahl der Anhänger. Ich meine es mehr im Sinne der spirituellen Tragweite. Es würde allerdings viel zu weit führen, dass jetzt und hier zu erklären, was Krishna bedeutet, und was Radha bedeutet, und was ihre Beziehung bedeutet. Ich habe dazu einige Artikel und Texte geschrieben, die in der Tattva Viveka erschienen sind. Außerdem gibt es dazu natürlich reichhaltige Literatur von ausgewiesenen Experten.

Radha-Mohan, die Bildgestalten im Tempel

Hier im Tempel werden Radha und Krishna verehrt. Sie heißen hier Radha-Mohan (siehe Abb.). Mohan ist ein Name von Krishna und bedeutet: derjenige, der uns verrückt vor Liebe macht.
Heute Morgen stand ich vor den Bildgestalten von Radha-Mohan im Tempelraum, und da wurde mir klar, warum der Körper wertvoll ist. Wir hatten am Vorabend diese Diskussion, von wegen der Körper ist ein Sack aus Stuhl und Urin – ein stehende Redewendung in der indischen Tradition. Ich hasse diese Aussage. Sie ist für mich ein Ausdruck der Verachtung des Körpers und der diesseitigen Welt, was aus meiner Sicht spirituell nur in den Abgrund führen kann. Was diese Aussage sagen will, ist, dass es falsch ist, im materiellen Bewusstsein an den Körper angehaftet und mit ihm identifiziert zu sein. Diese Idee ist schon richtig. Es geht darum, sich mit der spirituellen Seele zu identifizieren. Warum der Körper allerdings doch wertvoll ist und zu einem vollständigen Verständnis der Realität integriert werden muss, kam mir direkt vor dem Altar.

Wenn ich mit meinem Körper vor den Bildgestalten im Tempel erscheine, ist das Wichtigste nicht, dass ich sie sehe, sondern dass sie mich sehen. Meine vollständige Realität beinhaltet den spezifischen und einzigartigen Ort innerhalb von Raum und Zeit, an dem ich mich jetzt und hier gerade befinde. Dies ist meine vollständige Realität, meine Ganzheit und Vollständigkeit. Dies umfasst meine spezifische Position innerhalb des Raumes und innerhalb der Zeit und ist hier keineswegs materiell zu verstehen. Es gibt in der spirituellen Sicht keinen Unterschied zwischen Materie und Spirit. Nur in der materiellen Sicht gibt es diesen Unterschied. Deshalb gibt es in der Wirklichkeit und in der spirituellen Sicht keinen materiellen Körper oder eine materielle Welt. Diese existiert nur in unserer Vorstellung, die aus dem materiellen, ausbeuterischen Bewusstsein geboren wird. Dies ist die Illusion, Maya, von der die Weisen der spirituellen Traditionen sprechen (sollten). Die Idee, dass diese Illusion außerhalb von mir ist, ist falsch. Außerhalb von mir ist nur Spirit. Nur das Spirituelle ist real. Das Materielle ist temporär real oder völlig irreal.

Deshalb ist es nicht unwesentlich, was für ein Körper ich habe und wo er sich befindet. Mein Leib ist vollständig mit meiner Seele verbunden, denn mein Leib ist Ausdruck meiner seelischen Energie. Mein Leib ist der Mäander, den meine spirituelle Seele aufwirft, wenn sie sich in die materielle Energie hineingräbt. Mein Körper, mein Leib, ist eine Welle in der energetischen Struktur der Materie.

Deshalb ist es nicht unwesentlich, ob mein Körper und damit meine Seele sich unmittelbar vor den Bildgestalten befinden oder woanders. Das ist doch eigentlich evident. Wenn ich mit meinem Körper im Tempel bin und von den Bildgestalten leibhaftig gesehen werde, ist das intensiver als wenn ich mit meinem Körper woanders bin. Göttin-Gott können mich zwar jederzeit und überall sehen, die Realität spielt sich informatorisch und energetisch sehr wohl im feinstofflichen Bereich ab, aber im Sinne der Realität ist das nicht die gleiche Intensität und Direktheit. Darüberhinaus ist es eine stärkere Zuwendung zu Gott, wenn ich körperlich im Tempel bin.

Diese Bedeutung für die Realität und die Wahrheit ist auch der erkenntnistheoretisch essenzielle Grund, warum Gott sich in Bildgestalten manifestiert, und warum einige Menschen dieses Verständnis haben, dass diese Bildgestalten identisch mit Gott sind. Es handelt sich in diesem Verständnis bei dem Bildgestalten nicht um Symbole oder Repräsentationen der Gottheit, sondern um die Gottheit selbst (wenn auch nicht der einzige Ort, wo sich die Gottheit befindet). Dies ist keinesfalls ein naives, kindliches Verständnis von Religion, sondern im Gegenteil die höchste Verwirklichung der Realität. Eben aus diesem Grund, weil der spezifische Ort und Zeitpunkt für die Seele von Bedeutung sind. In der Form zeigt sich die Lokalisierung, die Abgrenzung und Individualisierung der Entität. Anders gesagt: Da ist sie, jetzt, so. All dies hat Bedeutung. Und deshalb ist es wesentlich, mit meinem Körper vor den verkörperten Bildgestalten zu erscheinen, um den vollen Kontakt zu erreichen. Dies ist der volle Kontakt im Hier und Jetzt auf allen Ebenen: physisch, emotional, mental und spirituell. Nur in diesem vollen Kontakt entfaltet sich die vollständige Realität im Hier und Jetzt, was gleichzeitig bedeutet: überall und jederzeit. Nur daraus entfaltet sich also die vollständige ewige und allumfassende Wahrheit. Dies ist für mich der Grund, warum der Körper nicht wertlos oder unwesentlich ist, und warum er unvorstellbar viel mehr ist als ein Sack aus Stuhl und Urin. Der Körper, oder der Leib, ist selbst ein spirituelles Phänomen.

Sadhu Maharaj spricht über die spirituelle Form:

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Gefühle

Eine Reise in das Gefühl

Ich sitze in einem Gruppenraum mit dreizehn anderen Menschen auf dem Boden und gehe unter Führung der beiden Coach-Frauen in eine Meditation. Thema ist die Vision meiner Partnerschaft mit einer Frau, meine Liebesbeziehung. Meine Augen sind geschlossen, zunächst führt die Meditation in die körperliche Entspannung um sodann das Bild der Frau in der Vorstellung wachzurufen. Ich soll mir vorstellen, wie wir uns treffen, wie sie aussieht, riecht, was sie sagt, wie sie lacht. Wir kommen uns näher. Wir blicken uns in die Augen … Die geführte Meditation geht weiter, doch ich steige aus. Der Schmerz ist zu groß. Ich weine. Ich gehe in den Schmerz. Ich kann mir keine glückliche Beziehung vorstellen, weil meine große Liebe so unglücklich ist. Ich höre Worte der Meditationsleiterin. „Stellt Euch vor, Ihr seid beide alt und sitzt zusammen auf Eurem Lieblingssofa und schaut auf Euer Leben zurück. Feiert das gemeinsame Lebenswerk…“ Ich kann nicht. Es überwältigt mich, die Tränen, der Schmerz.
 

Dann werden wir aus der Meditation herausgeführt. Wir sollen nun ein Bild malen – von unserer Vision. Jemand gibt mir Wachsmalstifte und ein großes Malblatt. Ich sitze davor. Die anderen fangen an zu malen, eifrig, das Geräusch der malenden Stifte erfüllt den Raum. Ich weine und weine und weine. Der Schmerz ist so stark – und so schön. Ich bin ganz tief an meinem Gefühl. Es wird wieder schlimm. Ich kann nichts malen. Ich habe keine Vision. Nur Schmerz. Das Blatt ist leer. Ich denke: ich soll, will ein Bild malen. Ich sitze und kauere meinen Kopf in meinen Arm. Die Tränen. Es dauert ewig, dann versuche ich das Blatt zu nehmen. Es liegt vor mir. Ich warte. Nein, es geht nicht. Nach einer Weile habe ich mich einigermaßen beruhigt. Ich schaue mich um. Alle eifrig am Malen, vertieft. Ich berühre das Blatt mit meinen Fingern. Die Tränen brechen wieder aus. Der Schmerz ist wieder da. Ich kann nicht malen. Nach 20 Minuten werden die Stifte eingesammelt. Alle setzen sich in einen Kreis. Wir sollen unsere Bilder zeigen. Ich warte. Drei Leute teilen: gemeinsames Haus, gerne am Meer, Kinder, Sonnenschein, Freunde. Ich will nicht als letzter dran kommen und dann allen den Tag verderben. Es ist der Abschluss des zweitägigen Workshops, der Höhepunkt. Also ergreife ich das Wort und zeige mein leeres Blatt. Ich zeige mich, mit meinem Schmerz und meiner fehlenden Vision. Es ist so traurig. Ich erkläre nicht viel, nur dass es der Schmerz über meine unglückliche Liebe ist. Einen Moment gibt es, da möchte ich laut rausweinen, das Gefühl ist da und ergreift die anderen. Sie spüren es auch. Doch ich nehme mich zurück. Mache es kurz. Die nächste Person kommt dran. Die anderen teilen. Der Workshop geht zu Ende. Zwei Frauen geben mir Rückmeldung: das sei sehr mutig gewesen.
Sie fuhren noch mit mir in der U-Bahn Richtung nach Hause. Wir reden noch darüber und zum Abschied drücken sie mich ganz herzlich. Wir waren in Kontakt, in echter Verbindung, tief, ehrlich, gefühlt. Es war für mich ein sehr intensiver Prozess auch nach dem Workshop, ich habe viel geweint und Schmerz gefühlt. Ich war noch den ganzen Sonntagabend und den Montagvormittag „entrückt“, ganz tief im Gefühl. Erst am Montagnachmittag war ich wieder im Alltagsbewusstsein und konnte ins Büro gehen. Da ging es mir dann sehr gut, ich war energetisch und kreativ.
Ich glaube, in diesem Tiefenprozess wurde viel geheilt. Heute, am Freitag, spüre ich so viele Gefühle: Freude, ausgelassene Lust, aber auch Widerwillen, wenn mir etwas nicht gefällt.

 

Am Donnerstagmorgen hatte ich noch eine emotionale Tiefenerfahrung. Ich war in einer Aqua-Wellness-Behandlung im Liquidrom, Berlin, mit einer Körpertherapeutin. Das ging auch nochmal tief. An dem Wochenende waren am ersten Tag die Eltern das Thema. Ich hatte viele Anklagen gegen meine Mutter, die mich emotional nicht richtig behandelt hat. Ich sah aber in diesem zweiten Prozess, dass viel von dem Schmerz mit meiner Oma zu tun hat, die uns tagsüber betreut hat, weil meine Mutter immer im Laden war. Und jetzt fühle ich weniger Wut und mehr Liebe für meine Mutter.
Ich hatte auch einen Kontakt mit meiner höheren Macht (Göttin) und spürte eine Riesenangst, dass ich verloren bin, wenn ich mich ihr hingebe. Weil ich ja nicht weiß, wie diese Beziehung ist. Gleichzeitig spürte ich, dass es die primäre Beziehung ist, es war so eine Art Sehnen und eine Anrufung, die ganz aus meinem Gefühl kam, spontan und total emotional. Und ich erkannte, dass mir diese Beziehung zu Göttin-Gott meine ganzen Schatten zeigen kann und in der Hinbewegung zu Göttin-Gott diese Schatten verarbeitet werden. Das war auf dieser tiefen-emotionalen Ebene ganz klar. Und ich konnte diese Angst deutlich spüren. Wenn Menschen Gott ablehnen, dann ist das keine moralische Schwäche oder Bosheit, sondern die nackte Angst. Diese Angst ist natürlich die Angst vor dem real erfahrenen Verlassenwordensein in der Kindheit.
Die Frau begleitete mich sehr liebevoll und wir waren ca. 1,5 Std. im Wasser und immer in körperlicher Berührung. Es war so eine Art Floaten, die meiste Zeit lag ich auf dem Rücken, auf Schwimmhilfen, und sie bewegte mich. Manchmal rollte sie mich wie ein Baby ein. Meine Augen waren geschlossen, das (Salz-) Wasser hatte 36°, unter Wasser wurde schöne indische Musik eingespielt. Als es dann darum ging, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und aus dieser Geborgenheit herauszugehen, spürte ich auch nochmal ganz viel Schmerz. Mir wurde klar, dass ich in der frühen Kindheit ausgesetzt wurde, bevor ich selbst dazu bereit war. Da war also die Unterbrechung. Ich hatte großen Schmerz und auch etwas Angst, die Stange am Beckenrand zu ergreifen und mich da alleine festzuhalten. Es dauerte lange, ich musste nochmal viel weinen. Ich wartete auf das Gefühl, jetzt alleine sein zu wollen. Ich überließ meinem Körper die Führung. Es dauerte lange, bis meine Hände wirklich die Stange festhielten und noch viel länger, bis meine Beine mitspielten. Mein Erwachsenen-Ich beobachtete das alles innerlich und ich wusste kognitiv, dass ich ja nicht ewig in dieser schützenden Geborgenheit mit der anderen Person bleiben konnte. Aber ich ließ den emotionalen Prozess zu und nahm mir alle Zeit, die ich brauchte, und so kam es zu einem von mir gefühlten Abschluss der Ablösungsbewegung. Die Therapeutin war bis zum Schluss bei mir und in Berührung. In der Nachbesprechung sprach sie selbst davon, dass dieser Übergang die heikelste Situation ist.

Meine Interpretation: Wenn in der Kindheit diese Trennung zu früh erfolgt, zerstört das die innere Ganzheit, weil es eigentlich eine Bewegung zu mir hin ist, die freiwillig erfolgen muss, dann wenn ich bereit dazu bin, also den Mut und das Selbstvertrauen dazu habe. Wenn dieser Übergang klappt, ist alles gut. Es ist eigentlich auch ganz einfach. Die Eltern müssen einfach lange genug da bleiben, bis das Kind sich von selbst ablöst. Wenn das einmal gut gegangen ist, ist es das nächste Mal schon ganz leicht und geht schnell. Wenn es aber schief gegangen ist, bleibt da erstmal ein Bruch, und den zu heilen ist in etwa so schwer wie ein zerbrochenes Glas zu flicken. Es wird immer eine Sollbruchstelle haben und auch nicht mehr schön aussehen. Es ist nicht mehr ganz. Gleichwohl glaube ich, dass bei mir eine Ganzwerdung möglich ist, ich bin ja schließlich kein Glas!

Was auch noch sehr bemerkenswert, aber am Anfang gar nicht schön war: der emotionale Kontakt zu der mich behandelnden Person. Am Anfang war ich noch verspannt und fühlte mich sehr getrennt. Ich fand, dass mich der Kontakt nicht befriedigte. Sie berührte mich zwar und hielt mich im Wasser, aber ich konnte sie nicht berühren. Ich hatte auch Gedanken, dass ich eher eine sexuelle Befriedigung bräuchte. Dabei hatte ich aber auch viele schmerzhafte Gefühle des Verlassenseins und der Einsamkeit. Ich weinte wieder und ließ die Gefühle zu, so gut ich konnte. Erst in der zweiten Hälfte der Zeit entstand dann echte Nähe, die aber rein sensuell und nicht sexuell war. Das Vertrauen und die gewachsene Intimität gaben es jetzt her, dass wir uns gegenseitig berührten, indem sie mich hielt und ich meinen Arm um sie legte oder meinen Kopf anlehnte. Das fühlte sich echt an, in Kontakt. Es geht um innere, seelische, emotionale Nähe, um gefühlte Verbindung. Die sexuellen Wunschgedanken waren verschwunden. Sie waren tatsächlich süchtige Motive, um den Schmerz der Getrenntheit zuzudecken, also um nichts zu fühlen. Auch hier ist wieder etwas geheilt, indem ich die echten aufrichtigen Gefühle des Schmerzes zugelassen habe.
Ich hatte dann heute im Email-Kontakt mit einer attraktiven Freundin keine übergriffigen sexuellen Phantasien. Stattdessen konnte ich sie in ihrer Ganzheit und persönlichen Eigenständigkeit respektieren und fühlen. Es gab kein lüsternes Verlangen.

Ich finde es total schön, diese Gefühle durchleben zu können und darin zu heilen, meinen kleinen Ronald in den Arm zu nehmen und mir selbst ein Vater zu werden. Ich glaube fest daran, dass diese alten Gefühle nur einmal gefühlt werden wollen und wenn das ganz und gründlich geschehen ist, lassen sie uns für immer in Frieden und wir sind wieder heil.

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Tattva Viveka

Tattva Viveka 48 erschienen

Armin Risi – Spirituelles Unterscheidungsvermögen. Warum Polarität und Dualität nicht dasselbe sind • Ronald Engert – Wir sind alle ewige Personen. Zur Existenz eines individuellen Selbst • Daniel Barron – Wer wir noch nie waren. Die Realität des persönlichen authentisierten Seins • Dr. Ulrich Ott – Meditation für Skeptiker. Ein Gehirnforscher auf der Suche nach dem Selbst, Teil 2 • Angela Mahr – Tantrische Liebe, was ist das? Das Göttliche im Menschlichen annehmen, Teil 2 • Andreas Gruss – Der Weg des Vergessens. Auf den Spuren der Freimaurer, Teil 2 • Andreas Bummel – Soziale Evolution, Weltparlament und Bewusstsein • Michael Habecker – Lebenslust, die Erleuchtung der Fülle. Ein integrales Verständnis von Erleuchtung
http://www.tattva.de/tattva-viveka-48/

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Spirituelle Kultur, Wissenschaft

Meditation für Skeptiker

Meditation für Skeptiker

Buchcover

Ulrich Ott: Meditation für Skeptiker

Ein Neurowissenschaftler erklärt den Weg zum Selbst, O.W. Barth, München 2010, geb., 203 S., 14,99 €

Das Schöne an der Wissenschaft ist, dass sie undogmatisch und wertfrei ist. Sie versucht nicht, vorher schon gefasste Ideen und Überzeugungen zu beweisen, sondern ist auf redliche Weise der Wahrheit verpflichtet. Wenn sich eine Hypothese als falsch erweist, ist der Forscher nicht an sie angehaftet und gibt sie ohne Umschweife auf. Was dabei übrig bleibt, ist indes gesichertes Wissen und eine Offenheit für eigene Erfahrungen.

Diese Offenheit für eigene Erfahrungen wiederum ist das, um was es bei Meditation geht. Meditation ist der Weg der eigenen Erfahrung. Von daher sollte es doch ausgesprochen nahe liegen, dass die Wissenschaft die Meditation erforscht.

Ulrich Ott, promovierter Psychologe, ist seit vielen Jahren dabei, die Wirkung von Meditation wissenschaftlich zu untersuchen. Seine Diplom-Arbeit und seine Doktorarbeit beschäftigten sich mit spezifischen Fragen zum Gebiet der Meditation und mittlerweile ist er als Forscher am Bender Institute for Neuro Imaging in Gießen tätig, wo er u.a. mithilfe eines Magnetresonanztomografen das Gehirn und das Bewusstsein neurowissenschaftlich untersucht. Zugleich hat er eine dreijährige Ausbildung in integrativer Körpergestalttherapie, eine Yogalehrer-Ausbildung, Kenntnis der spirituellen Szene und langjährige Erfahrung in der eigenen Meditationspraxis.

Das Buch kommt nüchtern, aber keineswegs trocken daher. Es ist ein fundierter Überblick zur Meditation, aufgeteilt in die Grundbereiche Körper, Atem, Gefühle, Gedanken und Sein. Zu jedem Kapitel gibt es einen Theorie- und einen Praxisteil. Im Theorieteil bespricht er die Ergebnisse der Gehirnforschung und erkenntnistheoretische und psychologische Aspekte. Im Praxisteil gibt er gründliche Orientierung und Anleitung, wie eine Meditation durchgeführt wird.

Er vermeidet durchgängig wertende oder parteiliche Aussagen oder Referenzen zu konkreten Traditionen. Er ermutigt die Leserin bzw. den Leser auch des öfteren, selbst zu prüfen und für sich zu entscheiden, was man annehmen möchte und was nicht. Dadurch hatte ich beim Lesen nie das Gefühl, beeinflusst zu werden oder dass mir etwas übergestülpt werden soll. Es gibt kein „Du musst“ oder „Du sollst“. Es wir deutlich, dass jeder frei ist, nach seinem Verständnis zu praktizieren und Erfahrungen zu machen. Es gibt viele verschiedene Formen der Meditation aus unterschiedlichen Kulturen, Zeiten und Glaubensrichtungen. Was Ott unternimmt, ist eine Bestandsaufnahme von dem, was ist und was wirkt. Er bringt die Dinge klar auf den Punkt und ordnet die verschiedenen Aspekte auf sachliche und praktische Weise. Der Lektor vom O.W. Barth-Verlag, Andreas Klaus, soll zu dem Autor im Vorfeld gesagt haben: „Schreibe ein Buch über Meditation für kritische Männer“. Ulrich Ott hatte zunächst garnicht vor, ein Buch über Meditation zu schreiben, „denn davon gebe es schon genügend“. Aber tatsächlich hat er mit diesem Ansatz ‚Meditation für Skeptiker’ einen Nerv getroffen.

Viele Menschen – vor allem kritische männliche Kopftypen – lehnen die Meditation vornehmlich deswegen ab, weil sie sich nicht von weltanschaulichen Richtungen vereinnahmen lassen wollen. Sie hegen eine gewisse Aversion gegen sentimentalen Glauben, Schwärmerei und Ideologie, was auf dem Boden der Aufklärung verständlich ist.

In der aufgeklärten und von ideologischen Artekfakten geklärten Darstellungsweise von Ott wird spürbar, dass die Meditation selbst nicht weltanschaulich gebunden ist und von aufgeklärten Menschen durchaus praktiziert werden kann.

Hier trifft sich sodann die Aufklärung mit der Spiritualität, denn Spiritualität ist wertfrei und ideologiefrei. Die spirituelle Perspektive in ihrer erkenntnistheoretischen Reinform ist transzendental, d.h. sie transzendiert Zeit und Raum, also alle Arten von historischen, geografischen, ethnischen oder ideologischen Spezifikationen. Das gleiche gilt erfreulicherweise für die Aufklärung, die ja antrat als Gegenentwurf zur mythischen Religion.

Es scheint an der Zeit zu sein, dass diese beiden Welten, das Säkulare und das Heilige, auf einer neuen Ebene der Synthese in eine höhere Einheit eintreten, in der die alten Widersprüche hinfällig werden.

Wie Ott zeigt, steigt die Anzahl der wissenschaftlichen Studien zur Meditation in den letzten Jahren rapide an. Das Interesse und die Akzeptanz für Subjektivität, Bewusstsein und spirituelle Phänomene innerhalb der Wissenschaft nehmen zu. Die technischen Möglichkeiten des fMRT stellen erstmals die materiellen Voraussetzungen zur Verfügung und bieten damit eine Steilvorlage für die Forschung, über das Gehirn zum Bewusstsein vorzustoßen.

Wir dürfen gespannt sein, was die nächsten Jahre bringen werden. In der nächsten Tattva Viveka kommt erstmal ein in die Tiefe gehendes Interview mit Dr. Ulrich Ott, mit dem ich mich kürzlich getroffen und spannende Themen besprochen habe.
Ronald Engert

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Philosophie, Spirituelle Kultur, Wissenschaft

Meditation und Wissenschaft

Bericht über den Kongress

Meditation & Wissenschaft 2010
Neue Perspektiven für unser Wissen von uns selbst
Interdisziplinärer Kongress zur Meditations- und Bewusstseinsforschung

»Dieses Ereignis ist erstmalig und einmalig in dieser Art«, sagte Gerd Scobel, der bekannte Fernsehmoderator, im Abschlusspanel der Konferenz »Meditation und Wissenschaft«. Dort saßen hochkarätige Experten und diskutierten über die Verbindung von Spiritualität und Wissenschaft in einer Weise, wie man es wohl selten zu hören bekommt. Meditation und Spiritualität galten bisher in der Wissenschaft flächendeckend als unwissenschaftlich, unseriös oder gar gleich als Wahnsysteme einer pathologischen Psyche. Wissenschaft war bis dato streng rational. Alles Welterkennen ließe sich in objektiven mess- und zählbaren Beschreibungen verorten. Was darüber hinaus ginge, das Nicht-Objektivierbare, sei kein Gegenstand der Wissenschaft und mithin keine Wahrheit.

Dr. Britta Hölzel, Massachusetts General Hospital and Harvard Medical School, Boston, MA, USA

Wissenschaft hatte das Monopol auf gesicherte Erkenntnis, auf Vernunft und »gesunden Menschenverstand«.
Die Vertreter der Spiritualität hingegen versuchten zwar immer schon gerne, sich im reputativen Nimbus der Wissenschaftlichkeit zu sonnen, als scientific proof, erreichten dies jedoch lediglich über eine Umdefinition der Bedeutung des Wortes »Wissenschaft«, indem man einfach mal ganz unbedarft alles als Wissenschaft deklarierte, was man mit Gewissheit glaubte.
Wissenschaft ist jedoch mitnichten Glauben, und Spiritualität ist mitnichten objektivierbar. Dass die Subjekt-Objekt-Spaltung eines der fundamentalen Probleme der abendländischen Kultur ist, ist keine Neuigkeit. Umso spannender ist die Tatsache, dass sowohl Wissenschaft als auch Spiritualität aus ihren Kinderschuhen herauszuwachsen scheinen, indem Wissenschaft das Phänomen des Subjekts und der Subjektivität nicht mehr scheut und die Notwendigkeit der Integration subjektiver Daten erkennt (so die Neurophysiologin Prof. Dr. Tania Singer sinngemäß), und Spiritualität andererseits zunehmend aufklärerisch wird und erkennt, dass nach Abstreifen des blinden Glaubens die Spiritualität weiterexistiert, also irgendwie doch auch mit Vernunft und intellektueller Nüchternheit versöhnbar zu sein scheint (so preschte der Philosoph Prof. Dr. Thomas Metzinger direkt zum Begriff einer »säkularen Spiritualität« vor).

Blick in den Saal

Natürlich ist dies noch nicht zu jedem Wissenschaftler oder jedem Esoteriker durchgedrungen. Vielmehr dürfte es sich bei dieser Konferenz und ihren Wissenschaftlern und Spirituellen um eine eher kleine Minderheit handeln. Die meisten Spirituellen sind nach wie vor der Meinung, dass Rationalität und Intellektualität schändlich sind. Das gleiche glauben umgekehrt die konventionellen Wissenschaftler vom Bereich des Spirituellen. Man mag sich herausreden wie man will, wenn man sich an dem Begriff »schändlich« stört. Der blumigen Worte gibt es viele. Es ändert indes nichts am Tatbestand des unüberbrückten Widerspruchs.
Umso erleichternder zu hören, was diese excellenten Wissenschaftler nun dazu zu sagen hatten. Von der einen Seite kamen die Neurowissenschaftler und Gehirnforscher, die die eindeutige Wirksamkeit von Meditation auf das Gehirn und die Gesundheit des Menschen in immer mehr Studien nachweisen, von der anderen Seite die Philosophen, die mit bestechender Klarheit das metareflexive Bezugssystem der menschlichen Erkenntnis stellten.

Prof. Dr. Tania Singer, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig

Die Neurowissenschaftler sind zunächst klassische Forscher am Objekt. Meditierende wurden in zahlreichen Untersuchungen mittels der neuen bildgebenden Verfahren der funktionellen Kernspintomografie untersucht, und eindeutige Effekte konnten nachgewiesen werden. Diese neuen Verfahren erlauben mittlerweile einen qualitativen Sprung in der Forschung. In den 70er- und 80er-Jahren konnten derartige Effekte der Meditation mit dem EEG untersucht werden. Diese Messtiefe erwies sich jedoch als sehr unzureichend. Mit den Kernspinmethoden nun ist ein wesentlich tieferer Einblick direkt in die neuronalen Strukturen im Gehirn möglich. Heute kann man messen, welche Neuronen und welche Gehirnareale feuern, wenn ein Mensch denkt, fühlt oder handelt – oder eben meditiert. Die Zunahme der Erkenntnisse aus diesen Forschungen ist atemberaubend. Zugleich betonte Prof. Dr. Singer – für meine Begriffe die innovativste Forscherin in diesem Bereich -, dass die technischen Verfahren immer noch zu grob sind, um die elementaren Fragen nach der Wirkungsweise des Gehirns zu beantworten. Es ist noch nicht möglich, einzelne Neuronen optisch zu erkennen. Was die bildgebenden Verfahren jedoch schon gezeigt haben, ist eine wissenschaftliche Sensation: Die graue und weiße Gehirnmasse wächst bei regelmäßiger Meditation bzw. generell bei Gehirntraining. Die bisherige medizinische Schulmeinung war, dass das Gehirn nicht wachsen kann und die Anzahl der Neuronen konstant bleibt oder abnimmt. Aktuelle Forschungen zeigen jedoch, dass nicht nur die Anzahl der Verschaltungen, also der Dendriten, zunimmt, sondern dass offensichtlich auch neue Neuronen wachsen können, und das bis ins hohe Alter. Das Gehirn erweist sich zunehmend als flexibles, veränderbares System. Über seine komplexe Struktur kommen fortwährend neue Erkenntnisse zu tage und die anwesenden Neurowissenschaftler betonten in der der Wissenschaft eigenen Bescheidenheit, dass sie bis jetzt nur einen winzigen Bruchteil des Gesamtbildes erkennen und verstehen können.
Der Forschungsgegenstand der Meditation macht jedoch noch eine weitere, eine erkenntnistheoretische Problematik deutlich. Die rein objektive Beobachterperspektive der dritten Person stößt an seine Grenzen. Die anwesenden Wissenschaftler diskutierten deshalb, wie die Erhebung subjektiver Daten in die Forschung mit einzubringen sei, und wie auch die Subjektivität des Forschers umso mehr gefordert wird, je feinstofflicher die Ursachen der Wirkungen sind. Meditation kann Krankheiten wie Fybriomyalgie, Migräne oder Depressionen mit der gleichen Signifikanz lindern oder heilen wie pharmakologische Indikationen. Physiologische Prozesse wie Blutdruck oder Hormonspiegel sprechen auf Meditation oder – wie es nun diplomatisch heißt – Achtsamkeitstraining an. Wie kann aber Meditation oder Achtsamkeit mit herkömmlichen naturwissenschaftlichen Kategorien beschrieben werden? Es schreit förmlich nach einer Erweiterung der Forschungsparameter in die subjektive Sphäre. Nebenbei nur sei die Quantenphysik erwähnt, die diesen subjektiven Faktor von der Seite der Physik her schon lange ins Spiel bringt. Nun sind auch die Humanwissenschaften gefordert. Es war ein kleines, unscheinbares, aber doch ein symbolträchtiges Detail, wenn der gestandene Gehirnforscher Prof. Dr. Tobias Esch vom Neuroscience Research Institute der State University in New York seine Wortwahl dahingehend gewichtete, dass er sagte: »In der Stressregulation wird Dopamin ausgelöst«, anstatt, wie der rein reduktionistische Wissenschaftler sagen würde: »Das Dopamin löst die Stressregulation aus.« Das Hormon ist in Eschs Formulierung nicht mehr das Subjekt. Es ist nicht mehr die materielle Substanz, die unser Empfinden steuert. Das Dopamin wird gesteuert, von einem noch nicht näher definierten nicht-materiellen, subjektive Etwas.

Gerd Scobel (rechts), Moderator bei 3SAT. Links: Ulrich Schnabel, Wissenschaftsjournalist der ZEIT

Die Neurowissenschaft ist noch weit von der prima causa, der ersten Ursache, entfernt. Das ist auch ihrer intellektuellen Redlichkeit geschuldet. Sie macht sich zur Aufgabe, mit objektivierbaren Verfahren die Welt zu erforschen, und sie ist sich ihrer diesbezüglichen technischen Grenzen sehr wohl bewusst und hat auch keinerlei Anspruch, über das Objektivierte hinaus nicht bewiesenen Glauben oder Fürwahrhalten als verbindliche und verlässliche Erkenntnismodi zu reklamieren. Insofern macht sich die Wissenschaft keine Illusionen. Sie weiß, dass sie Theorien aufstellt. Und wie Sir Karl Popper so unnachahmlich formulierte: »Wir sind mit der Wirklichkeit in den Momenten in Kontakt, in denen unsere Theorien scheitern.« Der Wissenschaftler möchte die Wirklichkeit erkennen. Und wenn er dafür seine Theorie opfern muss, tut er dies liebend gerne. Der Wissenschaftler ist kein Dogmatiker. Er lebt von der Falsifizierung. Da hat er dem religiösen Eiferer sehr viel voraus, denn der wird seinen Glauben niemals aufgeben, und wenn alle Beweise dagegen sprechen.
Mit diesen Bemerkungen ist sodann die natürliche Überleitung zu dem philosophischen Teil der Konferenz gegeben.

Prof. Dr. Michael von Brück, Ludwig-Maximilians-Universität München, Interfakultärer Studiengang Religionswissenschaft (links) im Gespräch mit Ulrich Schnabel, Wissenschaftsjournalist der ZEIT

Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Michael von Brück von der Ludwig-Maximilians-Universität in München und der Philosoph und Direktor des Philosophischen Seminars der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Prof. Dr. Thomas Metzinger, schlugen die Brücke von der Wissenschaft zur Spiritualität. Sowohl Brück als auch Metzinger bestachen durch eine Klarheit der Kategorien, wie sie den objektiven Wissenschaftlern eigentlich den Atem verschlagen haben müsste. Natürlich kann ein Wissenschaftler annehmen, er sei ein objektiver Beobachter, der ein von ihm unabhängiges und getrenntes Objekt beobachtet und untersucht. Dies ist die Perspektive der 3. Person: »Er untersucht es.« (»Der Wissenschaftler untersucht das Forschungsobjekt.«) Er macht gleichsam naiv seine Forschungen mit Hilfe der technischen Möglichkeiten seines Wissenschaftsbereiches, um die eigene Sinneswahrnehmung zu erweitern. Er bleibt dabei in seinem streng umrissenen Aufgabenfeld, ohne die Gesamtperspektive der Wirklichkeit und ihrer Erkennbarkeit überhaupt anzutasten.
Die Philosophen hingegen diskutieren die Fragen nach der Erkenntnis überhaupt: »Wer untersucht?« und: »Wie erkennt dieser etwas?« Was ist Bewusstsein?

Thomas Metzinger eröffnete mit drei Thesen:

  • Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität.
  • Das ethische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit kann man als Sonderfall der spirituellen Einstellung bezeichnen.
  • Es ist die gleiche normative Grundidee, auf der sich Wissenschaft und Spiritualität gründen.

Metzinger sprach keineswegs als Verteidiger der Religion. Religionen sind für ihn »adaptierte Wahnsysteme«, die lediglich Bewältigungsstrategien für die Angst vor dem Tod sind. Ahnenkult, Begräbnisrituale und Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod seien die Urgründe der Religionen, die die Angst vor dem Ende des Lebens vermeiden sollen. Insofern könne ein Philosoph oder ein an der Wahrheit interessierter Wissenschaftler sich solcher Ideologien und Dogmata nicht bedienen. Wir müssten uns vielmehr der Wahrheit stellen, dass wir sterblich sind. Wir wissen nichts über ein Leben nach dem Tod, entgegen aller anderslautenden Behauptungen.
Zentraler Forschungsgegenstand der Philosphie ist und war seit jeher auch die Kategorie Gottes. Metzinger betont, dass auch 4500 Jahre Philosophie und Religion keinen überzeugenden Gottesbeweis hervorgebracht haben. Jedoch ist er auch kein Agnostiker. Er zeigte auf: sowohl metaphysische Glaubensformen als auch die ideologischen Formen des Reduktionismus sind bestechlich. Wohingegen »Redlichkeit der semantische Kern eines philosophischen Begriffs der Philosophie ist«. Und er meinte damit Kants »Lauterkeit der Absicht, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein«. Das ist klar: wenn ich mich selbst oder andere belüge, kann ich weder philosophisch noch spirituell weiterkommen. Dann verharre ich in Täschung und Leugnung, was unweigerlich zum Untergang führt. Metzinger schlussfolgerte: Spiritualität und strenge Rationalität sind deckungsgleich. Intellektuelle Redlichkeit bedeute die Bereitschaft, sich nichts in die Tasche zu lügen. Intellektuelle Redlichkeit sei somit das, was Religionen nicht haben könnten. Das sei der bedingungslose Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis. Wer ganz werden wolle, müsse alle Konflikte zwischen seinem Handeln und seinem Werten auflösen, in einer Verbindlichkeit gegenüber sich selbst.
Metzinger meditiert nach eigenen Angaben seit 34 Jahren, und er ist auf der Suche nach einer säkularen Spiritualität, die nicht religiös eingebunden ist, sondern rein nach ihrer objektivierbaren Wirksamkeit bewertet wird. Damit trifft sich dann die Philosophie mit der naturwissenschaftlichen Erforschung der Meditation.

Brück sprach über den »Weltknoten« (Schopenhauer), die Beziehung zwischen Leib und Seele, die bei der Erforschung des Bewusstseins von entscheidender Bedeutung sei. Ist bewusstes Erleben nichts als ein Aspekt physiologischen Erlebens? Ist die Freiheit des Denkens und Wollens nur eine Illusion? Wie weit kann man das menschliche Gehirn mit einem Computer vergleichen? Kann man Gefühle messtechnisch abbilden? Hier seien wir in den Grenzbereichen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie.
Einen gewissen Diskussionsbedarf, der sich durch die ganze Konferenz zog, bildete naturgemäß das Verständnis davon, was Meditation überhaupt sei.

Video: Der Benediktiner-Mönch und Zen-Lehrer Willigis Jäger gibt eine Einführung in eine Meditation.

Die bisherigen neurophysiologischen Forschungen zur Meditation von Wolf und Tania Singer etwa, wie auch fast alle anderen diesbezüglichen Untersuchungen, erfolgten mit langjährigen Meditierenden aus der tibetisch-buddhistischen Tradition. Es ist dem Dalai Lama und seiner Aufgeschlossenheit für das westliche Denken zu verdanken, dass die spirituelle Praxis der Meditation heute in der Gehirnforschung eine Rolle spielt. Dies führt jedoch auch zu einer Einseitigkeit durch die fast ausschließlichen Rekrutierung der Probanden aus dem Buddhismus. Christliche Kontemplative waren, wie man hörte, bisher weniger aufgeschlossen für derartige Unterfangen. An andere Repräsentanten, etwa aus den schamanischen oder hinduistischen Traditionen, wurde anscheinend noch nicht groß gedacht.
Das wirft das Problem auf, dass die Frage nach dem Ich und mithin der Subjektivität in der Wissenschaft im buddhistischen Kontext der Ich-Losigkeit und Auflösung in die Leerheit nicht gerade der Klärung näher kommt. Es sei denn, man will sie erledigen, indem man sie als gegenstandslos erklärt, weil es das Ich ja eh nicht gibt.
Die Frage von Subjekt und Objekt im Erkenntnisprozess der Wissenschaft und die Notwendigkeit einer spirituellen Antwort auf die Subjektivität rückt der Beantwortung näher, so Brück, wenn man nicht von einer Ich-Auflösung ins Unendliche, sondern von einer Ich-Integration im differenzierten Ganzen ausginge. Es gehe um eine Aufmerksamkeit, die nicht das Komplexe unterdrückt, sondern subtil vereint. Bewusstsein bildet sich selbst weiter aus, und es ist die Instanz, die das Wissen hervorbringt. Insofern muss man es selbst auch untersuchen.

Abschluss-Podiumsgespräch
Zu Beginn des Podiumsgespräch sagte der Moderator, Gerd Scobel, dass die Forschungsgelder für die Neurowissenschaft im letzten Jahrzehnt höher waren als die Gesamtinvestitionen in die bemannte Raumfahrt. Er sprach vom »decade of the brain«. Wir befinden uns also im Zeitalter der Gehirnforschung und es sei sensationell, dass nun auch die Meditation als ernsthafter wissenschaftlicher Forschungsgegenstand an Bedeutung gewinne. Was aber ist Meditation?

Video: Ein Gang durchs Publikum während der Pause.
Die Konferenz fand vom 26.-27.11.2010 in Berlin im Atrium der Deutschen Bank, Unter den Linden 13-15, statt.

Das Podium war sich einig, dass es weit mehr als Wellness oder Wohlfühlfaktor ist. Der Philosoph Brück definierte Meditation als »Aufmerksamkeit auf die eigenen Bewusstseinsvorgänge«.
Gerd Scobel thematisierte noch einmal die Frage nach den Gefühlen in den Wissenschaften und konstatierte eine Abneigung, ja bisweilen einen Hass gegen Gefühle. Tania Singer, die als Gehirnforscherin arbeitet, teilte mit, dass sich das gerade ändere. Überall publiziere man subjektive Daten. Eine adäquate introspektive Wissenschaft, also eine wissenschaftliche Beschreibung innerer Zustände, fehle aber noch. Sie stellte die subtile Frage: »Wie kann man Subjektivität in sein Korrelat in der Materie überführen?«, was wohl sagen will: Wie kann man Subjektivität messen? aber auch ein Licht auf die Idee wirft, die materielle Struktur könne ein Ausdruck, eine Entsprechung der spirituellen Subjektstruktur sein. Inwieweit der Neurowissenschaftlerin Singer diese philosophische Implikation bewusst ist, weiß ich nicht. Diese Formulierung zeigt jedoch, dass sich hier der strenge materialistische Reduktionismus auflöst und die kognitive Landkarte um die Kategorie des Subjekts erweitert wird. Eine Entwicklung, die mich mit der größten Erleichterung erfüllt, löst sich hier doch die gewalttätige, erdrückende Enge, der das fühlende Lebewesen als missachteter Gegenstand in der Wissenschaft bisher unterworfen war.

Video: Die Referenten kurz vor der Podiumsdiskussion. U.a. mit Prof. Dr. Thomas Metzinger, Philosophisches Seminar der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (am Ende des Films)

Singer merkte darüber hinaus an, dass es mit der introspektiven Herangehensweise nicht genug sei. Es gehe auch um interspektive Forschung, also um die Frage der Empathie und des Mitgefühls, um die neuronalen Korrelate von sozialen Prozessen. Es gebe eine emergente Qualität aus einer Gemeinschaft. Sie nannte es die Perspektive der 2. Person, in Ergänzung zur Diskussion um 1. und 3. Person-Perspektive. Tania Singer forscht derzeit an diesen Fragen. Die Untersuchungsergebnisse sind noch nicht veröffentlicht und wir dürfen gespannt sein. Hier dürften weitaus mehr Antworten auf die Frage nach dem Wesen des Menschen und dem Sinn des Lebens verborgen sein, als in den toten materiellen oder den weltabgewandten spirituellen Angeboten.
Während der Grundfokus der anderen Naturwissenschaftler und auch der beiden Philosophen Brück und Metzinger eindeutig kognitiver, mentaler Natur war, brachte Tania Singer sowohl in Sachfragen als auch in ihrem persönlichen Auftritt die Emotionalität in den Vordergrund. Lag das vielleicht daran, dass sie eine Frau ist?

Paul J. Kothes (re.) im Gespräch mit Gerd Scobel und Dr. Nadja Rossmann

Paul Kothes, in der buddhistischen Tradition geschult, votierte dafür, sich von allen diesen Dingen wie Emotionen zu lösen. Es ginge um eine Disziplin der Selbstdistanz. Diese Distanz müsse gnadenlos bis zum Ende geführt werden. Das sei die meditative Erfahrung.
Dr. med. Edda Gottschaldt von der Oberberg Stiftung meldete sich mit dem Hinweis, dass sie als Ärztin an einer psychosomatischen Klinik für Sucht und Persönlichkeitsstörungen in der Meditation und in der Frage der Gefühle die praktische Seite vertrete. Es ginge um die Anerkennung dessen, was ist. Unangenehme Dinge gelte es anzuschauen, sonst machen sie uns krank. Annehmen, dann loslassen, so könne Heilung geschehen. Das sei die Entwicklungsdynamik, es gehe nicht um Wellness. So könne man zu einer nüchternen Erkenntnis der Welt kommen. Man gehe aus der Wertung heraus und nehme die Welt so, wie sie ist.
Metzinger meditiere seit 34 Jahren und erführe die Achtsamkeit als präzise und sanft. Präzise könne er gut, sagte er Tania Singer augenzwinkernd zugewandt als Antwort auf ihre Kritik an der Denklastigkeit seiner Philosophie, und gab als Philosoph zu, Meditation als eine Form der Erkenntnis zu erfahren, die nicht auf wahren Sätzen beruht. Sie sei eine zweite Form der Erkenntnis und er wisse selbst nicht, wie er diese Erkenntnis erklären soll. Er führte den Begriff der »nullten Perspektive« in die Diskussion ein. Es gehe nicht um ein subjektives Erleben, sondern um ich-lose Zustände. Er stellte aber zugleich die Frage, wie könne die Erinnerung an diese ich-losen Zustände zu einem Teil seines autobiografischen Gedächtnisses werden, wenn er selbst in diesem Zustand garnicht da war? Philosophische Raffinesse mit selbstironischem Unterton.
Ein weiterer Diskussionspunkt waren die Risiken und Nebenwirkungen von Meditation. Instabilen Gemüter könne sie durchaus zu psychischen Problemen gereichen. Klar, dass hier Vorsicht geboten ist.
Matthias von Brück und Thomas Metzinger vertraten durchaus kontroverse Positionen und von Brück widersprach der Säkularisierung von Spiritualität, wie sie Metzinger in seinem Vortrag forderte. Es gehe nicht darum, etwas zu säkularisieren, sondern darum, die Institutionalisierungsprozesse zu dekonstruieren. Es reiche nicht aus, den katholischen Pabst durch einen Literaturpabst oder einen Börsenpabst zu ersetzen. Brück sieht in der Spiritualität die Möglichkeit, uns ein Menschenbild an die Hand zu geben, mit dem wir uns selbst ändern können. Diese Möglichkeit der Selbstveränderung wurde im institutionalisierten Christentum durch die Sündenlehre verschüttet. Dass wir uns selbst steuern und lernen, wie wir mit uns selbst umgehen, sei der Gewinn der Meditation.
Wie sieht eine kommende Bewusstseinskultur aus?, fragte der Moderator Scobel. Metzinger schlug eine ideologiefreie Form der Meditationsausbildung in Schulen vor. Brück hielt dagegen, nur Meditation in ein problematisches Schulsystem einzuführen, sei nicht geeignet und helfe bestenfalls, dass die Schüler erst nach dem Schultag zusammenbrechen anstatt schon währenddessen. Besser sei es, pluralistische Prozesse voranzubringen, damit sich das von der Basis her verändert.
Kothes gab zu bedenken, dass echte Meditation nicht systemkompatibel sei. Das System werde es nicht annehmen. Klüger sei es, dass sich zunächst ein Feld formt, aus dem sich von unten nach oben etwas entwickelt.
Am Ende stand eine schöne Destillation: »Achtsamkeit ist die Pforte des Menschen zu sich selbst.«

Video: Abschlussmeditation mit einem Mantra-Gesang.

Alles in Allem wurden die essentiellen Fragen des Menschen gestellt, Spiritualität und Wissenschaft rückten ein gehöriges Stück zusammen, und es wurde ein Horizont sichtbar, an dem ein neues integriertes Verständnis von Welt, Mensch und Gott heraufdämmert. Der Kongress endete mit einem achtminütigen Mantra-Gesang. Die Wissenschaftler und das Publikum schlossen die Augen und meditierten nocheinmal gemeinsam. Es war für mich spürbar, wie die spirituelle Energie anstieg, wie sich Ruhe und innerer Frieden in mir einstellten. Glücklich und zufrieden, emotional, kognitiv und spirituell gesättigt, ging ich mit Freunden in die nahegelegene Pizzeria, um mit der körperlichen Sättigung den Tag zu beschließen.

Homepage: www.meditation-wissenschaft.org

Veranstaltungshinweise:

Contemplative Science Kongress in Denver, USA
26.-29.4.2012

Perspektiven und Praxis einer neuen Bewusstseinskultur
(Nachfolgekongress zu »Meditation und Wissenschaft«)
16.-17.11.2012

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Tattva Viveka 45

Tattva Viveka 45 erschien am 15. November 2010

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