Neues, Walter Benjamin

Walter Benjamin über das Zitat

»Im rettenden und strafenden Zitat erweist die Sprache sich als die Mater der Gerechtigkeit. Es ruft das Wort beim Namen auf, bricht es zerstörend aus dem Zusammenhang, eben damit aber ruft es dasselbe auch zurück an seinen Ursprung. Nicht ungereimt erscheint es, klingend, stimmig, in dem Gefüge eines neuen Textes. Als Reim versammelt es in seiner Aura das Ähnliche; als Name steht es einsam und ausdruckslos. Vor der Sprache weisen sich beide Reiche – Ursprung so wie Zerstörung – im Zitat aus. Und umgekehrt: nur wo sie sich durchdringen – im Zitat – ist sie vollendet. Es spiegelt sich in ihm die Engelsprache, in welcher alle Worte, aus dem idyllischen Zusammenhang des Sinnes aufgestört, zu Motti in dem Buch der Schöpfung geworden sind.« (GS II, 363)

Dieses Zitat ist aus Walter Benjamins Essay über Karl Kraus. Es beinhaltet in konzentrierter Form die Sprachtheorie Walter Benjamins.

Wie ruft das Zitat das Wort beim Namen auf? Das Wort ist für Benjamin das gewöhnliche, triviale Wort, das im Zusammenhang der Urteilssprache (der Sprachen nach dem Sündenfall) gesprochen oder geschrieben wird. Es ist nicht mehr Name im Sinne der adamitische Namenssprache. Indem das Zitat aber dieses Wort oder eine Reihe von Worten aus dem Textzusammenhang herausreißt, d. h. den Zusammenhang zerstört und es isoliert, gibt es dem Wort seinen ursprünglichen Adel als Name zurück. Das zitierte Wort steht isoliert und monolithisch da – »einsam und ausdruckslos«.

Es wird zwar wieder in einen anderen Zusammenhang integriert und damit auch wieder Teil der Urteilssprache, aber dieser Vorgang des Herausnehmens aus dem alten Zusammenhang lässt dieses Wort/Wortreihe im neuen Zusammenhang in einer gewissen Fremdheit oder Getrenntheit von diesem neuen Urteilstext stehen. Anders wäre es kein Zitat. Als Zitat wird das Wort zum Namen, wird wieder ein Teil der Namenssprache. Es wird sehr deutlich, dass mit diesem Manöver Namenssprache auch jetzt noch möglich ist. Sie ist nicht verloren. Sie ist eine ewige Form, die immer zugänglich ist.

In dieser Originalität birgt sich der Ursprung (origo = Ursprung). Das Zitat ist das Original, der Kommentar ist als Besprechung/Rezensionen/Analyse etc. Sekundärliteratur. In diesem Vorgang des Zitierens liegt die Dialektik von Ursprung und Zerstörung, man könnte sagen von Geburt und Tod. Nur im Zitat durchdringen sich beide Pole. Die Herausnahme des Wortes aus dem primären Zusammenhang des Originaltextes ist eine Zerstörung, aber sein Einsetzen in einen sekundären Text ist wie eine Neugeburt, eine Wiederherstellung und Inkraftsetzung besonderer Art, eine Ursprungshandlung, ein originaler kreativer Akt, denn man stellt einen neuen Zusammenhang her, der vorher nicht bekannt war. Ohne diesen originellen Zusammenhang macht ein Zitat keinen Sinn.

Das Zitat rettet oder straft, d. h. es bestätigt oder widerlegt den Sinn des Primärtextes. Damit wird es zur Mutter der Gerechtigkeit, weil es den Sinn des Primärtextes bestärkt, falls dieser in der Rezeption nicht erkannt oder missverstanden wurde, bzw. auf der anderen Seite schwächt, indem es Irrtümer und Falschaussagen im Primärtext aufzeigt. Wenn Benjamin hier von Gerechtigkeit spricht, so nutzt er eine Kategorie des Urteils. Die Urteilssprache ist zwar die Sprache nach dem Sündenfall, aber sie enthält in sich eine höhere Weisheit, die sich uns Menschen noch nicht erschlossen hat, es sei denn in seltenen Fällen und bei einzelnen Menschen. Das meint das Zitat (sic) von Benjamin:

»Im Sündenfall, da die ewige Reinheit des Namens angetastet wurde, erhob sich die strengere Reinheit des richtenden Wortes, des Urteils.« (GS II, 153)

Die einfache Bewegung der Erlösung wäre die Rückkehr in die Namenssprache, in die Zeit vor dem Sündenfall. Dies ist aber, wie bei einem gebrochenen Gefäß, das nie wieder ganz so sein wird wie vor dem Bruch, nicht möglich. Deswegen führt der Weg nach vorne, in die offensive Annahme dieses Falles, um mit diesem Prozess des Urteils in eine konstruktive Lösung einzutreten. Die komplexe Bewegung der Erlösung ist im Unterschied zur einfachen eine Integration unserer Urteilsfähigkeit, und zwar in ihrer motivlosen, objektiven Gerechtigkeit. Diesen Punkt gilt es zu finden. Er findet sich im Tod der Intention: »Die Wahrheit ist der Tod der Intention« (GS I, 216). Es ist die Entwicklung unseres Egos – denn genauso wie das Urteil ist auch das Ego nicht mehr rückgängig zu machen – hin zu seiner nicht-subjektivistischen, geläuterten Form. Dies erfordert »große Billigkeit im Urteil« (Eliphas Levi, in: Papus, Die Kabbala, Wiesbaden 1991, S. 26) und ist eine »Herkulesarbeit, die einem Kinderspiel ähnelt« (ebd.). Gerechtigkeit war kein Teil des Paradieses. Sie entstand mit dem Sündenfall und ist der messianische Fluchtpunkt des mythischen Zeitalters, in dem wir uns nach wie vor befinden.

Exkurs: Alle diese Überlegungen von Zerfall und Wiederaufbau, von Vergangenheit und Zukunft sind Überlegungen materieller Art. Nur im materiellen Bewusstsein ist der Bruch irreversibel. Nur materielle Form kann kaputt gehen. Das Paradies jedoch ist immaterieller Natur, und so ist es auch der Name. Jede materielle Metapher greift deshalb in letzter Konsequenz zu kurz, auch wenn sie eine gute Annäherung und eine notwendige Hilfe sein mag, um den Zusammenhang für den materiellen Geist zu erklären. Mag das Bild vom zerbrochenen Gefäß bildhaft und poetisch sein, so trifft es doch nicht die Wahrheit. Der Name ist – wie die Idee – immer erreichbar und vergeht niemals. Es ist nur unser bedecktes Bewusstsein, dass ihn nicht erkennt. Die Erleuchtung wird damit zur Aufgabe.

Das Zitat tritt in ein neues Gefüge, es erscheint stimmig und klingend. Dies sind ursprüngliche Funktionen der Sprache. Der Begriff »stimmig« bedeutet »zutreffend, passend, richtig, harmonisch«. Man kann auch sagen, es steht »im Einklang«. Diese Worte sprechen sich selbst aus. Die Stimme, d. h. das Sprechen, ist in ihrem ursprünglichen Zustand stimmig. Sie ist Klang und steht im Einklang. Mit dem Zitieren wird das Wort wieder zum Namen, d. h. es wird stimmig. »Als Name steht es einsam und ausdruckslos« – als Name steht das Wort für sich alleine, unabhängig von dem Urteilsbezug und klingt für sich selbst, manchmal im Reim, obwohl dieser Gedanke eigentlich nicht hierhergehört. Benjamin spricht von der Sprache als einem Vorgang der Ähnlichwerdung, dem mimetischen Vorgang. Dieses Ähnlichwerden vollzieht sich, wenn der namengebende Mensch sich in das Ding einfühlt und den richtigen Namen spürt. Es ist kein analytisch-rationaler Vorgang, sondern eine synthetische Intuition, das Sehen. Die besten Seherinnen sind die Mütter, die ihren Kindern ihren Namen geben. Die besten Seher sind die Erfinder, die ihren Erfindungen ihren Namen geben.

Vielleicht meint Benjamin hier mit Reim auch nicht den Reim der Laute, sondern den Reim des Sinns. Nicht ungereimt erscheint das Zitat, d. h. es macht Sinn an der Stelle, wo es steht. »Man kann sich einen Reim darauf machen« ist eine bildhafte Redensweise für einen sinnvollen Zusammenhang, auch wenn sich die Laute nicht reimen. Gleichwohl kann der Reim der Laute und damit die Poesie unter Umständen ein Zugang zum inneren Wesen der Dinge sein. Bedingung ist, dass man die Reime nicht äußerlich macht, und dass die Worte nicht zu weit von der Ursprache – und damit von der Konstellation der Urideen – entfernt sind. Dann erschließen sich die unsinnlichen Ähnlichkeiten, von denen Benjamin spricht.

Der »idyllische Zusammenhang des Sinns« ist eben dieser gewohnte Modus der Urteilssprache, d. h. der ideologischen Sprache, die immer eine Absicht transportiert. Der Sinn liegt dann nicht in der Sprache bzw. dem Gesprochenen, sondern wird durch die Sprache transportiert. Man sagt etwas, um etwas anderes, zum Beispiel Macht oder Recht, zu haben.

In Namen wird das Wort zur Engelssprache: Es folgt keinem ideologischen Zweck mehr und spricht rein die Wahrheit aus. Es wird ein Motto in der Schöpfung, d. h. es steht wie ein Motto am Beginn eines Textes, nur ist dieser Text das Buch der Natur, in dem zu lesen ist. Alle Schöpfung geht aus dem Wort Gottes hervor, und zwar aus dem geschriebenen, denn Gott schöpft, gemäß der Kabbala, durch das geschriebene Wort. Er schreibt die Wesenheiten in die Materie ein, er prägt und siegelt die Materie. Die Schöpfung ist wie eine Schrift. In der Namenssprache kann diese Schrift gelesen werden. Jedes einzelne Geschöpf ist einzigartig, singulär und konkret und hat seinen eigenen Namen. In analoger Weise gilt dies auch für die Arten, Gattungen, Dinge und Phänomene, wobei hier bei der Identifizierung bereits die Abstraktion unseres analytischen Geistes mitwirkt, aber in lebensrichtiger Weise.

Ursprung und Zerstörung treten als Extreme im Zitat in eine dialektische Verbindung und werden dadurch vollendet. Das Zitat ist beides zugleich. In dieser Vollendung des Ursprungs hat das Zitat die Funktion eines ursprünglichen Namens, der in sich vollständig, ganz und selbst steht. Das Zitat ist die dialektische Synthese und wie ein Name, auch wenn es kein Name im engen Sinn des Wortes ist. Es benennt eine einmalige und konkrete Sache und es steht für sich. Es ist vom Rest des Textes abgehoben durch Anführungszeichen, Hervorhebung, Einrückung und ähnliches.

Alle Worte werden zu Motti im Buch der Schöpfung, d. h. jedes Wort wird zum unverwechselbaren Namen einer Sache. Die Konstellation aller dieser Namen ist die Be-Schreibung der Schöpfung. Das ist der wahre Text.

GS – Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Band I-VII (14 Teilbände), unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Sholem, hg. von Rolf Tiedemann u. Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt a. M. 1972ff.

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Sein-Kolumne

Katastrophik

Der spirituell interessierte Mensch kennt sich aus mit den Weltuntergangsszenarios. 2012 und das Ende des Maya-Kalenders sind hier nur die Spitze des Eisbergs. Wir hören u.a. von einem Finanzcrash, der eintreten soll, von der Ankunft der Außerirdischen, was die Menschheit erschüttern wird, von ökologischen Katastrophen und von einem Ende unserer Zivilisation, wie wir sie kennen. Komplementär dazu glauben viele an den Beginn eines neuen Zeitalters der Erwachten, wo unsere spirituelle Nische zum gesamtgesellschaftlichen Phänomen anschwellen wird.

Armageddon_web

Allen diesen Zukunftserwartungen ist eines gemeinsam: Sie sind reine Vorstellungen. Der Philosoph Walter Benjamin prägte den Satz: „Die Katastrophe ist nicht das, was uns droht, sondern dass es immer so weiter geht.“

Das Drohende ist etwas in der Zukunft. Es ist nicht jetzt und nicht hier. Es macht Angst und lähmt unsere Handlungskraft. Während wir also das, was in der Zukunft droht – oder verheißen wird – in unserer Aufmerksamkeit haben, verlieren wir das aus dem Blick, was wirklich ist: das Sein, das Hier und Jetzt.

Nur hier und jetzt können wir handeln und etwas verändern. Um aber eine richtige Handlung bestimmen und ausführen zu können, müssen wir zuerst erkennen und anerkennen, was ist.

All zu gerne bewerten und beurteilen wir und reden es schöner oder hässlicher, als es ist. Nur all zu ungern gestehen wir uns und anderen die reine Wahrheit ein. Die Wahrheit über unsere Unzulänglichkeiten, Ängste, Schwächen. Aber das ist es, was uns zu Menschen macht. Wären wir vollkommen, wären wir keine Menschen.

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„Ich bin der, der ich bin“, war der Satz, den Gott im Dornbusch sprach. Damals galt dies nur für Gott und es war das, was ihn zu Gott machte: die vollkommene Selbstidentität und unverstellte Selbstannahme. Heute sind wir Menschen so weit, die zu werden, die wir sind. Wir sind weder so heilig, dass wir alle erleuchtet sein werden, noch sind wir so sündig, dass wir in einer höllischen Katastrophe enden werden. Es wird einfach immer so weiter gehen. Es sei denn, wir nehmen unsere Verantwortung an und tun, was in unserer Macht steht.

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